14.11.2005

GEHEIMDIENSTEDie im Dunkeln

In Paris arbeiten europäische Nachrichtendienste mit der CIA in einem Anti-Terror-Zentrum zusammen - das Projekt ist ebenso heikel wie geheim.
Die Truppe war handverlesen, ihr Job hochriskant. Amerikanische Geheimagenten arbeiteten mit einer internationalen Mannschaft zusammen, allesamt undercover, alles harte Kerle aus den Elite-Einheiten von sechs Nationen. Ein Brite war selbstverständlich vertreten - Old Europe allerdings ebenso: Ein Deutscher machte mit, auch ein Franzose. Das Team, Codename "Rainbow six", befreite einen österreichischen Millionär aus der Geiselhaft, konnte verhindern, dass ein Terrorist freigepresst wurde. Kurz: die Top Guns des weltweiten Anti-Terror-Kampfes bei der Arbeit.
Die Helden sind Fiktion und entstammen Tom Clancys Bestseller "Operation Rainbow." Doch inzwischen hat die Realität die Autorenphantasie eingeholt - und Clancys Roman stand dabei Pate. Seit Februar 2003 existiert in Europa eine ähnliche Geheimdienstgruppe, an der sich auch jene Staaten beteiligen, die in dem Polit-Thriller eine Rolle spielen: Deutschland, Amerika, Frankreich und Großbritannien. Dazu kommen die beiden Commonwealth-Staaten Kanada und Australien. Die geheimnisvolle Agententruppe trägt den Decknamen "Camolin" und soll, wie das literarische Vorbild, Terroristen jagen und Anschläge verhindern.
So delikat ist die Existenz der multinationalen Terrorjäger, dass eine Sprecherin von Innenminister Otto Schily erste Meldungen über die Organisation dreist dementierte: "Es gibt kein Anti-Terror-Zentrum, an dem deutsche Beamte beteiligt sind."
Gibt es eben doch, und die Zusammenarbeit ist heikel. Denn offiziell distanzieren sich die europäischen Staaten von Amerikas hemdsärmliger Art der Terrorismusbekämpfung. Mit dem Gefangenenlager Guantanamo und den sogenannten Black Sites, den Geheimknästen der CIA, in denen es nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen zu Folterungen kommen soll, wollen Deutschland oder Frankreich nichts zu tun haben.
Auf der anderen Seite ist internationale Kooperation bei der Terrorbekämpfung unverzichtbar, und deshalb entsendet die Bundesregierung einen Beamten des Bundesnachrichtendienstes sowie einen Vertreter des Bundesamtes für Verfassungsschutz zu den regelmäßigen Camolin-Treffen in einer französischen Militärkaserne am Stadtrand von Paris.
Die politischen Schwierigkeiten mit Camolin beginnen erst nach einem Erfolg: Garantien, was mit den dank transatlantischer Kooperation geschnappten Dschihad-Größen geschieht, gibt es nicht. Camolin soll nur den Zugriff ermöglichen, was danach mit den Aufgespürten geschieht, bleibt im Dunkeln.
Die Pariser Agenten-Runde versteht sich als eine Art eigenständiger Geheimdienst. Nur das Ergebnis zählt, alle relevanten Informationen, so sieht die streng geheime Gründungsvereinbarung vor, kommen hier auf den Tisch. Damit eröffnet Camolin der CIA ganz legal die Möglichkeit, auf dem alten Kontinent zu agieren.
Für die US-Regierung ist die Informationsbörse von entscheidender Bedeutung: Sie hält Europa für das neue Epizentrum des Dschihad. Schon heute sei der Kontinent "viel verletzlicher" als Amerika, behauptet John Negroponte, Washingtons mächtiger Geheimdienstkoordinator. "Da leben zehn Millionen Muslime, die nicht in die Gesellschaft integriert sind", warnt ein früherer hochrangiger Geheimdienstler.
Die Terroristenjagd à la Camolin beginnt in der Regel mit einer Art Brainstorming in kleiner Runde. Vertreter der Mitgliedsländer präsentieren die Biografie eines gesuchten Terroristen. Gilt der als bedeutend genug, sind alle Staaten verpflichtet, alle vorliegenden Informationen nach Paris zu übermitteln. In der Kaserne stehen Computerterminals der einzelnen Geheimdienste, die über sichere Leitungen direkt mit den Hauptquartieren etwa in London oder Pullach verbunden sind. Die Kosten für das mit modernster Technik ausgestattete Zentrum von Paris werden brüderlich geteilt.
Besonders begehrt sind die sonst von jedem Land eifersüchtig gehüteten Erkenntnisse aus Telefonüberwachungen oder Berichte von Agenten und V-Männern. Wie Zielfahnder durchstöbern die Camolin-Agenten das Material und suchen nach Anhaltspunkten für die Festnahme eines Verdächtigen: Lässt sich sein Telefon orten oder anpeilen, hält er Kontakt zu seiner Familie, verraten Briefe seine Ziele?
So entsteht ein detailliertes Dossier, ein Masterplan für die eigentlichen Jäger. Denn Camolins Arbeit endet mit der Ablieferung des Berichts und der Entscheidung, welcher Geheimdienst mit dem Aufspüren betraut werden soll. Meist, so sagen Insider, fällt diese Arbeit aufgrund ihrer weitreichenden Ressourcen an die CIA.
Was dann geschieht, bleibt den betroffenen Diensten überlassen, denn verbindliche Regeln gibt es offenbar nicht. Nicht auszuschließen also, dass die mit europäischer Hilfe geschnappten Terroristen in Guantanamo oder im CIA-Versteck verschwinden.
Den Verdacht, sie würden auf diese Weise routinemäßigen Verstößen gegen internationales Recht Vorschub leisten, lassen die beteiligten westeuropäischen Regierungen einstweilen unbeantwortet. "Camolin", schwärmt ein Beamter eines teilnehmenden Landes, "ist einfach ein einmaliges Forum, das Sachverhalte in einer Breite erörtern kann, die es vorher nicht gegeben hat." GEORG MASCOLO, HOLGER STARK
Von Georg Mascolo und Holger Stark

DER SPIEGEL 46/2005
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GEHEIMDIENSTE:
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