17.08.1960

DRESSURREITENAuf dem Pulverfaß

Die Nachricht hatte sich bald herumgesprochen. Noch ehe die Hamburger Morgenblätter ihren Lesern das Ereignis servieren konnten, lärmte in der Hansestadt allenthalben das Telephon und tat kund, was tags zuvor - am Montag vorletzter Woche - die Großkopfeten des Deutschen Olympiade -Komitees für Reiterei und der Deutschen Reiterlichen Vereinigung im westfälischen Reitermekka Warendorf zum Beschluß erhoben hatten:
Als Deutschlands Interessenvertreter in den Dressurwettkämpfen der Olympischen Spiele reisen gen Rom:
- der Frankfurter Josef Neckermann,
48, nebst Pferd Asbach und
- die Hamburgerin Rosemarie Springer, 40, mit den Pferden Doublette und Brillant (dieses als Ersatzpferd für beide Reiter).
Als Künderin der frohen Botschaft entpuppte sich in einigen Fällen die Romreisende Rosemarie ("Roßmarie") Springer selbst.
Die Freude der Telephonistin über den Warendorfer Spruch war verständlich. Stand doch damit fest, daß sich die vielfältigen Bemühungen während der vergangenen Monate ausgezahlt hatten und zugleich eine Zeitspanne überwunden war, über die das Fachblatt "Pferd und Reiter - Die Peitsche" beziehungsvoll sinnierte: "Unter den heutigen Verhältnissen, ... wo die Anwärter des eigenen Landes in schärferem Kampf gegeneinanderstehen als die fremden Nationen unter sich, wo viele die sachliche Kritik einer persönlichen Beleidigung gleichsetzen und eine Nichtplacierung schmählicher Scham, ... ist es selbst für den Außenstehenden schwer, das seelische Gleichgewicht zu behalten."
Die Seelenbalance der Rosemarie Springer (Josef Neckermanns Nominierung für Rom kam aufgrund der letzten Vorstellungen Asbachs programmgemäß) war in erster Linie durch zwei andere Dressur-Amazonen gefährdet.
Allein, die erste der beiden Mitstreiterinnen um den Freifahrtschein nach Rom, Ria Hobelsberger auf Fama, fiel einem innerbetrieblichen Unfall zum Opfer und schied vorzeitig aus: Die Reiterfunktionäre hatten in den Personalakten der Hobelsberger einen olympiawidrigen Berufsreiterausweis ausgegraben.
Blieb als letzte und schärfste Springer-Konkurrentin die Düsseldorferin Hannelore Weygand, geschmückt mit dem Güteprädikat einer olympischen Silbermedaille, die sie 1956 in Stockholm in der Mannschaftsdressur* erstritten hatte.
Hannelore Weygand versuchte sich praktisch im Alleingang. Seit Monaten ohne eigenes Pferd, borgte sie sich von ihrer Mitstreiterin Liselott Linsenhoff, die wegen eines natürlichen Handicaps (sie wurde vor kurzem zum drittenmal Mutter) ihre Rom-Ambitionen hatte hintanstellen müssen, den Vollblüter Monarchist aus. Ohne moralische und materielle Rückensteifung durch die Hausmacht eines eigenen Dressurstalls, ohne ständigen Trainer und Überwacher, nur sporadisch unterstützt von Linsenhoff-Bereiter Kuckluck, nahm sie den Qualifikationskampf gegen die Mitbewerber Neckermann und Springer auf.
Diese jedoch, beide Vertreter jener kapitalbestückten Bürgerschicht, deren Namen Geschichtsschreiber des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunderlebens mit ehrfurchtsträchtigen Vokabeln bedenken, konnten schwereres Kaliber in die Auseinandersetzung führen: Private, großzügig geführte Reitställe und qualifizierte Trainer.
Josef Neckermann, Chef des Frankfurter Versandhauses Neckermann ("Besser dran mit Neckermann"), Herrscher über 20 Warenhäuser und 57 Verkaufsstellen mit einem Jahresumsatz (1959) von 540 Millionen Mark, erprobt seine Künste in eigenem Tattersall, bestückt mit sechs Pferden, und wird bei seinen Reiterübungen von dem ehemals erfolgreichen Springreiter Kurt Laabs unterstützt.
Rosemarie Springer kann sich respektabler Kapitalanlagen in Hamburg-Falkenstein bedienen. Presse und Industrie, Ehemann Axel Springer ("Hamburger Abendblatt", "Bild", "Bild am Sonntag", "Die Welt", "Welt am Sonntag", "Das Neue Blatt", "Kristall", "Hör zu!") und Exgatte Horst -Herbert Alsen, Besitzer der Alsenschen Portland-Cement-Fabriken KG Itzehoe sowie Aufsichtsratsvorsitzender des Itzehoer Netzfabrik AG, fanden sich in gemeinsamer Tierliebe und entwickelten hier, gestützt auf die Segnungen der papierenen und zementenen Hausmächte, ein Dressur-Unternehmen höchster Qualität.
Als Verwalter, Bereiter und ständigen Lehrherrn für Frau Rosemarie engagierte Springer den Berufsreiter Willi Schultheis, zehnmaligen Dressurchampion der Nachkriegsjahre und unumstritten besten Praktiker seiner Zunft. Schultheis schult in Falkenstein acht Pferde, darunter die beiden Olympiapferde Doublette (Besitzer: Alsen), das einen Marktwert von ungefähr 50 000 Mark repräsentiert, und Brillant (Besitzer: Axel Springer).
Mit diesen Vorteilen konnten Rosemarie Springer und ihr Pferd Doublette im Kampf um Rom wuchern und letzten Endes über das Paar Hannelore Weygand und Monarchist triumphieren.
Die Reiterfunktionäre rechtfertigten den Ausschluß Monarchists mit Hinweisen auf die bekannte Unzuverlässigkeit und Hinterlist des Linsenhoffschen Vollbluters.
Schon vor dem Schiedsspruch von Warendorf lamentierte "Pferd und Reiter - Die Peitsche" in patriotischer Gewissenserforschung: "Ein Pferd, das sich nicht anfassen läßt, den Rücken nicht hergibt und infolgedessen nur selten sauber durch das Genick tritt, ein Pferd, das sich nicht willig in die Hand des Reiters gibt und nur darauf lauert, ihm, der wie auf einem Pulverfaß sitzt, eine Hinterlist zu verpassen, ist kein olympischer Vertreter seiner Rasse
- noch weniger einer Nation."
Also, argumentierte das Deutsche Olympiade-Komitee in Warendorf, wolle man lieber ein Pferd nach Rom entsenden, von dem derlei Eskapaden wider den olympischen und nationalen Geist nicht zu erwarten seien. Man entschied sich für das Pferd aus dem Alsen -Springerschen Dressur-Unternehmen, für Doublette.
In derselben Ausgabe jedoch, in der der patriotische Bannfluch über Monarchist verhängt wurde, bemängelte das Fachblatt: "Trotz der Formverbesserung aber steckt Doublette zur Zeit wohl in einer Formkrise."
So sehr die Fachpresse in diesem Fall mit sich selbst uneins ist, ob nun Doublette oder Monarchist der geeignetere Reisebegleiter des Neckermannschen Asbach ist, eines garantiert die jetzige Auswahl der Pferde und damit - als unabdingbares Zubehör - der Reiter: Aufgrund finanzieller Unabhängigkeit sind zumindest der Senior (Josef Neckermann) und die Seniorin (Rosemarie Springer) der gesamtdeutschen Rom-Equipe blütenweiße Amateure im Sinne Olympias.
* Bei den Olympischen Reiterspielen 1956 konnten in der Dressur für jedes Land drei Reiter starten, deren Ergebnisse in der Mannschaftswertung addiert wurden. In Rom 1960 sind nur zwei Reiter pro Nation zugelassen; eine Mannschaftswertung entfällt.
Olympionikin Rosemarie Springer: Ein Kampf ...
Olympionike Neckermann
... um Rom

DER SPIEGEL 34/1960
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