16.08.1971

SCHIESSAUSBILDUNG

Zitternde Hand

Unzureichendes Schießtraining und wirklichkeitsfremde Ausbildungsmethoden vor allem sind schuld daran, daß westdeutsche Polizisten im Ernstfall häufig versagen.

Statt wie gesetzlich vorgeschrieben -- flüchtende oder Widerstand leistende Straftäter durch gezielte Schüsse nur flucht- und kampfunfähig zu schießen, werden westdeutsche Polizisten ungewollt zu Scharfrichtern -- weil sie nicht richtig schießen können.

Auf dem Pflaster der Hamburger Reineckestraße verblutete am 15. Juli das Apo-Mädchen Petra Schelm, 20. Statt Beine oder Arme zu treffen, hatte ein 27 Jahre alter Polizist der bewaffneten Flüchtenden eine MP-Kugel in den Kopf geschossen.

In seinem Auto erlitt Ende Mai in München-Schwabing der Ausbrecher Hans Albert, 27, tödliche Schußverletzungen. Um ihn an der Flucht zu hindern, hatten Kripo-Beamte etwa zehn Schüsse auf Alberts Wagen abgegeben.

Unter den MP-Feuerstoßen und gezielten Schüssen aus Polizeikarabinern schließlich sackte vorletzte Woche in der Münchner Prinzregentenstraße der Bankräuber Hans Georg Rammelmayr, 31, tot zusammen.

In Mühlheim exekutierte unlängst ein Polizist einen Einbrecher unbeabsichtigt durch einen Bauchschuß; In St. Georgen tötete ein Beamter, der einen Amokschützen jagte, einen Unbeteiligten durch einen Kopfschuß -- Folgen einer meist unzureichenden Schießausbildung bei Westdeutschlands Polizeien und der oft auch noch wirklichkeitsfremden Trainingsmethoden.

Das dämmert -- spätestens nach der Schießerei in der Münchner Prinzregentenstraße -- auch zuständigen Behörden und Befehlshabern bei der Polizei. So hält das hessische Innenministerium "im Interesse der Sicherheit beim Gebrauch der Schußwaffe" eine Intensivierung der Schießausbildung für "wünschenswert". Stuttgarts Polizeipräsident Paul Rau bedauert, "daß wir für die Schießausbildung nicht mehr Zeit haben". Weil die "personelle Decke juckt", so auch Schutzpolizei-Kommandeur Kurt Schilling. trainieren Niedersachsens Polizisten auf dem Schießstand seltener, als sie sollten.

Selbst die Führung der West-Berliner Polizei. die Polizei-Schützen wie der Kripo-Mann Karl-Heinz Kurras (der den Studenten Benno Ohnesorg erschoß) oder der Obermeister Horst Salzwedel (der letzten Januar den mutmaßlichen Autodieb Peter Braatz durch einen Genickschuß niederstreckte) in den Ruch einer schußfreudigen Polizeimacht brachten, urteilt über die Schießausbildung: "Man könnte mehr machen" (Leitender Polizeidirektor Günter Dittmann). Und Oberpolizeirat Hermann Friker von der Landpolizeidirektion Oberbayern findet das polizeiliche Schießtraining "recht dürftig".

Was hinreichend wäre, untersuchten Schießexperten wie der Schwarzwälder Waffen-Publizist und Sport-Pistolenschütze Hans J. Stammel -- monatlich mindestens 100 Schuß, um mit der Waffe fit zu bleiben. Hauptkommissar Gerhard Wettschereck, Fachlehrer an der Essener Landespolizeischule und Autor einer unlängst veröffentlichten Fachstudie ("Die Schießausbildung der deutschen Polizei: ein Trauerspiel?"), hält 100 Schuß im Vierteljahr für ausreichend, um durchschnittlich schießbegabte Beamte mit ihrer Dienstwaffe. der 7,65-Millimeter-Walther-Pistole, im Training zu halten.

Kurt Rosewich, Polizei-Inspekteur im baden-württembergischen Innenministerium, wiederum würde alle Polizei-Dienststellen am liebsten so ausgestattet sehen, daß "jeder Beamte zehn Schuß abgeben kann, bevor er seinen Dienst antritt" -- macht pro Jahr annähernd 2500 Schuß.

Doch Westdeutschlands Polizisten erreichen in aller Regel weder das eine noch das andere Mindest-Soll, es sei denn, sie betreiben -- wie Frankfurter Polizisten im SV Grünweiß oder die vornehmlich aus Sportschützen und Jägern rekrutierten sogenannten Präzisionsschützen der Münchner Stadtpolizei -- das Schießen als Hobby außerhalb der Dienstzeit.

Laut Dienstplan geben übende Berliner Polizisten beispielsweise pro Jahr nur 31 Schuß mit der Pistole, 18 Schuß mit dem Gewehr G 3 und 25 Schuß mit der MP ab.

Münchner Stadtpolizisten absolvieren ein Schieß-Pflichtprogramm von jährlich vier Übungen à zehn Schuß mit der 7,65er Pistole. Eine Ausbildung mit Maschinenpistolen, mit denen Sonderdienst-Beamte wie Streifen-Polizisten bewaffnet sind, bleibt weitgehend dem Zufall überlassen. Dennoch, das meint jedenfalls Oberkriminalrat Georg Schmidt, Referent für "äußere Führung" im Polizeipräsidium, schießen Münchens Polizisten "verhältnismäßig fast sehr gut".

Frankfurter Polizisten müssen jährlich sechs Pistolen-Übungen mit je sechs Schuß hinter sich bringen. Jüngere Bereitschaftspolizisten schießen außerdem mit MP und Gewehren.

Sogenannte Schießkinos, bei denen auf Filmen agierende Personen Ziele abgeben, sind bei Westdeutschlands Polizisten noch die Ausnahme. Meist schießen Polizisten auf Ringscheiben und Pappkameraden. Ringscheiben und Pappkameraden aber, an denen Generationen deutscher Krieger ausgebildet wurden, sind, wie die Gewerkschaft der Polizei (GdP) letztes Jahr in einem Bericht über die "Situation der Schutzpolizei" monierte. "polizeifremde Ziele". Denn: "Ringscheiben verlangen den Schuß ins Zentrum. Das aber ist im Ernstfall ein Bauchschuß. Der Treffer in Kopf oder Rumpf" -- wie beim Pappkameraden verlangt -- "ist für Polizeibeamte ein Fehlschuß:"

Sind die Gelegenheiten der Polizisten, die Treffsicherheit zu erproben, schon rar, so fragt meist auch niemand danach, mit welchen Erfolgen die Beamten ihre spärlichen Übungen absolvieren. Ausbilder Wettschereck weiß aus Erfahrung: "Wenn ein Beamter die Bedingungen erfüllt, so ist es gut: wenn er sie nicht erfüllt, kümmert sich in der Regel niemand darum."

überdies vollzieht sich der Betrieb auf bundesdeutschen Polizei-Schiefständen meistens nach einem preußischem Kommißbetrieb entlehnten Ritual, so daß "man annehmen muß, nicht das Schießen, sondern die Einhaltung von Form- und Sicherheitsvorschriften soll geübt werden" (GdP-Denkschrift).

So muß mehrfach das "Eintreffen des Beamten auf dem Schießstand" urkundlich bestätigt werden sowie die "Abgabe eines Schusses". Es gibt Richtlinien für die Funktionen eines den Schießbetrieb "Leitenden". Eine "Aufsicht auf dem Stand" ist eingeteilt ebenso wie eine "Aufsicht beim Schützen", ein "Patronenausgeber" und ein "Schreiber".

Solche Rituale sind nach Auffassung des Esseners Wettschereck "Gängeleien", auf die "vielleicht ... manche Kurzschlußhandlungen beim Schußwaffengebrauch" zurückzuführen seien: "Wenn man vom Einzeldienstbeamten im Ernstfall neben der rechtlichen Würdigung eine schnelle und sichere Handhabung der Schußwaffe verlangt". so der Polizei-Lehrer, "dann sollte man ihn auch beim Schulschießen eigenverantwortlich handeln lassen."

Mit welcher Verfassung seines für den Ernstfall untrainierten Verfolgers demnach ein flucht- oder angriffswilliger Straftäter rechnen muß. beschreibt der Münchner Oberkriminalrat Schmidt so: "Da steht der Beamte nun. Mit erhöhter Herztätigkeit. Er atmet, seine Hand zittert."


DER SPIEGEL 34/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 34/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHIESSAUSBILDUNG:
Zitternde Hand