14.09.1960

EIN MAGHREBINIER IN ROM

Mit dem Beginn der Reiter-Konkurrenzen tritt die über drei Wochen hingedehnte römische Olympia in ihre Heure bleue. Zwar wandern die unheimlichen Augen der Teleobjektive immer noch surrend mit, wo Läufer über die roten Bahnen hetzen oder die Kindeskinder Tarzans und Ururenkel des Pithecantropus sich in den Ringen verrenken, um Reckstangen wirbeln oder mit Hilfe langer Stäbe über erstaunliche Höhen setzen. Immer noch rieseln Pilgerscharen zum Stadio Olimpico und zum Palazzo dello Sport (ein Wort, das sich am hübschesten im preußischen Akzent gesprochen anhört). In den Thermen des Caracalla und in der Massenzius-Basilika wälzen sich Ringer und ächzen Stemmer vor
lustvoll mitstöhnenden Zuschauerkomplexen.
Aber der Stern der Muskelmänner beginnt zu verblassen. Soll es Abend Werden, oder kommt ein neuer Morgen auf? Die Stunde ist magisch. Die ersterbend zähnefletschende Grimasse des Olympioniken, der ein Zielband durchreißt, als wäre es die Bannlinie der Verzweiflung, mit einem Speerwurf sich die Seele aus dem geplagten Leib zu fetzen scheint oder in einem schier frevlerischen Sprung sich in den Himmel schleudert und taumelnd wie Ikarus, gefällt wie ein Erschlagener, in eine Sandgrube niederstürzt - die brünstige Todesmiene des Äußersten und Letzten, das herzugeben ist, rettenden Blicks, die Lippen aufgestülpt, als wollte sich der Schädel daraus schälen, glättet sich allmählich.
Der Atem wird gelassener. Die Töne haben sich gedämpft. Das Grölen zum Sieg des 100-Meter-Läufers Hary, das auch diese Olympia zu einer deutschen Sache machte, ist verrauscht. Nur bisweilen noch werfen die Krater friedlichen Völkermessens das infernalische Geschrille von abertausend Pfiffen auf, etwa bei einer vermeintlichen Fehlentscheidung über Sieg und Niederlage von zwei schlagtrunkenen Boxern oder wenn ein Überwinder der spontanen Großherzigkeit des Überwundenen mißtraut und dessen bieder angebotene Pranke ausschlägt, so das sakrosankte Gebot der Attitüde sportlicher Noblesse verletzend - wie es bedauerlicherweise dem
russischen Dreispringer Krejer widerfahren ist, der seine Schmach am Ende nur mit Tränen wegwaschen konnte.
Der tänzelnd trappelnde Aufzug der Reiter ebnet derlei Mißhelligkeiten ein. Mit ihm erübrigt sich ein guter Teil olympischer Phraseologie als Selbstverständlichkeit. Es lockert, sich die Spannung zwischen propagiertem ethischem Höhenflug und oft beklagenswert platter Realität, Fairneß, Ritterlichkeit, die Tugend der stolzen Selbstbeschränkung auf die Bronzemedaille und ein über alle Fatalität verschiedener Volkszugehörigkeit nobel hinweggehender Großmut sind wie es ein Mitglied der deutschen Equipe ausdrückt - "in der gemeinsamen herrlichen Passion des Pferdsports eo piso". Und dies, obwohl sich zusehends ein Typus des Herrenreiters auszuprägen beginnt, den man früher eher auf dem Kutschbock als im Sattel angetroffen haben würde.
Wie auch immer: Die Reiter geben dem olympischen Touristenspektakel den wahrhaft internationalen Zug - wobei die Vokabel "international" hier nicht nur Ausdruck eines noch zügiger raumgreifenden Wollens ist, sondern überdies auch die Tendenz zum Selektiven enthält. Ein Bentley, zwei Cadillacs, drei Maseratis, sieben 220er mit Einspritzmotoren und zehn Flugkarten Florida-Rom-Florida siegen eben mehr als 99 Autobusse von Apenrade bis Klagenfurt. Die Piazza di Siena im schütteren Pinienwald der Villa Borghese faßt nicht gleich Blöcke von Hunderttausenden,
ganz natürlich beschränkt sie die Teilnahme am olympischen Geschehen auf ein vermindertes Maß von Nullen.
Mit einem Wort: Das Quantitative weicht dem Qualitativen, hundert Netzhemden auf den Tribünen einem Dutzend wohltaillierter Tropicals aus Mailand oder von der Düsseldorfer "Kö", und in der Arena der dynamische AthletenBizeps dem hochsensiblen Greisengesäß.
Und damit wandelt sich auch das Dabeisein im Kern des Wesens. Hier entfällt die Notwendigkeit, sich die Teilnahme an den römischen Spielen als Zuschauer urkundlich bestätigen zu lassen - ein Schritt, zu dem sich bereits einige OlympiaBesucher im bangen Zweifel
veranlaßt fühlten, ob ihren späteren Stammtischberichten die inkommensurable Differenz zwischen unmittelbarem Erleben und dem vor dem Fernsehschirm anzuhören ware.
Hier, auf dem Tummelplatz der Hippologen, wird die Relation von Erlebnis und Erlebendem direkt und wechselseitig. Während im Stadion das adernsprengende Geschehen nicht nur in unvergleichlich viel größerer Entfernung vom Zuschauer sich vollzieht, sondern auch - und vor allem - in der Wesensfremdheit von Handelndem und Passivem, sind auf der Piazza di Siena Olympioniken und Olympia-Beschauer räumlich sowohl wie auch funktionell innigst ineinandergeschoben.
Das unartikulierte Röhren von 30 000 Sitzenden zum Einmarsch eines Gehers am Ende seiner steißwedelnd und ellbogenschleudernd durchmessenen 50 Kilometer schafft sozusagen die akustische Projektionswand für seine unerhörte Einsamkeit. Während ihm der Aufbrauch der letzten Kraftreserven versagt, sich auch nur in einem Stöhnen zu erleichtern, steht sie dem Stummen entgegen,
diese Wand von Gebrüll, wirft ihn als einzelnen aus der Masse heraus und projiziert ihn zugleich ins Begriffssystem des Massenhaften: seine Tat ist eine Leistung, und diese Leistung setzt eine Marke, die wiederum ein Soll fixiert. So oft auch an diesem und dem nächsten Tag sein Name und sein Bild als die eines Helden der Beinarbeit im olympischen Vierjahresplan in den Zeitungen erscheinen werden, er versinkt im Anonymen, geht auf paradoxe Weise wieder ein ins Massenhafte, verschmilzt mit der gesichts-und namenlosen Menge,
die ihn aus sich herausgeschleudert hat
-: Es ist, als wäre nichts geschehen.
Anders vollzieht sich der Kreislauf der Reiterspiele, auf andere Weise schließt sich dort der Ring. Die roßnervenschonend niedergezischten Teilnahme-Bezeugungen auf der Piazza di Siena sei es zum tatterigen Galoppwechsel des zweifachen Olympiasiegers Major St. Cyr oder zum hochdynamischen Inspektortrab des Russen Filatow, sei es gar zum Barrierensplittern des Springstars Winkler - drücken ein Mitempfinden aus, das nicht nur das Herz in der Reiterbrust mit der Nierenpartie des Pferdes zentaurisch in sich vereint, sondern auch in Schwingungen versetzt wird von der metaphysischen Solidarität der Namhaften untereinander. Denn hier trennt nichts die Kluft zwischen Tätern und Mittätern, Aktiven und Passiven. In der Liebe zum edlen Pferd sowohl wie auch zu dem, was dessen kostspielige Haltung voraussetzt, ist jedermann aktiv.
Und siehe, es ist die Liebe, die neuerlich das Wunder bewirkt. Der Tierschutz verbietet eine Leistungssteigerung ins Ungemessene. Man hat das Letzte aus dem edlen Pferd längst herausgeholt. Der Parcours der Springer stellt eine zu lösende Aufgabe von kniffliger, durchaus nicht ungefährlicher Schwierigkeit dar. Wer ihn bewältigt, hat Persönliches verdient. Die Aufgaben der Dressur stehen seit Olims Zeiten fest und sind von choreographischem Charakter.
Die Folge: Die Rampe zwischen Tribüne und Arena verschwindet, Bühne und Zuschauerraum verschmelzen, man befindet sich im Foyer. Hier sieht man nicht nur zu, hier wird man gesehen - mehr noch: man erkennt und wird
erkannt. Man ist nicht mehr Partikelchen der anonymen Masse: Man tritt physiognomisch, vor allem aber namentlich in Erscheinung - und letzteres ist von besonderer Bedeutung eben da, wo der Name nur in Verbindung mit dem hergestellten Artikel zur Aussage wird. Zum Beispiel bei Kruse in Kruse -Lack oder bei Knorke in Knorke-Zement (in sublimierter Weise klingt diese Amalgamierung dann auch noch in den Vornamen der Kinder mit, wie etwa die homöopathischen Haarwaschmittel in Isa und Verena).
Ins Dionysisch-Dithyrambische endlich schwingt sich dies Tönen auf, wenn es von den Relikten eines wirklich geschlossenen Foyers angeschlagen wird: Prinzessin Désirée von Schweden ("Süß!"), Prinzgemahl Bernhard von den Niederlanden ("Der gute alte Bernilo, den kenn' ich noch aus Berlin"). Kruse-Lack und Knorke-Zement, dem Leben auf so schwindelnden Höhen angeschlossen durch die erfolgreichen Bemühungen des Münchner Privat-Ballunternehmers Herrn von Broesigke ("Bei meiner letzten Veranstaltung hatte ich über hundert Privatflugzeuge!"), werden zur Garde: Schultern etwas vorgehängt, ein Parfüm am Leib, das in sich zusammendrängt Stall und Sekt und Weib.
Womit auch dieser Teil der römischen Olympia weitgehend zur deutschen Sache gemacht ist, obwohl die Sieger bedauerlicherweise nicht Thiedemann und Winkler heißen.
Die Heure bleu der XVII. Spiele zu bringtden FindeSiècleCharakter des Olympiagedankens zum apotheotischen Ausdruck. Hinter dem Baron de Coubertin erhebt sich dominierend der
Graf Gobineau. Und es vollzieht sich auf sonderbare Weise, indem der Stil des 19. Jahrhunderts den Mittler macht, die Verschmelzung mit dem römischen.
Denn nicht im Kolosseum, das eine gigantische Verkehrsinsel geworden ist, nicht in den Pinien der Via Appia Antica, hinter denen wir die Tankstelle
wittern, und nicht im Vatikan und in der Engelsburg und in den Katakomben und bei St. Johannes und Paulus und zwischen den Trümmern des Forums erleben wir jenes römische Rom, das uns ins La-Donna-e-Mobile-Touristenherz gewachsen ist, nämlich das italienische, das Feuerbachsche Rom.
Um ihm, dem Rom in Capri-Farben, zu begegnen, empfiehlt es sich, das olympische Nebenvergnügen einer Prunkaufführung von Aida in den Thermen des Caracalla über sich ergehen zu lassen. Was sich auf dieser gigantischen Trümmergrundstücksbühne abspielt, sollte uns zwar nach Ägypten versetzen, wirkt aber durch einen Aufwand an wallenden Gewändern, Schmuckgefunkel, Palmgewedel, an Tänzern, Tänzerinnen, entblößten Gliedern, Schwertern, Sklaven, Göttern, Baldachinen, Skarabäen, Brokaten, Nubierinnen, schurzbekleideten Carabinieris, Hohepriestern, Chören, Sängern, Sängerinnen - wirkt, sage ich, von abendwindverwehten und flugzeugdurchbrummten Verdi-Klängen untermalt, so italienisch, daß die Brust von schmerzlicher Sehnsucht nach diesem, jedem braven Deutschen gelobten Land durchschnitten wird.
Hier brennen keine olympischen Feuer, dafür um so mehr bengalische, und wenn auch hier mit einem
Mal Pferdehufe prasseln und eine leibhaftige Quadriga schnaubend bis an die Rampe vorstürmt, geht ein Stöhnen durchs brave, jede Arie mit Szenenbeifall beklatschende Publikum, inbrünstiger fast als bei einem linken Geraden in ein olympisches Negergesicht. Gar wenn sich aus dem mystischen Taubenblau der Capreser Nillandschaft ein echtes Kamel erhebt und majestätisch träge in die Kulissen trottet, bricht Raserei aus. Man fühlt sich endlich zu Hause, im Schoße der Mutter Rom, und begibt sich gestillt zum bayrischen Bierzelt des Herrn Reiss.
Dort übrigens war es uns vergönnt, ein
sportmedizinisch hochinteressantes
Phänomen zu beobachten, nämlich die Dauer der Gegenläufigkeit von physischen und intellektuellen Reaktionen. Ein Olympiasieger wurde mit Schaumwein gefeiert. Als der Korken, vom Spumante ungebührlich hochgetrieben, knallend aus dem Flaschenhals sprang, rannte er los - und brauchte über achtzig Meter, um zu begreifen, daß es kein Startschuß gewesen war.
Rezzori
Von Gregor von Rezzori

DER SPIEGEL 38/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EIN MAGHREBINIER IN ROM

Video 01:12

Krokodilangriff in Australien Jäger werden zu Gejagten

  • Video "Krokodilangriff in Australien: Jäger werden zu Gejagten" Video 01:12
    Krokodilangriff in Australien: Jäger werden zu Gejagten
  • Video "Volvo Ocean Race: Beinahe-Crash mit Zuschauerbooten" Video 00:49
    Volvo Ocean Race: Beinahe-Crash mit Zuschauerbooten
  • Video "Sexuelle Übergriffe: So sehen wir das" Video 10:37
    Sexuelle Übergriffe: So sehen wir das
  • Video "Tottenhams Sieg gegen Liverpool: Kane kann Wembley, Klopp nicht" Video 02:41
    Tottenhams Sieg gegen Liverpool: Kane kann Wembley, Klopp nicht
  • Video "Zuzugsstopp für Flüchtlinge: Die Aufteilung ist schlecht" Video 04:57
    Zuzugsstopp für Flüchtlinge: "Die Aufteilung ist schlecht"
  • Video "Cliff Diving: Spektakuläre Sprünge aus 27 Metern Höhe" Video 00:55
    Cliff Diving: Spektakuläre Sprünge aus 27 Metern Höhe
  • Video "Webvideos der Woche: Der will nicht nur spielen!" Video 05:07
    Webvideos der Woche: Der will nicht nur spielen!
  • Video "Liberale Moschee Berlin: Beten gegen den Hass" Video 03:27
    Liberale Moschee Berlin: Beten gegen den Hass
  • Video "Chelseas Aufholjagd: Contes Joker sticht" Video 02:58
    Chelseas Aufholjagd: Contes Joker sticht
  • Video "Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer" Video 07:01
    Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer
  • Video "Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest" Video 01:42
    Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest
  • Video "Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien" Video 01:06
    Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien
  • Video "Entmachtung der katalonischen Regierung: Die Straßen in Barcelona sind voll" Video 01:46
    Entmachtung der katalonischen Regierung: Die Straßen in Barcelona sind voll
  • Video "Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten" Video 01:43
    Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten
  • Video "Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer" Video 01:18
    Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer