16.11.1960

SAUERBRUCHTod des Titanen

N'n Fehler von mir sieht man über hundert Jahre an de Wand häng'n. Wenn Sie 'n Fehler machen, dann deckt ihn anderntags der jriene Rasen.
Der Maler Max Liebermann zu Professor Ferdinand Sauerbruch.
An einem Sommertag des Jahres 1949 wurde ein junges Mädchen in den Operationssaal der Ostberliner Charité transportiert. Die Diagnose lautete: Magen-Sarkom. Assistenzärzte und Schwestern trafen Vorbereitungen für einen komplizierten Eingriff, der indes den Chefchirurgen kaum vor besondere Probleme stellen konnte: Das Messer führte Professor Ferdinand Sauerbruch.
Nachdem der Chirurg die Bauchdecke der Patientin geöffnet hatte, stellte sich heraus, daß die Krebsgeschwülste bereits in Teilen des Darmtrakts wucherten. Sauerbruch schnitt die krebsigen Magen- und Darmabschnitte heraus, dann ließ er sich die Instrumente zum Nähen reichen. Die schwierigste Phase des Eingriffs schien beendet.
Da ereignete sich, was später, in dem Bericht eines anonymen Zeugen, als "Katastrophe" bezeichnet wurde: Offenbar in einem Anfall von Verwirrung verabsäumte der Arzt, die getrennten Eingeweide wieder zusammenzufügen.
In dem Report heißt es: "Sauerbruch verschloß ... den Magen vollständig durch eine Naht. Ebenso verschloß er das freie Darmende, so daß keine Verbindung zwischen Magen und Darm bestand. Natürlich ist das Kind gestorben."
Diese eklatante Fehlleistung des "großen Meisters" (so der Sauerbruch -Schüler Professor Nissen) und "vollendeten Chirurgen" (so der französische Mediziner Rene Leriche) ist in einem Buch beschrieben, das in der vergangenen Woche an westdeutsche Buchhandlungen ausgeliefert, wurde - obwohl die Angehörigen Sauerbruchs gerichtliche Schritte angedroht hatten, "um die Herausgabe des Buches zu verhindern".
Das bereits während der Drucklegung umstrittene Werk ist das jüngste Produkt des Bestseller-Autors ("Es begann an der Weichsel", "Das Ende an der Elbe") Jürgen Thorwald: "Die Entlassung"* - ein Bericht, wie der Untertitel erläutert, über "Das Ende des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch".
Das Buch enthüllt, was bis vor kurzem nur einem kleinen Kreis von Ärzten und der engeren Umgebung-Sauerbruchs bekannt war: daß der gefeierte Operateur in den letzten Jahren vor seinem Tode (2. Juli 1951) an einer unheilbaren Gehirn-Sklerose litt, die ihn allmählich zu einer Gefahr für seine Patienten werden ließ. Des Verfassers
Unterlagen weisen aus, daß Sauerbruch, der einst die Panne eines Assistenzarztes zum Anlaß nahm, das Wort vom "absolut unverzeihlichen Chirurgenverbrechen" zu prägen, nach dem Kriege eine ganze Reihe von Patienten "unter tragischen Umständen" (Thorwald) zu Tode operiert hat.
"Der Autor hat niemals aufgehört, das Recht des Arztes auf Irrtum zu vertreten", beteuert Thorwald im Vorwort. "Aber dem Recht auf Irrtum und dem, was als vertretbarer Irrtum oder einmaliges Fehlen gelten kann, müssen Grenzen gesetzt sein." Der Autor möchte sein Werk daher gern als Ansporn verstanden wissen - "zur Suche nach wirkungsvollen Methoden, wie eine Wiederholung solcher Vorgänge zu verhindern ist".
Die Ernsthaftigkeit solcher Bemühungen sucht Thorwald mit einem Hinweis auf seine übrigen schriftstellerischen Produkte zu unterstreichen. Tatsächlich wurden seine im Reportage-Stil verfaßten Medizinbücher "Das Jahrhundert der Chirurgen" und "Das Weltreich der Chirurgen" selbst in Fachkreisen positiv bewertet.
Deutsche Medizinprofessoren bescheinigten dem Autor eine "bewundernswerte Weite des Blickfeldes" (Sauerbruch-Schüler Nissen), "sehr gründliche Studien" (Nobelpreisträger Forssmann) und empfanden gar, sein Werk sollte "nicht nur von Laien gelesen werden, sondern auch unseren Medizinstudenten und jungen Ärzten nahegebracht werden" (Professor Felix von Mikulicz -Radecki).
Als Thorwald während des vergangenen Jahres in Amerika Quellenstudien für eine zweibändige, illustrierte Weltgeschichte der Medizin betrieb, kam dem üppig schaffenden Schreiber schon wieder eine neue Buch-Idee. Ihm schwebte vor, unter dem Titel "Der Tod des Arztes" an prominenten Beispielen abzuhandeln, wie der Arzt, der sich jahraus, jahrein mit dem Phänomen des Todes auseinandersetzen muß, sich eines Tages selbst dem Tod gegenüber verhält. Als international repräsentative Gestalt der deutschen Medizin sollte Sauerbruch in dem Buch figurieren.
Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der in Preußen zum Professor (1908), in Bayern zum Geheimen Hofrat (1918) und unter Hitler zum Generalarzt der Reserve und zum Ritterkreuzträger des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern avancierte, war fraglos der zugleich berühmteste und populärste deutsche Arzt in der ersten Hälfte des Jahrhunderts.
Er exerzierte die Heilkunde mit preußischem Drill und solcher Kunstfertigkeit, daß die von ihm kommandierte 1. Chirurgische Klinik der Berliner Charité in den dreißiger Jahren "zu einem Mekka für Thorax-Chirurgen aus der ganzen Welt" wurde (so der britische Chirurg Sir Gordon Gordon-Taylor).
Er behandelte den Reichspräsidenten von Hindenburg und den Maler Max Liebermann, kurierte die Beingeschwüre des alten Rothschild, befreite den General Ludendorff vom Kropf, schnitt dem Exkönig Alfons XIII. von Spanien den Blinddarm heraus und flickte den zusammengeschossenen Grafen Arco-Valley wieder zurecht, der 1919 den Revolutionsmacher Kurt Eisner ermordet hatte. In den Hirnen lädierter Landser verklärte sich die Figur des Arztes zu einem heilbringenden Mythos.
Die Schrullen des barschen Professors, der fast jedermann duzte - Grobheit wurde ihm noch in den Nekrologen attestiert -, haben den medizinischen Anekdotenschatz ebenso bereichert wie seine Arbeit die Heilkunde. Schon vor dem Ersten Weltkrieg, als junger Assistenzarzt, revolutionierte er die Medizin mit der sogenannten Unterdruckkammer. Sie ermöglichte den Ärzten, was bis dahin wegen des unterschiedlichen Luftdrucks in menschlicher Brusthöhle und atmosphärischerUmgebung nicht zu praktizieren war: die operative Öffnung des menschlichen Brustkorbs.
Sauerbruch leitete die Chirurgischen Universitätskliniken von Zürich (1910 bis 1918), München (1918 bis 1927) und Berlin (1927 bis 1949). Im Laufe seiner Karriere entwickelte er Operationsmethoden, die noch heute als klassische Verfahren, besonders in der Brustraum -Chirurgie, angewandt werden.
Der an allen medizinischen Teilbereichen interessierte Professor
- führte die erste erfolgreiche Operation eines von Kalkschichten umlagerten "Panzerherzens" durch (indem er den Kalkmantel heraushob und dem eingeengten Herzen wieder Bewegungsraum verschaffte);
- unternahm die erste erfolgreiche
Operation eines Herz-Aneurysmas, einer gefährlichen Ausbuchtung der Herzwand;
- reduzierte Oberschenkel-Amputationen zu Unterschenkel-Amputationen, indem er den erkrankten Oberschenkelknochen durch den Unterschenkelknochen ersetzte ("Umkipp-Plastik);
- verknüpfte die Muskelstümpfe armamputierter Patienten so kunstvoll
mit Ersatzgliedmaßen, daß die Prothesenträger die künstlichen Finger willkürlich bewegen konnten ("Sauerbruch-Hand");
- nähte Versuchstiere nach Art siamesischer Zivillinge zusammen ("Parabiose"), um die physiologischen Bedingungen zu studieren - ein Forschungszweig, der in jüngster Zeit besonders durch die sowjetischen Hundekopf-Verpflanzungen (SPIEGEL 40/1959) populär wurde.
"Niemand", konstatierte der Sauerbruch-Schüler Professor Frey in einem Nachruf auf seinen Lehrer, "hat der Heilkunde und insbesondere der Chirurgie in den letzten Jahrzehnten so viel gegeben wie Sauerbruch." Daß der kauzige Mediziner zu einer Legende geworden war, zeigte sich auch nach seinem Tod. Die Sauerbruch-Memoiren ("Das war mein Leben") erwiesen sich als Bestseller, und der danach verfertigte Spielfilm (Hauptrolle: Ewald Balser) lockte Millionen an.
So ausführlich professionelle Mythenbildner und prominente Mediziner die Verdienste Sauerbruchs' nach dessen Tod würdigten, so sparsam äußerten sie sich indes über den letzten Lebensabschnitt des Arztes. Sie befaßten sich entweder überhaupt nicht mit dieser Periode oder begnügten sich, wie Professor Geissendörfer in "Bruns' Beiträgen zur Klinischen Chirurgie", mit der Feststellung, daß Sauerbruch "ernstlich erkrankt" gewesen sei.
Gerade die letzte Lebensphase aber war es, die der Schriftsteller Jürgen Thorwald in seinem geplanten Buch "Der Tod des Arztes" ausleuchten wollte. Um näheren Aufschluß zu erhalten, wandte er sich im Frühsommer vergangenen Jahres an Dr. Margot Sauerbruch, die in Berlin lebende zweite Frau des Chirurgen.
Am 24. und 25. Juni weilte die Witwe auf Einladung Thorwalds in Lugano -Castagnola, wo der Schriftsteller seit drei Jahren wohnt. Thorwald notierte: "Zwei lange Unterredungen. Viele Informationen über Sauerbruch. Aber auffällige Verschwommenheit bei den Auskünften über sein Ende - Arteriosklerose, langsames Verlöschen, Verarmung nach der Pensionierung; fehlende Bereitschaft in Westberlin und der Bundesrepublik, dem alten Mann zu helfen."
So nistete sich bei Thorwald der Verdacht ein, die Umwelt habe die Leistung des großen Arztes mit Undank quittiert. Er glaubte einem "Märtyrerfall des Alters und unverdienter Verlassenheit" auf die Spur gekommen zu sein und ersuchte seinen Berliner Rechercheur, den Korrespondenten Rudolf Zscheile, unverzüglich weitere Erkundigungen bei den Personen aus Sauerbruchs engerer Umgebung einzuziehen.
Was Zscheile zurückmeldete, klang alarmierend: Er wisse nicht, was los sei, aber es sehe so aus, als gebe es ein fürchterliches Geheimnis" um Sauerbruch. Es sei unbedingt erforderlich, erklärte Zscheile, daß Thorwald selbst nach Berlin komme und mit der "ersten" Familie Sauerbruch - Sauerbruchs erste Frau Adaline, die dem Professor vier Kinder schenkte, lebt ebenfalls in Berlin - Kontakt aufnehme.
Als Thorwald in Berlin eintraf, fand er die Familie Sauerbruch I wohlvorbereitet: Sohn Peter, einst Generalstabsoffizier der Wehrmacht, war eigens aus Hamburg herbeigeeilt, um gegen Thorwald das Wort zu führen. Der Sauerbruch-Sohn machte klar, daß Thorwald seitens der Familie und angesehener Persönlichkeiten der deutschen Chirurgie mit keinerlei Unterstützung, sondern mit Abwehr rechnen müsse. Man wünsche nicht, daß irgend etwas über die letzten Lebensjahre Sauerbruchs publiziert werde.
Thorwald: "Jetzt hatte ich den Eindruck, das berühmte Kamel zu sein, das im Begriff ist, das Gras wegzufressen, das zur Erleichterung der Beteiligten über irgendeine Sache gewachsen zu sein scheint."
Worüber Gras gewachsen war, erfuhr Thorwald in ersten Andeutungen wenige Stunden später, als er einem ehemaligen Arzt der Charité gegenübersaß, der in Sauerbruchs unmittelbarer Umgebung gearbeitet und sich offenbar mit dem Problem des ärztlichen Gewissens auseinandergesetzt hatte. Der Mediziner schmückte seinen Bericht über Sauerbruchs ärztliche Spätzeit mit Floskeln wie "Dann passierte was" und "Dann passierte wieder was".
Autor Thorwald glaubte am Ende der Unterredung zu wissen, "um was es bei der sorgfältig gehüteten Geschichte der letzten Lebensjahre Sauerbruchs tatsächlich geht: um die Geschichte eines an Gehirn-Sklerose erkrankten Chirurgen, der sein. Leiden nicht erkennen kann und der Jahr um Jahr weiteroperiert".
Als Mitarbeiter Zscheile nach einiger Zeit meldete, daß die Familie Sauerbruch I in Westberlin anscheinend alle Personen, die als Zeugen in Betracht kämen, zum Schweigen zu veranlassen suche, startete Thorwald eine großangelegte Fakten-Fahndung. Sie führte zum "Zusammenbruch der Schweigemauer um Sauerbruch" (Thorwald).
Rechercheure reisten nach Ostberlin, Paris, Kairo, London und New York. Sie förderten so eindeutiges Material zutage, daß auch Zeugen, die anfangs geschwiegen hatten, gesprächig wurden.
Aus schriftlichen Zeugen-Aussagen, Tonbandberichten, Sektionsbefunden, Patientenbriefen und einer Fülle anderer Dokumente zeichneten sich schließlich die Konturen eines tragischen Schicksals, aber auch eines schier unglaublichen Skandals ab.
Die Recherchen des Autors ergaben, daß sich kurz nach dem Kriege bei Sauerbruch Symptome zeigten, die auf eine beginnende Cerebral-Sklerose (Verkalkung der Gehirn-Arterien) hinwiesen - auf jene schleichende Alterskrankheit, die den Betroffenen allmählich seiner geistigen Frische beraubt, ohne daß er es merken muß.
"Vielleicht", schreibt Thorwald in seinem Buch, "ist der 17. Juli 1946 der Tag, an dem sich zum ersten Male Sauerbruchs Schicksal und das außerordentliche Drama seiner letzten Lebensjahre ankündigen." An diesem Tag operiert Sauerbruch den aus Rußland remigrierten Schauspieler Heinrich Greif, der sich mit einem Leistenbruch in der Charité eingefunden hat. Der Patient stirbt an einer Nachblutung: Sauerbruch hat während der Operation die Hauptschlagader des Beins verletzt.
Später wird gewiß, daß Sauerbruchs Konzentration am Operationstisch mitunter nachläßt. Bei einer Lungen-Operation - Sauerbruch operiert zumeist ohne Gummihandschuhe - greift er plötzlich mit steriler Hand zur Lampe, um, sich besseres Licht zu verschaffen. Dann will er weiteroperieren. Sein Erster Oberarzt, Dr. Stompfe, stoppt ihn: "Halt, Sie sind ja septisch. Sie müssen sich noch einmal waschen."
Sauerbruch ist fassungslos. Reihum fragt er die Assistenten: "Hast du das gesehen? Du? Und du?" Als alle "in bedrückter Unterwerfung unter den Titanen schweigen" (Thorwald), weist Stompfe auf die blutigen Fingerabe drücke an der Lampe. Sauerbruch stapft aus dem Operationssaal.
Zum Eklat mit Stompfe kommt es im Frühjahr 1948, als der Direktor der Charité-Hautklinik bei Sauerbruch einen Patienten mit einer seltenen Form der Recklinghausenschen Krankheit ausleihen möchte, um ihn seinen Studenten in der Vorlesung präsentieren zu können. Der Chirurg lehnt ab. Dennoch verschwindet der Patient auf ungeklärte Weise für ein paar Stunden in die Hautklinik - wofür Sauerbruch seinen Oberarzt verantwortlich macht.
Er zieht Stompfe in sein Zimmer und staucht ihn zusammen. Der Oberarzt verläßt darauf die Charite: "Wenn es zu Handgreiflichkeiten zwischen Chef und Assistenten kommt, ist es zu Ende." Nachfolger wird Professor Madlener.
Um diese Zeit dringen erneut Gerüchte über Sauerbruchs merkwürdiges Verhalten zu Dr. Hall, den "Hauptreferenten für die Medizinischen Fakultäten" in der sowjetzonalen Zentralverwaltung für Volksbildung (dem späteren DDR-Volksbildungsministerium). Sie bestätigen sich auf schaurige Weise während einer Unterredung, die Hall mit Sauerbruch in der Charité führt. Professor Madlener kommt hinzu, die erhobenen Hände in Operationshandschuhen. Er wendet sich an Sauerbruch: "Sie wollten den Hirntumor sehen. Wir haben aufgemacht. Aber der Fall ist hoffnungslos. Der Tumor ist nicht operabel."
Sauerbruch eilt in den Operationssaal. Nach wenigen Minuten ist er wieder da. Thorwald schildert die Szene nach einem zeitgenössischen Protokoll von Hall: "Er streckt Hall seine Hand entgegen. Die Hand ist offensichtlich nicht gewaschen und nicht steril gemacht worden. Sie hält eine kleine noch blutige Geschwulst - einen Hirntumor. 'Sieh dir den an', stößt Sauerbruch hervor. 'Das wollen Chirurgen sein. So was will sogar Madlener für inoperabel erklären. Ich bin hineingegangen und habe ihn mit dem Finger herausgeholt.' Der Patient stirbt.
Als der entsetzte Hall seine Amtsoberen über die Vorgänge in der Chirurgischen Klinik informieren will, erweisen sie sich bereits als informiert. Es stellt sich heraus, daß der Pathologe der Charité Professor Rössle, die Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität mehrfach gewarnt hat: Sauerbruch dürfe nicht mehr operieren, er gehöre vielmehr selbst in ärztliche Betreuung.
Weder Rössles Mahnungen noch die Bemühungen Halls können die kommunistischen Behörden indes bewegen, Sauerbruch abzuberufen. Thorwald zitiert einen Ausspruch des damaligen Verwaltungsdirektors der "Deutschen Akademie der Wissenschaften" in Ostberlin, Dr. Josef Naas: "In der künftigen Auseinandersetzung ... zwischen Sozialismus und Kapitalismus werden Millionen ihr Leben lassen. Angesichts dieser Tatsache ist es doch völlig belanglos, ob Sauerbruch auf seinem Operationstisch ein paar Dutzend Menschen tötet. Wir brauchen den Namen Sauerbruch."
Unterdessen versucht Sauerbruchs Oberarzt Madlener seinen Chef von besonders anstrengenden Operationen fernzuhalten. Er muß sich über Sauerbruchs Zustand spätestens seit jener Milz-Operation im klaren sein, die in Thorwalds Buch so beschrieben wird: "So, als ob die Sklerose jäh die lenkenden Kräfte seines Geistes lahmlegte, läßt Sauerbruch die schon aus der Bauchhöhle herausgewälzte Milz seinen Händen entgleiten und die verbindenden Blutgefäße zerreißen. Der Patient stirbt."
Da der kranke Chirurg nun, im Sommer 1949, an manchen Tagen überhaupt nicht mehr in die Klinik kommt - er läßt sich statt dessen zu ehemaligen Patienten chauffieren, um mit ihnen zu plaudern -, können weitere Pannen vorerst vermieden werden. Doch da ereignet sich jene "Katastrophe", die auch die kommunistischen Funktionäre schaudern läßt: Sauerbruch näht Darm und Magen eines krebskranken Mädchens nicht wieder zusammen.
Das Mädchen stirbt zwar an Schwäche noch auf dem Operationstisch, doch die Umstände sind so skandalös, daß es dem Referenten Hall gelingt, seine Vorgesetzten zur Entlassung des Sklerotikers zu überreden. Das Zentralkomitee der SED stimmt schließlich der Emeritierung des greisen (74) Arztes zu.
Indes, die Medizinische Fakultät der Universität zögert. Niemand wagt, dem starrköpfigen Geheimrat, der seinen Niedergang nicht bemerkt, die Pensionierung anzutragen. Erst nach einem neuen Desaster am 2. Dezember 1949 (Thorwald: "Das Opfer ist ein Patient der Privatstation") rafft sich der Dekan, Professor Brugsch, auf, seinem Freund Sauerbruch den Abgang nahezulegen. Es gelingt nur mit dem Hinweis, daß Sauerbruch sonst regelrecht entlassen werden müßte.
Am 6. Dezember 1949 meldet die sowjetzonale Nachrichtenagentur ADN: "Professor Ferdinand Sauerbruch hat im Zuge der allgemeinen Emeritierung der über 70 Jahre alten Lehrkräfte darum gebeten, ihn von seiner Tätigkeit als Professor der Humboldt-Universität und als Leiter der 1. Chirurgischen Klinik zu entbinden." Sauerbruch wird pensioniert - und glaubt fortan, er sei ein Opfer politischer Willkür geworden.
"Über Nacht", schreibt Thorwald, "ist die Last der Verantwortung, deren sich die Charité entledigt hat, auf Sauerbruchs engste Umgebung, auf seine Familie übergegangen- sofern nicht seine großen Schüler an dieser Last mittragen und sofern sich nicht die gesamte Chirurgenschaft mitverantwortlich fühlt, die ihn so lange als einen ihrer Größten gefeiert und so oft im Schatten seines Mythos gestanden hat."
Doch Sauerbruch operiert weiter, anfangs in der behelfsmäßig hergerichteten Privatklinik eines Professors Jungbluth, später in seiner (Westberliner) Grunewald-Wohnung in der Herta-Straße 11. "Das Zimmer mit dem Renaissance-Kamin hat er sich als eine Art
Behandlungsraum eingerichtet", heißt es in "Die Entlassung". "Es gibt nicht einmal Wasser. Um sich die Hände zu waschen, muß er in die Besuchertoilette oder in die Küche gehen."
Der einst hochdotierte Arzt, der Papa -Wrangel-Marotten mit
herrschaftlicher Attitüde und großzügigem Lebensstil verband, gerät nun zusehends in Verarmung. Bemühungen von Freunden, Sauerbruch eine Gnadenpension vom Westberliner Magistrat zu sichern, schlagen fehl. Thorwald: "Hat die unbestrittene Aversion, die Ernst Reuter gegen Sauerbruch hegte, eine Rolle gespielt?"
Eine in anderer Hinsicht merkwürdige Haltung nehmen die Westberliner Gesundheitsbehörden ein, als sie im Sommer 1950 durch die Anzeige eines Arztes erfahren, daß Sauerbruch in seiner Wohnung Patienten unsachgemäß behandelt hat: Sie begnügen sich damit, Sauerbruchs Umgebung zu warnen.
Als "düster bedrückendes Beispiel für die allerletzte Phase" im Leben des sklerotisch verwirrten Sauerbruch schildert Thorwald eine Operation, die am 17. April 1951 stattfindet. Im Lehnstuhl seines Arbeitszimmers sitzt die Patientin Irmgard Fiebig, 41, deren linke Halsseite durch eine hühnereigroße Krebsgeschwulst aufgetrieben ist. Sauerbruch schneidet die Geschwulst heraus, ohne die Kranke zu betäuben.
"Es gibt Einzelheiten über den technischen Verlauf des Eingriffs", schreibt Thorwald, "die den Chronisten an ... das Gesetz gemahnen, wonach ein gnädiges Schweigen dort einzuhalten ist, wo weitere Beschreibungen nicht notwendig oder zu schmerzlich sind."
Wenige Wochen vor Sauerbruchs Tod geht schließlich ein Schreiben des Landesgesundheitsamtes Berlin ein, das Sauerbruch jede Operation in der Wohnung verbietet. Sauerbruchs Antwort: "Diese Schafsköpfe." Er operiert weiter und schneidet, wie Thorwald aufgrund von Zeugenangaben berichtet, ohne Zusammenhang mit den wirklichen Leiden.
Erst ein Schlaganfall befreit Sauerbruch Anfang Juni vom Operationsmesser. Am 2. Juli 1951 stirbt er.
Als Thorwald diesen Sachverhalt recherchiert hatte, war ihm klar, daß der Fall Sauerbruch den Rahmen seines geplanten Buches "Der Tod des Arztes" sprengen würde. Er fand, das Chirurgen-Schicksal fülle allein ein umfängliches Buch. Der Fall Sauerbruch dünkte ihn exemplarisch
- für das Problem des alternden Arztes, der nicht erkennt oder nicht erkennen will, daß er abtreten muß;
- für die fragwürdige Standessolidarität der Ärzte, Kunstfehler in den eigenen Reihen zu verharmlosen und "versagende Kollegen zu decken".
Da es ihm um ein Anliegen und nicht um einen Skandal" gegangen sei, bekündet Thorwald heute, habe er viele Unterlagen über bestürzende Vorkommnisse gar nicht verarbeitet und beispielsweise auch "in den tiefsten Panzerschrank (eingeschlossen), was an mehr als unerfreulichen Dingen aus der privaten Sphäre aufgetaucht ist".
Den Rest, den er "zur Beleuchtung des Problems" für notwendig erachtete, überließ er dem Bilderblatt "Quick" zum Vorabdruck. Die Illustrierten-Leute hatten wenig Mühe, Thorwalds schmuckloses Deutsch nach Art des Hauses aufzuputzen und die Handlung um Populärstoff zu bereichern. Sie walzten die Sauerbruch-Tragödie zu 21 Folgen aus, an denen sich das Illustrierten-Publikum bis in den Herbst hinein erbauen konnte. Der Berliner Filmproduzent Artur Brauner erwarb die Verfilmungsrechte, ein Broadway-Autor die Rechte zur Bühnenbearbeitung des Stoffes.
Die Sauerbrucb-Angehörigen quittierten die Illustrierten-Veröffentlichungen mit indigniertem Schweigen. Jeder Versuch, die Fortsetzung der Serie mit rechtlichen Mitteln zu verhindern, blieb aus. Ärztliche Autoritäten meldeten sich indes zu Wort, als das Blatt in der 17. bis 19. Folge Sauerbruchs Verarmung detailliert ausmalte. Fünf Sauerbruch -Schüler - die Professoren Brunner (Zürich), Frey (München), Felix (Berlin), Krauss (Freiburg) und Nissen (Basel) - äußerten "Abscheu" und "Schmerz".
Diese Attacke zielte genau auf die Blöße, die sich Thorwald gegeben hatte, indem er zuließ, daß sein anspruchsvolles Thema nach Illustrierten-Manier hergerichtet wurde. Thorwald entschuldigte sich halb ("Die 'Quick'-Fassung ... enthält Simplifizierungen, die ich selbst zum Teil erst später gelesen habe"), konnte aber seinerseits die Erklärung der Gelehrten mühelos abqualifizieren.
Dem Sauerbruch-Schüler Nissen schrieb er: "Ich möchte gerne wissen, ob sich keiner Ihrer Kollegen Gedanken darüber gemacht hat, daß es gar nicht in erster Linie um Sauerbruch geht, der krank war, sondern um eine ziemlich weit gefaßte Umgebung, die jahrelang Dingen zusah, die wohl auch nach Ihrer Meinung schwerlich mit dem ärztlichen Gewissen zu vereinbaren sind."
Thorwald warf die Frage auf, was die Ärzte "Wirksames unternommen haben, um ihren Meister vor seinem verhängnisvollen Weg zu bewahren".
In der Tat hatten die professoralen Thorwald-Gegner weder die geschilderten Begebenheiten angezweifelt noch sich zu der bedeutsamen Frage geäußert, wie es zu erklären sei, daß Sauerbruch trotz seines Leidens weiteroperieren durfte.
Unterdessen hatte die Droemersche Verlagsanstalt in München die Buchfassung von "Die Entlassung" vorbereitet. Das Buch war bereits in Druck, als ein Hamburger Anwaltsbüro namens der ersten Familie Sauerbruch und eine Berliner Rechtsanwältin namens der zweiten Sauerbruch-Gattin Einspruch gegen die Herausgabe des Werkes erhoben. Das Buch, argumentierten die Anwälte, beeinträchtige die Persönlichkeitsrechte des verstorbenen Professors wie auch die seiner Angehörigen.
Daß man bislang gegen die Veröffentlichungen in der Illustrierten nicht vorgegangen sei, ließen die Anwälte wissen, hänge mit den natürlichen Schwierigkeiten zusammen, "im Vorwege das Erscheinen eines Artikels, den man noch nicht kennt, zu unterbinden". Von einer Buch-Veröffentlichung aber sei eine weitere sehr starke Beeinträchtigung der Persönlichkeitsrechte zu erwarten.
Kommentierte Thorwald in der vergangenen Woche: "Mein Verleger ist entschlossen, jede prozessuale Auseinandersetzung bis zur äußersten Konsequenz zu führen. Er möchte gerne wissen, ob es in Deutschland möglich ist, so skandalöse Vorgänge unter dem Deckmantel eines Persönlichkeitsparagraphen zu vergraben."
* Jürgen Thorwald: "Die Entlassung"; Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München/Zürich; 372 Seiten; 16,80 Mark.
Chirurg Sauerbruch (M.): Geistig gelähmt am Operationstisch?
Sauerbruch-Patienten Rothschild, Ludendorff, Alfons XIII.: In der Charité ...
Autor Thorwald
... ein fürchterliches Geheimnis
Sauerbruch (hinten links) bei Hindenburg*: Wann muß ein Chirurg ...
... in Pension?: Sauerbruch-Film "Das war mein Leben"**
Nissen
Madlener
Entlassener Sauerbruch, Gattin Margot: Krebsoperation ohne Narkose
* V. l. n. r.: Hitler, Adjutant Brückner, Hindenburgs Sohn Oskar und Staatssekretär Meißner nach einem Krankenbesuch bei Hindenburg auf Gut Neudeck.
** Friedrich Domin als Reichspräsident von Hindenburg, Ewald Balser als Sauerbruch.

DER SPIEGEL 47/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 47/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SAUERBRUCH:
Tod des Titanen

Video 00:57

Amateurvideo von Teneriffa Gigantische Wellen reißen Balkone weg

  • Video "Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: Lass mich bitte rein" Video 00:51
    Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"
  • Video "Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina" Video 12:04
    Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg