02.11.1960

JACCOUD

Ein gewisses Lächeln

VERBRECHEN

Der 53jährige Berner Arzt Dr. Hans Martin Sutermeister wird sich demnächst vor einem Züricher Gericht gegen den Vorwurf verteidigen müssen, die prominentesten Gerichtsmediziner der Schweiz als verantwortungslose Nichtskönner diffamiert zu haben. Urheber dieser Klage ist einer der einflußreichsten Kriminologen der Eidgenossenschaft: Pierre Hegg, Leiter des Genfer Polizeiwissenschaftlichen Laboratoriums.

Pierre Hegg sieht sich dadurch in seiner Ehre gekränkt, daß der Arzt Sutermeister seit Monaten in Wort und Schrift bemüht ist, an dem Wirken Heggs und anderer Kriminalwissenschaftler "den Einbruch des Dilettantismus in die Gerichtsmedizin" nachzuweisen - "und das in einem Lande, das sich sonst der Präzisionsarbeit verschrieben" habe.

Tatsächlich ist die Ehrverletzungs-Klage des Kriminologen Hegg nur der jüngste Zwischenfall auf einem leidenschaftlichen Kreuzzug, durch den Amateurdetektiv Sutermeister die Öffentlichkeit und die Gerichte seines Landes zwingen will, einen der umstrittensten Prozesse dieses Jahres abermals aufzurollen: den Prozeß gegen den Genfer Star-Anwalt und Politiker Pierre Jaccoud, der am 4. Februar wegen Totschlags zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden war.

Aufgrund der Expertisen des Polizeiwissenschaftlers Hegg und seiner Kollegen hatten die Geschworenen die Anklage-These akzeptiert, Jaccoud sei - von Eifersucht getrieben - in der Nacht des 1. Mai 1958 in das Haus seines Nebenbuhlers Andre Zumbach eingedrungen und habe dabei dessen Vater, den Landmaschinen-Händler Charles Zumbach, getötet.

Da Jaccoud jegliche Täterschaft leugnete und Zeugen für die Tat fehlten, waren die Geschworenen ausschließlicht auf Indizien angewiesen. Als Beweismittel boten sich an:

- ein marokkanischer Dolch, der in Jaccouds Besitz gefunden wurde und mit dem vier Stiche gegen Zumbach geführt worden sein sollen;

- Blutspuren an einem blauen Gabardine-Mantel und in der Tasche eines Jacketts von Jaccoud;

- das Fehlen eines Alibis des Angeklagten für die Mordnacht.

Der marokkanische Dolch und die zahlreichen Blutspuren wurden Pierre Jaccoud zum Verhängnis: Experte Hegg hielt nach seinen Untersuchungen für erwiesen, daß die roten Flecken am Dolch Spuren von Menschenblut waren, ja, dem Körper des Charles Zumbach entstammten.

Dem Prozeß-Beobachter Sutermeister aber wollten die Untersuchungsmethoden des Kollegen Hegg, "eines Autodidakten ohne gründliche Ausbildung, der sich schon häufiger irrte", nicht behagen. Er hätte sich nun freilich niemals der Untersuchungsmethoden Heggs kritisch angenommen, wäre er nicht von Anfang an überzeugt gewesen, daß Jaccoud unschuldig sei. Das von der Anklage genannte Tatmotiv - Eifersucht - vermochte den Berner Arzt nicht zu überzeugen.

Jaccoud habe zur Zeit der Tat - so begründet Sutermeister sein Vorurteil zugunsten des Angeklagten - gewußt, daß seine Geliebte Linda Baud schon längst aus den Armen des Zumbach -Sohnes in die eines belgischen Uno -Beamten gewechselt hatte. Glaubt der Arzt mit Jaccoud-Verteidiger Floriot: "Man ist nicht rückwirkend eifersüchtig. Man ermordet nicht über einen neuen Nebenbuhler hinweg den Vater des uninteressant gewordenen alten Rivalen."

Der Arzt aus Bern entschloß sich, eigene Nachforschungen anzustellen. Er entdeckte bald, daß es im Mai 1958 sehr wohl Leute gab, die ein Interesse am Hinscheiden des Vaters Zumbach haben konnten. Der Ermordete hatte sich nämlich - so Sutermeister - dem nicht ungefährlichen Waffenhandel ergeben.

Ein anonymer Brief führte den schweizerischen Sherlock Holmes auf die neue Spur: Der unbekannte Skribent behauptete, Charles Zumbach sei ermordet worden, weil er den algerischen Rebellen für 12 000 Dollar Sprengstoff geliefert habe, der nicht zündete.

Auf dieser Fährte stieß der Amateurdetektiv schließlich auf eine Bande internationaler Gauner und Waffenhändler, denen es gefallen hatte, ausgerechnet die Garage des Charles Zumbach als Hauptquartier auszuwählen. Angeführt von dem ehemaligen Indochina-Legionär Reymond, hatte die Bande - zweifellos ohne Wissen Zumbachs - in der Garage auch Dolche und Stellmesser aufbewahrt, die nach Sutermeister als Mordwaffen in Frage kommen könnten.

Weiteren privaten Nachforschungen wußte sich die Reymond-Bande freilich zu entziehen; ihre Mitglieder wurden bei einem Einbruch in einer Genfer Migros-Filiale verhaftet. Argwöhnt Sutermeister: "Sie ließen sich erwischen. Das ist so ihre Methode, um in Sicherheit zu kommen."

Ein Freund der Bande war jedoch in Freiheit geblieben: der politische Abenteurer Jérémie Dayer, von Beruf Imker und den Lesern aller Boulevardblätter von Paris bis Hamburg als "der geheimnisvolle Monsieur X" bekannt. Und Sutermeister erinnerte sich nun an eine Stelle des Polizeiprotokolls zum Fall Jaccoud, in dem auch der Name Dayer aufgetaucht war:

Der Genfer Fuhrunternehmer Detraz hatte damals ausgesagt, er habe den Dayer kurz vor dem Zumbach-Mord kennengelernt und von ihm erfahren, daß er am Abend des 1. Mai 1958, also am Mordabend, Zumbach besuchen wollte, um ihm dessen Haus abzukaufen. Um 20.30 Uhr habe Detraz den Händler in Plan-les-Quates - zwei Kilometer entfernt von Zumbachs Haus - abgesetzt, da er keine Zeit mehr gehabt habe, ihn bis vor das Zumbach - Anwesen zu fahren.

Dem Amateurdetektiv Sutermeister aber erschien es merkwürdig, daß die Züricher Polizei dieser Fährte nicht weiter nachgegangen war. Der Imker Dayer galt offiziell als verschwunden. Erst als Sutermeister die Öffentlichkeit auf Dayer hetzte, bequemte sich die Polizei, den gar nicht, so geheimnisvollen Monsieur X aufzuspüren und zu verhören. "Mit um so größerer Freude" (Sutermeister) vernahmen die Kriminalisten, daß Dayer alles ab stritt, obwohl Fuhrunternehmer Detraz seine Version aufrechterhielt. Die Polizisten akzeptierten Dayers Aussage.

Angesichts solcher Haltung der Polizei bemächtigte sich des Dr. Sutermeister der Verdacht, die Polizei, nur noch an der Jaccoud-Schuld interessiert, Wolle ebenso eifrig für Dayer ein Alibi finden, wie ihre Kriminologen durch zweifelhafte Experimente Jaccoud zum Täter gestempelt hatten. Behauptet der Arzt: "Die gerichtsmedizinischen Expertisen bauten auf einer Kette falscher Schlüsse und falscher Voraussetzungen auf."

Schon die bedächtige "Neue Zürcher Zeitung" hatte berichtet, das Auftreten des Polizeiwissenschaftlers Pierre Hegg im Jaccoud-Prozeß habe man "mit einem gewissen Lächeln" quittiert. Offenbar erinnerte sich das Blatt an ein zurückliegendes Verfahren, in dem Experte Hegg beschuldigt worden war, bei einem Gutachten Menschenblut mit Schweineblut verwechselt zu haben. Sein damaliger Verteidiger: Pierre Jaccoud.

Kritiker Sutermeister weist denn auch seinem Kollegen Hegg eine unwissenschaftliche Behandlung der Beweismittel nach. Schiere Phantasie aber unterstellt er dem Kriminologen bei der Untersuchung des Jaccoud-Dolches.

Hegg hatte vor den Geschworenen erklärt, am Dolch fänden sich Leberzellen aus dem Körper Charles Zumbachs; sie hätten sich deshalb so gut an dem Stahl erhalten, weil die Ziselierung des Dolches günstige Haftmöglichkeiten bot. Sutermeister aber hält dem Hegg entgegen, ihm sei "offenbar nicht aufgefallen, daß die Ziselierung an dem bei Jaccoud gefundenen Dolch erst 8,5 Zentimeter hinter der Spitze einsetzt, das Tatwerkzeug jedoch nachweislich nur einen Zentimeter in die Leber des Opfers eingedrungen war".

Kritisiert Sutermeister weiter:

- Die Experten hätten bei ihren Untersuchungen sämtliche Blutspuren aufgebraucht, wodurch jede Gegenexpertise von vornherein unmöglich gewesen sei - ein Verstoß gegen die anerkannte Gerichtspraxis.

- Hegg habe bei seinen Blut-Untersuchungen nur mit dem Mikroskop (nicht mit chemischen Analysen) gearbeitet, obwohl bekannt sei, daß bei dieser Methode Menschenblut von bestimmten Tierblut-Arten nicht unterschieden werden könne.

- Die zur Blutalter-Bestimmung verwendete Methode gelte seit 1934 als unzuverlässig, ebenso die gleichfalls im Jaccoud-Prozeß praktizierte Methode, mit Serum Blutflecken aufzufrischen.

Um seinen Thesen noch größere öffentliche Durchschlagskraft zu verleihen, setzte Hans Martin Sutermeister Mitte Oktober auf dem in Graz tagenden Kongreß der Gerichtsmediziner seine Kritik an Polizeiwissenschaftler Hegg fort. Die Gerichtsmediziner lohnten denn auch seine Bemühungen mit lautstarkem Beifall.

Doch noch ehe Sutermeister den Namen Jaccoud in die internationalen Schlagzeilen lanciert hatte, erhielt er die Nachricht, Pierre Hegg habe einen Beleidigungsprozeß gegen ihn angestrengt. Dazu Sutermeister: "Da sollte wohl verhindert werden, daß ich in Graz vor Fachkollegen den Fall Jaccoud erwähnte. Aber wir sind wohlvorbereitet."

Hegg

Sutermeister


DER SPIEGEL 45/1960
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