25.10.1971

VERBRECHENWir schießen

In Hamburg wurde der Polizist Norbert Schmid erschossen -- von Angehörigen der Baader-Meinhof-Gruppe?
Die junge Frau mit den braunen Stiefeln wurde gegen 1.20 Uhr zum erstenmal gesehen, am S-Bahnhof Poppenbüttel, Endstation im Hamburger Nordosten. Das zweiternal tauchte sie, wenig später, vor den Tiefgaragen des Einkaufszentrums Alstertal auf. Dann verschwand sie im Garten des Behelfsheims Heegbarg 32-34, dem Anwesen des Krajar Ivan.
Die Polizeimeister Norbert Schmid, 32, und Heinz Lemke, 30, setzten die Nachtgläser an die Augen und observierten das Quartier. "Die hat sich versteckt, dachten wir", so Lemke. Die beiden Beamten befanden sich, Freitag nacht vergangener Woche, in einem Ford 17 M, Kennzeichen HH-VV 979, auf Zivilstreife. Sie hielten Ausschau nach Verdächtigen -- in letzter Zeit waren Einbrüche in der Gegend gemeldet worden.
Einige Minuten später sahen Schmid und Lemke die junge Frau mit den braunen Stiefeln zum drittenmal. Sie ging auf die Kreuzung zu -- im gleichen Schritt, in gleicher Richtung, nur durch die Fahrbahn getrennt, zwei andere Personen, Mann und Frau, die gerade die Tiefgarage verlassen hatten.
Die beiden Polizisten folgten in ihrem 17 M, stoppten neben der einsamen Passantin und forderten sie auf: "Bleiben Sie stehen, Polizei." Die Dame mit den braunen Stiefeln blieb nicht stehen, rannte vielmehr quer über die Fahrbahn in die Grünanlagen ("Kein Durchgang möglich") einer Wohnsiedlung. Polizist Schmid sprang aus dem Wagen und nahm die Verfolgung auf. Polizist Lemke schaltete derweil den Motor ab, ließ aber den Zündschlüssel stecken. Als er Schmid nachsetzte, sah er das Pärchen über den Rasen laufen. Lemke: "Ich dachte, das ist ja nett, die wollen uns helfen."
Was noch immer wie die routinegemäße Feststellung einer "polizeischeuen Person" (Polizei-Jargon) aussah, gewann von Sekunde zu Sekunde eine neue Dimension: Schmid stellt die junge Frau. Das Pärchen kommt auf zwei Meter heran. Lemke schreit: "Die sind ja bewaffnet." Und da fallen Schüsse. Schmid bricht zusammen. Lemke wirft sich zu Boden, schießt zweimal, wird selber am rechten Fuß getroffen.
Die junge Frau, die mit der letzten Bahn gekommen und von der Zivilstreife zunächst "für ein leichtes Mädchen" gehalten worden war, steht auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamts -Margrit Schiller, 23, Studentin, groß (etwa 1,80 Meter), schlank, zur Zeit schwarze Haare, gesucht als Mitglied der Baader- Meinhof-Gruppe und verdächtigt, schon am 26. September auf einem Autobahn-Rastplatz bei Müllheim (Baden) auf Polizisten mitgeschossen zu haben.
Wenn Margrit Schiller auch in Hamburg mitgeschossen hat, verhielt sie sich, wie es von der Baader-Meinhof-Gruppe erwartet wird. Denn die "Rote Armee Fraktion" (RAF), wie sich die Gruppe nennt, pflegt -- so das Bundeskriminalblatt -- "von ihren Schußwaffen Gebrauch" zu machen, wann immer Verhaftung droht.
Nach Ansicht der Polizisten, die ihnen seit 17 Monaten auf der Spur sind und inzwischen auch die Aussagen bereits verhafteter Gruppenmitglieder auswerten konnten, haben sich die RAF-Desperados darauf verständigt, daß "im Falle von Festnahmen auf Polizeibeamte geschossen wird" -- wenn Zeit genug zum Zielen bleibt, dann nicht, um Polizisten "tödlich zu treffen", doch andernfalls gilt keine Rücksicht. In einer im April dieses Jahres aufgetauchten Flugschrift erklärte die RAF: "Wir schießen, wenn auf uns geschossen wird. Den Bullen, der uns laufen läßt, lassen wir auch laufen."
Seit der gewaltsamen Befreiung des Kaufhaus-Brandstifters Andreas Baader aus Berliner Justizgewahrsam am 14. Mai 1970 haben sich RAF-Mitglieder und Polizisten, die ihnen kein freies Geleit gewähren wollten, mindestens dreimal Feuergefechte geliefert:
* Astrid Proll, 24, schoß sich am 10. Februar 1971, als ihr die Polizei auf der Spur war, in der belebten Bockenheimer Landstraße in Frankfurt den Weg frei und griff am 6. Mai im Hamburger Stadtteil Hohenfelde abermals zur Pistole, ohne diesmal jedoch der Verhaftung entgehen zu können.
* Werner Hoppe, 22, und Petra Schelm, 20, eröffneten -- nach Darstellung der Polizei -- das Feuer, nachdem sie am 15. Juli in Hamburg-Bahrenfeld in eine Polizeisperre geraten waren; Petra Schelm wurde von einem 27jährigen Beamten erschossen, Hoppe wurde festgenommen.
* Ein unbekannter BMW-Fahrer -- nach Ansicht der Polizei der Meinhof-Genosse Holger Meins, 30, -- verletzte am 26. September mit Schüssen zwei Polizisten, die bei Müllheim (Baden) zwei Autos kontrollieren wollten; im zweiten Wagen fanden sich Papiere -- auf den Namen Margrit Schiller.
Die Motive für solches Handeln lassen sich den ideologischen Bulletins entnehmen, die gelegentlich aus dem Untergrund auftauchen. Am ausführlichsten legten die RAF-Leute ihre Motive in einer im Mai dieses Jahres herausgegebenen und letzte Woche als Taschenbuch erschienenen Schrift dar*.
Anders als beispielsweise orthodoxe Kommunisten glauben sie danach nicht an den Erfolg "demokratischer Massenaktionen":
Auch eine im nationalen Maßstab organisierte, in den Massen verankerte, nach bolschewistischen Prinzipien geschulte und erfahrene Arbeiterpartei wird nicht verhindern können, daß die Herrschenden gegen die Demonstrationen und Streiks die Polizei und die Armee einsetzen und ein Blutbad anrichten.
Von Aktionen gegen die Polizei verspricht sich die Baader-Meinhof-Gruppe eine "allmähliche Demoralisierung der feindlichen Söldner":
Diejenigen, die im Polizei- und Soldatenberuf einen bequemen Job sehen, werden in steigendem Maße die Risiken begreifen, die dieser Beruf unter den veränderten Bedingungen mit sich bringt. Was von den früher einmal politisch motivierten Aktionen übriggeblieben ist, offenbarte sich am Freitag letzter Wo-
* Kollektiv RAF: "Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa", Wagenbach, West-Berlin; 72 Seiten; 3.50 Mark.
che: der ebenso entschlossene wie verzweifelte Versuch, die eigene Haut zu retten -- koste es, was es wolle. Es glich "einem Feuerwerk, tack, tack, tack", empfand Braumeister Gotthard Ihle, den die Schüsse aufgeschreckt hatten. Und das Risiko war total: Polizist Schmid starb, getroffen von 4 Kugeln.
Der verwundete Lemke hatte noch über Funk Hilfe heranholen wollen, doch der Polizeiwagen war weg -- und weg waren auch Pärchen und Dame.
36 Minuten nachdem Margrit Schiller zum erstenmal der Polizei in Poppenbüttel aufgefallen war, entdeckte die Besatzung des Streifenwagens 90/12 sie wieder -- in einer Telephonzelle. nur etwa 500 Meter vom S-Bahnhof entfernt.
Als sie die Kabine verläßt, in der eine Apo-Parole prangt ("Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten. Widerstand leisten"), fordern die Polizisten sie auf, sich auszuweisen. Reaktion: "Ihr wollt mich wohl ficken'?"
Dann fingert sie an ihrer Handtasche. Ein Polizist greift zu, entreißt ihr die Tasche und findet darin den Zündschlüssel des Zivilstreifen-Fords (der 200 Meter vom Tatort wiedergefunden worden war) und eine FN-Pistole neun Millimeter Parabellum, Typ Browning' mit 15 Schuß, entsichert, eine Patrone im Lauf.
Die Pistole lag neun Stunden später, ungeladen und gesichert, auf dem Tisch im Sitzungssaal des Hamburger Polizeipräsidiums -- zum Anschauen für Presseleute. Journalisten bekamen auch noch anderes zu sehen: eine stumm im Griff von vier Polizisten, zwei weiblich, zwei männlich, sich windende Delinquentin -- Margrit Schiller. Und so wirkten, vor Millionen Bürgern am Fernsehschirm, Polizisten doch noch wie "Bullen".

DER SPIEGEL 44/1971
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