16.11.1960

ULBRICHT-BIOGRAPHIEDer Frühberufene

Was bislang nur von den Regsameren unter den anderthalb Millionen Mitgliedern der Sozialistischen Einheitspartei erahnt worden war, hat Otto Gotsche, der Persönliche Referent Walter Ulbrichts, jüngst auch dem Rest der werktätigen Massen in der DDR enthüllt: Der Zonen-Diktator war schon von frühester Jugend an um solide Grundlagen für eine ideologisch einwandfreie, zudem möglichst glanzvolle politische Karriere besorgt.
Privatsekretär Gotsche, von seinen Freunden auch Schriftsteller genannt, vermittelte dieses biographische Detail über seinen Brotgeber in einem Aufsatz, der in den "Beiträgen zur Universitätsgeschichte" der Leipziger Karl-Marx-Universität abgedruckt und sogleich von zahlreichen SED-Blättern übernommen wurde.
Der Eifer der Partei-Journalisten kam nicht von ungefähr, durften sie doch hoffen, mit Hilfe der Gotsche-Erzählungen sowohl das menschlich ideologische Ansehen ihres kürzlich zum
höchsten Staatsamt aufgerückten Oberherrn anzuheben als auch durch die Schilderung der bisher kaum bekannten Ulbrichtschen Lehr- und Wanderjahre jenen böswilligen Gerüchten entgegenzutreten, die dem Spitzbart-Funktionär unlauteren Lebenswandel nachsagten.
Tatsächlich gab es in der DDR einschlägige Prozesse, deren bislang letzter im vorigen Jahr dem Gießer Georg Walter Gleißner vor dem Kreisgericht Delitzsch gemacht worden war. Der Beschuldigte hatte behauptet, er habe mit Walter Ulbricht während dessen frühen Leipziger Jahren Skat gespielt und wisse, daß der heutige Staatsrats-Vorsitzende seinerzeit Bordellbesitzer und Zuhälter gewesen sei.
Auch hatte der Gießer Gleißner zu wissen vorgegeben, warum der Genosse Walter Ulbricht einen Spitzbart tragen müsse: weil "er eine Verletzung im Gesicht hat, die ihm damals von einer Nutte mit einem Bierglas beigebracht wurde".
Der vorgebliche Ulbricht-Spezi Gleißner, außerstande, seine Behauptungen zu beweisen, ging für acht Monate ins Gefängnis, und der Westberliner "Tagesspiegel", der Ulbricht in einem Kommentar zu dem Verfahren eben noch eine Vorstrafe wegen Zuhälterei attestiert hatte, mußte diese Behauptung wenige Tage später nach Einsichtnahme in die Akten "in Erfüllung einer selbstverständlichen journalistischen Pflicht" zurücknehmen.
Trotz dieser westlichen Ehrenrettung verstummten die Flüster-Gerüchte mißvergnügter DDR-Insassen über die angebliche Bordellier-Karriere des SED -Chefs nicht. Den Partei-Chargen aus dem engeren Führungskreis erschien es deshalb opportun, den abträglichen Mutmaßungen über Ulbrichts Leipziger Tage durch eine ebenso aufbauende wie detaillierte Biographie zu begegnen.
Otto Gotsche unterzog sich dieser Aufgabe mit jenem Fleiß, den er sonst nur zur stilistischen Korrektur der Reden seines Chefs aufzuwenden hat. Die Arbeit wurde ihm freilich durch die Lektüre eines Bändchens zum Thema Ulbricht erleichtert, das der inzwischen verstorbene Kulturminister der DDR und Parteipoet Johannes Robert Becher zwei Jahre zuvor - freilich ohne den erhofften Verkaufserfolg - publiziert hatte.
Hatte Becher, seiner Mentalität entsprechend, ein mehr sentimentales Lebensbild des großen Genossen entworfen - Becher: "Wir alle ... lieben dich, Walter Ulbricht, den deutschen Arbeitersohn" -, so unternahm es Gotsche, die Karriere seines Führers als Ergebnis unermüdlicher Emsigkeit und eisernen Willens darzustellen.
Daß der Walter Ernst Paul Ulbricht, 1893 als Sohn eines sozialdemokratischen Schneiders und einer politisierenden Mutter zu Leipzig geboren, schon im zarten Kindesalter wußte, wo sein Platz in dieser Welt war, zeigte sich - laut Gotsche - schon daran, daß der aufgeweckte Knabe, eben erst des Lesens kundig, seinem Papa Leitartikel aus der sozialdemokratischen "Leipziger Volkszeitung" vorlas. Später, als Tischlerlehrling, betrieb der klassenbewußte und bildungshungrige Walter ein umfassendes autodidaktisches Studium. Er besuchte "Abendvorträge über deutsche Literatur, über Fragen der Pädagogik und andere Themen. Gleichzeitig lernte er Stenographie".
Auch die Körperertüchtigung kam nicht zu kurz. Gotsche: "Daran hält er noch heute eisern fest, mehr als 50 Jahre nach seinem Eintritt in den Arbeiterturnverein 'Eiche' in Leipzig." Nach Abschluß seiner Lehre begab sich Turner Walter auf Wanderschaft. Gut zu Fuß, durchstreifte er "große Teile Deutschlands, die Schweiz, kam bis nach Italien, wanderte durch Belgien ..."
Doch: "Er wanderte nicht schlechthin, ... für ihn war die Wanderschaft planmäßiges, wohlüberlegtes Studieren." In der Schweiz beispielsweise trieb er, so Referent Gotsche, "geologische Grundstudien". Er hielt sich "tagelang" in Museen auf, beschäftigte sich mit Architektur und ergründete die gesellschaftliche Entwicklung vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Lobt Gotsche: "Oberflächlichkeit war ihm fremd."
Wiederum in Leipzig und - schon vor dem Ersten Weltkrieg - Parteifunktionär, setzte die "Vielfalt der Fachrichtungen seines Studiums ... in Erstaunen. Das Studium umfaßte: ökonomische Probleme des Kapitalismus und Sozialismus; Naturwissenschaften; Geschichte des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit; allgemeine Geschichte der Arbeiterbewegung; politische Geschichte; Architektur; Geologie; Literatur; Geschichte und Entwicklung der Luftfahrt".
Später freilich mußte sich auch ein so universeller Geist wie der des Jungturners Ulbricht auf eine Auslese konzentrieren. Er wählte als Hauptfächer Ökonomie, Naturwissenschaft und Geschichte, was ihn sehr bald in die Lage versetzte, Beiträge zu so grundsätzlichen Themen wie "Die Triebkräfte der deutschen Reformation" zu verfassen.
Dem angesichts eines solchen Maßes an Bildung ergriffenen Gotsche ist gerade diese - erst kürzlich in Leipziger Archiven aufgefundene - Arbeit ein sinnfälliges Beispiel für die Studienerfolge Ulbrichts, in denen der Privatsekretär den vom sächselnden Jungsozialisten bewußt vorbereiteten und gelieferten Befähigungsnachweis zu höchsten Partei- und Staatsämtern zu erkennen glaubt.
In aller Unschuld gibt Gotsche auch jenen Nachsatz zu Ulbrichts mit "Vollkommen gut!" zensierten "Triebkräften der deutschen Reformation" wieder, der sich - von unbekannter Hand niedergeschrieben - auf dem vergilbten Manuskript findet: "Die Arbeit ist nach Form und Inhalt so vollendet, daß ich stark bezweifeln muß, ob sie der Verfasser ohne irgendwelche Hilfsmittel angefertigt hat!"
Ulbricht (1898)
Wanderbursche Ulbricht (M.), 1910: Zielstrebig zum Gipfel
Diskussionsredner Ulbricht (1931)*: Unlauterer Lebenswandel?
* In einer Versammlung der NSDAP. Links: Dr. Joseph Goebbels.

DER SPIEGEL 47/1960
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