05.10.1960

HEYDRICH-ATTENTATGedanken an den hl. Wenzel

Am Morgen des 27. Mai 1942 gegen 10.30 Uhr drückten sich zwei junge Tschechen, Jan Kubis und Josef Gabeik, an einer Ausfallstraße des Prager Vororts Holeschowitz herum. Auf ein Blinksignal hin postierten sie sich am Rand einer scharfen Kurve. Das erwartete Auto, ein grüner Mercedes mit geöffnetem Verdeck, näherte sich in rascher Fahrt. Um die Kurve zu nehmen, bremste der Mercedes-Fahrer bis zum Schritt-Tempo ab.
Auf diesen Augenblick hatten die beiden Männer gewartet. Die bereitgehaltene Handgranate flog in den Wagen und explodierte auf dem linken Rücksitz. Als der Mercedes stand, sprang ein athletisch gebauter SS-Offizier heraus, jagte den flüchtenden Attentätern sechs Schüsse aus seinem Revolver nach und brach dann mitten auf der Straße zusammen.
Ein Sprengstück hatte die elfte Rippe links, das Zwerchfell sowie die Milz durchschlagen und Fetzen aus der aufgerissenen Wagenwand, Roßhaar und Polsterwolle, in die Bauchhöhle getrieben:
Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer und General der Polizei, Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren und Chef des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), starb acht Tage später, am 4. Juni 1942.
Daß einer der mächtigsten und gefährlichsten NS-Funktionäre in einem Augenblick außer Gefecht gesetzt wurde, da Großdeutschlands Herrlichkeit im Zenit stand, verlockte den britischen Buchautor Alan Burgess jüngst, sich der Hintergründe des Attentats schriftstellerisch anzunehmen.*
Burgess, renommierter Hörspielautor der BBC, glaubte sich für dieses Unterfangen qualifiziert, seit sein Tatsachenbericht über die Erlebnisse einer Missionarin in China ("Eine unbegabte Frau") in zehn Ländern Bestseller wurde.
Auf einer Forschungsreise durch die Tschechoslowakei nahm Burgess die Spuren der Attentäter des einstigen Reichsprotektors auf, stöberte in den Archiven und sichtete Dokumente.
Dabei fand er Beweise für die'bisher nur von den Nazis vertretene Theorie, Reinhard Heydrich sei nicht wegen der Anzahl seiner Verbrechen - man rechnet ihm in der Tschechoslowakei 462 Morde nach - umgebracht worden, sondern weil er angeblich alle Aussicht hatte, Teile des tschechischen Volkes zur Tolerierung der Nazi-Herrschaft, wenn nicht gar zu positiver Mitarbeit im großdeutschen Zwangsverband zu gewinnen.
Ein solcher Erfolg wäre allerdings schon deshalb kaum von Dauer gewesen, weil Heydrich den Tschechen aufgrund seiner Vergangenheit als der brutalste Exponent des Nazi-Terrors erscheinen mußte.
Hitlers höchster Geheimpolizist hatte seine Laufbahn mit vergleichsweise kleinen Rollen begonnen. Als Oberleutnant der Reichsmarine verführte er eine Studentin, lehnte aber eine Heirat ab, weil ein Mädchen, das sich ihm freiwillig hingegeben habe, nicht würdig sei, Offiziersfrau zu werden.
Verführer Heydrich, mittels Ehrengerichtsverfahren aus der Reichsmarine verabschiedet, bot seine Dienste im Jahre 1931 dem zum Marsch in die Zukunft rüstenden SS-Vorstand Heinrich Himmler an.
Der Diplomagronom Himmler examinierte den Bewerber auf seiner Hühnerfarm zu Waltrudering und befand ihn für gut, das erste, in Münchens Türkenstraße 23, IV. Stock, ansässige SD-Büro zu leiten. Entgelt: 180 Mark; Belegschaft: vier Mann.
Ex-Seefahrer Heydrich widmete sich dem professionellen Sammeln von Nachrichten und legte seinen ersten Personal-Faszikel an, dem während der nächsten Jahre Tausende folgten. Die geheimen Akten Heydrichs wurden - laut Walter Hagen, dem Biographen des deutschen Geheimdienstes - "zu den gefürchtetsten Schriftstücken, die es je in Deutschland gab".
Heydrichs Büro beschränkte sich nämlich nicht auf den Nachrichtendienst, sondern wuchs sich mit der Zeit zu Deutschlands allmächtiger Polizeizentrale, dem Reichssicherheitshauptamt, aus.
Als Chef dieser Behörde zeichnet Heydrich für die meisten der, seit 1933 begangenen NS-Verbrechen pauschal verantwortlich, insbesondere für
- die Morde beim sogenannten Röhm-Putsch von 1934,
- die "Reichskristallnacht" von 1938,
- die Errichtung der Konzentrationslager und
- die Liquidierung ganzer Bevölkerungsgruppen in den besetzten Gebieten, insbesondere, der Juden.
Der Stellvertretende Reichsprotektor Heydrich, der am 27. September 1941
als Ersatz für den auf eigenen Wunsch beurlaubten Protektor Konstantin von Neurath in den Präger Hradschin einzog, gedachte die nicht exilierten Tschechen durch Spaltung der deutschen Kriegsproduktion dienstbar zu machen.
Er schwärzte daher die deutschfeindliche Intelligenz, die er gleichzeitig zu liquidieren begann, bei der Arbeiterschaft an und warb mit zusätzlichen Fettrationen um tschechische Proletariergunst. Eurgess: "Innerhalb eines Monats stieg die Produktion."
Um auch dem tschechischen Nationalbewußtsein entgegenzukommen, hatte Heydrich seinen Untergebenen schon beim Dienstantritt in einem erst 1957 wiederentdeckten Dokument empfohlen, "den Gedanken an den Heiligen Wenzel"* stärker herauszustellen und zu zeigen, "daß Wenzel der Mann ist, der erkannt hat, daß das tschechische Volk nur in dem deutschen Raum leben kann".
Derlei Propaganda zeitigte den für die tschechische Exilregierung in London wie für die Widerständler in Prag beunruhigenden Erfolg, daß bei den Tschechen die Kollaboration gedieh. Burgess: "Die Alliierten konnten keinen weiteren Widerstand von ihnen erwarten; mit jedem Tag glitten sie mehr ins Nazi-Lager hinüber."
Um eine solche Entwicklung zu verhindern; trainierten der 27jährige Jan Kubis, Kleinbauer aus Mähren, und der 28jährige Josef Gabcik, Schlosser aus der Slowakei, in einem exil-tschechischen Ausbildungs-Camp auf britischem Boden.
Die beiden ehemaligen Infanterie-Feldwebel, die sich Hitlers Überfall auf die Tschechei durch Flucht ins freie Polen entzogen hatten, erlernten die für ihren Infanterie-Bedarf nicht benötigte Fähigkeit des Fallschirmspringens und andere Agentenkünste: Kubis brachte es zur Meisterschaft im Zielwurf mit Handgranaten.
Reinhard Heydrich hatte kaum drei Monate auf dem Hradschin residiert, als Jan und Josef vom Geheimdienst der tschechischen Exilregierung den Befehl zum Einsatz erhielten. Ihre Aufgabe war präzis umrissen: Sie sollten Reinhard Heydrich ermorden.
"Das Reich würde", so erläutert Burgess die Motive seiner beiden Helden, "solch einen Schlag ins Gesicht erhalten, daß die Kollaboration unmöglich und jede Versöhnung schwierig würde."
In der Nacht des 29. Dezember 1941 setzte ein Langstreckenbomber vom Typ Halifax die Attentäter aus 600 Meter Höhe in der Nähe von Prag ab. Sie vergruben ihre Munitionskisten, reisten per Zug nach Prag und machten sich mit Hilfe anderer tschechischer Widerständler ans Werk, die Lebensgewohnheiten ihres Opfers zu studieren.
Der Stellvertretende Reichsprotektor - Burgess: "Seine persönliche Tapferkeit war unbestreitbar" - bewegte sich, solange er auf deutschem Boden weilte, nur unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen. Selbst auf seiner Toilette im Gestapo-Haus an der Prinz-Albrecht-Straße zu Berlin war eine Alarmanlage installiert.
Seiner tschechischen Protektorats-Landeskinder fühlte sich Heydrich dagegen so sicher, daß er in Böhmen leichtsinnig wurde. In seinem grünen Mercedes fuhr er täglich mit offenem Verdeck und ohne Eskorte von seinem Privat-Schloß in Jungfern-Breschan, der ehemals erzbischöflichen Sommerresidenz an der Hauptstraße Leitmeritz-Prag, in die Stadt. Dieser Leichtsinn wurde ihm zum Verhängnis.
Nachdem die designierten Attentäter ihr Opfer selbst mehrfach beobachtet und alle Möglichkeiten, ihm mit Erfolg beizukommen, ausgespäht hatten, folgerten sie, daß nur ein Attentat auf der Landstraße den erhofften Erfolg verspreche.
Die Prager Widerstands-Kollegen erhoben gegen einen Anschlag auf Heydrichs Leben gravierende Bedenken. Sie meinten, die Rache der Nazis werde schrecklich sein und die mühsam organisierte tschechische Widerstandsbewegung gänzlich zerschlagen.
Gegen solche Resistance-Skrupel erhielten Jan und Josef aber die moralische Unterstützung eines ranghöheren Fallschirmspringers, des Leutnants Opolka, der seinen zaghaften Mitverschwörern auf einer Geheimkonferenz klarmachte: "Wenn wir ihn nicht töten, wird das tschechische Volk auf der Seite der Nazis kämpfen."
Es sollte sich freilich erweisen, daß die auf ihre Selbsterhaltung bedachten Widerständler recht behielten. Noch bevor nämlich das Deutsche Nachrichten-Büro am Mittag des 27. Mai 1942 die Meldung über den erfolgreichen Granatenwurf auf Heydrich verbreitete, hatte im Protektorat die letzte Strafaktion begonnen, die mit Heydrichs Namen verknüpft ist.
Die Großfahndung nach den Tätern blieb zwar zunächst erfolglos; Jan und Josef waren nach dem Schußwechsel mit Heydrich und seinem Chauffeur, Oberscharführer Klein, per Fahrrad vom Tatort geflüchtet und in der Prager Altstadt untergetaucht.
Aber am 17. Juni wurde ihr Schlupfwinkel, die orthodoxe Kirche in der Resselgasse unterhalb des Karlsplatzes, durch zwei Mitverschwörer, die Tschechen Curda und Gerik, gegen eine Belohnung von je 500 000 Reichsmark an die Gestapo verraten.
Am nächsten Morgen stürmte Waffen-SS die Kirche, einen Barockbau des Böhmen Dientzenhofer, die von Kubis, Gabcik und fünf weiteren Tschechen auf der Empore und in der Krypta verteidigt wurde.
Da die Gewölbe der Kirche dem Beschuß mit Infanteriewaffen widerstanden, ließ die SS schließlich durch die Prager Feuerwehr Wasser in die Krypta
pumpen. Die Verteidiger, die vergebens nach einem unterirdischen Ausgang aus der Krypta gesucht hatten, erschossen sich daraufhin.
Mit diesem Ergebnis nicht zufrieden, verhaftete die Gestapo in den folgenden Tagen Hunderte von Tschechen. Die Widerstandsbewegung wurde ausgelöscht, das Dorf Lidice zur exemplarischen Vergeltung auf Befehl von Heydrichs Staatssekretär Karl Hermann Frank am 24. Juni dem Erdboden gleichgemacht. Der nach dieser Aktion verfaßte Gestapo-Bericht meldete: "199 männliche Einwohner über 15 Jahre wurden an Ort und Stelle erschossen, 184 Frauen in das KZ Ravensbrück ... überführt.
Reinhard Heydrich war zum Zeitpunkt der Strafexpedition bereits im Prager Krankenhaus Bulowak verschieden. Adolf Hitler verlieh ihm die höchste Stufe des "Deutschen Ordens"*, und die Post widmete seinem Andenken eine der teuersten Sonderbriefmarken, die je herauskamen. Die 60-Pfennig-Marke kostete fünf Reichsmark.
* Alan Burgess: "Seven Men at Daybreak"; Evans Brothers Ltd., London; 1960.
* Wenzel I., der Heilige (921 bis 929), Herzog
vorn Böhmen, böhmischer Nationalpatron.
* Der "Deutsche Orden" sollte auf Wunsch
Hitlers die höchste deutsche Partei- und Staatsauszeichnung werden. Er wurde nie formell gestiftet und auch namentlich nicht genau bezeichnet, aber trotzdem insgesamt zehnmal verliehen, das erstemal 1942 an Reichsminister Todt, das letztemal 1945 an Reichsjugendführer Axmann.
Protektor Heydrich (l.), Gehilfe Frank Leichtsinn in Böhmen
Attentäter Kubis, Gabcik: Zielwurf in England "
NS-Trauerfeier für Heydrich*: Rachezug noch Lidice
* V. l.: Heydrichs Söhne, Heydrichs Bruder
Heinz, Himmler, Göring, Hitler.

DER SPIEGEL 41/1960
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