14.11.2005

CSUStoibers Schattenmann

Martin Neumeyer galt als mächtigster Beamter in Bayern. Jetzt ist er die Symbolfigur für alles, was schief gelaufen ist im System Stoiber.
Martin Neumeyer steht nur wenige Schritte hinter Edmund Stoiber, aber in diesem Moment ist er ihm unendlich fern. Drei Reihen Journalisten haben sich am vergangenen Dienstag zwischen ihn und den CSU-Vorsitzenden geschoben. Es geht um Stoibers Rückzug aus Berlin, um die Kritik aus den eigenen Reihen.
Neumeyer legt seinen Kopf schräg, um besser zu hören, doch es dringen nur Wortfetzen herüber. "Wichtige Aussprache" hört man und "nach vorne gucken". Neumeyer ist nervös. Stoiber darf keinen Fehler machen, die Lage ist kritisch. Ein falsches Wort kann jetzt alles zerstören. Es geht auch um seine Zukunft.
Normalerweise würde er jetzt hinter seinem Chef stehen und ihm die richtigen Worte ins Ohr flüstern. Es sieht dann immer so aus, als wäre er Stoibers Simultandolmetscher. Aber der Sprecher der bayerischen Staatsregierung weiß, dass er sich zurzeit besser im Hintergrund hält.
Es war eine schlimme Woche. Stoiber hatte gehofft, er könnte den Unmut in der CSU mit ein paar Erklärungen dämpfen, aber der Ärger über ihn wurde immer vernehmbarer. Selbst Hinterbänkler melden sich inzwischen im Münchner Landtag zu Wort und fordern den Rücktritt des Ministerpräsidenten.
Es gibt nicht wenige Leute, die sagen, Neumeyer habe Stoiber zu dem gemacht, was er ist. Seine Feinde sagen, er sei der böse Geist hinter Stoiber. Deshalb ist nun immer auch von Neumeyer die Rede, wenn es um die Versäumnisse der vergangenen Jahre geht. Wer hat Stoiber beraten?, fragen viele. Warum sind seine Entscheidungen der Partei am Ende nur noch mitgeteilt worden? Die Antworten sind klar.
Der Regierungssprecher ist zum Symbol für die Schwächen des Systems Stoiber geworden. Der egomanische Regierungsstil, die abrupten Sinneswandlungen, das ewige Hin und Her, all das wird ihm nun angelastet.
Das ist natürlich ein bisschen ungerecht. Stoiber selbst hat die gläserne Staatskanzlei zur Trutzburg umgebaut, in die die Außenwelt nur noch verzerrt hineinschimmert. Aber richtig ist auch, dass kein Minister, kein Parteifreund so viel Macht über Stoiber hat wie Neumeyer. Der 45jährige ehemalige Amtsrichter ist Stoibers Schattenmann.
Martin Neumeyer lässt sich in einen Korbstuhl an der Hotelbar sinken. Es ist Donnerstagabend, im Konrad-Adenauer-Haus schräg gegenüber sitzen die Chefunterhändler von SPD und CDU zusammen, um den Koalitionsvertrag auszuhandeln. Neumeyer bestellt einen Cappuccino. Es wird vermutlich eine lange Nacht werden.
Neumeyer erklärt den Rückzug Stoibers aus Berlin, die Gründe, die Konsequenzen. Hat nicht auch der Kanzler dem neuen SPD-Chef Matthias Platzeck geraten, nicht in die Bundesregierung zu gehen? Neumeyer ist ein Beamter mit einem scharfen politischen Verstand, er weiß genau, wie man einer Geschichte einen kleinen, entscheidenden Dreh gibt. Auf die Frage nach seiner eigenen Rolle macht er eine wegwerfende Handbewegung. Es sei "objektiv völlig überzogen", was über ihn berichtet werde, sagt er.
Das wichtigste Steuerungsinstrument Neumeyers war eine Klarsichthülle mit einer Reihe grüner Blätter. Wenn Stoiber zum Interview oder Hintergrundgespräch den Raum betrat und die Gäste begrüßte, reichte ihm Neumeyer die Zettel. Auf den grünen Blättern standen die Antworten zu allen Fragen, die nach Ansicht Neumeyers wichtig waren. Sie waren das Gerüst, an dem sich Stoiber entlanghangeln konnte. Was er zu den aktuellen Problemen dachte, konnte er dort nachlesen, Neumeyer hatte es für ihn aufgeschrieben.
Manchmal vergaß Edmund Stoiber, dass er ja die Antworten vor sich hatte, dann unterbrach ihn Neumeyer. Worin sich Union und SPD denn unterscheiden, wollte der Interviewer beispielsweise wissen. "Wo die Menschen vielleicht schon eine unterschiedliche Kontur sehen können, ist in der Finanz- und Haushaltspolitik einer Reihe unionsregierter Länder", sagte Neumeyer, bevor Stoiber antworten konnte.
Viele Pressesprecher bereiten ihre Chefs auf Interviews vor, aber Neumeyer ist in der hohen Politik der Einzige, der sie passagenweise gleich selbst führt. Es ist nicht immer leicht zu unterscheiden, wer für wen spricht: Neumeyer für Stoiber - weil er weiß, wie dieser denkt? Oder Stoiber, der das aufsagt, was Neumeyer ihm eingeflüstert hat? Vermutlich wissen es die beiden manchmal selbst nicht genau.
Die eigentliche Karriere Neumeyers begann mit Stoibers Kanzlerkandidatur. Er war einer von mehreren Beratern Stoibers, aber nicht der wichtigste. Er war der Einzige, der Stoiber von Beginn an riet, die Herausforderung der Kanzlerkandidatur anzunehmen. "Sonst nimmt hinterher niemand mehr ein Stück Brot von Ihnen", sagte er ihm.
Weil Stoiber auf der Bundesbühne fremdelte, wurde Neumeyer immer wichtiger für ihn. Er sagte ihm, welche Botschaften er bringen solle. Er kümmerte sich um Stoibers Image. Auf einer Washington-Reise stellte er abends ein Glas Bier vor Stoiber und nötigte ihn, ein paar Schlucke zu nehmen. Der steife Bayer sollte locker wirken.
Neumeyer kann sehr trickreich sein. Als Stoiber im Wahlkampf auf der Nordseeinsel Juist Urlaub machte, verabredeten Neumeyer und sein damaliger Vorgesetzter Ulrich Wilhelm, ebenfalls ein paar Tage freizunehmen. Neumeyer machte mit seiner Familie Urlaub - auf Juist, nahe bei den Stoibers. Ein Jahr später erhielt er den Chefposten in der Pressestelle.
Nach der knapp verlorenen Bundestagswahl war Stoiber einer der großen Spieler
auf der Bundesbühne. Er gewann die Landtagswahl mit Zwei-Drittel-Mehrheit, was zuvor keinem bundesdeutschen Politiker gelungen war. Neumeyer platzierte seinen Chef in den Zeitungen, wöchentlich gab es Interviews zu den großen Themen: Europa, Wirtschaft, Schulden, Reformen. Stoiber begann zu glauben, nur er könne Deutschland retten.
Neumeyer bestimmte nicht nur zunehmend das Bild Stoibers in der Öffentlichkeit. Er wurde auch mehr und mehr dafür verantwortlich, welche Teile der Realität noch zum Ministerpräsidenten drangen. Andere wichtige Berater verließen die Staatskanzlei und gingen in die Ministerien oder nach Berlin.
Es gab nicht mehr viele, auf die Stoiber noch hörte. "Man kommt nicht mehr an ihn heran", stöhnte selbst Günther Beckstein, einst einer der engsten Vertrauten des CSU-Chefs.
Stoibers Stil wurde zunehmend autokratischer, Neumeyer wurde mächtiger. Es konnte vorkommen, dass sich ein Minister am Telefon vom Sprecher der Staatskanzlei erklären lassen musste, wie künftig seine Politik aussehen solle.
Stoiber forderte Angela Merkel heraus. Er lehnte ihre Reformen ab, die Steuerreform, die Gesundheitsprämie. Er hoffte, selbst noch einmal Kanzlerkandidat werden zu können. Als dann klar war, dass Merkel als erste Frau ins Kanzleramt einziehen würde, bestritt er ihre Richtlinienkompetenz.
Stoiber hätte jemanden gebraucht, der ihn bremst. Stattdessen trieb Neumeyer ihn an. Er bestärkte Stoiber in seinem Glauben, der größte lebende Politiker zu sein, weil er ihn selbst so sah.
Gelegentlich passierten peinliche Schnitzer. Bei einem Redaktionsbesuch des "Münchner Merkur" vergaß Stoibers Entourage im Gästebuch kleine Zettelchen, die dem Regierungschef bei schwierigen Journalistenfragen zugeschoben worden waren. "Nicht vertiefen", stand da drauf oder "Jetzt Thema wechseln" - Belege dafür, wie sehr Stoiber von seiner Pressestelle gesteuert wurde.
Neumeyer nimmt sich ein paar Erdnüsse. Er muss gleich wieder ins Adenauer-Haus, weil die Beratungen weitergehen. Neumeyer will bei Stoiber bleiben. Er war immer 100-prozentig loyal. Für welchen anderen Politiker sollte er arbeiten?
In den Zeitungen steht, Stoiber habe in Berlin anfragen lassen, ob Neumeyer nicht in der neuen Regierung einen Platz finden könnte. In München würde man einen Weggang des Regierungssprechers als Zeichen des Neuanfangs werten, heißt es. Aber niemand will ihn in Berlin haben, weder bei der CSU noch bei der CDU.
"Mein Platz ist in Bayern", sagt Neumeyer. Es klingt nach einer freien Entscheidung, aber er hat keine andere Wahl mehr. RALF NEUKIRCH
Von Ralf Neukirch

DER SPIEGEL 46/2005
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