27.09.1971

SCHRIFTSTELLERGeselliger Einzelgänger

Der Wiener Egon Friedell hat gern sein Leben mit Legenden verdunkelt. Eine Friedell-Biographie des Münchner Schriftstellers Peter Haage soll dieses Literaten-Dasein jetzt erstmals bloßlegen.
Er war ein Kaffeehaus-Literat und somit eine Wiener Spezialität. Er war Feuilletonist, Schauspieler, Stückeschreiber und Übersetzer, ein Kabarettist und Parodist, der über Novalis promoviert hatte, ein Salon-Plauderer und Nachtbar-Bummler, der insgeheim eine dreibändige berühmt gewordene "Kulturgeschichte der Neuzeit" schrieb.
Egon Friedell, der von 1878 bis 1938 lebte, war vielerlei und manches zugleich. "Denn der Mensch", meinte er, "ist dazu gemacht, Gegensätze zu vereinigen: Er ist nicht dies, sondern immer dies und das Gegenteil davon."
Das aber wollte seinen Wiener Zeitgenossen nicht so recht in den Kopf, und so betrachteten sie ihn jederzeit mit einem guten Quantum von begründetem Argwohn: Schließlich hat dieser beifallslüsterne Causeur, bei dem nicht einmal der Name stimmte -- sein Geburtsname lautete Friedmann -, alles getan, um sein Publikum mit perfiden Gerüchten und erfundenen Anekdoten hinters Licht zu führen,
Friedell habe unentwegt sein Leben "verdunkelt. überbelichtet, romantisiert. häufig verjuxt und künstlich verworfen", er habe "Legenden gestreut und
* Peter Haage: ... "Der Partylöwe, der nur Bücher fraß" -- Claassen Verlag, Hamburg; 176 Seiten; 16 Mark.
Konkretes vermieden", berichtet der Münchner Schriftsteller Peter Haage, 31, der jetzt in einer ersten knappen Friedell-Biographie diese Literaten- und Komödianten-Existenz zu erhellen versucht*.
Es war eine bedenkliche Existenz von Anfang an. ln seiner Kindheit hatte ihn eine verfeindete Verwandtschaft hin und her geschoben, nachdem seine Mutter mit einem Sprachlehrer durchgebrannt und sein Vater Moriz, ein Textilkaufmann, gestorben war. Mit 21, nach Aufenthalten auf Gymnasien in Wien. Berlin, Heidelberg, Niederösterreich und Hersfeld, mußte er sich von einem Psychiater erst für zurechnungsfähig erklären lassen, bevor ihm die Onkel und Tanten sein Erbteil überschrieben. Dann freilich hatte er ein hübsches Vermögen und konnte sich in Wien bequem etablieren.
Friedell, schreibt Haage, war "ein geselliger Einzelgänger, der Bindungen scheute". Er war, bei aller Schlampigkeit, auch ein Ordnungsfanatiker, der seine Albernheiten mit Pedanterie betrieb.
Groß, plump und träge, so zog er mit dem kauzigen Schriftsteller. Schnorrer und Bohemien Peter Altenberg durch Kneipen und Cafés. Daheim, in der plüschenen Wohnung. die er zeitlebens nie aufgab, führte er im Schlafrock. mit langer Studentenpfeife und zumeist in horizontaler Diwan -Lage das behagliche Dasein eines Privatgelehrten. " Die kleinste Störung seiner privaten Existenz", so Haage, "machte ihn krank."
Mit einem Theaterkritiker namens Alfred Polgar verfaßte Friedell Sketche und unter anderem die rühmliche Groteske "Goethe im Examen", die er selber aufführte -- in Wien. München, Frankfurt und Berlin. wo ihn Max Reinhardt entdeckte und als "originellen Dilettanten" in sein Ensemble aufnahm.
Er galt als "luzider Denker" (Haage). Und mochte Karl Kraus ihn auch einen "munteren Seifensieder" nennen, dessen Witz sich "zur Veredelung von Kneip-Zeitungen" vorzüglich eigne -- für sein Publikum blieb der dicke Mann mit der weißen Pikeeweste und dem Elfenbeinstöckchen. ein Monokel im schwammigen Gesicht, der "heitere Philosoph". der leicht-sinnige, sarkastische Bonmots und Aphorismen zum besten gab. Das gefiel vor allem den Wiener Damen. deren Zuhörerschaft er so sehr schätzte und die er sich im übrigen mit "onkelhafter Courtoisie" vom Leibe hielt. "Die Frauen", belehrte er, "sind keine Menschen. das macht sie so anziehend."
Etwas menschlicher dachte er offenbar von der Schauspielerin Lina Loos. die vorübergehend mit Adolf Loos, dem Architekten der Neuen Sachlichkeit, verheiratet gewesen war: Friedell machte ihr einen erfolglosen Heiratsantrag und anschließend ein Leben lang den Hof. Währenddessen zog seine Haushälterin Hermine eine uneheliche Tochter Herma groß, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Friedell nachgesagt wurde.
Solch ein Geflüster war ganz nach Friedells Geschmack. Es paßte zu seinem Image, das er sorgsam pflegte: Er schien ein Bonvivant. ein "spleeniger Nichtstuer" -- jedenfalls bis zum Jahr 1927. als der erste Band seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit" (Untertitel: "Die Krise der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Weltkrieg") erschien und ihm jählings den Ruhm eines eigensinnig dilettierenden Kulturphilosophen einbrachte.
Das Buch wurde mit Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" verglichen, dessen Schlußfolgerungen Friedell bei aller Bewunderung verwarf. "Das Abendland wird untergehen", so sagte er, "aber nur soweit es von Spengler ist."
Die Inflation hatte Friedell um sein Vermögen gebracht. Nun, nach dem Erfolg der "Kulturgeschichte", führte er wieder ein sorgloses Leben. Konflikten ging er aus dem Weg, er "wollte weltanschaulich seine Ruhe" (Haage). Die Politik war ohnehin ein Fach, in dem der gemütliche Konservative und Verächter der Demokratie gern danebengriff.
Als der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, hatte er beispielsweise räsoniert: "Die Kathedrale von Reims ist für uns jetzt kein "herrliches Baudenkmal', sondern ein feindlicher Beobachtungsposten. der weggeschossen werden muß."
Und als 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland zur Macht kamen, schrieb Friedell, der einst vom jüdischen Glauben zum Protestantismus übergetreten war: "Daß diese Kreise meiner Art mehr Verständnis entgegenbringen als die verschmockten und frivolen Jourjuden, habe ich immer gewußt. Diese haben doch in mir immer nur einen Clown gesehen."
Aber -der chauvinistische Rausch verging so schnell wie der völkische Wahn. Dennoch, zur Emigration konnte sich Friedell nicht entschließen. Seine Privatgelehrten -Existenz zwischen Bücherwänden war ihm allzu teuer. "Der freie und souveräne Kopf", meint Biograph Haage, war "in seiner bürgerlichen Ordnung eingewurzelt".
Am 12. März 1938 marschierten die Deutschen in Österreich ein. Am 14. März war Hitler in Wien. Am Abend des 16. erschienen zwei junge Männer mit Armbinden vor der Wohnungstür des Schriftstellers und fragten nach dem "Jud Friedell". Friedell, wie üblich im Schlafrock, sprang aus dem Fenster und schlug kopfüber aufs Pflaster. Der Totenschein lautete auf "Selbstmord durch Fenstersturz".
Friedells Neffe Henry Frydan, der in New York lebt, behauptete später, sein Onkel sei an den Folgen einer Schußverletzung gestorben. Einen Wahrheitsbeweis für diese letzte Friedell-Legende konnte er nicht erbringen.

DER SPIEGEL 40/1971
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