19.10.1960

LAUER

Wie noch nie

LEICHTATHLETIK

Mit einem fröhlichen "Prost!" schloß der 23jährige Hürden-Weltrekordläufer Martin Lauer seinen sportfeuilletonistischen Aufsatz, den er im Februar 1960 der "Süddeutschen Zeitung" angedient hatte. Konstatierte Lauer: "Gesunde Lebensfreude ist die erste Voraussetzung für eine Sportlerlaufbahn, die erst richtig erfolgreich verläuft, wenn sie nicht gar so ernst genommen wird."

Lauer mußte freilich vor kurzem erkennen, daß eine Sportlerlaufbahn doch eine weit ernstere Sache zu sein scheint, als er glaubt. Denn er, einer der meistgefeierten deutschen Athleten, 1959 von den deutschen Sportjournalisten zum "Sportler des Jahres" gewählt und in Zürich für seine beiden Weltrekordläufe durch Pflanzen eines Schößlings ("Martin-Lauer-Buche") abseitig geehrt, sieht offenkundig einer schlimmen Zukunft entgegen.

Seit dem vorvergangenen Wochenende wird Lauer nämlich von Presse und Sportfunktionären einhellig verdammt, wobei die sportlich interessierte Öffentlichkeit plötzlich erfährt, daß der wegen seiner überdurchschnittlichen Leistungen, seines Trainingsfleißes und seiner Unbekümmertheit ("Sport", Lübeck: "Ein neuer Typus deutscher Leichtathleten wuchs mit Martin Lauer heran") bislang fortgesetzt angehimmelte Hürden-Star mit der zotteligen Haartracht und der markanten Säbelnase im Grunde schon immer ein unleidlicher Bursche war, der Deutschlands leichtathletischer Nationalvertretung die Stimmung vergällte.

Eiferte selbst das sonst so gemütliche "Hamburger Abendblatt": "Einen Denkzettel ... hat der ... wegen seiner unerfreulichen Haltung immer wieder aufgefallene Olympiasieger (4 x 100-m -Staffel) wirklich verdient..." Und man solle "sich darüber im klaren sein, daß einen so übertrieben selbstbewußten, in seiner Haltung maßlosen jungen Mann nur ein genau sitzender Schuß treffen kann." Frohlockend verkündete "Bild" die Absicht des "Deutschen Leichtathletik-Verbandes" (DLV), Lauer "für ein Jahr aus der Nationalmannschaft zu verbannen und für internationale Starts zu sperren" Der "Bild" Vorwurf gegen Lauer umfaßt eine für einen Sportler beachtliche Anhäufung von Delikten: "Unkameradschaftliches Verhalten, Schädigung des deutschen Ansehens im Ausland, Mißbrauch des Gastrechts und Verleumdung!"

Lauer selber hatte den ganzen Ärger ausgelöst. Als nämlich unlängst der DLV-Sportwart Pollmanns seinen Hürden-Flitzer ersuchte, an den beiden letzten Länderkämpfen der Saison - in Warschau gegen Polen und in Hamburg gegen Schweden - teilzunehmen ("Martin, wir haben dich nochmal nötig"), lehnte Lauer schroff ab: "Ich denke

nicht daran." Der Läufer schob die brancheüblichen Fußbeschwerden vor, suchte aber zugleich seine alpenländischen Urlaubspläne rationell mit einem Start beim Internationalen Sportfest in Meran zu koppeln: Auf diese Weise hätte er sich, was ihm im Grunde keiner verargen kann, die Reisekosten Köln-Meran und Spesen gesichert.

Lauer mußte auf eigene Kosten in den Urlaub fahren. Für seinen Finanzkniff hatte der DLV kein Verständnis; er sperrte den Läufer für alle Auslandsstarts. DLV-Vorsitzender Dr. Max Danz auf die Frage, ob denn ein Athlet gegen seinen Willen an Länderkämpfen teilnehmen müsse: "Er muß nicht - aber er muß sich auch nicht über die Konsequenz wundern, daß man künftig auf ihn verzichtet."

Im Fall des Maschinenbau-Studenten Martin Lauer waren die Konsequenzen so unangenehm wie nie zuvor bei ähnlichen Anlässen. Der DLV trommelte die Presse zusammen und brach den Stab: Plötzlich tauchten all jene Anklagepunkte auf, die nur unvollkommen mit Lauers Länderkampfabsagen verknüpft sind und derentwegen der fußschwache Meran-Startwillige noch durch den DLV-Vorstand vernommen werden soll. Alsbald blafften Breitseiten der Presse gegen die Untugenden des schlimmen Hürden-Jünglings. Resultat: ein tiefer Einblick in das Innenleben der deutschen Leichtathletik-Ländermannschaft und am Beispiel Lauers die Erkenntnis, daß selbst die reine Luft des Sports nicht das rechte Klima für Charakterschule in Selbstzucht und Bescheidenheit sein kann.

In der Tat waren die rüden Umgangsformen des mit hochentwickeltem Selbstbewußtsein behafteten Läufers (Lauer brüllte nach seinen eigenen Worten von ihm provozierte Olympia -Ordner an: "Wenn ihr mich anfaßt,

werde ich ungemütlich") kaum geeignet, die DLV-Funktionäre zu erfreuen, die Lauer häufig mit gutgezielter Bosheit schockiert hatte. Ihm wurde weiter übel vermerkt, daß er in seinem journalistischen Schaffen bei "Kicker" und "Quick" sowie in einem Fernseh-Interview das von den Italienern eingerichtete Olympische Dorf über Gebühr hart und gehässig bekrittelte und die bislang von niemandem bestätigte Behauptung aufstellte, die deutschen Offiziellen hätten dort komfortablere Wohnbedingungen genossen, bis er, Lauer, ihnen die bequemeren Betten und anderes Mobiliar ausspannte, um "unsere Stube ... der Zivilisation" zu erschließen.

Bei dieser Gelegenheit mopste er auch einen Ventilator. Wenig später vermißte Dr. Danz so ein Kühlgerät, das er aus Deutschland mitgebracht hatte und bis heute entbehren muß. Das schöne Beispiel Lauerschen Organisationstalents erinnerte Dr. Danz an den Wein, den Mannschaftsarzt Professor Reindell im Vorjahr als Kreislaufstimulantium zum Länderkampf nach Moskau mitgenommen hatte, aber nicht trinken konnte, weil Lauer den Verbrauch des Getränks bereits organisiert hatte. Professor Reindell war damals versucht gewesen, Lauer "ein paar hinter die Löffel zu hauen".

Auch die Mannschaft ließ Dr. Danz vor kurzem in Warschau wissen, sie wolle "ihn (Lauer) nicht mehr sehen". Weitspringer Steinbach zu Danz: "Es geht ein Aufatmen durch die Mannschaft, daß dieser arrogante Bursche endlich einen Denkzettel erhält." Just in Warschau hatte Lauer, der sich gern seines "Rekords an Länderkampf-Absagen" rühmt, 1958 auch einen deutschen Sieg gegen Polen verhindert, weil er, nach seinen eigenen Worten als Revanche für seine Nicht-Berücksichtigung in der Sprinterstaffel der Europa -Meisterschaft, die 400-Meter-Hürdenstrecke nicht laufen wollte.

Die Art schließlich, wie Lauer in Rom seinen zartbesaiteten Vereinskameraden Germar, der ohnehin nicht gut in Schuß war, mit haarscharf gezielter Schnodderigkeit aus der Sprinterstaffel boxte, kostete ihn den letzten Rest an Sympathien in der Mannschaft. Germar zu Journalisten "Lauer sagte: 'Du bist der miserabelste Staffelläufer in Deutschland. Du ziehst immer eine große Schau ab und hast uns bisher jeden Rekord versaut. Ich hab' dich bisher immer geschont ...'" In Rom hörte Lauer, offenbar der heimliche Chef der Mannschaft, mit der Schonung auf, raubte dem entsetzten Germar alles Selbstvertrauen und nahm dessen Platz ein. Kein Wunder, daß nach Lauers Hürden-Niederlage in Rom außer Lauer selber kein deutscher Athlet traurig war.

Auch über die schlechte Presse braucht sich der rheinische Hürden -Spezialist nicht zu wundern, hatte er doch die Rom-Reporter gleichsam als Fliegenschwärme abgemalt, die ihn laut "Quick"-Bericht "bis aufs Klo verfolgten".

Erinnert sich "Bild"-Sportredakteur Alfred Flohr: "Bei einem Sportfest sagte Lauer zu mir: 'Da rollt der Rubel, was? Ihr verdient doch nur durch meine Leistungen!'" Lauer einst nach einer kritischen Bemerkung der "Welt am Sonntag" über ihn: "Dem Erstbesten von der 'Welt am Sonntag' schlag' ich was in die Schnauze."

Nur der Sportkritiker Ludwig Koppenwallner brach im "Sport Magazin" eine dünne Lanze für Lauer, offenbar auf den Nachweis bedacht, nicht an das Lauer-Klosett gepocht zu haben: "Mir sind wache Burschen lieber als Duckmäuser."

Freilich fragt man sich, warum Lauer erst jetzt, am Saison-Ende, gerügt wurde, wo doch schon lange vorher genügend Anlaß war, gegen ihn vorzugehen. Dr. Danz: "Wir haben es lange, lange hinausgezögert." Augenscheinlich nur deshalb, weil man im Hinblick auf das römische Medaillenkonto selbst auf Lauer (Dr. Danz: "So einen hatten wir noch nie") nicht verzichten wollte. Der DLV hätte - aus ähnlichen Motiven - sogar weiterhin stillgehalten, denn auf die Frage, ob Lauer auch gemaßregelt worden wäre, wenn er in Warschau und Hamburg angetreten wäre, antwortete Dr. Danz: "Nein."

Getreu seiner Devise, den Sport nicht ungebührlich ernst zu nehmen, tönte indes Lauer gelassen aus dem Urlaub: "Nach dem Winter wird alles anders sein."

DLV-Vorsitzender Danz

Einen Denkzettel hat ...

Hürdenläufer Lauer

... der Olympiasieger verdient


DER SPIEGEL 43/1960
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