12.10.1960

FORD

Spiel mit Geheimnissen

AUTOMOBILE

Konrad Adenauer war erst 54 und noch Oberbürgermeister von Köln, als er mit dem Begründer des amerikanischen Automobil-Imperiums Ford, Henry I., den Grundstein zum deutschen Ford-Werk in Köln-Niehl legte. Zur 30. Wiederkehr des Ereignisses in dieser Woche begegnet Adenauer, nunmehr 84, dem mittlerweile zum Firmenchef avancierten Ford-Enkel Henry II.

Das Jubiläumstreffen von Kanzler und Konzern-Majestät ist indes nur einer der Reklame-Coups, den die Ford-Werber für die Festivität eingeplant haben. Ein nicht minder glanzvolles Ereignis soll das Debüt eines neuen Ford -Modells sein. Der Konzern verhieß "eines der schönsten Autos der modernen Zeit": den neuen "Taunus 17 M".

"Eine vollständige Überraschung wird das freilich nicht sein", konstatierte die Fachzeitschrift "Auto, Motor und Sport" in der vergangenen Woche, "denn verschiedene Zeitungen und Zeitschriften brachten bereits wohlgelungene Photos des neuen Kölner Autos."

In krassem Gegensatz zu den Branchen-Gepflogenheiten ist das jüngste deutsche Ford-Modell nämlich schon vor seiner offiziellen Vorstellung derart gründlich bekanntgemacht worden, daß die Umstände auf eine neue Reklame-Masche schließen lassen: Schon Wochen vor der offiziellen Auto-Premiere wird das Käufer-Interesse durch geheimnisvolle Ankündigungen angeheizt.

Bislang war unter Auto-Produzenten ein einheitliches Ritual verbindlich: Neue Firmen-Modelle wurden unter äußerster Geheimhaltung entwickelt und erst am Tage der öffentlichen Präsentation enthüllt. Die Firmen hielten sich so sorgsam an dieses Prinzip, daß sie ihre neuen Wagen außerhalb des Werkgeländes nur unter schützenden Zeltplanen transportierten. Zuweilen

ließen sie gar die Karosserie der Modelle durch zusätzliche Aufbauten tarnen. Längere Testfahrten, für die werkseigenes Gelände zu klein ist, wurden in abgelegenen, menschenleeren Landstrichen absolviert - etwa in Lappland oder in der Sahara.

Mitunter wurden einige auserwählte Fachjournalisten unterrichtet, aber durch Sperrfrist-Abmachungen zum Schweigen verpflichtet. Bis vor kurzem erwies sich der Geheimhaltungsschleier der Konzerne als undurchdringlich.

Merkwürdigerweise ließen aber einige Automobil-Firmen in demselben Maße in ihren Sicherheitsbemühungen nach, in dem sich der Konkurrenzkampf verschärfte. So widerfuhr es den mit einem außerordentlich wendigen Pressechef ausgestatteten NSU-Werken, daß Photos des neuentwickelten "Prinz"-Modells schon lange vor dem offiziellen Auto-Debüt in den Zeitungen erschienen und - naturgemäß - das Interesse von Kleinwagen-Konsumenten schürten.

Auch den Opel-Werken gelang es plötzlich nicht mehr, die vorzeitige Veröffentlichung eines Photos vom neuen "Rekord"-Modell zu verhindern.

Als vollends unfähig aber, ein neues Modell vor der Öffentlichkeit zu verbergen, erwiesen sich die Kölner Ford -Werke - eine Schwäche freilich, die dem Unternehmen - den zusätzlichen Reklamewert umfänglicher Illustrierten-Berichte verschaffte. Just um die Zeit nämlich, da die Konkurrenzfirma Opel die Präsentation des neuen "Rekord" vorbereitete, sickerte auf geheimnisvolle Weise die Kunde von einem gänzlich neuen Ford durch.

Bereits im Frühjahr konnte die französische Zeitschrift "L'Auto-Journal" ein Bild des "Taunus 61" veröffentlichen. Wenig später erschien dasselbe Photo auch in "Auto, Motor und Sport".

Im August breitete dann die "Welt am Sonntag" sowohl technische Einzelheiten als auch Photos vom neuen "17 M" vor ihren Lesern aus. Was die "WamS"-Kunden in ihrem Blatt ausmachen konnten, war ein augenscheinlich attraktives Automobil, das sich mit seiner tiefliegenden, nach dem Vorbild amerikanischer Kompakt-Wagen abgerundeten Karosserie von der Trapezform gängiger westdeutscher Mittelklasse-Wagen radikal unterscheidet.

Die mit Photographien dokumentierte Kunde von dem neuen Fahrzeug mußte zwangsläufig manchen Interessenten vorerst vom Kauf eines anderen Mittelklasse-Wagens abhalten, so lange jedenfalls, bis er auch den neuen Ford in einer Probefahrt würde getestet haben können. Wem sich indes nun der Verdacht aufdrängte, diese Ford-förderlichen Zeitungsberichte seien durch geschickte Werbepropaganda ausgelöst worden, erfuhr Widerspruch durch Ford-Pressechef Christoph Schmitt.

Daß die Geheimhaltungsvorschriften der Ford-Leute aber auf befremdliche Weise lax gehandhabt wurden, erhellt schon aus einem Sachverhalt: Wagen des neuen Ford-Typs kurvten gelegentlich ohne jede Schutzverkleidung durch das Rheinland. So vermochten Photoreporter der Illustrierten "Quick" den neuen "Taunus 17 M" mühelos auf offener Straße zu knipsen. "Am 7. September", lautete die Erfolgsmeldung des Bilderblatts, "als die ersten Rechtslenker den ausländischen Importeuren vorgeführt wurden, war der Elektronenblitz unseres Reporters schneller als die Werkspolizei."

Nun verbreitete auch die Deutsche Presse-Agentur ein Photo, das den neuen Ford hinter einem Maschendrahtzaun zeigte (Pressechef Schmitt: "Der Wagen wird doch nun einmal produziert. Man kann ihn doch sehen"); und die "Neue Illustrierte" breitete einen Bildbericht ihres Star-Photographen Wolfgang Weber, der einige der neuen Ford-Wagen bei Versuchsfahrten in der Sahara aufgenommen hatte, über drei Seiten aus.

"So entdeckte ich die Testautos durchs Flugzeugfenster", brüstete sich Reporter Weber unter einem Bild, das - aus der Sicht eines Kabinenfensters aufgenommen - zwei Automobile in der Wüstenlandschaft zeigt. Weber behauptet, der algerische Flugzeugpilot habe ihm einen Tip gegeben: "Deutsche. Testen neues Modell. Spielen Geheimnis. Haben Autonamen zugeklebt."

Das habe ihn, berichtet Weber, sogleich angespornt, das Geheimnis der Wüsten-Mobile zu enträtseln: Er habe einen Lastwagen samt Fahrer und drei Arabern angeheuert, sich selbst als französischer Monteur getarnt und eine Panne in der Nähe des Testgeländes vorgetäuscht. Resultat, laut Weber: Die Ford-Tester ließen sich düpieren, eilten hilfreich herbei und wurden samt Fahrzeug vom Reporter-Pfiffikus flugs geknipst.

Diese Version, die das Kölner Blatt in der vorletzten Woche ernsthaft verbreitete, mußte den Illustrierten-Lesern als beachtliche, vom Glück begünstigte Reporterleistung erscheinen. In Wirklichkeit freilich hatte Photograph Weber die Testautos ohne Mühe finden können.

Ford-Pressechef Schmitt selbst hatte ihm vor Monaten den Sahara-Tip gegeben.

Neuer Ford 17 M: Wüsten-Test mit Illustrierten-Reporter

Ford II.


DER SPIEGEL 42/1960
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