14.09.1960

FORSCHUNG / GRZIMEKDer Entertainer -

Die Kameramänner im Fernsehstudio des Hessischen Rundfunks hantierten nervös an ihren Apparaten. Die Beleuchter schielen in Raum umher, und selbst die zu photogenem Liebreiz verpflichtete Ansagerin Hilde Nocker hatte Mühe, ihren Zügen den gewerblichen Frohsinn aufzuprägen. Ursache der Besorgnis war eine gelbe, schwarzgefleckte Raubkatze, die zwischen den Apparaturen herumstakste, mit elektrischen Leitungen spielte, Kameras betastete und mit einem jähen Satz auf die Beleuchterbrücke sprang. Sekunden später prallte sie wieder auf den Fußboden und umschnurrte die perlonbestrumpften Nocker-Waden.
Nur ein schlankgereckter Herr im fernsehgerechten graublauen Einreiher war frei von Beklommenheit. Gelassen zupfte er seine blütenweißen Manschetten auf modische Länge, ließ sich vom Maskenbildner das gescheitelte Silberhaar glätten und das Gesicht überpudern. "Sie dürfen beruhigt sein", sprach er mit heller Stimme, "es passiert überhaupt nichts."
Wenige Augenblicke später strahlten der Hessische Rundfunk und die angeschlossenen sieben Sender des Deutschen Fernsehens sein Konterfei auf alle Mattscheiben: Dr. Bernhard Grzimek, Frankfurter Zoodirektor und Tierschriftsteller, hob einmal mehr an zu seiner Sendung "Ein Platz für Tiere", durch die er seit fast vier Jahren schiere Tierliebe ins deutsche Heim vermittelt.
Wie stets plauderte er, während der Gepard Dickhill aus dem Grzimekschen Privatzoo ihn umspielte*, ohne Konzept über Tiere in einer volkstümlichen Diktion, die der Zoologie-Professor Koegel als "gesund, lehrreich und herzenswarm" bewertete. Eine Dreiviertelstunde lang konnten sich die Zuschauer an Aufnahmen von See-Elefanten, Trompeterschwänen und Paradiesvögeln erbauen, aber auch an dem Gelehrtenantlitz des Dr. Grzimek, das immer wieder zwischen den Filmeinblendungen auf dem Bildschirm auftauchte.
Über Grzimek-Worten wurde die Grzimek-Tat nicht vergessen. Bald nach Beginn der Sendung schwenkte er ab von seiner Conference über doppelköpfige Nattern, über Kakadus und Robben. "Als ich ein kleiner Junge war und ins Kino ging", plauderte er, "hätte ich mir die träumen lassen, daß ich einmal nach Hollywood fahren würde, um einen Filmpreis abzuholen."
Dann hob Grzimek die begehrte amerikanische "Oscar"-Statuette, die er für seinen jüngsten abendfüllenden Tierfilm ("Serengeti darf nicht sterben") in Hollywood eingeheimst hatte, in den Blickwinkel der Kamera. Ausführlich berichtete er über die Reverenz, die Hollywood ihm, dem schlichten Außenseiter, entboten hatte.
Auch diesmal applaudierten die Zuschauer dem Ersten Tierliebhaber des Deutschen Fernsehens. Die Publikumsumfrage bestätigte mit der Wertung "Plus 5", daß der Veterinärmediziner einer der wenigen Stars der deutschen Television ist, ranggleich mit anderen Plauderern von bemühter Bescheidenheit, mit Quizmaster Hans-Joachim Kulenkampff oder Astronom Dr. Rudolf Kühn.
"Was 'Bilddynamik' im Fernsehen bedeuten kann", lobte der Kritiker Johannes Jacobi in der "Zeit", "das konnte man bei ... Dr. Bernhard Grzimek beobachten ... Grzimeks Objekte - Tiere, heute Schlangen, morgen Affen, ein andermal Löwen oder Hyänen - entwickeln ganz nebenher und während des gelehrt-populären Vortrags eine so erregende Bilddynamik, daß dieser menschlich vermittelte, sachgerechte Naturkunde-Unterricht zu den aufregendsten und zugleich schlichtesten Darbietungen des deutschen Fernsehens zählt ..."
Wenige Tage nach seinem Fernsehauftritt bewältigte Dr. Grzimek eine andersgeartete Aufgabe mit nicht minder positiver Resonanz. Die polnische Akademie der Wissenschaften hatte ihn eingeladen, in der Universität Krakau einem Gremium international renommierter Zoologen von seinen jüngsten Forschungen über die ostafrikanische Tierwelt zu berichten. Auch das Fachpublikum quittierte den Vortrag des Frankfurter Zoodirektors mit enthusiastischem Applaus.
In der Tat dürfte Grzimek der einzige Tierkundler sein, dem es gelungen ist, durch populärwissenschaftliche Darbietungen den Beifall eines unkritischen Millionenpublikums und durch eigene Forschungen gleichzeitig die Zustimmung von Fachprominenten zu gewinnen.
Er ist Verfasser von zwölf populären Tierbüchern, die immer wieder neuaufgelegt werden (Gesamtauflage bis heute rund 1 Million). Seine Reiseberichte aus Afrika gelten als Bestseller und sind in mehr als einem Dutzend Sprachen erschienen. Die farbigen Dokumentarfilme, die Grzimek mit Sohn Michael über die letzten großen frei lebenden Wildherden Afrikas kurbelte, wurden
mit Preisen dekoriert und mit Lob überschüttet.
Gleichwohl aber gehören die fachlichen Lehrbücher, deren Autor Dr. med. vet. Grzimek ist, wie etwa das "Handbuch der Geflügelkrankheiten", zum Bestand jedes veterinärmedizinischen und zoologischen Instituts. Seine Vorlesungen über "Tiergärtnerei" oder "Zucht und Haltung von Zootieren" bereichern die Lehrpläne zweier Universitäten: Frankfurt und Gießen. Die veterinärmedizinische Fakultät der Justus Liebig-Universität belohnte im vorletzten Monat sein Wirken, indem sie ihn zum Honorar-Professor ernannte.
Die Experimente, die Grzimek vor vielen Jahren mit Menschenaffen, Pferden, Elefanten und Wölfen machte, dienen Doktoranden noch heute als Studienobjekte, und selbst Fachwissenschaftler der ersten Garnitur erteilten dem Frankfurter Tierarzt anerkennende Zensuren. "Herr Dr. Grzimek", lobte etwa der Präsident der "Deutschen Gesellschaft für Säugetierkunde", der Frankfurter Universitätsprofessor Dr. Starck, "hat uns erst jüngst eine ebenso umfassende wie gründliche Arbeit vorgelegt."
So hat sich das Phänomen herausgebildet, daß, ein Mann, dessen Namen kaum jemand richtig auszusprechen vermag - die Varianten reichen von Gritzimek über Grischmek oder Ziemek bis zu Griesmek und Grimschek (richtig: Gschimek) -, von Publikum und Fachwelt gefeiert wird: als Tierheger, Forschungsreisender, Schriftsteller, Filmproduzent und Fernsehstar.
Weltweite Popularität schließlich verschaffte sich der Frankfurter Zoodirektor, als er in den afrikanischen Busch aufbrach und durch Bücher, Filme, Zeitschriftenartikel wie auch Fernsehvorträge mit kreuzzüglerischem Pathos vor der Vernichtung der letzten frei lebenden Großwildherden Afrikas warnte. Wegen der Thesen, mit denen Grzimek sich für die Erhaltung der afrikanischen Großsäuger einsetzte, wurde er freilich erstmals mit kräftiger Kritik bedacht.
Doch die Beanstandungen, ohnehin fast nur in Fachblättern vorgebracht, vermochten Grzimeks Renommee beim Publikum nicht zu mindern. Alle Repräsentativ-Umfragen des Deutschen Fernsehens haben ergeben, daß die Zuschauer den Tierschutz-Patron an seinem angestammten Platz auf der Mattscheibe nicht missen möchten. Das Grzimek-Solo liegt in der Gunst des Publikums, wie ein Sprecher des Hessischen Rundfunks verkündete, "absolut an der Spitze aller Reihensendungen".
Wenn Grzimek sich etwa nach einer Sendung verabschiedet und mitteilt, daß er einige Zeit pausieren werde, um auf Reisen zu gehen, rüstet man sich im Frankfurter Funkhaus auf einen Schwall von Zuschriften, in denen die Fernsehabonnenten - nach Grzimek verlangen.
Grzimek selbst erklärt, den Erfolg seines vielfältigen Wirkens, das ihn zu einer nationalen Figur gemacht hat ("Gott, manchesmal ist es ja etwas lästig, wenn man so bekannt ist"), mit einem weichen Punkt im Gemüt des Zoo-, Fernseh-, Film- und Lesepublikums, den er konsequent anvisiert - "mit der Tatsache, daß es Millionen von Menschen gibt, welche die Tiere wie ich als eine Art Brüder ansehen, wenn auch Brüder mit Krallen".
"Unsere Brüder mit den Krallen" heißt denn auch ein Grzimek-Buch, und programmatisch umreißt der Titel eines anderen Grzimek-Bestsellers - "Wir Tiere sind ja gar nicht so" - das Thema, mit dem Grzimek seine populäre
Tierschau seit Jahren in Gang hält. Die Inszenierungstechnik, die ihm den Erfolg sichert, ist fast stets gleich und beschränkt sich darauf, die Ereignisse im Tierreich, von der Äsung bis zur Losung, von der Brunft bis zum Werfen als quasimenschliches Geschehen darzustellen.
Grzimek arbeitet dabei mit den erprobten Effekten Walt Disneys, dem stallwarmen Wohlwollen eines Tierschützers, dem Biedersinn des Großen Brehm, aber auch der Exaktheit des geschulten Veterinärs, so daß selbst der Nestor der deutschen Zoologie, der Freiburger Professor Otto Koehler, die popularisierenden Schriften des Frankfurter Zoodirektors gnädig beurteilte: "Das Zeugs, das der Grzimek schreibt, ist alles richtig."
Wer freilich glaubt, daß Bernhard Grzimek sich mit der Betätigung als Zoodirektor, Universitätsprofessor, Fernsehplauderer, Afrikaforscher, Filmproduzent, Buchautor und Artikelschreiber voll ausgelastet fühlt, unterschätzt die Vitalität, mit der der 51jährige auf den verschiedenen Ebenen agiert. In Kürze schon will Grzimek sich auch in einer neuen Spezial-Illustrierten ("Das Tier") zu Wort melden, die er gemeinsam mit dem Züricher Zoodirektor Professor, Heini Hediger und dem Verhaltensforscher Professor Konrad Lorenz gegründet hat. In dieser Leibpublikation gedenkt Grzimek in demselben bewährten Plauderstil über Tiere zu schreiben, mit dem er sich vor rund 30 Jahren seine Karriere eröffnete.
Thema der ersten schriftstellerischen Arbeit Grzimeks war die Zucht Antwerpener Bartzwerghühner, die sich der Justizratssohn in seiner Vaterstadt Neiße angelegt hatte. Als Zwölfjähriger verfaßte er über seine Erfahrungen eine Broschüre.
Grzimek gab die Hühnerzucht auch nicht auf, als er nach bestandenem
Abitur zunächst in Leipzig, dann in Berlin die Veterinärmedizin studierte. Freilich war der Umgang mit Antwerpener Bartzwerghühnern für den angehenden Veterinär Grzimek längst mehr als ein ausgefallenes Hobby. Da sein Vater früh gestorben war und seine Mutter in der Inflation ihr Vermögen verloren hatte, mußte sich Grzimek sein Studium selbst verdienen. In Erkner bei Berlin richtete er eine Geflügelfarm nebst Spargelplantage ein.
Zwischen seinen tierärztlichen Studien und seiner Züchtertätigkeit fand Student Grzimek noch Zeit, sich an einer anderen Art des Gelderwerbs zu versuchen, um seine junge Familie - er hatte mit knapp 21 Jahren die gerade 18jährige Professorentochter Hildegard Prüfer geheiratet - zu ernähren. Er begann, die einschlägigen Geflügelzeitschriften mit Artikeln über rationelle Hühnerzucht zu bereichern, wobei er nicht nur seine Züchtererfahrungen, sondern auch alle wissenswerten Details verarbeitete, die er sich auf den veterinärmedizinischen Vorlesungen erworben hatte.
Als er 1932 im Alter von 23 schließlich sein Staatsexamen ablegte und mit einer Arbeit über das Arteriensystem im Gehirn des Huhnes zum Dr. med. vet. promovierte, hatte er sich durch seine Veröffentlichungen bereits den Ruf eines Hühnerfachmanns verschafft.
Diesem Renommee war zu danken, daß er alsbald zwischen zwei attraktiven Verdienstmöglichkeiten wählen konnte. Die Kraft-Käse-Firma bot dem akademisch vorgebildeten Hühnerzüchter einen Geschäftsführerposten an, das Preußische Landwirtschaftsministerium offerierte ihm die Leitung des neugeschaffenen Sonderreferats Eiereinlagerung. Grzimek entschied sich für die Eier.
"Ehe er die Sache in die Hand nahm", schrieb sein Chef im Landwirtschaftsministerium, "konnte man nur dänische und holländische Eier zur Kühlhauseinlagerung verwenden. Es war handelsüblich, daß bei deutschen Eiern vier Prozent faule dabei waren. Er hat diesen Prozentsatz fauler Eier auf einen Anteil von 0,001 vom Hundert heruntergedrückt, so daß auch deutsche Eier eingelagert werden konnten."
Nachdem Grzimek das Prestige des deutschen Klasse-Eies gesichert hatte, organisierte er einen Feldzug gegen die Rindertuberkulose. Jahrzehntelang hatte man die Rindertuberkulose nach dem sogenannten Ostertagschen System zu bekämpfen versucht: Die Kühe wurden halbjährlich untersucht, alle kranken Tiere mußten geschlachtet werden.
"Der Erfolg war natürlich", berichtet Grzimek, "daß die Bauern ihre Kühe gar nicht so oft untersuchen ließen." Er koppelte die Bekämpfungsaktion mit dem Milchpreis. "Ich habe gesagt, wer seine Kühe tuberkelfrei hat, bekommt für die gesamte Milch, die er abliefert, pro Liter einen Pfennig mehr. Ist doch klar, daß die Bauern auf einmal das
größte Interesse daran hatten, einen tuberkelfreien Rinderbestand zu haben." Noch heute wird in der Bundesrepublik nach des Regierungsrats Grzimek Anspornsystem gearbeitet.
Allerdings, die hauptberufliche Beschäftigung mit Eiern und Rindern, die vorübergehend durch eine amtliche Förderaktion für Angorakaninchen unterbrochen wurde - Grzimek: "Ich habe die Verwertung der Angorawolle organisiert" -, konnte den Dr. med. vet., der sich zum Schriftstellern berufen fühlte, nicht vollends befriedigen. Wohl hatte er seine Eier- und Geflügelkenntnisse bereits zu zwei fachlichen Lehrbüchern verarbeitet ("Krankes Geflügel - Handbuch der Geflügelkrankheiten", "Handbuch des Eierhandels"), doch Mitte der dreißiger Jahre reizte es ihn, sich als Tierschriftsteller zu versuchen.
Grzimek verfaßte in volkstümlichem Plauderstil einen Artikel über die Schönheiten mancher Hühnerrassen und sandte ihn an die Redaktion der "Frankfurter Illustrierten" ("Die junge Zeitschrift für Haus und Familie"). Chefredakteur Hollbach fand das Thema schlecht, "die Schreibe aber gut. Das war alles nett geschrieben und unterhaltend".
Er schickte das Hühner-Manuskript zurück und erbat einen Aufsatz "über Vögel, Amseln, Drosseln oder so etwas Gängiges". Regierungsrat Grzimek entledigte sich der Aufgabe ohne Zaudern, und fortan erschienen in fast jeder Nummer des illustrierten Familienblattes seine Plaudereien aus dem Tierreich, aus denen er später seine Tierbücher zusammenstellte.
Geschickt nutzte er die Veröffentlichungen in der Fachliteratur und berichtete seinem Publikum vor allem von jenen neuen Erkenntnissen, die ein kleiner Kreis von Tierpsychologen in jahrelangen Mühen und Versuchen erkundet hatte.
Bei dieser einträglichen Übersetzertätigkeit kam es Grzimek zugute, daß just in den dreißiger Jahren die Zoologen der Tierpsychologie durch methodische Forschung neuen Aufschwung verschafft hatten.
Was nämlich die Zoologen und Philosophen in früheren Jahrhunderten an Beobachtungen über seelische Äußerungen der Tiere zusammengetragen hatten, bestand zu neun Zehnteln aus vermenschlichten Anekdoten ohne wissenschaftlichen Wert. Noch Alfred Brehm zum Beispiel schrieb: "Der Rehbock ist ein ... boshafter, selbst- und herrschsüchtiger Gesell", oder: "Ich kenne Ziegen, welche die
menschliche Sprache verstehen."
Fehlschlüsse solcher Art entstanden, weil die Forscher menschliche Seelenregungen in das Tier hineinprojizierten. Erst durch die Arbeiten des russischen Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow, der an Hunden die bedingten Reflexe erforschte, des amerikanischen Psychologen Watson, der die Lehre vom "Behaviorismus" verkündete (behavior
= Verhalten), und des baltischen Biologen Jakob von Uexküll, der die "Umweltlehre" aufstellte, wurde der Grundstein der Verhaltensforschung gelegt.
Die Verhaltensforscher grübelten nicht mehr über die Tierseele, die sich ohnehin dem Zugriff naturwissenschaftlicher Forschung entzog, sondern beschränkten sich vielmehr darauf, das angeborene, instinktive Verhalten der Tiere zu registrieren und zu deuten.
Was die Forscher durch geduldiges Beobachten und pedantisches Protokollieren selbst der winzigsten Details über die Verhaltensweise einzelner Tierarten ermittelten, veröffentlichten sie vornehmlich in der "Zeitschrift für Tierpsychologie", die der Königsberger Ordinarius für Zoologie, Otto Koehler, und der Verhaltensforscher Konrad Lorenz 1937 gegründet hatten. Zu den ersten Abonnenten dieser in nur knapp hundert Exemplaren erscheinenden Publikation gehörte auch Dr. Bernhard Grzimek, mittlerweile Regierungsrat im Reichsernährungsministerium.
Dem studierten Veterinärmediziner fiel es leicht, das Spezialvokabular der wissenschaftlichen Fachliteratur in Illustriertendeutsch zu übersetzen. Feinsinnig verband er seine Popularisierungen weithin unbekannter zoologischer Details mit schlichten Lebensweisheiten und mit Schilderungen von der stillen Einfalt und edlen Größe der Natur. Chefredakteur Hollbach: "Der Mann trifft dem Leser genau ins Gemüt."
Was Grzimek seinen Lesern Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre offerierte, läßt sich an den Schlagzeilen erkennen, mit denen er seine Reportagen überschrieb: "Kleine Schwalben bauen sich Puppenstuben - Die jungen Wendehälse zischen und knallen
wie Sektflaschen - Die Goldhähnchen rücken wie Uhrzeiger in ihrem Nest herum - Die Hundebabys gähnen auf Kommando." Oder: "Eichhörnchen stellen sich zum Trinken auf den Kopf - Wir essen Wasser, und die Flöhe saugen Tinte - Kaninchen brauchen nicht zu trinken - Der Maulwurf legt sich im Brunnen an - Nicht jedes Kamel kann dursten."
Nicht minder rege unterhielt Grzimek seine Leser mit Details aus dem Familienleben der Flöhe: "Die braunen Liebesleute müssen sich schwer abplagen, bis sie sich ein Stelldichein geben können ... Ihr Sehvermögen ist ja sehr gering, wahrscheinlich können sie ein knuspriges junges Mädchen nicht von einem wackligen Stuhl unterscheiden."
Seine tierschriftstellerische Tätigkeit wurde auch im Fachkreis bemerkenswert freundlich aufgenommen. Die "gleichbleibend fesselnde" Darstellung des "ungemein wortgewandten Verf." lobte der Leipziger Tiergärtner Dr. Heinrich Dathe im Fachblatt "Der Zoologische Garten".
Da Grzimek sich mit Hilfe der "Frankfurter Illustrierten" einen kleinen Privatzoo eingerichtet hatte, ergänzte Dathe sein Lob: "Es soll aber hier auch
auf das unstreitig große Verdienst seiner Ehefrau hingewiesen werden, denn ohne ihr Verständnis für Tiere und deren Bedürfnisse wäre es schlechthin nicht möglich, mit Schimpansen, Rhesusaffen, Känguruhs, um nur einige der Hausgenossen zu nennen, die Wohnräume zu teilen."
Um Themen war der emsig schriftstellernde Grzimek nie verlegen. Mühelos konnte er der Fachliteratur, vor allem der nahezu unter Ausschluß der Öffentlichkeit erscheinenden. "Zeitschrift für Tierpsychologie", lohnende Anregungen entnehmen.
Kaum hatte beispielsweise der heute als Direktor des Augsburger Tiergartens wirkende Zoologe Georg Steinbacher in dieser wissenschaftlichen Publikation seine Beobachtungsprotokolle über die ersten Lebensmonate eines, Schimpansenbabys veröffentlicht, da erfreute Bernhard Grzimek sein Publikum mit einer Reportage über das innige Verhältnis zwischen Schimpansenmutter und -kind und die angeborenen Mutterinstinkte der Schimpansenfrau.
Er nutzte auch hier die geschilderten Tieridylle zu wohlmeinenden Sentenzen, beispielsweise: "Es ist das Schlechteste nicht, was tierhaft in uns ist." Lobte die "Neue Zürcher Zeitung": "Der Erzähler Bernhard Grzimek erweist sich nicht nur als subtiler Tierkenner, er ist ein ebenso feiner Deuter der menschlichen Seele."
Den subtilen Seelendeuter Grzimek freilich inspirierten die tierpsychologischen Arbeiten nicht nur zu dergleichen "herzenswarmen Schilderungen" ("Welt und Wort"). Ihm glückte sogar, aus den wissenschaftlichen, Aufsätzen spannende Kriminalstorys zu destillieren. So entzückte er seine Leser, mit einer Gruselreportage über die Rangordnungskämpfe auf dem Hühnerhof, auf deren Beobachtung der norwegische Forscher Schielderup-Ebbe volle zehn Jahre verwandt hatte.
Material für eine fesselnde Tierkampf-Reportage bot sich auch, als Grzimek in der "Zeitschrift für Tierpsychologie" eine wissenschaftliche Arbeit unter dem Titel "Psychologische Beobachtungen über die Rangordnung bei der Haustaube" entdeckte, die der Marburger Zoologe Diebschlag als Resultat zweijähriger Untersuchungen veröffentlicht hatte.
Tierschriftsteller Grzimek brauchte nur den von Diebschlag nüchtern als "Taube M 1" oder "Taube F 2" bezeichneten Versuchstieren wohlklingende Namen zu geben, die Sätze in schlichtes Erzählerdeutsch zu übertragen und das Material zu raffen. Der Zoologe hatte seine wissenschaftliche Arbeit so logisch formuliert, daß Bernhard Grzimek sie - frei nach Diebschlag - absatzweise als Muster benutzen konnte.
Mitunter blieb Grzimek sogar der Mühe enthoben, seine wissenschaftlichen Vorlagen einzudeutschen: Nachdem der Vogelforscher Oskar Heinroth in der "Zeitschrift für Tierpsychologie" seine Beobachtungen über die Pfauen- und Truthahnbalz publiziert hatte, konnte Grzimek nahezu wörtlich von Heinroths Aufsatz zehren.
Großzügig verfuhr Grzimek auch mit den photographischen Beiträgen, mit denen er seine gedruckten Tier-Conférencen zu schmücken pflegte. So servierte er seinen Lesern das Bild
einer Katzenmahlzeit einmal als Aufnahme aus einem Tierasyl ("Mit einem Glöckchen um den Hals wurde Muschi in einem Katzenheim wiedergefunden"), zum andernmal als Konterfei "schnurrender Artisten", die "jeden Abend auf der Bühne (beweisen), daß nicht nur Hunde 'schön' machen können".
Das Studium der zoologischen, vor allem der tierpsychologischen Fachliteratur beflügelte Grzimek freilich nicht nur zu schriftstellerischen Leistungen (Westermanns Monatshefte: "Vom Floh bis zum Elefanten ist ihm nichts fremd"), sondern ebenso zu persönlichen Bravourstücken.
Während eines kurzen Urlaubs - der Regierungsrat Grzimek war unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs als Unterveterinär der Reserve eingezogen worden erblickte er auf einer Berliner Litfaßsäule ein Werbeplakat des Zirkus Sarrasani, das einen zähnefletschenden Tiger zeigte. Grzimek entsann
sich der Taubenexperimente des Zoologen Diebschlag, die ergeben hatten, daß das rangniedrigste Tier plötzlich zum ranghöchsten hatte aufsteigen können, nachdem der Schlagdespot, das sogenannte Alpha-Tier, aus dem Käfig entfernt worden war. Bernhard Grzimek kombinierte: "Für die Tiger ist der Dompteur das Alpha-Tier. Sie sehen ihn als Tiger an."
Grzimeks Hypothese: "Wer imponierend auftritt, setzt sich an die Spitze." Er beschloß, selbst im Tigerkäfig auszuprobieren, ob das stimmte.
Als er der Zirkusbesitzerin Trude Sarrasani seinen Plan auseinandersetzte, stieß er auf Bedenken. Trude Sarrasani war allerdings zunächst weniger um das Wohl des Veterinärarztes Grzimek, sondern mehr um den Ruf ihres Unternehmens besorgt: "Die beste Reklame
wäre natürlich für uns, wenn Sie aufgefressen würden. Denn wenn die Sache wirklich glückt, denken womöglich die Besucher, unsere Tiger seien harmlose Miezekatzen." Schließlich erlag sie aber Grzimeks Überredungskünsten.
An den beiden nächsten Tagen erschien Grzimek frühmorgens pünktlich um sechs Uhr im Zirkus, um sich die Raubtiernummer vorführen zu lassen und sich jeden Trick des Dompteurs Haupt einzuprägen. Denn Grzimek wußte aus seiner Erfahrung mit der Zähmung eines Wolfes, den er der "Tiefland"-Filmerin Leni Riefenstahl hergerichtet hätte: "Tiere sind gräßliche Pedanten. Eine Dressurvorführung klappt nur darum, weil alles peinlich und genau wiederholt wird, wie sie es gestern und vorgestern und all die Wochen und Monate gewöhnt sind."
Nachdem er den genauen Ablauf der Nummer auswendig kannte und dem
Dompteur Haupt alle Kniffe abgesehen hatte, wagte sich Bernhard Grzimek selbst in den Rundkäfig, um mit den sechs Königstigern zu arbeiten. Das Verblüffende wurde Ereignis: Grzimek führte die Nummer ohne Hilfe fehlerlos vor.
Auch als er das Experiment während zwei normaler Zirkusvorstellungen wiederholte, folgten die Tiger seinem Kommando, federten über eine meterhohe Barriere, kletterten auf ihre Podeste, richteten sich steil auf, und eine Tigerkatze sprang schließlich als Höhepunkt der Show über Grzimeks Kopf hinweg durch einen brennenden Reifen. Die Berliner Zeitungen hatten eine Sensation.
Noch heute bewahrt Bernhard Grzimek die Bescheinigung der Zirkusbesitzerin Sarrasani auf, daß ihm das Bravourstück nach nur dreieinhalbstündiger Beschäftigung mit den sechs
Königstigern gelungen war.
Nachdem Grzimek bravourös die Richtigkeit einer tierpsychologischen Hypothese bewiesen hatte, bereicherte er die Verhaltensforschung um wesentliche Erkenntnisse. Der Veterinär-Inspekteur im Oberkommando des Heeres hatte ihn beauftragt, in psychologischen Versuchen die Gedächtnisleistungen und das Heimfindevermögen von Pferden zu ermitteln. Grzimek sollte erforschen, woran die Heeresrösser ihre Pfleger erkennen und was es mit der allgemeinen Behauptung auf sich habe, daß Pferde farbenblind seien.
Der Oberveterinär der Reserve Grzimek experimentierte viele Monate und entdeckte unter anderem, daß sich Pferde gegenüber lebensgroßen Pferdebildern oder Attrappen genauso verhalten wie gegenüber lebendigen Artgenossen, daß sie mit ihnen zu spielen versuchen, mit ihnen streiten, nach ihnen ausschlagen, sie umwerben und sogar Begattungsversuche an ihnen vornehmen - eine Tatsache, die später für die künstliche Besamung bedeutsam wurde.
Grzimek erkundete auch, daß Pferden, im Gegensatz zu manchen anderen Tierarten, die Kenntnis von der Erscheinungsform des Artgenossen nicht angeboren ist, sondern daß sie sich dieses Wissen erst erwerben müssen. Als er ein Fohlen von der Geburt an isoliert aufzog, stellte er verblüfft fest, daß das Jungtier seine Pfleger als Artgenossen ansah, nicht auf das Wiehern eines Hengstes reagierte und sich erschreckt zu Menschen flüchtete, als es nach 64 Tagen zum erstenmal auf der Weide mit einer Stute zusammentraf.
Bei anderen experimentellen Untersuchungen wies er nach, daß Pferde keineswegs farbenblind sind, sondern die Hauptfarben Gelb, Grün, Blau und Rot durchaus unterscheiden können. In wieder anderen Versuchen fand er heraus, daß die Pferde Menschen an der ihnen vertrauten Kleidung, nicht aber am Gesicht oder an der Stimme erkennen.
Diese verdienstvollen tierpsychologischen Experimente endeten, als die Russen 1945 auf Berlin anrückten. Grzimek tauschte seine Dienstpistole gegen ein Fahrrad und machte sich von der bedrängten Hauptstadt gen Westen auf. Gattin Hilde und seine beiden Söhne Rochus und Michael hatte er bereits mitsamt dem Hausstand und einem, prallgefüllten zoologischen Zettelkasten vorsorglich ins sichere Allgäu ausquartiert.
Grzimeks Ziel war Frankfurt. Dort gedachte er seine journalistische Karriere - er hatte die "Frankfurter Illustrierte" auch während der Kriegsjahre mit Tierplaudereien versorgt - wiederaufzunehmen.
In Frankfurt suchte Bernhard Grzimek daher eilends den Illustriertenchefredakteur Hollbach auf, um mit ihm neue Themen zu besprechen. Doch der Zeitungsmann hatte andere Sorgen. Die amerikanischen Besatzer hatten ihn zum Bürgermeister von Frankfurt gemacht; er war weniger an den zoologischen, vielmehr an den Verwaltungskenntnissen des angeradelten Grzimek interessiert.
Der Ex-Chefredakteur heuerte seinen Ex-Autor für städtische Dienste an
(Hollbach: "Der Grzimek ist ein organisatorisches Genie, mit dem kann man alles machen") und ernannte ihn zum Leiter des Ernährungsamtes, später zum Polizeipräsidenten.
Den Tierkundler Grzimek reizte freilich eine andere Aufgabe. Sein Interesse galt dem Frankfurter Zoo, der einst wegen seines reichhaltigen und gepflegten Tierbestands - neben dem von Berlin - der bedeutendste Tiergarten Deutschlands war. Im Frühjahr 1945 allerdings bot dieser bereits im Jahre 1858 gegründete Zoologische Garten einen schauerlichen Anblick.
Die Gehege waren von Bombentrichtern aufgerissen, die Tierhäuser zusammengefallen und die Verwaltungsgebäude ausgebrannt. Nur zwanzig Tiere lebten noch.
Die US-Militärregierung und die Frankfurter Stadtverwaltung hatten deshalb bereits beschlossen, den Zoo aufzulösen, der früher ohnehin nur mit einem Steuerzuschuß von einer Viertelmillion Mark im Jahr hatte existieren können.
Allerdings, ein Mann sabotierte alsbald zielstrebig den Auflösungsbeschluß: der frisch bestallte Polizeipräsident Bernhard, Grzimek. In Frankfurt mochte er die Chance seines Lebens gewittert haben, vom Besitzer eines kleinen Privatzoos zum Direktor eines großen Zoologischen Gartens emporzusteigen.
Grzimek bedrängte die Stadtverordneten, das Auflösungsdekret zu widerrufen. Nach Verhandlungen, die sich drei Monate lang hinschleppten, waren sie
tatsächlich bereit, dem Veterinär die Leitung des Gartens anzuvertrauen. Die Stadtverordneten freilich ließen sich ihren Meinungswandel honorieren. Grzimek mußte sich schriftlich verpflichten, keinen Pfennig Zuschuß zu fordern und den Garten selbst zu unterhalten.
Kaum hatte Grzimek den Direktorenposten besetzt, da entfaltete er eine Aktivität, die in der Geschichte des deutschen Tiergartenwesens ihresgleichen nicht hat.
Die ersten Werbezettel, die an den Mauern der Frankfurter Hausruinen klebten, waren Zooplakate. Bevor noch ein Frankfurter Kino öffnete und Filmphotos aushängte, hatte Grzimek überall in der Stadt Schaukästen mit Photos aus dem Zoo aufgestellt und die Blicke der Frankfurter auf sein Aufbauwerk konzentriert.
Von Holzgas getrieben, dampfte er im Zoo-Auto durch Städte und Dörfer, teils auf Tierfang -Expedition, wobei er von Zirkusleuten, Tiergärten und aus Privathand Tiere aller Arten aufkaufte, teils als Theateragent, der Schausteller, Operettensänger, Varieté -Künistler, Akrobaten, Rhönradsportler und Seiltänzer zu Vorstellungen in seinen Tierpark einlud. Theater und politische Kundgebungen, Kabaretts und Gottesdienste, Opern und Kinderfeste zogen zahlende Besucher in den Zoo. Der illustre Kreis der Veranstalter reichte buchstäblich von Adenauer bis Zauberkünstler.
Durch sein virtuos organisiertes Schaugeschäft konnte Grzimek im zweiten
Nachkriegsjahr 2,4 Millionen Zoobesucher buchen, eine Rekordhöhe, die er bis heute durch Zoo und Exotarium* allein nicht wieder erreicht hat. Für die eingenommenen Reichsmark kaufte Grzimek Notdächer, Futter, neue Tiere.
In allen anderen deutschen Tiergarten langweilten sich die Besucher vor fast leeren Gehegen, so daß der Neid der Kollegen wucherte.
Vor allem der Münchner Zoodirektor Heinz Heck sah in Grzimek einen Rummelplatz-Direktor, wiewohl sein Vater Ludwig Heck, Begründer der Zoo -Familie Heck, in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg im Berliner Zoo gleichfalls mit milieufremden Plänen hantierte: Als damals in Berlin der Zoobesuch nachließ, wollte Ludwig Heck
mit einem Tanzsaal und einer von unten beleuchteten Tanzfläche die Besucherfrequenz wieder steigern, verärgerte aber auch damals mit solchen Einfällen die Kollegen.
In den ersten Nachkriegsjahren jedenfalls trat zutage, daß Grzimek sich mit seiner sprießenden Aktivität den Groll des Heck-Familienelans zugezogen hatte, der jahrzehntelang indirekt über des Deutschen Reiches Tiergärten herrschte. Heinz Heck richtete an den Frankfurter Oberbürgermeister Kolb ein Schreiben, in dem er massive Vorwürfe gegen Grzimek erhob.
Der im Frankfurter Tiergarten herrschende Animier- und Amüsierbetrieb, klagte Heck, sei böseste Tierquälerei, was freilich nur den erstaunen könne, der nicht wisse, daß Bernhard Grzimek wohl ein gewisses Talent als Arrangeur von Volksbelustigungen habe, jedoch
der primitivsten Zoologiekenntnisse ermangele und von Tierpflege nichts verstehe.
Briefschreiber Heck schlug vor, die Leitung des Frankfurter Zoos einem "wirklichen" Fachmann anzuvertrauen, zumal Grzimek durch besondere Umstände wohl ohnehin als Zoodirektor nicht mehr tragbar sei.
Damit hatte Grzimek-Gegner Heck auf die Mißlichkeiten hinweisen wollen, die Bernhard Grzimek just zuvor widerfahren waren und an deren Zustandekommen Briefschreiber Heck, wie sich freilich erst später erweisen sollte, nicht unbeteiligt war.
Zoodirektor Grzimek hatte auf Weisung der amerikanischen Besatzer vorübergehend seinen Posten räumen müssen, nachdem ihn ein örtliches Militärgericht zu 5000 Reichsmark Geldstrafe verurteilt hatte. Grzimek hatte seine NS-Partei-Mitgliedschaft im Fragebogen verschwiegen (Grzimek: "Was brauche ich einer ausländischen Macht Auskunft über etwas zu geben, was nicht strafbar war").
Doch noch ehe die deutsche Spruchkammer Grzimek rehabilitierte, wurde er zusammen mit Gattin Hilde auf Veranlassung des damaligen Polizeipräsidenten Klapproth wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen festgenommen und in Handschellen abgeführt.
Erst in dem anschließenden Gerichtsverfahren stellte sich heraus, wem Bernhard Grzimek diese Anschuldigungen zu danken hatte. Heinz Heck hatte den Stuttgarter Rechtsanwalt Walter Praxmarer gegen gutes Geld angeheuert, "Straftaten von Herrn Dr. Grzimek" zu ermitteln, und ihm erlaubt, sich zwecks Tarnung seiner Ermittlerarbeit bei Angestellten und Wärtern des Frankfurter Zoos als Geschäftsführer des Münchner Tierparks Hellabrunn auszugeben.
Indes, auch diese Runde endete mit einem Punktsieg Grzimeks. Das Frankfurter Landgericht sprach ihn und Gattin Hilde wegen erwiesener Unschuld frei und bestätigte ihm, daß er seine Zoo-Geschäfte korrekt geführt habe.
Unaufgeklärt dagegen blieb bis heute, wer für die rätselhafte Serie von Tiervergiftungen verantwortlich war, die sich Ende 1947, Anfang 1948 im Frankfurter Zoo abspielte: Nacheinander starben durch Natriumfluorid ein Zebra, 30 Fasanen, 5 Nutrias, ein Rehbock, ein Webi-Pavianweibehen, eine wertvolle Zibetkatze, ein Mantelpavian und eine kleine Javaner-Äffin. Ungeklärt blieb auch die Rolle, die zu dieser Zeit der einstige Volontär von Heinz Hecks Münchner Tierpark, Dieter Christ, im Frankfurter Zoo spielte.
Nachdem die Staatsanwaltschaft die seltsame Tiermordaffäre in Grzimeks Garten untersucht hatte, mußte sich zwar der mit dem ehemaligen Heck-Volontär bekannte Frankfurter Tierpfleger August Schacherl vor einer Frankfurter Strafkammer verantworten. Doch das Verfahren gegen Schacherl, in dessen Taschen man Spuren
von Natriumfluorid gefunden hatte, endete mit einem Freispruch mangels Beweises. Dieter Christ hatte sich rechtzeitig ins Ausland abgesetzt.
Bald darauf avancierte Grzimek zum Kintopp-Helden. Dem Hamburger Filmproduzenten Matthes dienten die Tiervergiftungen im Frankfurter Zoo als Vorlage zu einem Spielfilm, den er 1951 unter dem Titel "Gift im Zoo" drehen ließ. Die Grzimek-Rolle spielte Carl Raddatz.
Grzimek blieb auf seinem Posten. OB Kolb hatte ihn in seinem Amt bestätigt und dem Briefschreiber-Heck eine Entschuldigung abgezwungen. In ähnlicher *Weise reagierte der Zoodirektorenverband auf die Unternehmungen des Hellabrunner Gartenchefs. Er trug Bernhard Grzimek die Präsidentschaft an und legte Heinz Heck nahe, den Verband zu verlassen.
Die Tiervergiftungen jedenfalls mochten Grzimek bewogen haben, in seinem Garten das rigoroseste Fütterungsverbot einzuführen, das je in einem Zoo erlassen wurde. Er postierte Schilder mit der deutschen und englischen Aufschrift: "Füttern im Zoo nicht gestattet. Bei Verstoß DM 25 Geldbuße und Gartenverweis." Grzimek: "Ich wage es, unpopulär zu sein!"
In den Jahren nach der Währungsreform quartierte er die Amüsierbetriebe aus und baute den Frankfurter Zoo zu einem der modernsten und reichhaltigsten Gärten Europas aus, der sich noch immer im wesentlichen aus seinen eigenen Einnahmen unterhält. Lobte erst jüngst die Londoner "Times": "Dr. Grzimek ist sicherlich heute einer der fähigsten Zooleiter in Europa."
Daß die Stadt Frankfurt mit Bernhard Grzimek den glücklichsten Griff getan hat, beweist die Beschaffenheit des Zoos und seine Besucherzahl. Bei etwa gleicher Einwohnerzahl der beiden Zoostädte Frankfurt und Köln konnte der Frankfurter Zoo im vergangenen Jahr rund zweimal soviel Gäste buchen (1,5 Millionen) wie der Kölner Tiergarten (774 000). Statistisch gesehen ist damit der Zoo Frankfurts bedeutendste Sehenswürdigkeit.
Auf dem Gebiet der Propaganda gar ist Frankfurts Grzimek von allen Zoodirektoren der talentierteste und der rührigste. Während der Münchner Heinz Heck, wie in Fachkreisen kolportiert wird, beispielsweise eine neueingekaufte Antilope gern erst ein paar Wochen lang in einem versteckten Winkel seines Parks unterbringt und sich ein bißchen allein der Neuerwerbung erfreut, verkündigt Grzimek Neueingänge sofort auf einer nicht zu übersehenden Tafel am Parkeingang.
Um auch in die entlegensten Bergdörfer der Bundesrepublik die Kunde zu tragen, daß Grzimek in Frankfurt einen sehenswerten Zoo betreibt, füttert er die Frankfurter Büros der Presse-Agenturen und der Zeitungen mit journalistisch vorgekochten Neuigkeiten aus dem Tierpark. So lauten etwa die Schlagzeilen von hektographierten Grzimek-Botschaften: "Fröhliches Halali im Frankfurter Zoo - Warzenschwein fuhr Ruderboot - Frühgymnastik der Zoowärter." Oder: "Wenn Krabben auf die Palme gehen - Schwerbewaffnete Palmendiebe im Exotarium - Wieder eine Seltsamkeit mehr."
Als die Zeitungen der Bundesrepublik die Meldung verbreiteten, im Grzimek-Zoo seien Tschajas eingetroffen, gänsegroße südamerikanische Vögel mit Hornbewehrungen an den Flügeln, konnte Kölns Zoodirektor Dr. Wilhelm Windecker nur säuerlich vermerken, daß in seinem Park eine ganze Tschaja -Herde seit längerem frei umherläuft.
Mit unübertroffenem Sinn fürs Populäre und Attraktive gestaltete Grzimek die auf das Schaugeschäft ausgerichteten Anlagen seines Tierparks. Ein vielversprechender Hinweis an der Kasse deklariert den Park als "sprechenden Zoo". Für die Beschilderung der Gehege nämlich, die in den meisten Tiergärten arg vernachlässigt wird, übernahm Grzimek das in Fachkreisen als klassisch geltende, einst von Professor Hediger im Baseler Zoo eingeführte System: Eine große dreigeteilte verglaste Tafel zeigt ein Photo des Tieres, eine Weltkarte, auf der das Verbreitungsgebiet des Tieres markiert ist, und einen Legendentext, in dem der Tierschriftsteller Grzimek mit journalistischem Stil brilliert.
In diesen kurzen Texten teilt er seinen Gästen nicht allemal das naturgeschichtlich Wesentliche der jeweiligen Tierart mit, sondern notiert Anekdotisches und Historisches oder hält den Besucher durch farbige bildhafte Vergleiche zu näherer Betrachtung auf. So heißt es bei den Klippspringern ("Einmalig in der Bundesrepublik"), die der Nicht-Zoologe für gewöhnliche Ziegenlämmer halten könnte: "... läuft nicht normal wie eine Antilope, sondern geht auf den Zehenspitzen wie eine Balletteuse", was die Leser auch prompt verleitet, das Tanzbein des Klippspringers zu begutachten.
In der Seelöwen-Legende erfährt der Zoo-Gast, ein Besucher habe erklärt, "die Seelöwen seien die Kaulquappen, also die Larven des Flußpferdes". Beim Schimpansen, wo ein weniger journalistisch talentierter Zoodirektor versucht wäre, die Legende mit Wissenschaft zu überladen, stellt Grzimek trocken, aber eindringlich fest: "Mensch und Schimpanse haben die gleichen Blutgruppen."*
Um sein illustres Tierleben zu verbreiten und den naturentrückten Großstädter an "unsere Brüder mit den Krallen" ein wenig heranzuführen, griff Grzimek selbst zur Rundfunktechnik: Er installierte im Exotarium seines Zoos einen UKW-Sender - "den ersten und bisher einzigen Radio-Sender in einem Zoo".
Täglich viermal, bei Bedarf häufiger, wird ein vom Direktor Grzimek persönlich
besprochenes Tonband abgespielt; eine Antenne in der Aquarienhalle strahlt die Sendung aus. Wißbegierige leihen sich an der Kasse für 1,50 Mark ein Kleinst-Radiogerät mit Antenne und Kopfhörern und schließen sich der drahtlosen Vortragsführung an.
Was Entertainer Grzimek im Exotarium zu bieten hat, verpackt und verkauft er wiederum mit dem ihm angeborenen Gespür für Publikumswirksamkeit. So beachtet er beispielsweise auf seiner Führung mit keinem Wort die Sammlung der sehr bunten, aber literarisch unergiebigen Korallenfische, läßt sich jedoch minutenlang über die Muräne aus, die bei den Römern als Haustier gehalten und mit Sklavenfleisch gemästet worden sei, vergißt auch nicht zu erwähnen, daß die römische Kaiserin Poppäa ihre Lieblingsmuräne mit goldenem Ohrgeschmeide geschmückt habe.
Mit einem effektvollen Schautrick half Grzimek, der Listenreiche, im Giraffenhaus sogar der Natur der Tiere noch ein wenig nach. Als er das durch eine Lotterie der "Gesellschaft der Freunde des Zoologischen Gartens" finanzierte Gebäude seinen Kollegen im Fachblatt "Der Zoologische Garten" vorstellte, schrieb Grzimek: "Einige Punkte scheinen mir in diesem Bau für die Ausstellung von Giraffen neu zu sein ... die stark erhöhte Stellung der Tierabteile gegenüber dem Besuchergang. Die Giraffen ... wirken auf diese Weise noch wesentlich größer."
Bei aller Popularitätshascherei, die das Sujet erfordert, ist jedoch Frankfurts Zoo im Laufe der Jahre auch eine wissenschaftlich durchaus wertvolle und reichhaltige Sammlung geworden, die kaum ein durchreisender Zoologe zu besichtigen versäumt. Nur sehr wenige Tiergärten besitzen zum Beispiel wie der Frankfurter Zoo ein Kleinsäugerhaus, da kleine Säugetiere erfahrungsgemäß wenig Schauwert haben.
Nach dem "Gesetz des anthropomorphen Winkels", das der Züricher Tiergärtner Professor Heini Hediger aufgestellt hat, akkumulieren sich Zoobesucher vornehmlich bei jenen Tierarten, die der Mensch unter dem gleichen Winkel sieht wie einen Mitmenschen, vor allem also bei den aufrechten Tieren wie Affen, Bären, Pinguinen, Papageien und Seepferdchen.
Nach diesem Gesetz ließe sich, wie die Tiergärtner meinen, ein durchaus stark besuchter Zoo einrichten. Grzimek jedoch ist stets bemüht, auch ohne Rücksicht auf den Schauwert seltene und ausgefallene Tierarten für seinen Garten zu erwerben.
Es gibt in seinem Zoo sogar Beispiele dafür, daß er sich über Popularitätsnormen hinwegsetzt. So stellt er manche seltenen Zootiere aus, die am Tage schlafen und nur, nachts aktiv
sind, wie den Schnabeligel und den Igel tanrek.
Als Auszeichnung für seine Verdienste um die Tiergärtnerei erhielt Grzimek im Jahre 1954 von der Kolonial-Verwaltung des Belgischen Kongo ein Okapi. Diese Urwald-Giraffe war nicht im Tierhandel zu erwerben, sondern wurde von den Belgiern, die ein Monopol auf die seltene Art besaßen, nur an hervorragende Zoos abgegeben.
So war Grzimeks Zoo, in dem inzwischen sogar ein Okapi-Paar zu sehen ist, der erste deutsche Tiergarten, der diese erst 1900 entdeckte Tierart zeigen konnte. An den Einzug des Okapis in Frankfurt erinnert Grzimek im Giraffenhaus mit dem Hinweis, daß 25 000 Liter Flugbenzin nötig waren, um das Tier nach Deutschland zu fliegen, was beim unkundigen Besucher den Eindruck höchster Kostbarkeit verstärken soll.
Nicht zu übersehen sind die im Frankfurter Zoo gleichmäßig verteilten Sprüche in Tierhäusern und an den Gehegen, von denen manche den Besucher ob ihres misanthropischen Inhalts seltsam berühren. Mag es noch ironisch wirken, daß Grzimek im Affenhaus das vom Verhaltensforscher Professor Konrad Lorenz geprägte Wort auf eine Wandtafel schreiben ließ: "Das Bindeglied zwischen Affe und Mensch sind wir", so verraten andere Zitate deutlich, daß Tierfreund Grzimek über seine Artgenossen nicht sehr wohlmeinend denkt.
Im Vogelhaus, im Gehege des Geierperlhuhns, wird der Gast unverhofft mit einer griesgrämigen Einsicht Schopenhauers konfrontiert: "Man möchte wirklich sagen, die Menschen sind die
Teufel auf der Erde und die Tiere die geplagten Seelen."
Nachdem Grzimek das Frankfurter Zoogeschäft in Schwung gebracht hatte, überkamen ihn erneut seine schriftstellerischen Neigungen, und er ließ sich von der Illustrierten "Revue" als biologischer Fachberater engagieren. Wieder zehrte er von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, von den Schätzen seiner zoologischen Fachbibliothek, aber auch von seinen eigenen früheren Artikeln und Büchern. Grzimek: "Wenn Sie so wollen, schreibe ich immer dasselbe. Ich schreibe auch gar keine Bücher. Ich schreibe Zeitungsartikel, und die stelle ich dann zu Büchern zusammen."
Der "Südwestfunk" engagierte ihn, die Hörer an jedem Samstagnachmittag mit Reportagen aus dem Tierreich zu unterhalten; Grzimek: "Das war die längste Wort-Sendereihe, die es jemals gab. Insgesamt wurden vierhundert Reportagen gebracht. 50 Mark gab es jedesmal dafür."
Als schließlich das Fernsehen nach wirksamen Alleinunterhaltern Ausschau hielt, war Entertainer Grzimek ebenfalls zur Stelle. Er handelte mit dem Hessischen Rundfunk seine Sendereihe "Ein Platz für Tiere" aus, die ihm pro Abend-Conference 800 bis 1000 Mark einbringt und mithin sein monatliches Zoodirektorengehalt von zirka 2000 Mark angenehm aufrundet.
Wie souverän Grzimek seinen Plauderstil beherrscht, erhellt aus der Tatsache, daß er sich einen Tag vor der Sendung nur Stichworte aufschreibt und daß er vor der Kamera tatsächlich aus dem Stegreif conferiert. Die Fernsehleute begrenzen seinen Auftritt jeweils auf eine halbe oder eine Dreiviertelstunde, obgleich Grzimek die Auffassung vertritt, daß die Zuschauer ihn gern anderthalb Stunden auf dem Bildschirm sehen würden.
Berichtete ein Frankfurter Fernsehmann: "Er redet leicht von tausend
Dingen. Er weiß zu viel. Immer fällt ihm noch was ein, und wenn er zu sehr ins Erzählen kommt, schicken wir einfach ganz kalt die nächste Filmeinblendung über den Sender. Dann muß er einfach weiter."
Mit welcher psychologischen Raffinesse Showman Grzimek seine Sendungen aufzubereiten pflegt, ergab sich im Sommer vergangenen Jahres, als er zu einer Sendung über Schlangen ein Reptil mit ins Studio brachte und es sich als geschuppte Krawatte um den Hals schlang. Berichtete die "Deutsche
Zeitung": "So ließ er es sich beispielsweise nicht nehmen, 45 Minuten über Giftschlangen zu sprechen und erst im letzten Satz zu sagen, daß das Reptil, mit dem er die ganze Zeit über wie mit einer Hauskatze gespielt hatte, gar keine Giftschlange sei."
Hatte Grzimek in seinen Illustrierten -Aufsätzen, in seinen Büchern und Fernsehvortragen vermocht, selbst verwikkelte tierpsychologische Zusammenhänge auf eine von allen Fachleuten gutgeheißene Weise zu popularisieren, so verließ ihn dieses Talent, als er afrikanischen Boden betrat.
Das Mißgeschick begann mit einem privaten Afrika-Ausflug, zu dem ein aus Frankfurt ausgewanderter Kaufmann den Tierkundler vor einigen Jahren eingeladen hatte. Grzimek empfand die zehnwöchige Reise durch die Kolonie Elfenbeinküste als Erfüllung eines langgehegten Plans. "Jeder Zoodirektor", schrieb er, "wird immer den Wunsch im Herzen tragen, die frei lebenden Brüder und Schwestern seiner Pfleglinge zu sehen."
Was Grzimek in Afrika sah, beflügelte ihn dann, sich einer Mission hinzugeben, die ihm eine vier Zeilen lange Erwähnung im Großen Brockhaus und die ehrenvolle Bezeichnung "der Dr. Schweitzer der Serengeti-Herden" ("Sunday Times") eintrug: der Erhaltung der frei lebenden Wildtiere in Afrika.
Grzimek brachte nämlich von seinem Afrika-Trip nicht nur profunde Erkenntnisse heim wie die Feststellung, daß der Islam sich immer stärker ausbreite oder daß die Palaverbräuche in Negerdörfern selbst "Hohen Häusern" zum Vorbild gereichen könnten ("Es schreit nicht alles durcheinander").
Weit mehr bewegte ihn die Tatsache, daß er auf seinen Urwaldfahrten keineswegs so viele Dickhäuter, Kaffernbüffel und Raubkatzen sichtete, wie er zu erblicken gehofft hatte. "Einen Leoparden in Afrika zu sehen", berichtete Afrika-Rückkehrer Grzimek, "ist mindestens ebenso schwer wie einen Dachs im deutschen Wald."
Quälend erlitt Tierfreund Grzimek die Erkenntnis, daß das "Säugetier Mensch", das in der Vermehrung "mit den Ratten und den Kaninchen, wetteifere", seit Beginn der Zeitrechnung allein 106 Säugetierarten ausgerottet habe: "Vielleicht noch Ende dieses Jahrhunderts werden unsere Enkel Elefanten, Nashörner, Okapis, Tiger, Tapire nur noch aus Filmen und Büchern kennenlernen ..." Das Massaker, Ergebnis menschlicher Vermehrung und Jagdlust, inspirierte ihn zu dem bußfertigen Bekenntnis: "Wir Menschen, ein entartetes Geschlecht."
Der tatenfreudige Zoodirektor war freilich nicht gewillt, dieser düsteren Zukunft in Afrikas Fauna entgegenzuharren. "Nicht jedem ... ist die Aussicht verlockend", ermannte er sich, "nur mit Menschen, Ratten und Spatzen auf dem Erdball leben zu müssen."
Grzimek beschloß, sich fortan in Büchern, Filmen und Fernsehvorträgen dafür einzusetzen, daß Afrika nicht zu "einem riesigen Kuhstall und einem Schweinekoben für die hungernde Menschheit der Erde" entarte, sondern als letztes Tierparadies erhalten bleibe.
Die Kreuzzugs-Ideologie, die Grzimek in Wort und Bild verbreitete, war ohne Furcht, doch nicht ohne Tadel. "Für mich sind Löwen wichtiger als Politik", deklamierte er. In einigen Jahrzehnten werde man nur noch aus Schulbüchern wissen, wer Chruschtschow und wer Eisenhower gewesen seien.
Mit außergewöhnlichem Talent zum Texten einprägsamer Schlagworte, das Grzimek bereits während des Krieges bewies, als er den wegen seiner jüdischen Ahnen gefährdeten Bienenforscher Professor von Frisch durch den Slogan "Bienenwachs ist kriegswichtig" vor dem Zugriff der NS-Funktionäre rettete, verkündete Grzimek nun über alle Kanäle moderner Publizistik: "Kein Platz für wilde Tiere".
In Wortbildern von gleicher Einprägsamkeit beschrieb er Afrikas Großsäuger als "Kulturdenkmäler", die ebenso erhaltenswert seien wie die Akropolis oder der Louvre.
Den verbildlichten Kampfparolen Grzimeks war zwar finanzieller Erfolg beschieden - sein Film "Kein Platz für wilde Tiere" brachte, ihm eine Viertelmillion Mark ein -, aber keine einmütige Zustimmung. Die meisten Kritiker freilich äußerten angesichts der ungeheuren Grzimek-Popularität ihre Einwände hinter der vorgehaltenen Hand; nur wenige wagten, den Buch- und Film-Autor Grzimek öffentlich der tendenziösen Verzerrungen und der Halbwahrheiten zu zeihen.
Mit beträchtlichem Lärm allerdings feuerten die Großwildjäger auf den Frankfurter Zoodirektor. Sie betrachteten jedoch die Auseinandersetzung nicht allein als wissenschaftlichen Streit, sondern mehr noch als Ehrenhandel. Denn Grzimek hatte die Waidmänner allesamt mit einer Kollektivschmähung gekränkt.
So hatte er etwa die Löwenjagd - ein Hobby, dem sich auch Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier widmet
- als "Zeitvertreib für schwache Männer" klassifiziert und "diesen tötungshungrigen Leuten" empfohlen, sich in
"Schlachthöfen zu betätigen". Auch sonst hatte sich Grzimek über das Waidwerk der "Schießtouristen" so verachtungsvoll geäußert, daß der Schriftsteller und Nimrod Hans-Otto Meissner klagte: "Nach ihm sind wir Großwildjäger alle impotent."
Die nicht nur in ihrem jagdlichen Ethos, sondern auch in ihrer männlichen Würde getroffenen Waidmänner bereiteten eine Gegenschrift vor, die Grzimeks Kreuzzug als "schurkige Kampagne" enthüllen sollte. Großwildjäger, Schriftsteller und Benimm-Buch-Verfasser Hans-Otto Meissner verflocht die Anti-Grzimek-Thesen zu einem Buch, dessen Anti-Grzimek-Titel deutlich sein Ziel offenbarte. Er lautete bündig: "Keine Angst um wilde Tiere".
Der Verlag kündigte das Buch als "sanfte Sensation" an. "Was bei uns fast täglich in Presse und Film, in Funk
und Fernsehen an naturkundlichen Falschheiten und Widersinn dem breiten Publikum geboten wird", schrieb im Vorwort der Leiter der Säugetierabteilung der Zoologischen Sammlung des Bayrischen Staates, Dr. Theodor Haltenorth, "das könnte selbst von einem stark besetzten Mitgliederstab eines hierzu eigens geschaffenen Aufklärungsbüros nicht laufend richtiggestellt werden."
Ein beliebter Gegenstand "dieser Unsinnverbreitung" sei in den letzten Jahren Afrika mit seiner Großtierwelt geworden, "die kurz vor der Ausrottung durch mordlustige weiße Jagdprotzen stehen soll". Haltenorth versprach: Das "Gewucher von Märchen und Lügen" werde zerstört - "Schritt um Schritt".
Nimrod Meissner, der im Auftrag des Großwildjägers und Kühlerfabrikanten Manfred Behr schrieb, vermochte dem Dr. Gtzimek tatsächlich einige Unrichtigkeiten nachzuweisen (SPIEGEL; 12/1960) und resümierte: "Mit der Tierliebe werden faule Geschäfte gemacht."
Bundestagspräsident und Afrikajäger Gerstenmaier dankte Meissners Auftraggeber Behr auf Amtsbriefbogen "mit verbindlicher Begrüßung und Waidmannsheil" am 5. November 1959 "aufrichtig und herzlich" für den "ganz ausgezeichneten, erstklassigen Bericht".
Grzimek war indes nicht gesonnen, die Attacke ohne Gegenwehr hinzunehmen. Er verschickte an Zeitschriften, Zeitungen, Jagdverbände und Privatleute neun hektographierte Seiten, auf denen er Irrtümer repetierte, die auch dem Jäger-Autor unterlaufen waren.
Noch dazu bot Meissner seinem Gegner die offene Flanke. Grzimek war in den Besitz eines Meissner-Briefes gelangt, in dem der Großwildjäger in Afrika Anti-Grzimek-Material anforderte und hinzufügte, daß die erbetenen Unterlagen geeignet seien, "die amtliche Stellung von Dr. Grzimek zu ruinieren". Mehr noch: Meissner hatte den Grzimek drohend wissen lassen, daß er gegen ihn "bereits mehr Material" besitze, "sogar solches über rein private Angelegenheiten".
Dieser drohend diskrete Hinweis auf die Tatsache, daß der Frankfurter Zoodirektor seit seinem Besuch bei den Baule -Negern einen (dritten) Sohn schwarzer Hautfarbe sein eigen nennt, war nicht dazu angetan, den Dr. Grzimek zu schrecken. Denn, gerade in dieser Angelegenheit hatte Grzimek noble Gesinnung bewiesen und seinen schwarzen Sprößling in den Kreis seiner Frankfurter Familie aufgenommen. Dieser jüngste (9) Grzimek - Sohn, Thomas mit Namen, wird freimütig jedem
Besucher präsentiert und von Grzimek sogar auf dem Titelblatt der "Säugetierkundlichen Mitteilungen" und auf einem Photo im Frankfurter Zooführer offenherzig zur Schau gestellt.
So ist Grzimeks Grimm auf Meissner verständlich. Weniger plausibel ist jedoch seine Reaktion auch auf Kritik, die von weniger prominenten Autoren stammt: Der Frankfurter Zoodirektor nimmt die Beanstandungen, denen er sich bei seinen Afrika-Veröffentlichungen aussetzt, keineswegs in souveräner Gelassenheit hin. Zeitungsredaktionen, die auch nur den Schatten einer Kritik an Grzimeks Thesen in ihren Spalten dulden, sehen sich sogleich von Grzimek (und Grzimek-Freunden) mit einem Schwall von Briefen, Rundschreiben, Kritikauszügen und Stellungnahmen überschüttet, die alle nur einem Ziel
dienen: Kritik oder Kritiker zu diskreditieren.
Grzimek kommt dabei zustatten, daß er sich gelegentlich mit Äußerungen, die einander widersprechen, gegen Einwände absichert und daß im Endergebnis Grzimek mit Grzimek-Zitaten immer im Recht bleiben kann und alles gesagt hat.
Ein Beispiel für diese Technik der Rundum-Sicherung sind seine Äußerungen über die Jäger. Nachdem er die in Afrika jagenden Waidmänner als tötungshungrige und großmannssüchtige Schießtouristen verdammt hatte, fuhr er fort: "Dabei streite ich nicht ab, daß europäische Jäger oft das Verdienst haben, bestimmte Tierarten vor der Ausrottung bewahrt zu haben." In einem neueren Grzimek-Buch heißt es gar: "Wer sagt denn, daß ich Jäger nicht leiden mag ... Im Gegenteil."
Grzimeks Widersachern und Kritikern mangelt es an Talent oder Zeit, das Rundschreiben - Bombardement mit ähnlichen Wortkanonaden zu beantworten. Klagte der Münchner Oberkonservator und Afrika-Reisende Haltenorth: "Wenn ich in Grzimeks Buch 'Kein Platz für wilde Tiere' alle sachlichen Fehler herausstreichen und in Rundschreiben veröffentlichen wollte, dann käme ich überhaupt nicht mehr zur Arbeit."
Allerdings hat Grzimek einigen Anwürfen inzwischen Rechnung getragen. In einer neuen Auflage von "Kein Platz für wilde Tiere" fügte er einen kurzen Absatz ein: "Die verhältnismäßig gute Regelung des Jagdwesens gerade in diesen britischen Kolonien ist bekannt", heißt es
plötzlich. "Vermutlich ist sie überhaupt die beste in Übersee."
Ingrimmig fährt Grzimek dann jedoch fort: "Man nutzt die Großmannssucht und das Geltungsbedürfnis reicher Leute, die sich als Großwildjäger bewundern lassen wollen, man schirmt sie durch Berufsjäger ab, damit ihnen nichts passiert und damit sie sich waidmännisch benehmen." Freilich: "So zieht die kluge Jagdverwaltung aus der Eitelkeit von Snobs Geldmittel, um das übrige Wild zu schützen und Jagdaufseher zu bezahlen."
Sibyllinisch klingt der Absatz aus: "Wäre ich für die Wildtiere Kenias verantwortlich, so würde ich vermutlich ähnlich handeln - wenn ich nicht an die wilden Tiere im übrigen Afrika und auf der ganzen Welt dächte."
Als Grzimek sich auch in dem Waidmnannsblatt "Wild und Hund" zu Wort meldete, forderte er einen Mann heraus, der sich als einer seiner argumentenreichsten Kritiker erwies: den Naturschutzreferenten beim Hamburger Naturschutzamt Henry Makowski, einen versierten Naturschutzfachmann, der die Verwaltungen europäischer, amerikanischer und afrikanischer Nationalparks studiert hat.
Was diesen Grzimek-Kritiker zupakken ließ, war die unzureichende Methode des Autors, die vielfältigen und komplexen Probleme des afrikanischen Wildschutzes auf eine allzu einfache und generalisierte Formel zu bringen und sie fast ausschließlich unter dem Gesichtswinkel eines Zoodirektors anzuvisieren. Grzimek behauptete zwar kaum etwas Falsches, indes, seine Mitteilungen und Argumente verwandelten sich durch tendenziöse Darstellung, durch Übertreibungen und das Verschweigen entscheidender Tatsachen zu Halbwahrheiten.
So behauptete Dr. Grzimek an keiner Stelle seiner Filme und Bücher rundheraus, die reichen und impotenten weißen Großwildjäger rotteten Afrikas Tiere aus; er vermittelte diesen Eindruck vielmehr indirekt und verstand es, "Emotionen anzuheizen" (Makowski).
Allein, es muß in Afrika geschossen werden, sei es von Jägern oder von staatlich bestellten Wildhütern. Wohin es nämlich führt, wenn in Afrika kein Schuß mehr fällt und das von Grzimek propagierte Tierparadies verwirklicht wäre, demonstrierte Makowski sehr eindringlich am Flußpferd-Problem im Queen-Elizabeth-Nationalpark (Uganda).
In diesem Park, in dem absolutes Abschußverbot besteht, haben sich die Flußpferde so rapide vermehrt, daß die natürlichen Weidegründe für den jetzigen Bestand von 13 000 Exemplaren nicht mehr ausreichen. Die Tiere verwüsten den Boden, zertrampeln die
Grasnarbe und vernichten damit die Lebensgrundlage für das andere Wild.
Eine Wissenschaftler-Kommission bereiste den Park und empfahl der Verwaltung, 7000 Flußpferde sofort und jährlich weitere 1000 Flußpferde abzuschießen, um das Parkgebiet vor der Verwüstung zu bewahren und das "biologische Gleichgewicht" wiederherzustellen und zu erhalten. Sagt Henry Makowski: "Ich möchte nicht den Sturm der Empörung von überall auf der Welt erleben, wenn sich die Parkverwaltung zu dieser Maßnahme entschlösse."
Ein eklatantes Beispiel für die Folgen der dem Elizabeth-Park drohenden Boden-Erosion, der Vorstufe zur Wüstenbildung, ist die Geschichte des letzten Elefanten von Somaliland, die nicht zum Repertoire Grzimekscher Afrika -Erzählungen gehört: Dieser Elefant wurde, wie Professor Bally vom Coryndon-Museum Nairobi berichtete, weder von Sonntagsjägern erlegt noch von schwarzen Fallenstellern getötet, sondern er ist in dem unfruchtbar gewordenen Gebiet buchstäblich verhungert.
Unerschrocken und unbeeindruckt von der Grzimekschen Kein-Schuß-in -Afrika-Parole, erklärt deshalb Henry Makowski: "Ich bin wie viele Wildhüter und Naturschutzleute in Afrika der Auffassung, daß eine Großwildbejagung durch ausländische Jäger sehr wohl ihre Berechtigung in der Zukunft hat, wenn sie mit einer echten Wildkontrolle einhergeht."
Eine ähnliche Auffassung kann man aus einem Brief herauslesen, in dem der Busch-Humanist Albert Schweitzer am 18. November 1958 dem Anti-Grzimek-Autor Meissner über die Verhältnisse in der Umgebung von Lambarene ausrichten ließ: "Die Elefanten sind in unserer Gegend eine Plage geworden. Die zunehmende Vernichtung der Pflanzungen durch die Elefanten wird eine Katastrophe. Sie sind in diesen großen und dichten Wäldern schwer zu jagen ... Und da der Elefant unter Naturschutz steht und eine besondere Jagderlaubnis eingeholt werden muß, ist auch dies schon ein Hemmnis."
Grzimek hatte sich unterdessen wieder zu einer Afrika-Expedition aufgemacht, die ihm frischen Ruhm, aber auch neuerliche Kritik einbrachte. Die britische Verwaltung von Tanganjika beabsichtigte, die Grenzen des "größten Zoos der Erde", des Serengeti-Nationalparks, zu verändern, um die Wünsche der Massai nach größeren Weideflächen für ihre Viehherden zu erfüllen.
Ursprünglich hatte Grzimek Erlöse aus seinem ersten Afrika-Film dazu verwenden wollen, in Ostafrika ein Stück Land zu erwerben und es "den Schutzreservaten einzugliedern". Der Direktor der Tanganjika-Nationalparks aber redete dem Zoodirektor den Plan zur Errichtung einer Grzimek-Enklave in Afrika wieder aus. Eine andere Aufgabe schien ihm dringlicher: Grzimek möge, so schlug der Direktor vor, die vorgesehenen Summen in ein Forschungsunternehmen investieren, das unter anderem auch dazu dienen könnte, die Wildwanderungen der Serengeti-Herden zu erkunden.
Die Grzimeks lernten fliegen und reisten mit einem eigens angeschafften zebragestreiften Sportflugzeug nach Ostafrika. Sie verbrachten mit der Sorgfalt preußischer Verwaltungsbeamter
einige Monate damit, von dem einmotorigen Sportflugzeug aus die in der Serengeti lebenden Großwildherden zu zählen und ihren Wanderwegen nachzuspüren. Tatsächlich entstand auf diese Weise ein wissenschaftlicher Beitrag von Wert.
Was Bernhard Grzimek in der Serengeti-Steppe sah und filmte, inspirierte ihn schließlich zu einem neuen Schlagwort: "Serengeti darf nicht sterben."
Die Erfolge der Serengeti-Kompositionen haben den Frankfurter Afrika -Heros mittlerweile auf den Gipfel seines Ruhms getragen. Was als Michael Grzimeks Doktorarbeit geplant war - der 24jährige Grzimek-Sohn verunglückte während der Serengeti-Reise tödlich mit dem Sportflugzeug -, brachte als Film (Grzimek: "nebenbei gedreht") den "Oscar" ein. Das Serengeti-Buch beschäftigte die Übersetzer in vielen Kulturländern.
Indes, so zugkräftig sich der Titel "Serengeti darf nicht sterben" erwies, die Vorgeschichte des Serengeti-Problems zeigt, daß dieser Nationalpark der großen wandernden Herden gar nicht sterben sollte.
Obgleich der Serengeti-Steppe als "Nationalpark" definitionsgemäß der strengste Status zukommt, hatte die Regierung von Tanganjika stillschweigend geduldet, daß zeitweilig die Massai ihre Viehherden darin weiden ließen. Da ein Nationalpark aber auf die Dauer nur aufrechtzuerhalten ist, wenn unkontrollierbare menschliche Einwirkungen möglichst aus ihm verbannt werden, entschloß sich die Regierung 1954, neue Parkgrenzen festzulegen, die nicht mit den Interessen der Eingeborenen kollidieren.
Anfangs schlug die Mandatsregierung einen undiskutablen Kompromißplan vor, doch die heftige Kritik fast aller internationalen Naturschutz- und Jagdorganisationen führte dazu, daß sie einen Untersuchungsausschuß einsetzte,
in den nach englischer Fairneß die Vertreter aller Interessen berufen wurden: ein höchster Richter, ein Häuptling und der Präsident der Zoologischen Gesellschaft.
Nach den Vorschlägen dieser Kommission bleibt der westliche Teil des Serengeti-Gebiets als Nationalpark erhalten. Makowski berichtete, "daß dieser (nach den Vorschlägen der Kommission) so groß bemessen sein muß, daß die jahreszeitlichen Tierwanderungen nicht gestört werden". Einige Teile des Parks wurden abgetrennt, doch zu kontrollierten Wildschutz- und Schongebieten erklärt: Für das Wild innerhalb dieser
Gebiete sollen keine Abschuß-Ausnahmegenehmigungen erteilt werden.
Auf der Tagung der Kommission 1957 in Arucha, auf der man über die Pläne diskutierte, haben Naturschutzfachleute, Techniker, Wissenschaftler und Massai-Älteste ihre Ansicht vertreten. Und nachdem die Pläne zur Neuregelung bekanntgeworden waren, sprachen auf dem Internationalen Naturschutzkongreß 1958 in Athen die Abgesandten von fast vierzig Nationen der Tanganjika-Regierung ihre Befriedigung aus. Henry Makowski: "Ein Meilenstein in der Geschichte des Naturschutzes der Welt, ein Beispiel, wie Naturschutz betrieben werden müßte."
Unzufrieden mit den 1957er Empfehlungen der Arucha-Tagung, die unverändert Gesetz wurden, war dagegen Dr. Bernhard Grzimek.
Er empfand die neuen Grenzen als nicht sinnvoll, da er auf seiner Flugzeug-Expedition festgestellt hatte, daß die Serengeti-Wildherden einen Teil des Jahres außerhalb der neuen Grenzen des Nationalparks zubringen. Grzimek glaubte daher um die Zukunft der Serengeti-Herden bangen zu müssen.
Da jedoch die Umgebung des Parks zum Schutz- und Schongebiet erklärt wurde, droht den Tieren in diesem abgetrennten Teil keine Gefahr. Im Gegenteil, auf dem Internationalen Naturschutzkongreß 1958 in Athen stimmten die Fachleute darin überein, daß die Weidegründe im abgetrennten Mittelteil zur Regenzeit - und nur dann wandert das Wild in diesen Raum - gemeinsam von Wild und Massai-Vieh bevölkert werden können und daß die Weide gar für ein Mehrfaches der vorhandenen Wild- und Viehherden ausreicht.
Dr. Grzimek dagegen, der in seinem Film die Beteiligung anderer Fachleute und Behörden an der Lösung des Serengeti-Problems mit keinem Wort erwähnt (Makowski: "Mangel an Fairneß", Grzimek: "Ich werde das in einer
wissenschaftlichen Arbeit bringen"), berichtet auch in seinem Buch nur die Halbheit, daß der verbleibende Rest des Parks nicht ausreiche, die Tierherden zu erhalten. Grzimek: "Eine traurige Erkenntnis, die wir da erarbeitet haben."
Sei es nun, daß Dr. Grzimek, der sich seit Jahrzehnten in der Sehnsucht nach Afrika verzehrte, vom Glücksgefühl, auf afrikanischem Boden unter afrikanischem Wild zu sein, übermannt wurde, sei es, daß seine von Jugend auf gehegte Abneigung gegen die Jagd als Totschießerei ihn beeinflußte - offenkundig ist, daß seine Serengeti-Werke die wahren Verhältnisse verzerrt spiegeln.
So läßt Dr. Grzimek beispielsweise im Serengeti-Film, um Abscheu gegen die Großwildjäger zu erwecken, die Kamera vorübergleiten an Bündeln von Tierfellen und regellosen Haufen von Nashornköpfen, Antilopengehörn und Elefantenbeinen, aus denen Papierkörbe gefertigt sind. Eine solche Szene aber, meint Kritiker Makowski ("Mir ist der Trophäen-Kult auch zuwider"), ließe sich ebenso in Deutschland erstellen - mit der gleichen Wirkung aufs Kinopublikum.
Makowskis Rezept: "Man nehme nur die Gehörne und Geweihe einer örtlichen Trophäenschau, werfe sie regellos auf einen Haufen, mache einen Haufen mit Decken und Schwarten aus ein paar Jägerhäusern, nehme weiter zusammen Kronleuchter aus Geweihen, Garderobenhaken aus Rehläufen und andere Utensilien jagdlicher Raumausstattung, lasse dann unter ein paar spitzen Bemerkungen die Kamera in Großaufnahme langsam darüberschwenken - und schon ist die beste Publikumswirkung gegen die Jagd und die Jäger bei uns da!"
"Kein Wort sagt uns Dr. Grzimek davon", kommentiert Makowski, "daß er diese Anhäufung von Jagdtrophäen bei dem deutschen Dermoplastiker Zimmermann in Nairobi filmte, wo die Großwildjäger sie zum Präparieren abgegeben hatten." Daß Grzimek eine solche Fülle von Jagdtrophäen filmen konnte, erklärt sich laut Makowski daraus, daß Zimmermann (außer einem Präparator in Addis Abeba) der einzige Trophäenverarbeiter in ganz Ostafrika einschließlich des Kongogebiets ist.
War noch im "Kein-Platz"-Film der Eindruck erweckt worden, die weißen Großwildjäger seien die Hauptfeinde des afrikanischen Wildes, so präsentierte Grzimek im Serengeti-Film neue Hauptfeinde: die schwarzen Wilderer.
Seinen Film "Kein Platz für wilde Tiere" hatte Grzimek noch mit den Worten eingeführt: "Es ist ein Dokumentarfilm mit Moral, und die Moral richtet sich gegen die Salonlöwenjäger ... Nach diesem Film werden sie sich nicht mehr mit ihren afrikanischen Jagderfolgen brüsten, sondern sich ihres rohen Sportes schämen."
Im Serengeti-Buch hingegen heißt es nun nach einem Exkurs über die schwarze Wilderei: "Wer kann sich dann noch über die paar Elefanten und Nashörner empören, die amerikanische und europäische Touristen mit Jagdschein erlegen ... Die wenigsten Touristen kommen heute nach Afrika, um Tiere zu schießen."
Daß die Schwarzen Afrikas tatsächlich ein Mehrfaches von dem wildern, was weiße Jäger abschießen, berichtete im November 1958 auch ein anderer namhafter Afrika-Reisender, der amerikanische Naturschutzsachverständige George Treichel. Er hatte im Auftrag der reichen New Yorker Zoologischen Gesellschaft auf einer anderthalbjährigen gründlichen Afrika-Durchmusterung eine vollständige Übersicht der afrikanischen Wildprobleme erarbeitet und in seiner Veröffentlichung die Wilderei der Eingeborenen als große Gefahr für den Bestand des afrikanischen Wildes herausgestellt.
Treichel war es auch, der bereits im November 1958 einen Slogan prägte, den Grzimek später in ähnlicher Weise in seinen Serengeti-Werken benutzte: Afrika müsse seine Naturschätze so bewahren wie die alten Kulturländer ihre Kathedralen.
Dennoch ist Grzimek überzeugt, daß er mit seinem Kreuzzug für die Erhaltung des afrikanischen Großwilds bestenfalls die Ausrottung der außerhalb der Naturschutzparks lebenden Tiere hinauszögern, aber nicht endgültig verhindern kann, da die "Heuschrecke Mensch" sich unaufhaltsam ausbreite.
Grzimek übersieht dabei freilich, daß nicht alle Gebiete Afrikas kulturfähig sind und daher der Kontinent auch nicht lückenlos von Menschen besiedelt werden kann. In diesem Faktum erblicken die Naturschutzfachleute - was Grzimek nicht erwähnt - eine beträchtliche Überlebenschance für das Wild.
Die Kernfrage nämlich, die von den Naturschutzsachverständigen erörtert wird, mündet in ein auch wirtschaftliches Problem: Auf welche Weise sind die unkultivierbaren Landesteile Afrikas am besten zu nutzen?
Nach den übereinstimmenden Erhebungen belgischer, englischer und amerikanischer Institute und internationaler Institutionen, zu denen Wirtschaftler wie Zoologen hinzugezogen wurden, verheißt eine "Wildbewirtschaftung", was Grzimek in seinem 334seitigen Serengeti-Buch nur beiläufig auf vierzehn Zeilen erwähnt, die beste Nutzung mit dem höchsten Eiweißgehalt. Elefanten, Büffel, Antilopen und Flußpferde ernähren sich in den unkultivierbaren
Gebieten selber, so daß die Afrikaner diesen "Fleischkammern" so viel entnehmen können, wie nachwächst.
Diese praktischen Erwägungen dürften die jungen Staaten des afrikanischen Kontinents eher zur Erhaltung des Großwildes bewegen als jeglicher Appell abendländischer Tierschutzgesinnung.
Welche Position daher der bei einem Millionen-Publikum populäre und auch in engeren Fachzirkeln geachtete Grzimek bei berufsmäßigen Naturschützern beanspruchen darf, erhellt aus einem Dialog zwischen dem deutschen Afrika -Reisenden Makowski und dem amerikanischen Afrika-Reisenden Treichel:
Makowski zu Treichel: "Grzimek gilt in Deutschland als der Held Afrikas."
Treichel zu Makowski: "Afrika hat viele Helden!"
* Das Titelbild zeigt Grzimek mit einem Serval, einer afrikanischen Raubkatze
* Exotarium: Ein von Grzimek geprägter Begriff für die Kombination Aquarium-Terrarium-Insektarium.
* Beim Schimpansen konnten bisher nur die Blutgruppen 0 und A, nicht aber B und AB nachgewiesen werden.
Grzimek im Fernsehen: Ein Platz für Tiere
Grzimek in Afrika: Kein Platz für Tiere
Brehm
Uexküll
Pawlow
Tiger-Bändiger Grzimek: Experiment im Raubtier-Käfig
Schauspieler Raddatz als Film-Grzimek: Gift im Zoo
Grzimek-Kritiker Heck: Vorwürfe wegen Tierquälerei
Haltenorth
Grzimek-Kritiker Meissner: Dankesbrief von Gerstenmaier
Erhöhte Giraffen-Abteile in Grzimeks Zoo: Die Tiere wirken noch größer
UKW-Führung in Grzimeks Exotarium: Anekdoten von Kaiserin Poppäa
Grzimek-Kritiker Makowski: Ein Elefant verhungerte
Grzimek-Sohn Thomas, Grzimek-Gattin: Zu den Baules ...
... und nach Tanganjika: Grzimek-Sohn Michael
Afrika-Reisender Grzimek
Kulturdenkmal?

DER SPIEGEL 38/1960
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