02.11.1960

ANDERSCHRot in Venedig

Auf die Frage, welches seine literarischen Ziele seien, antwortete der heute 46jährige Schriftsteller Alfred Hellmuth Andersch: "Die allerehrgeizigsten." Ferner ließ er wissen: "Meine Beziehung zum Schreiben ist ziemlich sicher erotischer Natur."
Diese Auskünfte des nie um effektvolle Selbstdeutung verlegenen Autors wurden im Herbst 1958 in einer Reklameschrift des Walter-Verlags veröffentlicht. Zwei Jahre später, in diesen Tagen, liegt die neueste Frucht von Anderschs strebsamer Schreiberotik vor: der Roman "Die Rote"**. Der Verlag gab bekannt, er habe "gewichtige Gründe zur Vermutung", der Roman "werde über seine Rolle im literarischen Gespräch dieser Tage hinaus einen festen Platz einnehmen in der modernen deutschen, der modernen europäischen Literatur".
Zweifellos ist Alfred Andersch bei der Abfassung seines Romans von großen Ambitionen getrieben worden. Nicht nur sein auf der letzten Buchseite gedruckter Vermerk "Begonnen am 29. 12. 1957 in Venedig, beendet am 20.12.1959 in Berzona (Onsernone)", der möglicherweise für künftige Andersch-Philologen bestimmt ist, läßt höheren Ehrgeiz ahnen, sondern auch das typographische Arrangement: Abschnitte in gewöhnlichem Druck wechseln mit kursiv gesetzten und kleingegeschriebenen.
Außerdem hat der ehemalige Nachtprogramm-Redakteur und Herausgeber avantgardistischer Literaturzeitschriften in seinem neuen Werk beinahe nichts unerwähnt gelassen, was ihm als modischer Gesprächsstoff gilt: Jackson Pollock, Tintoretto, Rock'n'Roll, Brahms, Jimmy Giuffre, Monteverdi, Elvis Presley, Samuel Beckett, William Faulkner, Mickey Spillane, Neoverismus und Teakholz.
Mit diesen Ornamenten hat Andersch laut Verlagstext "ein metaphysisches Bild der 'Lage' skizziert" - der Situation also, in der sich der Westeuropäer heute, fünfzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, befindet.
Dieser "Lage" durchaus angemessen, erweist sich denn auch die weibliche Hauptfigur, die "Rote", keineswegs - wie der Roman-Titel des einstigen Jungkommunisten Andersch vielleicht vermuten ließe - als eine Revolutionärin oder Ost-Agentin, sondern lediglich als eine Frau, deren Haarfarbe die meisten männlichen Romanfiguren zu erotischen Träumereien inspiriert: "Die Rothaarigen sollen ja schärfer sein."
Franziska Lukas, etwa 30, aus dem rheinischen Düren stammend, von Beruf Dolmetscherin, verheiratet und seit sehr kurzem legaler guter Hoffnung, ist im Mailänder "Café Biffi" (Andersch: Ich habe es gern, ... in Cafés in Paris und Italien zu sitzen") ihrem Manne Herbert, einem Dortmunder Vertreter mit mangelndem Faulkner-Verständnis und kunstgeschichtlichen Neigungen (Andersch: "Nicht besonders gern mag ich Kunstgeschichte"') auf und davon gegangen. Verlassen hat sie damit gleichzeitig ihren von Herbert stillschweigend gebilligten Liebhaber Joachim, Herberts Chef, sowie die "falsche Ordnung und die falsche Sauberkeit" Westdeutschlands, das sie, als zeitkritisches Sprachrohr ihres seit 1958 in Berzona (Tessin) lebenden Schöpfers, als "langweilig" und "Land ohne Geheimnisse" tadelt. Ohne Gepäck und mit nur wenig Geld kommt sie im winterlichen Venedig an und mietet sich ein Hotelzimmer.
Mit dieser Geschichte eines Aufbruchs ins Unbekannte hat Andersch sich abermals einem Thema zugewendet, das seinen Lesern nach dem autobiographischen Desertionsbericht "Die Kirschen der Freiheit" (1952) und dem mehrfach preisgekrönten Roman "Sansibar oder der letzte Grund" (1957) bereits wohlvertraut ist: der Flucht. Den Hörern des Südwestfunks und Radio Bremens könnten von Anderschs neuem Buch obendrein aber auch die kriminalistischen Wirrungen bekannt vorkommen, in die Franziska während ihres Aufenthalts in Venedig verstrickt wird.
Im März dieses Jahres nämlich hatten die beiden Rundfunkstationen zur "Woche der Brüderlichkeit" gemeinsam ein Andersch-Hörspiel gesendet, das ebenfalls einen Farb-Titel hatte: "Der Albino". Die Fabel des "Albino" ist in den wesentlichen Zügen mit dem kriminalistischen Teil der "Roten" identisch.
Im Hörspiel wie im Roman ist der Albino ein ehemaliger Gestapo-Beamter namens Kramer, der nach dem Krieg in Italien untergetaucht ist und nun einer Nazi-Untergrundorganisation angehört, die deutschen Neonazis und Antisemiten zur Flucht nach Ägypten verhilft. Kramer: "Später stand dann wieder unsere Organisation, ein verschworener Häufen, kann ich Ihnen sagen, wir beschränken uns bewußt darauf, den Opfern der jüdischen Rache beizustehen, ich bin der beste Fachmann unserer Organisation für Passagen in die arabischen Länder, Geld ist genug vorhanden."
Gleichfalls im Geschmack politischer Kolportage - Klischees geformt und gleichfalls dem Hörspiel entlehnt ist der anglo-irische Bierbrauersohn und Jachtbesitzer Patrick O'Malley, der im Krieg englischer Geheimagent gewesen war und während eines Spionageunternehmens in Deutschland gefangengenommen wurde. Gestapo-Mann Kramer hatte ihm damals das Leben gerettet, allerdings um einen hohen Preis: O'Malley mußte Verrat begehen.
In Venedig ist nun der unter dem Verlust seiner Offiziers- und Gentleman-Ehre leidende O'Malley seinem verhaßten Lebensretter Kramer wiederbegegnet. Geduldig wartet der Anglo-Ire auf die rechte Gelegenheit, um mit einem "Mord im Dunklen" den Urheber seiner Ehrlosigkeit zu beseitigen. Die "Rote", deren Bekanntschaft er trotz seiner homosexuellen Neigungen mit jener geschwinden Direktheit macht, die sonst nur die Helden wunschträumerischer Film- und Kolportage-Autoren auszeichnet, soll ihm dabei als Lockvogel und Zeugin dienen. "Ich bin in einen Kriminalroman geraten", erkennt die rothaarige Dame bestürzt, "das gibt es doch gar nicht, Kolportage gibt es doch gar nicht, es gibt keine 'gangs', keinen Untergrund, keine Verfolgungen, das sind doch Erfindungen von Chandler, von Spillane."
Indes, so viel ungläubiges Staunen seiner Titelheldin hat Andersch nicht davon abhalten können, sein kriminalistisches Garn bis zum finsteren Ende weiterzuspinnen. Eine Flasche vergifteten Bieres aus der väterlichen Brauerei - "It tastes so clean, it tastes so cool, O'Malley's beer from Liverpool" -, von O'Malley jr. aus der "köstlichen kleinen Teakholz-Pantry" der Luxusjacht herbeigeschafft, sorgt in Abwandlung der Hörspiel-Knallerei für Kramers geräuschlosen Roman-Tod in Venedig. "Ist er tot?" erkundigt sich Franziska mit einem Blick auf die Bier-Leiche. "Wirklich tot?". Und Patrick O'Malley bestätigt: "Hundertprozentig."
"Das klingt nach Klischee und Kriminalroman, und das ist auch Klischee und Kriminalroman", urteilte der Kritiker Kurt Lothar Tank, fügte jedoch verständnisvoll hinzu: "Aber zugleich ist es, ähnlich wie bei Graham Greene, die einzig mögliche Doppelkulisse, in der es glücken kann, 'der Wahrheit' habhaft zu werden."
So lobenswert der Versuch ist, der Wahrheit habhaft zu werden - die von Andersch aufgestellte Doppelkulisse erweist sich keineswegs als dazu angetan, seiner Wahrheitssuche zum Erfolg zu verhelfen. Zumal Anderschs um weltmännische Eleganz bemühtes Vokabular läßt die Wirklichkeit der Jahrhundertmitte unter einer Politur verschwinden, die der Schein-Sachlichkeit gestalteter Musikmöbel ähnelt.
Andersch beschreibt eine Hotel-Szene: "Dann der Kellner mit dem geschult herbeigezogenen Stuhl, Maria ließ sich den Mantel nicht abnehmen, einen weichen, leichten, sehr hellen Mantel im Charleston-Stil mit einem etwas dunkleren runden Pelzkragen, aus einem langhaarigen kostbaren Pelz, der unter einer Bewegung, in einem Atemhauch, sich öffnete wie Gefieder oder Wassersträhnen, bernsteinfarben unter dem leuchtenden Nachtschwarz ihres gleichfalls im Charleston-Stil gewellten, halblangen Haares ... "
Die Kulisse mondänen Hotelbetriebs hat es dem Schriftsteller Alfred Andersch spürbar angetan, und ebenso illustre Damenober- und -unterbekleidung. Die schicksalsträchtige Begegnung mit O'Malley läßt Andersch seine Heldin, deren Dessous er einmal als "sehr einfach, ohne Spitzen, ohne Raffinessen, aber sehr elegant" klassifiziert, im "Tea-Room" des "Pavone" ("erstklassiges Hotel, geschultes Personal, gutes Publikum") erleben.
Dort sinniert Franziska über ihr Visavis: "Er muß Engländer sein, goldener Windsor-Knoten also, etwas sehr Elegantes umfloß ihn hinter den Blumen, wissende, gespannte Eleganz, gleichwohl von Schmelzflußzartheit überspielt, von Politur, von Schönheit fast."
"Man (kann) die Feststellung nicht unterlassen", kritisierte der "Rheinische Merkur", "daß hier wieder einmal das ,Milieu' ganz einfach falsch geschildert ist: nämlich so, wie sich der kleine Mann die große Welt vorstellt."
Das Ende seines Romans freilich läßt Autor Andersch, offenbar dann doch ermüdet von der großen Welt, in anderer Umgebung spielen: Nach O'Malleys Mord an Kramer gerät die Rote mit der ihr eigenen Fähigkeit, schnell Bekanntschaft zu schließen, an einen ehemaligen Spanienkämpfer und Ex-Partisanen, der nun als Orchestergeiger arbeitet.
Dieser heimatlose Linke bringt Franziska schließlich in sein proletarisches Elternhaus und verschafft ihr eine Stellung als Arbeiterin, in einer Fabrik. Monologisiert die einstige Dortmunder Dolmetscherin: "Später konnte ich vielleicht eine Stellung in meinem Beruf finden, dann verdiente ich viel mehr Geld, konnte mir einen Anwalt nehmen und die Scheidung von Herbert betreiben. Aber es mußte eine Stellung in Mestre (bei Venedig) sein. Vorläufig eilte es nicht damit. Ich rauchte eine Zigarette. Ich war ganz zufrieden."
Den Kritiker der "Welt am Sonntag" wie auch den des "Rheinischen Merkur" erinnerte dieser Schluß an das Werk eines deutschen Autors, mit dem verglichen zu werden den Schriftsteller Andersch kaum erfreuen mag: Ernst Wiechert, Verfasser des gefühlsträchtigen Romans "Das einfache Leben" (1939).
Der "Merkur"-Kritiker Anton Böhm spottete über "Die Rote": "Das einfache Leben ... Wiechert ging zu diesem Behuf in die Wälder, Andersch geht in die Seifenfabrik. Durch Rothaarigkeit dazu symbolisch prädestiniertes Luxusgeschöpf entdeckt in sich guten Kern, entsagt Wohlleben total verderbter Oberschicht und kehrt zur Reinheit des Ursprungs zurück. Wie in einem Reinigungsbad taucht sie im ,Proletariat' unter."
Freilich scheint sich auch Alfred Andersch über die Problematik dessen, was er schrieb, hinreichend Gedanken gemacht zu haben. Wie um Einwänden zuvorzukommen, läßt er seine Heldin über ihre Vorliebe für das italienische Arme-Leute-Milieu meditieren: "Wahrscheinlich ist das Ganze eine literarische Idee, ausgelöst von neorealistischen Filmen, ein bißchen Faszination von der Poesie südlichen Proletariats, das italienische Proletariat ist literarisch en vogue."
** Alfred Andersch: "Die Rote"; Walter-Verlag, Olten und Freiburg; 296 Seiten; 14,80 Mark.
Erfolgs-Autor Andersch
Schreiben als Erotik

DER SPIEGEL 45/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ANDERSCH:
Rot in Venedig

Video 00:49

Volvo Ocean Race Beinahe-Crash mit Zuschauerbooten

  • Video "Volvo Ocean Race: Beinahe-Crash mit Zuschauerbooten" Video 00:49
    Volvo Ocean Race: Beinahe-Crash mit Zuschauerbooten
  • Video "Sexuelle Übergriffe: So sehen wir das" Video 10:37
    Sexuelle Übergriffe: So sehen wir das
  • Video "Cliff Diving: Spektakuläre Sprünge aus 27 Metern Höhe" Video 00:55
    Cliff Diving: Spektakuläre Sprünge aus 27 Metern Höhe
  • Video "Zuzugsstopp für Flüchtlinge: Die Aufteilung ist schlecht" Video 04:57
    Zuzugsstopp für Flüchtlinge: "Die Aufteilung ist schlecht"
  • Video "Webvideos der Woche: Der will nicht nur spielen!" Video 05:07
    Webvideos der Woche: Der will nicht nur spielen!
  • Video "Liberale Moschee Berlin: Beten gegen den Hass" Video 03:27
    Liberale Moschee Berlin: Beten gegen den Hass
  • Video "Chelseas Aufholjagd: Contes Joker sticht" Video 02:58
    Chelseas Aufholjagd: Contes Joker sticht
  • Video "Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer" Video 07:01
    Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer
  • Video "Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest" Video 01:42
    Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest
  • Video "Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien" Video 01:06
    Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien
  • Video "Entmachtung der katalonischen Regierung: Die Straßen in Barcelona sind voll" Video 01:46
    Entmachtung der katalonischen Regierung: Die Straßen in Barcelona sind voll
  • Video "Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten" Video 01:43
    Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten
  • Video "Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer" Video 01:18
    Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer
  • Video "Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen" Video 01:58
    Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen
  • Video "Katalonien-Konfikt: Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich" Video 02:01
    Katalonien-Konfikt: "Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich"