Von Stampf, Olaf
Kurz nach dem Start gibt der Jetpilot Vollschub. Mit zweieinhalbfacher Schallgeschwindigkeit donnert das Geschoss in den Himmel. "Ein Wahnsinn", ruft Passagier Christian Laubender. "Der Höhenmesser dreht sich wie wild!"
Nur zehn Minuten später erreicht das russische Kampfflugzeug MiG-25 die Grenze zum Weltall - knapp 30 000 Meter über dem Grund. "Auf einmal funkeln über mir die Sterne", flüstert Laubender in sein Helmmikrofon. "Und unten leuchtet die Erdkugel im schönsten Blau, das ich je gesehen habe." Tief atmet er durch seine Sauerstoffmaske: "Verdammt, wie dünn die Luftschicht ist, die uns Menschen vom Tod trennt!"
Sascha, der 32-jährige Pilot, hat sich an den Anblick längst gewöhnt. Im Hauptberuf ist er Testflieger bei der russischen Luftwaffe. Auf dem Rückflug zeigt Putins smarter Top Gun, was er so drauf hat: akrobatische Loopings, harte Wendemanöver. Dann übergibt er Laubender den Steuerknüppel und lässt ihn eine Rolle fliegen. "Da zieht es einem die Augenlider runter", meint der. Mit Formel-1-Tempo landet die MiG-25 schließlich wieder auf dem Schukowski-Militärflughafen unweit von Moskau.
Der deutsche Weltraumtourist hat sich den Ausflug an den Rand der Welt zum 40. Geburtstag geschenkt: "Ich habe mir gesagt, jetzt oder nie." Einige Wochen musste der Fliegerarzt und leidenschaftliche Hobbypilot aus Füssen warten, bis es losging; beim ersten Versuch wurde der Flug nur 24 Stunden vor dem Start abgesagt: Das Cockpitfenster hatte einen Riss. So was kommt vor: Die MiG-25 operiert im Grenzbereich. Flöge sie nur ein wenig schneller durch die Stratosphäre, würde die Reibungshitze den Lack wegbrennen.
Auch echte Raumfahrer absolvieren ihre Trainingsflüge mit dem Oldtimer-Jet. Das Beschleunigungswunder MiG-25 wurde Anfang der Siebziger dafür gebaut, den schnellsten Abfangraketen davonzueilen. Dank ihrer monströsen Triebwerke vermag sie in Höhen vorzustoßen, die für andere Maschinen unerreichbar bleiben - kein Jet ist besser geeignet, um die Kosmonauten für einen Flug zur Internationalen Raumstation ISS vorzubereiten. Die Himmelsstürmer haben nur ein Problem: Sie sind notorisch knapp bei Kasse. Westliche Weltraumfans, die für echtes Kosmonautenfeeling harte Devisen bezahlen, werden deshalb mit offenen Armen empfangen. Sie tragen dazu
bei, die russische Raumfahrt am Leben zu erhalten.
Weltweit gibt es bereits eine Hand voll Reiseagenturen, die sich auf das Geschäft mit den Weltalltouristen spezialisiert haben. Laubender hat seinen Trip beim "German Space Shop" in Bonn gebucht. "Wir verfügen über beste Kontakte zur russischen Raumfahrtagentur", sagt Inhaber Thomas Kraus. "Wenn Sie die entsprechende Summe auf den Tisch legen, organisieren wir Ihnen sogar einen Flug zur ISS."
Solche Mega-Deals gelangen bisher aber nur dem amerikanischen Marktführer "Space Adventures": Anfang Oktober etwa ließ sich der 60-jährige US-Millionär Gregory Olsen mit einer Sojus-Rakete zur Raumstation schießen; Flugpreis: 20 Millionen Dollar. Ganz so weltraumverrückt sind superreiche Deutsche offenbar nicht.
Dennoch kann auch Kraus nicht über mangelnde Kundschaft klagen. So organisierte der "German Space Shop" in diesem Jahr für insgesamt rund 50 deutsche Touristen sogenannte Parabelflüge. Jeweils zehn Reisende starten mit einer vierstrahligen Iljuschin 76MDK. Über menschenleerem Land setzen die Piloten zum kontrollierten Sturzflug an - und die Passagiere beginnen für etwa 30 Sekunden im Laderaum der Frachtmaschine zu schweben. Wird den Schwerelosen übel, bricht ein Arzt den Flug des "Kotzbombers" ab. Das Erlebnis kostet 5000 Euro. Ebenso wie die MiG-Flüge (bis zu 13 000 Euro) sind die Schwerelosigkeitsflüge ("Zero-G") fester Bestandteil der normalen Kosmonautenausbildung.
Auch große deutsche Unternehmen haben schon Parabelflüge mit der Iljuschin gebucht - für Betriebsausflüge der besonderen Art. Nur einmal hat Kraus einen Kunden abgelehnt: Ein Pornoproduzent wollte den ersten Sexfilm in der Schwerelosigkeit drehen. "Finanziell war das Angebot äußerst verlockend", gibt Kraus zu. "Aber wir wollen ja nicht unseren guten Ruf riskieren."
Andere Weltraumtouristen üben lieber am Boden: im legendären Sternenstädtchen außerhalb Moskaus. Seit den sechziger Jahren werden dort die Kosmonauten ausgebildet; derzeit trainieren 39 künftige Raumfahrer für einen späteren Einsatz. Neuerdings werden auch betuchte Urlauber in dem riesigen Unterwasserbecken versenkt. Schwerfällig schweben sie in schweren Tauchanzügen zwischen den ISS-Modulen umher. Besonders Hartgesottene lassen sich anschließend noch in der stählernen Zentrifuge mehrere 100-mal pro Minute im Kreis herumschleudern - eine Tortur wie beim Start einer Sojus-Rakete.
Das Sternenstädtchen liegt mitten in einem Märchenwald. Zu Sowjetzeiten war der genaue Ort des Zentrums für Kosmonautentraining ein Staatsgeheimnis. Die Raumfahrer lebten mit ihren Familien vollkommen abgeschottet von der Außenwelt. Heute dürfen Touristen in ihre Rolle schlüpfen: "Sie leben eine Woche lang wie echte Raumfahrer", erzählt Kraus. "Sie gehen in der Kosmonautenkantine essen, kaufen im Kosmonautensupermarkt ein und schlafen in Kosmonautenbetten."
Ab kommendem Jahr will der Bonner Reiseveranstalter zusätzlich ein Isolationstraining mit ins Programm nehmen. Mehrere Tage und Nächte werden die Teilnehmer im Modell eines Raumstationmoduls eingesperrt - Leben in einer überdimensionalen Konservenbüchse.
Doch wer seinen Körper wirklich an die Belastungsgrenze bringen will, muss mit der MiG starten. Nach dem Höllenritt klettern viele Touristen mit schlotternden Knien aus der Maschine. Mancher Wagemutige hatte minutenlang nicht einmal mehr die Kraft, den Jet wieder zu verlassen.
Christian Laubender wusste, was auf ihn zukommt, er hatte sich intensiv vorbereitet. In einer Druckkammer trainierte er einen abrupten Sauerstoffverlust, in der Zentrifuge ertrug er die Verfünffachung seines Körpergewichts. Nach der Landung ist ihm kaum etwas anzumerken. "Mir geht's blendend", sagt Laubender euphorisch. "Am liebsten würde ich sofort wieder hochfliegen." OLAF STAMPF
DER SPIEGEL 46/2005
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