16.08.1971

ITALIENKrötenbein unterm Mond

Tausende Zauberer, Wunderheilige und Wahrsager wirken zwischen Turin und Palermo. Viele Italiener trauen Geistern noch mehr als Ärzten.
Jeden Morgen ab 8.36 Uhr spricht aus Giuseppina Gonnella der Geist ihres toten Enkels Alberto. Er tröstet Kranke, muntert Erfolglose auf -- oder beschwichtigt einen verzweifelten Bauern, der sein untreues, mannstolles Eheweib erwürgen will.
Hunderte von Abergläubigen wallfahren täglich zu Alberto/Giuseppina nach Serradarce bei Salerno. Um den toten Alberto (er verunglückte 1956) hat sich ein Kult entwickelt, der katholisch scheint, tatsächlich aber in den Bereich der Magie gehört. Das Ritual:
Großmutter Giuseppina begibt sich zunächst in einen eigens gebauten Tempel. Vor einem Kruzifix und einer kitschigen Statue, die Alberto im Priestergewand zeigt, hält sie eine 40minütige Anbetung, wobei sich die Menge in ein para-religiöses Delirium steigert. Pünktlich um 8.36 Uhr -- der Todesstunde Albertos -- beginnt die mollige Zauber-Oma zu reden, als ob sie ihr Enkel sei. Giuseppina Gonnella ist nur ein Beispiel für die ungebrochene Kontinuität der "magia popolare", der volkstümlichen Magie in Italien. Besessene, Zauberer, Gesundbeter, Wahrsager gibt es zwischen Turin und Palermo zu Tausenden. Zauberei und Wahrsagekunst erleben gerade jetzt einen neuen Boom.
"Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen", so schätzt die Wochenzeitschrift "L Europeo", "flüchten im Augenblick der Not in die Welt der Magie. innerhalb oder außerhalb der Religion." Immer mehr Bürger wenden sich mit ihren Sorgen statt an den Arzt, Sozialfürsorger oder Priester an den Wunderheiler oder Wahrsager.
Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung fühlt sich -- trotz aller Schritte zum Sozialstaat -- so hilflos und bedrückt wie eh und je. Dies gilt für das entwurzelte Sub- Proletariat in den Städten genauso wie für die mittellosen Kleinbauern im Süden.
Der arme Landarbeiter, so erläutert die römische Anthropologin Dr. Annabella Rossi, fürchte gerade die "rationale Realität" der Moderne: das Krankenhaus, den Gerichtssaal, den Büroschalter, "alles Dinge, die ihm immer schon feindlich waren".
Ein Zauberspruch hingegen macht ihm keine Angst. Denn der Magier agiert in einem Zimmer, "das ebenso ärmlich ist wie das Zimmer, in dem der Landmann lebt. Mit Gesten und Worten, die der Arbeiter nicht versteht, die aber Teil seiner Kultur sind" (Annabella Rossi).
Freundliche Magier, wundertätige Mönche, verehrte Heilige: In der volkstümlichen Anschauung der italienischen Gläubigen gibt es da kaum einen Unterschied. Daher vermischt sich an manchen Kultstätten, bei manchen Prozessionen christliches Brauchtum mit heidnischem Hokuspokus.
Katholischer Wunderglaube par excellence offenbarte sich Mitte Mai, nach dem Ausbruch des Ätna: In einer Prozession zogen 2000 Dörfler aus Sant' Alfio an den Rand der glühenden Lava, um von Schutzheiligen Hilfe zu erflehen. Wie schon einmal, im Jahre 1928, kam Sant" Alfio ohne größeren Schaden davon -- für die Dörfler war es ein neues Mirakel.
Im weiten Grenzbereich von Magie und christlicher Legende wirkt beispielsweise Vincenzo Camuso aus Bonito bei Avellino. Vincenzo -- eine mumifizierte Leiche, die in einer Kapelle sitzt und mit Votivbildchen behängt ist -- leistet angeblich Bedeutendes als Chirurg: Er erscheint nachts am Bett der Kranken, die am nächsten Morgen in den Operationssaal kommen, und operiert allein, ohne Skalpell. natürlich ohne eine Spur zu hinterlassen.
Unweit von dem toten Superarzt, in dem bitterarmen Dorf Paduli, betreibt Raffaele Luongo die Kunst der Schwarzen Magie. Er mixt Zauber- und Liebestränke, sieht für 200 Lire (1,18 Mark) die Zukunft voraus und heut Kranke. Luangos Rezepte, um anderen den Tod zu bringen:
Einer lebenden Kröte reißt man mit den Zähnen die vier Beine aus, die dann 21 Tage lang dem Mondlicht ausgesetzt werden. Mit Friedhofserde, Asche und Holunderöl werden sie in ein unbenutztes Tontöpfchen getan; alles wird unter Zaubersprüchen zum Kochen gebracht und dann über die Person geschüttet, die man beseitigen will.
Einfacher ist Luongos beliebter Liebestrank: Frauen. die sich einen Mann kapern wollen, bringen dem Magier "ein bißchen Menstruationsblut, dann mach' ich den Spruch, und daraufhin mischt die Frau ihr Blut dem Auserwählten in den Kaffee oder den Wein".
Die schwarze Kunst floriert nicht bloß im rückständigen Süden. Der Zauber-Boom, der die Verlage bereits zu Buchserien über Praktische Magie stimuliert, hat auch die Städte des Nordens erfaßt. Nach Schätzungen arbeiten zwischen Mailand und Rom 10 000 Magier und Wahrsager.
"Der größte Teil meiner Kundschaft sind Personen, die Liebeskummer haben. sowie Politiker und Geschäftsleute", erklärte Argelia, eine Wahrsagerin aus Rom. Mitunter kämen, Parlamentsabgeordnete und wollten vom Horoskop die Chancen für ihre Gesetzesvorschläge wissen.
Und sogar in der Industrie, die sich gern als Motor des Fortschritts zu einem modernen, aufgeklärten Italien sieht, schwören manche Bosse auf das uralte, irrationale Mittel Horoskop -- etwa vor Investitionsentscheidungen.
Prahlt Wahrsagerin Argelia: "Es gibt Industrielle, die keinen Finger rühren, ohne mich vorher konsultiert zu haben."

DER SPIEGEL 34/1971
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