20.09.1971

ÄRZTESein wie Knechte

Ungewöhnliche Formen des Arbeitskampfes offenbarte der Ärztestreik in Berlin: Um medizinische Pannen zu vermeiden, bieten die Mediziner einen bislang unbekannten Krankenhaus-Service zugunsten Hilfsbedürftiger.
Seit Anfang letzter Woche bekommen es Berliner, die ihrer Gesundheit zuliebe ins Krankenhaus wollen, schwarz auf weiß: Was sie wirklich krank macht, ist das Krankenhaus.
Auf Flugblättern ("An die Berliner Bevölkerung") verkündet der "Marburger Bund", die Vereinigung der angestellten und beamteten Krankenhaus-Ärzte: Der Krankenhaus-Aufenthalt sei "für jeden Menschen lebensgefährlich ... weil die Ärzte bis an den Rand der Erschöpfung arbeiten müssen".
Und weil das nach Ansicht der 1800 West-Berliner Marburg-Mediziner so ist, boykottieren die Kliniker nicht nur -- seit Beginn dieses Monats -- in 27 Anstalten der Zwei-Millionen-Stadt nahezu jede Verwaltungsarbeit (SPIEGEL 36/1971), sondern leisteten seit Beginn voriger Woche auch in fünf städtischen Krankenhäusern nur noch Notdienst. Der Marburger Bund: "Es bleibt uns nichts anderes übrig, als wirklich zu streiken."
Was freilich Berlins Ärzte unter "wirklich streiken" verstehen, hat mit den herkömmlichen Formen des Ausstands kaum mehr als den Namen gemein. Denn die streikenden Mediziner erscheinen nicht nur vollzählig an ihren Arbeitsplätzen, sondern arbeiten auch, und noch dazu oft mehr als sonst: Bereitschaftsteams untersuchen jeden ankommenden Patienten: Fachärzte halten sich für gründliche Diagnosen bereit, und wo früher -- wie im Krankenhaus Spandau-Nord -- wegen Personalmangeis lediglich Pflegekräfte Aufnahmedienst machten, empfangen nun approbierte Ärzte, bisweilen gleich zu dritt, die hilfesuchende Kundschaft.
Dieser an deutschen Krankenhäusern sonst unbekannte Super-Service soll sicherstellen, daß einerseits die Absicht der Streikenden -- partielle Stillegung des Klinikbetriebs -- gefördert, andererseits aber möglichst jedwede medizinische Panne vermieden wird. Und zumindest in der ersten Berliner Streikwoche funktionierte das System.
Zwar wiesen die Aufnahmeärzte der fünf bestreikten Kliniken in Einzelfällen Patienten ab (im Krankenhaus Neukölln innerhalb von vier Tagen etwa ein Dutzend der 130 Neuankömmlinge), sofern die Diagnose nicht unverzügliche Behandlung geraten erscheinen ließ. Einige der Kranken wurden an nicht bestreikte Kliniken weitervermittelt, einige zu ihren Hausärzten zurückgeschickt -- zum Beispiel dann, wenn (so Neukölln-Arzt Dr. Jürgen Ciarkowski) "Leute mit Insektenstichen kommen und gleich eine Lymphknotenentzündung befürchten".
Andererseits aber blieb die Zahl abgewiesener Patienten so gering, daß die Rettungswagenfahrer der Berliner Feuerwehr noch Ende letzter Woche "vom Streik eigentlich noch gar nichts gemerkt" hatten.
Und auch die -Krankenhaus-Anwärter selbst empfanden den Streik "zu 99 Prozent" (so Neukölln-Arzt Dr. Jens Deichmann) als keineswegs lebensgefährlich. im Gegenteil: Kranke wie Bevölkerung, so notierte die sonst eher streikfeindliche "Welt", seien "den Doktoren nicht gram".
Bisweilen nahm das Verständnis der Kranken für ihre Ärzte sogar kameradschaftliche Formen an. Ein augenkranker Berliner zum Beispiel, der letzte Woche zur lange zuvor vereinbarten Star-Operation in Neukölln erschien, ließ sich nicht nur nach der Untersuchung ("keine Lebensgefahr") willig nach Hause schicken, sondern trug sich überdies -- von den Ärzten über den Sinn des Streiks belehrt -- ohne Zögern in die ausliegende Solidaritätsliste ein. Und ein gehbehinderter Patient, der mangelhafter Durchblutung wegen in der Klinik vorsprach, leistete ebenfalls, ohne zu murren, seine Unterschrift, ehe er -- aufgeklärt -- wieder heimwärts strebte.
Beiden Patienten hatte, wie offenbar der Mehrzahl ihrer Leidensgefährten. das Ärzte-Argument Eindruck gemacht. das kranke deutsche Krankenhaus sei nur noch per Schock-Therapie zu kurieren. Sie soll -- so jedenfalls wollen es die fast 30 000 Mitglieder des Marburger Bundes in Berlin wie in der Bundesrepublik -- die Krankenhausträger "zur Abwendung der Gefahr für die uns anvertrauten Patienten" dazu bewegen,
* Städtisches Krankenhaus Neukölln.
"endlich zu tun, was längst hätte getan werden müssen" (Ärzte-Flugblatt).
So fordert der Marburger Bund seit Jahren nicht nur die Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch Verkürzung der Arbeitszeit, die Neuregelung der Bereitschaftsdienste, Überstundenausgleich, besseren "Stundenlohn" und zusätzliche Möglichkeiten zur Weiterbildung; die Bundesärzte wünschen sich zudem grundlegende Reformen der Krankenhausstruktur. Sie wollen -- nach einer ihrer Publikationen --- auch die Diskussion "über das Chefarztsystem, über klassenloses Krankenhaus und auch über Polikliniken".
Ob freilich Berlins streikende Ärzte wie ihre mittlerweile gleichfalls auf Kampf gestimmten Bundes-Kollegen (nahezu 100 Prozent der angestellten Ärzte zwischen Saarbrücken und Flensburg erklärten sich in Urabstimmungen zum Streik bereit) ihre Forderungen durchsetzen können, ist noch offen.
Die nächste Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern der Ärzte, der "Tarifgemeinschaft deutscher Länder" und der "Vereinigung kommunaler Arbeitgeber", soll am 14. Oktober beginnen. Von ihrem Ergebnis wird abhängen, wie der Marburger Bund weiter taktieren will. Die Berliner Ärzte wie ihre Kollegen in Westdeutschland wähnen sich jedenfalls mit ihrem Latein noch nicht am Ende. Für den äußersten Fall denken sie an ein "hoffentlich nie anzuwendendes Mittel, die totale Arbeitsniederlegung" (Flugschrift-Text).
Vorab freilich begnügen sich die Streikaktivisten mit kurzfristigen Warnaktionen und der Verbreitung revolutionär gemeinten Schrifttums. Chirurgen und Internisten griffen zur Feder und reimten ein Streikflugblatt: "Es ist genug, wir sind es leid, nicht länger sein wir Knechte, das kranke deutsche Krankenhaus erlebt den ersten Ärztestreik. Wir fordern unsre Rechte!"

DER SPIEGEL 39/1971
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