12.10.1960

MENSCHENVERSUCHERuff unter Druck

Gefragt, ob er medizinische Experimente an wehrlosen Konzentrationslager-Häftlingen für statthaft gehalten habe, antwortete 1946 einer der Angeklagten im Nürnberger Prozeß gegen die NS-Ärzte bündig: "Juristische Bedenken hatte ich keine, denn ich wußte, daß der Mann, der die Genehmigung zu diesen Versuchen von Staatsseite gegeben hatte, Himmler war."
Derart schlagfertiger Entschuldigungen ehemaliger NS-Ärzte dürften sich ausländische Wissenschaftler erinnert haben, die kürzlich darüber zu befinden hatten, ob der nächste Weltkongreß der Luftfahrt-Mediziner - der "World and European Congress of Aviation Medicine" - 1961 in der Bundesrepublik stattfinden soll.
Der Plan, in Deutschland zu tagen, wurde verworfen und Paris zum Konferenzort bestimmt. Ärzte aus dem westlichen Ausland befürchteten offenbar, diesseits des Rheins von eben dem Kollegen begrüßt zu werden, der sich 1946 unter Berufung auf Himmler zu rehabilitieren versuchte: von Professor Dr. Siegfried Ruff, Direktor des Instituts für Flugmedizin in Bad Godesberg, das der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt e.V. in Mülheim (Ruhr) untersteht.
Mit der Vergangenheit des 53jährigen Professors Ruff, der heute unangefochten dieselbe Position innehat wie im Dritten Reich - das von ihm geleitete Institut verlegte seinen Sitz lediglich von Berlin nach Bad Godesberg -, verbinden sich in der Tat nicht nur für KZ empfindliche Ausländer ungute Vorstellungen.
Der Heidelberger Professor Dr. Alexander Mitscherlich beispielsweise, der mit seinem Assistenten Fred Mielke in den Nachkriegsjahren unter den Titeln "Diktat der Menschenverachtung" und "Medizin ohne Menschlichkeit" Dokumentationen über die Verbrechen von NS-Ärzten herausgab und sich dabei unter anderem auch mit den seinerzeit vorzugsweise in Konzentrationslagern durchgeführten Menschenversuchen beschäftigte, informierte schon 1947 die deutsche Öffentlichkeit: "An der Gestaltung der Experimente war ... der Direktor des Instituts für Luftfahrt-Medizin (in Berlin) ... Dr. Siegfried Ruff, beteiligt."
Und der Darmstädter Professor Dr. Eugen Kogon konstatierte in seiner düsteren Betrachtung über den SS-Staat, den er als Gefangener kennengelernt hatte, daß Ruff gegenüber von gleichem Ehrgeiz beseelten Ärzten beiden als wissenschaftlich deklarierten Torturen "in einem erbitterten, mit vielen Quertreibereien geführten Wettbewerb" stand.
Bei allem Konkurrenzneid der Ärzte untereinander - über die wissenschaftliche Fleißarbeit in den Konzentrationslagern mußte dem Reichsführer SS, Himmler, direkt berichtet werden habe indes Übereinstimmung in folgendem Punkt geherrscht:
"Der tödliche Ausgang bei den Versuchspersonen war von vornherein ... bewußt in Rechnung gestellt" (Kogon). Die sogenannten Luftwaffen-Versuche, an denen Ruff beteiligt war, fanden im Konzentrationslager Dachau statt und umfaßten sowohl Unterdruck als auch Unterkühlungs-Experimente. Die konsequente Zielstrebigkeit der beteiligten Mediziner hatte zur Folge, daß nach dem Bericht eines Augenzeugen im Nürnberger Ärzteprozeß allein bei den Unterdruck-Tests 70 bis 80 Versuchspersonen abgebucht wurden.
Die Forschungsarbeit der Ärzte begann damit, daß in der Dachauer Lagerstraße neben dem Barackenblock 5 ein seltsames, kastenförmiges Gefährt aufgestellt wurde. Der "Himmelfahrtswagen", wie dieser Karren - es handelte sich um eine von der Luftwaffe zur Verfügung gestellte Unterdruck -Kammer - genannt wurde, verbreitete "bei allen Häftlingen wilden Schrecken", berichtete nach 1945 der ehemalige Konzentrationär Kogon.
Die Versuche waren nämlich durch die Entwicklung von Raketen-Jagdflugzeugen angeregt worden, die zu einer Gipfelhöhe von 18 000 Metern aufsteigen konnten, und sollten erweisen, ob ein zum Abspringen aus dieser Höhe gezwungener Flieger die Chance hat zu überleben: Für die Sturzflüge, die in der Unterdruck-Kammer von Versuchspersonen "nachempfunden" werden sollten, schienen den Medizinern angesichts der zu erwartenden Verschleißquote Konzentrationslager-Häftlinge besonders geeignet.
Die Grundlagenforschung für diese Versuche hatte der Chef des Münchner luftfahrtmedizinischen Instituts, der Professor Dr. Georg-August Weltz, betrieben: Er war zu der Erkenntnis gelangt, daß es "zwecks Klärung des Verhaltens des Fliegers ... in großen Höhen" notwendig sei, sogenannte Höhen-Umstellungsversuche vorzunehmen.
Der dem Weltz unterstellte Luftwaffen-Stabsarzt Dr. Rascher erbat vom Reichsführer SS, Himmler, zu dem er persönlichen Kontakt hatte, in einem Brief, in dem er sich gleichzeitig für die "herzlichen Glückwünsche und Blumen zur Geburt meines zweiten Sohnes" bedankt hatte, die Erlaubnis, solche Versuche mit KZ-Häftlingen durchführen zu dürfen, "da der Affe (Versuche dieser Art waren bisher vornehmlich mit Tieren üblich) vollständig andere Versuchsverhältnisse bietet".
Von der Aktivität in München erfuhr auch Professor Ruff in Berlin, der eigens für derartige Menschenversuche ein Programm "Zur Rettung aus großen Höhen" entwickelt hatte und an den zu erwartenden Forschungserfolgen auf diesem Gebiet teilhaben wollte.
Weltz und Ruff wurden, wiewohl Kontrahenten im Kampf um das Vorrecht, ohne Furcht vor Strafe mit Rechtlosen experimentieren zu dürfen, einig, egozentrische Bedenken zu überwinden und gemeinsam zu handeln: Für die praktische Durchführung stellte Weltz den Himmler-Intimus Dr. Rascher, Ruff hingegen einen Dr. Romberg ab. "Die Verantwortung", so stellte Mitscherlich in seiner Dokumentation hinterher fest, "übernahmen die beiden Institutsleiter" - eben Weltz und Ruff.
Der Programmatiker und Verantwortliche Ruff hat denn auch den Abschlußbericht über die Dachauer Experimente unterzeichnet, in dem es lakonisch hieß: "Sieden des Blutes tritt in 21 Kilometer Höhe noch nicht ein."
Über die Häftlinge, die in der Unterdruck-Kabine in den physischen Zustand eines Sturzes aus solcher -Höhe versetzt wurden und dabei starben, wurde kein Wort verloren. Lediglich einmal stellte Rascher in einem Sektionsbericht fest, daß bei der Öffnung der Leiche eines Opfers das Herz noch einmal "mit 60 Aktionen pro Minute zu schlagen begann".
Indes: Es gab auch Überlebende - insgesamt wurde mit etwa 200 Häftlingen experimentiert -, und Himmler stand nicht an, die davongekommenen Sturzflieger zu lebenslangem KZ zu begnadigen, falls es sich um solche Opfer handelte, deren Leben nach Meinung der SS-Oberen eigentlich verwirkt gewesen war, oder aber sie andernfalls zur
Straf-Division Dirlewanger abzukommandieren, wo ihnen die Möglichkeit gegeben werden sollte, das gerettete Leben sinnvoll dem Vaterland zu opfern.
Ein Nebenzweig der Dachauer Luftwaffen-Versuche, mit dem allerdings Höhenforscher Ruff wegen der andersgearteten wissenschaftlichen Aufgabenstellung persönlich nicht befaßt war
- die Unterkühlungsexperimente -, war ebenso risiko- wie chancenreich: Versuchspersonen wurden bekleidet oder nackt in kaltes Wasser von 4 bis 9 Grad Celsius gelegt, bis sie erstarrten, andere wiederum wurden bei 25 Grad Winterkälte im Freien stündlich mit Wasser überschüttet.
Daß es jedoch selbst bei solch barbarischen Experimenten dennoch Überlebenschancen gab, verdankten die KZ-ler einem Einfall Himmlers: Der SS-Führer ordnete nämlich persönlich zusätzliche "Versuche zur Erwärmung unterkühlter Menschen durch animalische Wärme" an, die in der Form abzuwickeln waren, daß nackten Frauen
- ebenfalls KZ-lerinnen - unter Kontrolle die Aufgabe zufiel, die steifen Opfer nach den Eiswasser-Prozeduren wieder zu beleben. Eine streng wissenschaftliche Graphik hielt dabei das Verhalten von vier besonders robusten Versuchspersonen fest, "welche zwischen 30 und 32 Grad den Beischlaf ausübten", der wiederum "verglichen werden kann mit der Erwärmung im heißen Bad".
Spezialist für diese Experimente war Ruff-Kollege Rascher, der dem "verehrten Reichsführer" einen zu diesem Thema in Dachau gedrehten Schmalfilm übersandte. Einen erläuternden Brief an Himmler schloß Rascher mit den Worten: "Herzliche Grüße, auch von meiner lieben Frau. Heil Hitler!"
Ruff, dem es versagt war, dem Reichsführer SS mit Aufklärungsfilmen zu dienen, schnitt indes letztlich doch besser ab als der Himmler-Günstling Rascher, der 1945 bei seinem Protektor in Ungnade fiel und exekutiert wurde.
Dem Experimentator Ruff wie den übrigen Beteiligten, die sich nach Kriegsende vor einem internationalen Tribunal verantworten mußten, war es ein leichtes, die alleinige Schuld an den Medizinverbrechen im Konzentrationslager Dachau dem toten Testgenossen Rascher anzulasten.
So wurde Ruft im Nürnberger Ärzteprozeß lediglich moralisch verurteilt, indem das Gericht die Human-Versuche summarisch als -verbrecherische Akte brandmarkte, im übrigen aber kam er mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen davon.
Einer Nachkriegs-Karriere stand nun nichts mehr im Wege, und die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt e.V. (Sitz Mülheim/Ruhr) gab sich die Ehre, dem Professor den in der NS-Zeit gedrückten Sessel wieder zur Verfügung zu stellen und ihm die Leitung der Godesberger Dependance zu übertragen.
Das Bundesverteidigungsministerium und die Deutsche Lufthansa taten ein übriges, um den Unterdruck-Professor - unter den üblichen demokratischen Beschränkungen freilich - mit Hochdruck gewohnte Forscherarbeiten wiederaufnehmen zu lassen.
Auch eine etwa deutlicher zutage tretende Antipathie ausländischer Mitglieder des Weltkongresses für Luftfahrtmedizin gegen den Dr. Ruff braucht diesen keineswegs um sein Prestige bangen zu lassen: Bisher lautgewordene Einwände gegen den Höhenflug-Arzt - der die KZ-Versuche für "nicht unmoralisch" hält - führten weder dazu, daß Bundesbehörden sich von ihm distanzierten, noch daß die Mülheimer Versuchsanstalt den Ruff in den Ruhestand beordert hätte.
Unterdruck-Mediziner Ruff
Das Herz des Opfers ...
... schlug beim Sezieren: Unterwasser-Mediziner Rascher (r.)

DER SPIEGEL 42/1960
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