17.08.1960

ERNST BLOCHExkommunisiert

Der 75jährige emeritierte Professor der "Karl-Marx-Universität" zu Leipzig, Ernst Bloch, neben Martin Heidegger und Karl Jaspers einer der großen Drei der zeitgenössischen deutschen Philosophie, hat auf neue Weise die alte Wahrheit zu spüren bekommen, daß der Prophet im eigenen Lande nichts gilt.
Das eigene Land ist für Bloch, den "Propheten mit Marx- und Engelszungen" (Süddeutsche Zeitung), der Staat Walter Ulbrichts. Ihn hatte sich der Altkommunist Bloch, der einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Ludwigshafen entstammt, bei seiner Remigration aus Amerika 1949 zur neuen Heimat erkoren. Wie wenig heimisch er sich aber in der DDR zu fühlen hat, ist ihm jetzt wieder offiziell bedeutet worden. Die Ostberliner Deutsche Zeitschrift für Philosophie" kritisierte den dritten Band von Blochs Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung"*: "Bloch befindet sich auch hier auf Pfaden, die abseits der großen Heerstraße liegen, die zum Sozialismus führt."
Wegen seiner Abseitsstellung wird der Philosoph Bloch von den ideologischen Schiedsrichtern der SED freilich nicht zum ersten Male angepfiffen. So freudig 1949 seine Entscheidung für einen Lehrstuhl an der Universität Leipzig begrüßt worden war - Bloch, der in Amerika die stalinistischen Schauprozesse verteidigt hatte, lehnte ein Angebot des Soziologen Theodor W. Adorno mit der Begründung ab, nicht für den "Kapitalismus" arbeiten zu wollen -, so rasch wurde er dem Ulbricht-Regime unbequem.
Blochs Philosophie ist im wesentlichen die sprachmächtige Entfaltung eines einzigen Themas: Utopie. Laut Bloch sind Mensch und Welt nicht fertig, nicht abgeschlossen, sondern streben nach einer in ihnen angelegten, aber noch nicht konkret zu definierenden, noch nicht "herausgekommenen" Verwirklichung: "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst."
Zwar ist für Bloch der marxistische Sozialismus mit seinem Streben nach der klassenlosen Gesellschaft die Methode, zu jenem Endziel der "Welt als Heimat" zu gelangen. Aber Bloch läßt keinen Zweifel daran, daß alle zeitgenössischen Verwirklichungen des Sozialismus noch unendlich weit vom utopischen "Reich der Freiheit" entfernt seien.
Diese Betonung des Utopischen in jedem - marxistischen wie nichtmarxistischen - menschlichen Entwurf der Zukunft und das Avancement der Hoffnung zu einem Prinzip der Philosophie (herkömmliche Prinzipien sind zum Beispiel Widerspruch, Identität, Kausalität), mit denen Bloch "den Marxismus wieder ans Eigentliche erinnern" will ("Merkur"), empfinden die Machthaber der DDR als Pfahl im Fleisch. Sie fürchten zu Recht, daß ihr Regime und dessen beherrschende Ideologie dadurch zu einem allzu vorläufigen Phänomen degradiert werden könnte.
Tatsächlich hatte Bloch, der in seinem "Prinzip Hoffnung" Stalin als Ausbund der Weisheit feierte, gewiß nicht beabsichtigt, daß die jungen Hörer seiner Leipziger Vorlesungen den revolutionären Sinn seiner Philosophie vornehmlich im Hinblick auf den Kommunismus und die DDR auszulegen begannen: Wo die Hoffnung zum Prinzip menschlicher Existenz wird - also etwa einer bundesrepublikanischen so gut wie einer ostzonalen -, relativiert sich der Wert "sozialistischer Errungenschaften" beträchtlich und wird umgekehrt jede Ideologie zur Utopie relativiert. Bloch: "Geist der Utopie ist im letzten Prädikat jeder großen Aussage."
Die Determination - ein Kern der Marxschen Geschichtsauffassung, die einen zwangsläufigen, vorherbestimmten Vormarsch vom Kapitalismus über den Sozialismus zu klassenlos-kommunistischen Paradiesen vorsieht - wird außer Kraft gesetzt. Nach Bloch bestimmt der Mensch seine Geschichte selbst und hat mehrere Möglichkeiten: "Die Entscheidung ist noch nicht gefallen, und die Sache selbst ist selber noch nicht heraus."
Auch Bloch träumt zwar in einem Kapitel vom kommenden "Reich der Freiheit", aber es ist aus seinen dunklen Formulierungen eines gewiß nicht mit Sicherheit herauszulesen: daß es sich dabei um einen Zustand des allumfassenden Kommunismus handeln werde. "Ein scharfer Blick bewährt sich nicht bloß darin, daß er durchschaut. Sondern ebenso in der Weise, daß er nicht jedes als so klar wie Wasser sieht."
Derartige Thesen gaben seinen Hörern eine Freiheit der Spekulation zurück, die ihnen beim Paragraphen-Pauken des dialektischen Materialismus abhanden gekommen war, und Bloch konnte solche wenig linientreuen Interpretationen nicht verhindern, noch wollte er es wohl. So wurde sein geistiger Einfluß in den Jahren des nachstalinistischen "Tauwetters" in der Zone politisch virulent. Jahre später, im Oktober 1957, hieß es auf dem 33. Plenum des SED -Zentralkomitees: "Hunderte von Studenten sind dabei verbraucht worden."
1954 und 1955 erschienen im Ostberliner Aufbau-Verlag die beiden ersten Bände des "Prinzips Hoffnung". Schon 1954 war es zu Angriffen gegen Bloch gekommen, die auf einer von der SED einberufenen Philosophenkonferenz namentlich von dem Professor für dialektischen Materialismus, Rugard Otto Gropp, einem Leipziger Kollegen Blochs, vorgetragen, wurden. Diese Angriffe verhinderten allerdings nicht, daß Bloch 1955 zum 70. Geburtstag sogar mit Verdienstorden und Nationalpreis geehrt wurde.
Nach dem Ende der Ungarn-Revolte aber triumphierten die Orthodoxen auch in der DDR über die "Revisionisten" und Verfechter eines "menschlichen Sozialismus". In Ungarn wurde der Literarhistoriker und Bloch-Freund Georg Lukács verfolgt, in Ostberlin hob der Staatssicherheitsdienst die Redaktion der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie" aus, die 1953 von Bloch und Wolfgang Harich mitgegründet worden war. Wolfgang Harich kam ins Zuchthaus, Ernst Bloch wurde im März 1957 zwangsemeritiert, der bereits begonnene Druck des dritten "Hoffnungs" -Bandes wurde abgestoppt, die beiden ersten Bände wurden aus dem Buchhandel gezogen.
Ernst Bloch sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, der einst gegen den griechischen Philosophen Sokrates erhoben worden war: Jugendverführung. Der SED-Ideologe Professor Kurt Hager polemisierte gegen Blochs utopischen Marxismus: "Was ist das für eine Philosophie, die derartige politische Resultate hat, die Arbeiter- und Bauernkinder, junge Genossen in einer solchen Weise verseucht?"
Daß sich der Ostberliner Aufbau-Verlag nach drei Jahren nun doch noch zur Herausgabe des dritten Bandes von Blochs Hauptwerk entschlossen hat - die Titelseite gibt als Verlagsjahr 1959, das Impressum als Copyright-Datum 1956 an -, hat seinen Grund gewiß nicht darin, daß sich die Haltung der Partei zu Bloch oder die Haltung Blochs zur Partei gewandelt hätte. Der Philosoph ist der wiederholten Aufforderung der SED, sich durch einen eindeutigen Schritt von seinen "konterrevolutionären" Jüngern zu distanzieren, bisher nicht nachgekommen, geschweige, daß er seine eigenen Gedanken widerrufen hätte.
Bei seiner Erklärung vom Frühjahr 1958, daß er "auf dem Boden der DDR" stehe und sich von westdeutschen "Kriegshetzern" distanziere, die seinen Namen politisch mißbrauchten, hat er jede Formulierung vermieden, die als ein Widerruf seiner Philosophie aufgefaßt werden könnte. So tadelt denn auch die inzwischen gleichgeschaltete "Deutsche Zeitschrift für Philosophie" in Erinnerung an 1957, "daß der dritte Band keine Berücksichtigung geübter Kritik oder Abgrenzung ihr gegenüber kenntlich macht".
Der Grund für die verspätet nachgeholte Edition ist möglicherweise ein
Echo auf die überraschend starke Resonanz, die Bloch seit kurzem in Westdeutschland findet dort nämlich ist - im Frankfurter Verlag Suhrkamp - inzwischen die vollständige Ausgabe des"Prinzip Hoffnung" veröffentlicht worden. Inzwischen hat Bloch auch vor westdeutschen Hörern in Frankfurt und in Tübingen Lese-Abende veranstaltet;
Noch im September 1958 hatte der Literaturkritiker Jürgen Rühle im "Monat" beklagt, "daß das westdeutsche Geistesleben viele Jahre lang an einem unserer anregendsten und bedeutendsten Denker vorbeigegangen ist". Im Herbst 1959 nahm der Suhrkamp Verlag die Spur Blochs mit einer Ausgabe seiner erstmalig 1930 erschienenen "Spuren" auf. Bald darauf präsentierte er dann das Hauptwerk "in neuer, 1959 durchgesehener Auflage" - ohne die Stalin-Elogen.*
Einst habe er sich den ersten Band des ketzerischen Werkes unter Schwierigkeiten aus der DDR beschaffen müssen, meditierte der Schriftsteller Martin Walser in der "Süddeutschen Zeitung", nun müßten "DDR-Bürger bei uns eindringen, um den dritten Band heimzutragen".
Der kommunistische Aufbau-Verlag beeilte sich, solche Form von Interzonenhandel überflüssig zu machen. Mit der Herausgabe des dritten Bandes konnte er zugleich den ostzonalen Bloch -Kritikern die Möglichkeit geben, rigoros gegen Bloch anzuschreiben und dem legendären Ruhm entgegenzutreten, den der Schluß des Blochschen Hauptwerks bei der jungen DDR-Intelligenz genießen mochte.
Der Ostberliner "Deutschen Zeitschrift für Philosophie" mißfiel an Blochs drittem Band so gut wie alles, was überhaupt mißfallen kann. So tadelt sie zum Beispiel den eigentümlich poetischen Stil des Philosophen als unwissenschaftlich. Wer wie Bloch viel in Gleichnissen und Andeutungen rede, wisse eben nicht recht Bescheid. Wer dunkel und dichterisch philosophiere, sage, wenn schon nicht subjektiv, so doch objektiv Fragwürdiges aus.
Erst recht mit seinem Hoffnungsprinzip befindet sich Bloch nach Meinung der Parteidenker im Irrtum. Während der "Prophet mit Marx- und Engelszungen" die Hoffnungsphilosophie als eine optimistische Entgegnung auf die Verzweiflungsphilosophie des Existentialismus versteht - Bloch nennt seinen Freiburger Antipoden Heidegger polemisch einen "Professor für Angst und Sorge" -, klassifizieren die Ideologie-Wächter der DDR diese Philosophie als ein ebenfalls nur "bürgerliches" Geistesprodukt, als "Anachronismus" und "Restauration eines Denkens, über das die Geschichte hinweggeschritten ist".
Bloch begründe seinen Optimismus nicht "im Hier und Jetzt" - gemeint ist die DDR -, sondern "im Dunkel und Geheimnis ferner Zukunft", empört sich Manfred Buhr 1960. Genauso hatte der Partei-Ideologe Hager schon 1956 Blochs Philosophie der Hoffnung entgegengehalten: "Wir haben (in der DDR) tatsächlich die Grundlagen der Freiheit, die materiellen Voraussetzungen eines freien Lebens geschaffen. Aber das Bewußtsein der Freiheit, die Bewußtheit dieser Freiheit ist noch keineswegs in unseren Werktätigen voll entwickelt."
1957 hatte "Diamat"-Professor Rugard Otto Gropp befunden: "Mystische Hoffnungsphilosophie ist unvereinbar mit Marxismus." 1960 soll ihr Einfluß auf die Intellektuellen der DDR dadurch rigoros beseitigt werden, daß die Hoffnungsphilosophie von Ernst Bloch, den Dolf Sternberger den "subtilsten Atheisten" nennt, als Religion denunziert wird. Verdammt Manfred Buhr: "Ob solcher Argumentation scheiden sich natürlich die Geister, und alle Brücken werden abgebrochen. Die Igelstellung ist ausgebaut ... Daß der Marxismus in diesem Zusammenhang noch ins Spiel gebracht wird, ist Ironie, wenn nicht grotesk ... Die Hoffnungsphilosophie ist Religion - nicht mehr und nicht weniger."
Dieses Urteil kommt einer Exkommunisierung gleich.
* Ernst Bloch: "Das Prinzip Hoffnung", Dritter Band; Aufbau-Verlag, Berlin; 520 Seiten; 15 (Ost-)Mark.
* Ernst Bloch: "Das Prinzip Hoffnung", in fünf Teilen, zwei Bände; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 1660 Seiten; 58 Mark.
Philosoph Bloch
Abseits der Linie

DER SPIEGEL 34/1960
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