07.12.1960

ZAZIEDu quasselst

Zazie ist genauso alt wie Lolita. Doch im Gegensatz zum verworfenen Nymphchen des russischen Exil-Literaten Nabokov ist Zazie eine sympathische Provinzgöre, die dem abgründigen Sex-Leben, über das sie im Gossenjargon spricht, unangefochten entrinnt.
Die 12jährige Range, die sowohl gegenwärtige als auch vergangene Geschehnisse mit unflätig plapperndem Redestrom kommentiert ("Napoléon am Arsch. Er interessiert mich nicht im geringsten, dieser Wasserkopf mit seinem saudummen Hut"), ist eine Erfindung des französischen Poeten Raymond Queneau. Der Herausgeber einer Enzyklopädie des 20. Jahrhunderts, Kenner Kants und Hegels, Mitglied der Académie Goncourt, erkor das minderjährige Ungeheuer zur Hauptfigur eines satirischen Romans ("Zazie in der Metro"), der im vergangenen Frühjahr in Bestseller-Bereiche vorstieß.
Zazie wurde, wie die "Frankfurter Allgemeine" aus Paris berichtete, zu einer "Gestalt der heutigen französischen Folklore" und darüber hinaus gar zu einer "nationalen Institution" ("Time"), als Ende Oktober ein nach dem Roman gedrehter Farbfilm in den Champs-Elysées-Kinos Premiere hatte.
Noch in diesem Monat, spätestens zum Christfest, sollen auch die deutschen Kinogänger sich an dem "Zazie"-Film erbauen, der freilich mittlerweile die Pariser Kritiker in zwei Lager gespalten hat. "Bigarrure et désordre" (ein kunterbuntes Durcheinander), mäkelte beispielsweise der "Figaro"; "ein wundervoller Film", entzückte sich dagegen der Rezensent von "Arts".
Queneaus Roman sei "Anti-Literatur", schrieb der deutsche Kritiker Paul Martin nach der Pariser "Zazie"-Premiere: "Ein todernster Ulk, ein Spaß-Vergnügen mit vulkanischer Bedeutung." Der Film entspreche dem in Eastman-Color: "Anti-Kintopp, anarchistisch, revolutionär, absurd und grotesk..." Der Pariser "Express" zog das Fazit: "90 Minuten kinematographischer Übersteigerung."
Autor und Regisseur des so widersprüchlich beurteilten, gleichwohl äußerst ertragreichen Films ist ein 28jähriger Pariser namens Louis Malle, der als Mitbegründer der "Neuen Welle" gilt, obgleich er selbst diese Klassifizierung ablehnt ("Wenn der Ausdruck Neue Welle einen Sinn hat, so den eines Schimpfworts").
Als 25jähriger schon hatte sich der Absolvent der Pariser Film-Akademie mit seinem ersten Film, dem Kriminalstück "Fahrstuhl zum- Schafott", als solides und originelles Regie-Talent ausgewiesen. In seinem zweiten Film, "Die Liebenden", überschritt er keck die Grenzen der Konvention, aber auch des eigenen Talents.
Mit "Zazie", seinem dritten Film, erwies er sich "als einer der ganz wenigen Filmschöpfer der jungen Generation", wie die "Neue Zürcher Zeitung" urteilte: "Zazie" sei "ein technisch vollendetes Werk" und beweise, daß Malle "alle filmischen Möglichkeiten und Gesetze souverän beherrscht".
Schon während seiner Studien an der Film-Akademie war Regie-Schüler Malle fasziniert von der Möglichkeit, mittels Kamera und Filmschnitt natürliche Bewegung wie auch räumlich-zeitliche Zusammenhänge zu deformieren. Seine Examensarbeit, ein Kurzfilm, war dieser Tricktechnik gewidmet.
Ein literarisches Gegenstück zur antirealistischen Gestaltungsweise des Trickfilms glaubte Malle in dem "Zazie"-Roman des Sprachwissenschaftlers Queneau entdeckt zu haben. Queneau schildert, hauptsächlich in den Monologen Zazies, die bizarren Erlebnisse der zwölfjährigen Provinzrange in Paris.
Ihre Mutter, die in der Hauptstadt ihren "Jules" besucht, hat Zazie für anderthalb Tage bei ihrem Pariser Onkel Gabriel in Aufbewahrung gegeben. Zazie möchte vor allem einmal mit der Metro fahren, doch die Untergrundbahn verkehrt nicht, weil die Angestellten streiken. "Ach, die Drecksäcke", schreit Zazie, "ach, die Sauhunde, mir das anzutun!"
Seltsame Ereignisse werden beschrieben. Ein Individuum spricht Zazie auf der Straße an und spendiert ihr eine Limonade (Zazie: "Sie sind ein alter Drecksack, das sind Sie ... Ich merke schon, was Sie mit Ihrem Schmus im Sinn haben"); später scheint er sich aber als Polizist zu entpuppen. Onkel Gabriel wird von einer skandinavischen Reisegesellschaft entführt, und Zazie verfolgt die Kidnapper in Begleitung einermannstollen Witwe. Abends nimmt der Onkel sie mit in ein Lokal, in dem er als "Spanische Tänzerin" auftritt.
Mit den Waffen einer Frau weiß sich die kindlich-abgefeimte Zazie gegen alle Widernisse der Erwachsenenwelt gewappnet. Wird eine Situation, in die sich Zazie gebracht hat, bedrohlich, piepst sie: "Das ist'n Drecksack, der mir unsittliche Anträge gemacht hat, wir werden also vor den Richter gehen
und die Richter kenn ich, die mögen die kleinen Mädchen gern ..."
In fast allen Kapiteln drängen sich dem Leser Fragen auf, die der Autor zunächst nicht beantwortet. Sind das Individuum Pedro und der Polizist Trouscaillon (der sich auch "Inspektor Bertin Poirée" nennt) und der "Fürst der Welt Aroun Arachide" ein und derselbe? Ist Onkel Gabriel homosexuell veranlagt oder nicht? Ist seine Freundin Marceline in Wahrheit ein "Marcel"?
Und was bedeutet die Meldung: "Zwei Panzerdivisionen Nachtwächter und eine Schwadron Gebirgsreiter hatten in der Tat um die Place Pigalle herum Stellung bezogen"?
Queneau stattete seinen Zazie-Roman überdies mit sprachwissenschaftlichen Exkursen aus, in denen er die Dialoge der Roman-Figuren verfremdete - so wird etwa der Ausspruch "Wasdevorhngsagthast" als "monophasierter Fünfsilber" eingestuft. "Obgleich Queneau stilisiert und auswählt", lobte die "Frankfurter Allgemeine", "liefert er ein erheiterndes Musterbeispiel für die Kluft zwischen der Umgangssprache und jener literarischen Sprache, die vom Vater auf den Sohn abgeschrieben und in Wörterbüchern auf Eis gelegt wird."
Queneau hat in seine stilisierten Dialoge zudem die stereotype Bemerkung eines Papageis eingestreut, der krächzend die Gespräche der Roman-Menschen ironisiert: "Du quasselst, du quasselst, das ist alles, was du kannst." Schließlich überrascht der Papagei die Leser mit dem Satz: "Wir verstehen nicht das hic dieses nunc, noch das quid dieses quod."
"Zazie", resümiert der Suhrkamp Verlag, der die deutsche Fassung verbreitet, "ist ein Experiment mit der Sprache, mit der Theorie und Praxis des Romans, mit den Gestaltungsproblemen der Literatur."
In demselben Maße, in dem Queneau die Sprache auseinandermontierte, zerlegte auch Regisseur Malle die Sprache des Films. Seinen ungewöhnlich dickleibigen Drehbuch-Entwurf (rund 1900 Seiten) stattete er mit dem Hinweis aus, "daß die angestrebte Komik dieses Films sich auf eine systematische Zerlegung der Wirklichkeit in ihre Elemente gründet ... Schauplätze, Dekors, Dinge und Farben erscheinen, verschwinden und durchdringen sich".
Zu diesem Zweck drehte er "Zazie" wie einen grotesken Zeichentrickfilm und belebte eine Reihe filmischer Bewegungstricks aus der Frühzeit des Kintopps, die längst in Vergessenheit geraten waren. Verfolgungsszenen ließ er grundsätzlich mit veränderter Gangzahl aufnehmen, mit Zeitlupe oder Zeitraffer. Zuweilen änderte er in einer Einstellung das Aufnahmetempo, so daß sich etwa die Geschwindigkeit, mit der Zazie vom Eiffelturm herabsteigt, stetig vergrößert.
Mehrmals wies Malle seine Darsteller an, unnatürlich schnell zu gehen, filmte ihren Gang aber in Zeitlupe, so daß auf der Leinwand das Gangtempo normal erscheint, die Bewegungen dagegen merkwürdig verzerrt wirken. Zuweilen rückte er den Darstellern mit der Kamera so nah aufs Gesicht, daß ihre Züge sich grotesk verformen.
Innerhalb geschlossener Szenen ließ Malle seine Schauspieler überraschend den Standort wechseln. Während eines Essens etwa sitzt Zazie - sie wird von der zehnjährigen Malerstochter Catherine Demongeot gespielt - erst links von ihrem Onkel, dann plötzlich rechts, ohne daß zu sehen war, wie sie sich auf den anderen Stuhl setzte. Während einer lückenlos fortlaufenden Szene in einer Kneipe steht ein Gast ohne Übergang einmal links, einmal rechts an der Theke, einmal dahinter.
In der Schluß-Szene wachsen die Halbstarken im Gefolge des "Aroun Arachide" ihrem Chef buchstäblich über den Kopf. Malle bewerkstelligte den Trick mit Hilfe des Rückprojektions-Verfahrens, das bei üblichen Spielfilmen für Dialogszenen vor bewegtem Hintergrund verwendet wird: Er filmte die heranmarschierenden Gestalten gesondert und projizierte den Streifen auf eine Milchglasscheibe, vor der er den Darsteller des Anführers reden ließ, während das Ganze erneut aufgenommen wurde.
"Es gibt keinen Trick", notierte der Pariser Kritiker Edgar Schall, "den Malle nicht neuartig verwendet hat, um die Entartung des Geschehenden zum Absurden zu schildern." Der "Figaro" nannte Malles "Zazie" lakonisch einen "Bazar komischer Effekte".
Die totale Verrücktheit alles Gezeigten verhindert freilich, daß der Zuschauer begreift, was Malle ihm zeigen will: "Ein Bild vom schrecklichen Leben in unseren modernen Städten."
Während die meisten Zuschauer das milchzahnige Monster als zeitgemäßes Enfant terrible und die bizarren Geschehnisse als erhabenen Ulk belachen ("Gespielt ist das alles hinreißend, schnell, effektvoll, feuerwerkartig, kabarettmäßig", lobte "Die Welt"), sieht Stadtfeind Malle in Zazie die kindliche Künderin einer ernsten Botschaft: "Sie ist in Wirklichkeit der Engel, der gerade die Zerstörung Babylons angekündigt hat."
Malle-Film "Zazie"*: Erlebnisse einer Zwölfjährigen ...
Regisseur Malle
... mit der streikenden Metro
"Zazie"-Autor Queneau
Wasdevorhngsagthast!
* Vittorio Caprioli als Pedro, Catherine Demongeot als Zazie.

DER SPIEGEL 50/1960
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