30.11.1960

MAX BRODGenie vom Postamt

Sein Leben lang habe er sich sehr gegen seinen Willen "fast immer mit dem oder jenem herumzuschlagen gehabt", resümiert der 76jährige, in Tel Aviv lebende Schriftsteller und Pazifist Max Brod, und deshalb seien als paradoxe Überschrift für seinen autobiographischen Bericht die Worte "Streitbares Leben" gerechtfertigt. Brod: "Zu meinem eigenen Erstaunen. Denn ich war ja längst dazu gelangt, alles Polemische zu verabscheuen."
Unter dem Titel "Streitbares Leben" hat Max Brod, dem deutschen Publikum mehr noch als Nachlaßverwalter Kafkas als durch eigene Bücher bekannt - seine prominentesten Romane: "Tycho Brahes Weg zu Gott" (1916), "Die Frau, nach der man sich sehnt" (1927) -, jetzt seine Autobiographie in Druck gegeben*. Daß in diesem Bericht außer von vielen Freundschaften auch von vielen Streitereien die Rede ist, erklärt der 1884 als Sohn einer jüdisch-deutschen Familie geborene Brod - "Ich kann und muß mir daher den Beinamen geben, ein Polemiker wider Willen" - mit dem geistig-politischen Klima seiner Heimatstadt Prag:
"Es scheint mir, daß das weniger meine Schuld als die Schuld der Stadt ist, in der ich geboren wurde und die längste Zeit meines Lebens zugebracht habe. Die Schuld Prags. Das alte österreichische Prag war eine Stadt, in der nicht nur die einzelnen gegeneinander polemisierten, sondern drei Nationen standen im Kampf gegeneinander: die Tschechen als Majorität, die Deutschen als Minorität und die Juden als Minorität innerhalb dieser Minorität."
Als Angehöriger der Minorität in der Minorität besuchte Max Brod das deutsche Stephans-Gymnasium und die Prager Universität, promovierte zum Doktor beider Rechte, wurde Postsekretär, schrieb abends Verse und betätigte sich mit schöner Begeisterung als Kunstpromoter.
Für die Beschäftigung mit der Kunst und für die Förderung von Künstlern war Prag um die Jahrhundertwende eine beinahe ideale Landschaft; es gab dort Hofmannsthal und Rilke, Kafka und Werfel, Meyrink, Kisch, Janácek und Hasek. Hermann Kesten beschreibt diese Prager Genie-Generation: "Alle hatten sie den Spaß am Verstiegenen, Skurrilen, am Fremden, die ganze Welt sah bei ihnen wie Prag und Prag wie die ganze Welt aus..."
Und: "Brod ist ein Genie vom Postamt, wie Kafka ein Genie aus dem Versicherungsbüro, Kisch ein Genie aus der Lokalredaktion, Werfel ein Genie aus einer Prager Familienstube und (wenn man seiner Witwe glauben darf) aus dem Schlafzimmer der Alma Mahler, Ernst Weiß ein Genie aus einem Café Chantant von der Prager Kleinseite, und Rilke die weltbürgerliche Summe aller böhmisch-österreichisch-ungarisehen Provinzialismen, ein wahrlich verschmocktes Genie."
Einige dieser Prager Künstler und einige aus anderen Gegenden sind durch Max Brod nicht unwesentlich gefördert worden. Noch heute gedenkt Brod solcher Erfolge nicht ohne Stolz: "Von diesem Berliner Abend an war Werfel in seiner Größe erkannt", urteilt er zum Beispiel über seine öffentliche Lesung früher Werfel-Gedichte. Und: "Hatte ich nicht Oskar Baums erste Werke ihm (dem Berliner Verleger Axel Juncker) empfohlen und ihm damit einen guten Erfolg verschafft?" Und: "Einige Zeit nachher konnte ich es durchsetzen, daß Heinrich Mann von einem Kreis junger Kunstfreunde zu einer Vorlesung nach Prag eingeladen wurde."
Es hat ihn "hoch beglückt", als der prominente Soziologe Professor Alfred Weber den Satz aussprach: "Für Prag hat mich Max Brod entdeckt." Mit dem damaligen Star-Autor des "Simplicissimus" und Verfasser des Prager Gruselromans "Der Golem", Gustav Meyrink, stand Brod auf vertrautem Fuß, er entdeckte den tschechischen Komponisten Leos Janácek fürs Ausland, und er entdeckte Jaroslav Hasek, den Autor der Geschichte vom "braven Soldaten Schwejk". Hasek: "Bisher war nix mit mir. Aber jetzt, wo das ein Jud in die Hand nimmt, jetzt werdet's ihr sehen."
Am weitaus wirksamsten aber griff Brod in den Gang der Weltliteratur ein, als er sich über eine letztwillige Verfügung seines Freundes Franz Kafka, der 1924 im Alter von 40 Jahren an der Schwindsucht starb, hinwegsetzte. Kesten: "Er (Brod) hat die Flut der Kafka-Imitatoren in aller Welt auf dem Gewissen."
Kafka hatte seinem Freunde Brod nahezu alle unveröffentlichten Manuskripte überlassen und ihm abverlangt, sie zu verbrennen. Statt dessen hat Brod nach und nach viele Papiere aus dieser
Hinterlassenschaft ediert - sie gelten heute als die Hauptwerke Kafkas, deren Einfluß auf die moderne Literatur der westlichen Welt auch bei größtem Optimismus kaum zu überschätzen ist: die Romanfragmente "Das Schloß", "Der Prozeß", "Amerika", dazu Tagebücher, Skizzen, Briefe und Entwürfe.
Weniger, daß Brod gegen Kafkas Willen diese Fragmente veröffentlichte, als die
Art, in der er sie veröffentlichte - die Fragmente "Amerika" und "Das Schloß" hat er zum Beispiel später sogar dramatisiert -, hat Anlaß zu vielen Auseinandersetzungen gegeben und dazu beigetragen, daß Brods literarisches Dasein zu einem "streitbaren Leben" wurde. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, gegen die er sich verteidigen mußte, reichen von der Vermutung, Brod habe aus Kafkas ursprünglich als Humor-Grotesken gemeinten Arbeiten melancholische Alptraum-Visionen gemacht, bis zu der Behauptung, Brod habe die Kapitel-Reihenfolge der Texte umgestellt,und dadurch den Inhalt verfälscht.
Sich selbst und die von ihm geförderten Künstler rechnet Brod rückblickend zur "Generation des Trotzdem". Darunter versteht er "die Generation, die ihre entscheidenden Impulse in den Leiden des Ersten Weltkrieges" empfangen habe - "eine Generation des Mutes, der starken Neigung zum Versuch, das Gute Realität werden zu lassen". Zu dieser Generation zählt Brod außer seinen engeren Freunden auch den spätromantischen Komponisten Gustav Mahler und den Schriftsteller Robert Walser - nicht verwandt mit dem Schriftsteller Martin Walser -, der die letzten dreiundzwanzig Jahre seines Lebens im Irrenhaus Herisau zubrachte. Brod: "Die adäquateste Lebensform eines Poeten in unserer wüsten Zeit."
Brod: "Mit Politik beschäftigten sich damals nur wenige von denen, die etwas auf sich hielten", und so blieb 1933 für viele die Überraschung nicht aus. Brod hatte sich freilich schon vorher der zionistischen Bewegung zugewandt, deren Ziel es war, den Juden durch die Gründung Israels eine staatliche Heimat zu verschaffen.
Brods Wendung zum Zionismus vollzog sich ohne alles Ressentiment: "Was sonst Juden mit dem Judentum verbindet oder entzweit, war bei mir nur lückenhaft in Erscheinung getreten. Ich hatte in mir kaum etwas vom 'jüdischen Selbsthaß' verspürt... Auch von jüdischen Minderwertigkeitskomplexen hatte ich in mir nie etwas bemerkt."
Und: "Ganz fern lag mir jegliche Empfindlichkeit, die manchen Westjuden packt, wenn man nur im entferntesten auf seine Volkszugehörigkeit anspielt - diese Überempfindlichkeit, die ein besonders unangenehmes Zeichen von Schwäche und Unsicherheit ist."
Demgegenüber kultivierte Brod in seiner Beziehung zum Deutschtum eine vorsichtige Zurückhaltung, die er "Distanzliebe" nennt: "Mit diesem dialektischen, in sich Widerspruch und fruchtbare Spannung bergenden Terminus meinte ich, daß ich das Deutschtum, das deutsche Wesen liebte, doch mir zugleich einer gewissen Distanz von ihm bewußt war, die mir beispielsweise verbot, fessellos scharfzüngige Kritik in der Art Tucholskys zu üben."
Brod, in den zwanziger Jahren zum Ministerialbeamten in einer Presseabteilung der tschechoslowakischen Regierung avanciert und später als Feuilleton-Redakteur des deutsch-liberalen "Prager Tageblatts" tätig, verließ Prag erst mit dem letztmöglichen Zug in der Nacht zum 15. März 1939. Am darauffolgenden Morgen erschienen Gestapo-Beamte in der Redaktion der "Selbstwehr", für die Brod schrieb, um ihn zu verhaften.
In Palästina übernahm Brod den Posten eines Dramaturgen an der "Habimah", dem 1917 in Moskau gegründeten hebräischen Theater, an dem er sich bis heute die Pflege moderner Schauspiele angelegen sein läßt. Brod: "Inniger als die meisten einwandernden Westjuden war ich von Anfang an mit einem Zentrum der aufblühenden neuhebräischen Kultur verwoben."
* Max Brod: "Streitbares Leben"; Kindler Verlag, München; 544 Seiten; 19,80 Mark.
Dichter Kafka
Das Irrenhaus ist der angemessene ...
...Aufenthalt für Poeten: Autobiograph Brod

DER SPIEGEL 49/1960
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