31.08.1960

EIN MAGHREBINIER IN ROM

Am flaggenbesteckten Tisch eines Straßencafés sitzt ein Olympionike, Däne, Schuhnummer 48. Ein amerikanischer Sportfreund kommt vorbei, begrüßt ihn im Vorübergehen, weist auf das Fähnchen von Ecuador vor ihm und sagt launig: "You've got the wrong flag!"
Der Olympionike starrt betroffen vor sich hin, erfaßt dann mit hartem Griff die Lehne seines Korbstuhls, zieht sich daran hoch und sagt - der andere ist schon zwanzig Meter weiter - : "But we are one world!"
Das letzte Wort vergurgelt halbausgesprochen. Er sinkt in den Stuhl zurück und starrt weiter angestrengt nachdenklich vor sich hin.
Wer in den letzten vorolympischen Tagen in Rom der bangen Betrachtung überlassen war, daß hier ein gewisses Mißverhältnis von Ereignissen
und Eindruck zu befürchten wäre - zum Beispiel, daß ein neuer Weltrekord im Hammerwerfen selbst aus dem rechtschaffensten Sportlerherzen weggewaschen werden könnte von den Wassern der Fontana di Trevi, oder der tüchtigste Drehsprung mühelos überboten von den Bogen die hundertfach ums Rund des Kolosseums springen -, findet sich jetzt vielleicht verleitet, die Wirklichkeit des endlich losgebrochenen olympischen Betriebs für die zumindest vorübergehend stärkere zu halten.
Leider, muß man im Hinblick auf den
treuherzigen Idealismus des OlympiaUnternehmens
sagen, wird sie es nicht sein. Die Hoffnung, daß die gewaltige antike Kulisse die wacker eingeredete Bedeutsamkeit sportlicher Wundertaten ergänzen und gar steigern würde, dürfte sich nicht erfüllen. Das eine steht dem anderen auf fatale Weise entgegen, soweit es um Wirklichkeit geht. Und sind schon die Fontana di Trevi, das Forum und das Kolosseum und noch ungeheuerlich viel anderes hier in Rom in bezug auf unser tatsächliches Dasein unwirklich genug, so wird es die Bedeutung von ein paar eingesparten hundertstel Sekunden und mehr erzielten Metern und Kilogrammen vor diesem höchst dramatischen Hintergrund erst recht sein. Daß überdies der Sternraum über der Bühne allabendlich von einem recht unheimlich equipierten Stratosphärenballon durchzogen wird, fügt sozusagen eine dritte Dimension des Irrealen hinzu.
So gesehen, will es beinahe nicht als der glücklichste Einfall erscheinen, daß man Rom zum Schauplatz einer Olympia gemacht hat. Und die am Vortag der Eröffnung erfolgte päpstliche Benediktion der Spiele vermochte diesen kleinmütigen Zweifel nicht zu zerstreuen. Es trifft fast schmerzlich, daß der Segen des obersten gekrönten Haupts der Christenheit nicht deren weihevolle Eröffnung selbst, sondern gewissermaßen ein zusätzlicher, aus der Fülle römischer Requisiten geholter Festakt war, ein Schauspiel, wie es eben nur Rom zu bieten hat. Und das nicht einmal in gewohnter Meisterschaft der Regie.
Die dürftigen Rudel von Athleten verschiedener Couleur, die sich Mittwoch nachmittag zum Segenempfang auf dem Petersplatz eingefunden hatten, mußten sich recht verloren ihren Weg bis vor die grün und rot ausgelegte Treppe zum Petersdom bahnen, deren perspektivischen Fluchtpunkt unter einem goldverbrämten, karmesinfarbenen Baldachin der Thron des Heiligen Vaters bildete, bewacht von helm- und hellebardentragenden Schweizer Gardisten in Silbergold und Schwarz, und flankiert von zwei massiven Blocks von vatikanischen Würdenträgern, Ministern, Diplomaten, Stadtvätern, Olympia-Organisatoren, Fernseh- und Presseleuten und anderen Betriebsfunktionären, die ihren Platz hatten recht energisch erkämpfen müssen.
Der greise deutsche Ehren-Olympionike Ritter von Halt, ohnehin verstimmt durch eine Flugzeugverspätung bei der Ankunft in Rom, die ihn um seinen "großen Bahnhof" brachte, verlor die Gattin beim Anmarsch durch ein Volksgewimmel, das in der Zahl ins Massenhafte ging, an Enthusiasmus aber leider hinter den Zuschauern jedes beliebigen - Oberligaspiels zurückblieb - selbst dann noch, als endlich unter einer blechern aus den Lautsprechern über den weiten Platz hinausgehallten Hymne die Nobelgarde in Stulpenstiefeln und Dragonerhemden und schließlich der Heilige Vater selbst erschien, gütig-väterlichen Angesichts in Weiß, mit einem goldgesäumten Schulterumhang
im imperialen Rot, ein weißes Käppchen auf dem Haupt. -
Ein Herr in dunklem Anzug - wie man einander zuraunte: der Verteidigungsminister Andreotti - begab sich alsbald ans Mikrophon und schmetterte Seiner Heiligkeit eine Ansprache entgegen, deren getragenes Pathos in einem italienischen Küchenlatein so angemessen zum Ausdruck kam, daß sich die Mühsal erübrigte, den Wortlaut im einzelnen verstehen zu wollen. Ein Gummi kauendes amerikanisches College-Girl in weißen Lolita-Zöpfchen photographierte das Schauspiel nach Kunstschützenart rückwärts über den eigenen Kopf, als das Mikrophon Johannes XXIII. zugeschoben wurde.
Mit überraschend jugendkräftiger Stimme gab Seine Heiligkeit den versammelten Athleten über die ungehemmten Ausrufe von Eis- und Ansichtskartenverkäufern hinweg die Botschaft kund, daß er freudig seinen Sommeraufenthalt in Castel Gandolfo unterbrochen habe, um sie zu begrüßen. Der Sport, so drückte Seine Heiligkeit lateinisch mit beinahe masurisch breiten Vokalen aus, stärke nicht nur alle Glieder, sondern wirke sich auch insofern auf seelische Bezirke aus, als er von den Ausübenden Entschlossenheit, Beharrlichkeit und die Bereitschaft zum Verzicht verlange. Solcherlei Virtudine führe zum Ideal einer Mens-sana-in corpore-sano, sagte Seine Heiligkeit und fügte zehn Minuten Lateinisch über die Bedeutung Roms hinzu, während ein Hubschrauber der italienischen Television, vom Volksgewimmel freudig bewinkt, den Platz - überkreiste. Was von den apostolischen Worten nicht unter seinen Schrauben wie in einer Kaffeemühle zermahlen wurde, lief auf einen abschließenden Gruß nicht nur an
die Olympioniken selbst, sondern auch an deren Eltern und Verwandte aus.
Eine andere Stimme verkündete die Übersetzung der päpstlichen Ansprache
- in italienisch, in französisch, in englisch,
spanisch, in deutsch. Bei der holländischen Wiedergabe stöhnte die Menge auf dem Petersplatz vernehmlich auf. Die Ankündigung der russischen wurde mit einem Murmeln der Anerkennung quittiert; bei der portugiesischen begann die Masse an den Rändern abzubröseln; anläßlich der rumänischen hob ein bislang gefügigen Zuhörer über der Weisheit von der Mens sana-in-corpore-sano traumhaft automatisch an, die andere herzusagen,,daß das Quadrat über der Hypothenuse flächengleich sei mit den Quadraten über den beiden Katheten. Die finnisch ugrische Sprachgruppe wartete nur ein Teil der arglos Herbeigeströmten ab, schon beim Ungarischen hatte sich die Hälfte verzogen, und als endlich der Heilige Vater auf eigenen, apostolischen Sohlen zum Volke niederstieg, waren nur Wenige Zeugen, dieses seltenen Ereignisses.
Man kämpfte sich leiblich durch die verstopften Straßen und seelisch gegen die peinliche Empfindung an, der Papst sei eben auch bei der Olympia dabei. Und es war alles andere eher als ein Trost, zu wissen, daß die Audienz ursprünglich in würdigerer Weise im Damasus-Hof des Vatikans geplant gewesen und angeblich vom Olympischen Komitee, das die Gefühle andersgläubiger Olympioniken schonen wollte, in diese laxe Form gedrängt worden war.
Unvergleichlich viel stimmungsvoller jedenfalls und als ein Volksfest besten römischen Charakters spielte sich am gleichen Abend der Einlauf der Olympischen Fackel durch die Böcklinsche Zypressenflucht der Via Appia und das Chiricosche Geisterfeld des Forums ab. Und endlich die Entzündung des Olympischen Feuers auf dem Capitol. Drei Fassaden Michelangelos, die das wuchtige Volumen der Paläste hinter ihren melodiös skandierten Fensterreihen verschweben lassen, waren wie Säulen des Forums links am Hügelfuß aus der Nacht herausgenommen und in ein warmes Honiglicht getaucht. Der Platz vereinte alle Großartigkeit der Bühne in der Öffnung zur lichtbesteckten Stadt hinaus mit der geschlossenen Intimität eines Foyers.
Und wie bei einem Treffen in einem Foyer bewegten und unterhielten sich, lachten und plauderten ein paar Tausend Menschen, unter denen Olympioniken-Trainer gewiß nicht die gesellschaftliche Elite bildeten. Während der Bürgermeister Roms, (Cioccetti, über die schöne Brüstung einer Treppenrampe hin eine Rede hielt, deren Wohlklang geradezu in Tangorhythmen auslief. Dann klatschte man ein wenig und schaute erheitert zu, wie ein halbes Dutzend weißer Polizisten in verkürztem Trab einem Fackelträger mit sehr braunen Gliedern im weißen engen Sportdreß den Weg durch das Gedränge bahnte. Beneidenswert leichtfüßig lief er allein die Treppe hoch, stand eine kurze Weile da, die Fackel mit gestrecktem Arm erhoben, tauchte sie in ein Becken auf einem hohen Dreifuß
- und siehe: Das Feuer von Olympia
loderte rötlich über dem Capitolsplatz ab, der Einzug der Kämpfer in die Arena konnte stattfinden.
Er fand nicht nur milchgrau in Millionen Fernsehschirmen über aller Herren Länder statt, sondern wirklich und leibhaftig, wenn auch nicht weniger entrückt, konfektionsdreßadrett und fahnentuchbunt unter einem azurblauen Himmel im großen Olympiastadion, dessen ansteigende Sitzreihen zu einem lückenlosen Mosaik von Farbtupfen geworden waren, ein wenig kunstgewerblich, im Entwurf aber um so mehr dem Geschmack der aberhunderttausend Leibchenträger angemessen. Ein Freizeitgestalter- und Ferienreisendenerlebnis von frischluftventilierter Festlichkeit, erhebend auch bei Flaggenwehen, Hymnenjubel, Kanonendonner, aufsteigenden Taubenschwärmen und Fairneß -Eid - erhebend im kindlichen Gefühl, daß im frischfroh fortgesetzten Kampf der Waden und Gelenke doch letzten Endes auch eine neue, friedlich-völkermessende, beständig leistungssteigernde Welt zu gewinnen sei.
Und dies in einer Stadt, die auf 2000 Jahre ernsthafteren Bemühungen in dieser Richtung nicht ohne manchen resignierten Seufzer zurückzuschauen Anlaß bietet.
Sie reagierte - wie sollte es auch anders sein - auf den zellophanverpackten Konsum-Chiliasmus mit römischer Größe, die Stadt Rom. Sie schluckt Olympioniken und Olympia-Massen und selbst die Römer auf wie ein Wal das Plankton. Es wimmelt noch bis in den Schlund der Nacht hinein. Dann aber, wenn die Plätze und Straßen leer sind, atmet sie auf, tritt wieder in ihr Recht: ein bizarrer Trümmerhaufen, dessen Lücken seine eigentliche Geschichte machen. Die Lücken, in denen die verschluckten Generationen verschwunden sind. Und wo in jedem zweiten Winkel magische Schönheit lauert, um uns zu bestürzen - der Spuk einer Götterwelt, die vielleicht stärker ist, als wir vermuten dürfen.
Papst Johannes XXIII., Gäste: Auf apostolischen Sohlen nieder zum olympischen Volk

DER SPIEGEL 36/1960
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