13.09.1971

WÄHRUNGLustiges Floaten

Nach dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse suchen die Politiker nach einer neuen Währungsordnung. Theoretiker empfehlen flexible Kurse.
Die Politiker sollten in Urlaub gehen", riet der "Economist", "und den Devisenhändlern das Feld überlassen." Wie fast alle renommierten Währungstheoretiker der westlichen Welt, so wittern auch die Ökonomen des Londoner Magazins in der gegenwärtigen Währungskrise die Chance, daß nach dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse eine Ära "friedlichen Floatens" ("Economist") beginnt.
Noch in dieser Woche freilich wollen Finanzminister und Zentralbankiers der großen Handelsnationen zusammentreffen, um dem Floaten möglichst schnell ein Ende zu bereiten:
* Am Montag tagt in Brüssel der EWG-Ministerrat;
* am Mittwoch trifft sich in London der sogenannte Zehnerklub der führenden Industrienationen.
Ob es aber in London und Brüssel bereits zu einer Einigung -- und damit zu neuen festen Paritäten -- kommt, ist angesichts der unterschiedlichen Interessen der Handelsnationen fraglich.
Eine wirtschaftliche Katastrophe wäre ein Scheitern der politischen Verhandlungen allerdings nicht. Denn entgegen den Warnungen vieler Zentralbankiers und Finanzminister, daß ein System freier Kurse den internationalen Zahlungsverkehr in ein Chaos stürze, arbeiteten die internationalen Devisenmärkte in den vergangenen drei Wochen flexibler Wechselkurse so reibungslos wie in dem krisengeschüttelten Fix-Kurs-System seit langem nicht mehr.
"Wir haben tatsächlich bisher nur eine sehr begrenzte Erfahrung mit dem Floaten gesammelt", räumte zwar der britische Wirtschaftsprofessor John Williamson ein, "doch alles, was sich legitimerweise sagen läßt, ist, daß flexible Wechselkurse bisher recht gut zu arbeiten scheinen." Ein italienischer Bankier berichtete: "Es hat sich nichts Fürchterliches ereignet. Ich sehe keinen Grund, warum wir nicht weiterfloaten können, wenn wir es müssen."
Auch den westdeutschen Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller schreckt eine lange Floating-Periode nicht. Grundsätzlich habe, so erklärte der mit wirtschaftstheoretischen Kenntnissen vorbelastete Minister, "ein System der freien Wechselkurse sicherlich eine größere Lebenserwartung als ein System der künstlichen, scharf kontrollierten Paritäten".
Doch den meisten Währungspolitikern sind flexible Kurse noch immer suspekt. Sie argumentieren, daß ein Wechselkurs, der allein durch das Spiel von Angebot und Nachfrage nach Devisen geregelt wird, die Spekulanten geradezu herausfordere und die Außenhändler verunsichere, weil er ständigen Schwankungen unterworfen sei.
In Wahrheit aber schreckt gerade die Ungewißheit, in welcher Richtung sich ein Wechselkurs bewegen wird, die Spekulanten von einer Devisen-Stampede ab. Sollte es dennoch zum Run auf eine Währung kommen, bremst der emporschnellende Preis der Währung die Kauflust der Spekulanten. Ex- und Importeure dagegen, die an stabilen Paritäten interessiert sind, können sich mit Hilfe von Devisen-Termingeschäften gegen Verluste durch steigende oder fallende Kurse schützen.
Anhänger fixierter Wechselkurse hingegen erinnern daran, daß der Welthandel und der Wohlstand der westlichen Industrienationen einschließlich Japans seit Einführung des Währungssystems von Bretton Woods in einem nie zuvor erreichten Tempo wuchsen.
In dem US-Badeort Bretton Woods hatten sich 29 Länder im Juli 1944 auf eine Währungsordnung mit festen Paritäten geeinigt, die nur bei einem fundamentalen Zahlungsbilanz-Ungleichgewicht geändert werden durften. Zur Überwachung und Stützung des Währungsgefüges gründeten die Regierungen ein Jahr später den Internationalen Währungsfonds (IWF), dem mittlerweile 117 Mitgliedsländer angehören.
Außer in Gold konnten die IWF-Mitglieder ihre Paritäten auch in US-Dollar festsetzen. Und da sich das US-Schatzministerium verpflichtete, Dollarforderungen ausländischer Zentralbanken jederzeit in Gold zu begleichen, hielten die Notenbanken neben Gold auch Dollar als Währungsreserven.
Dadurch fiel den Vereinigten Staaten die Rolle eines Welt-Bankiers zu, die es ihnen erlaubte, ihre Zahlungsbilanz-Defizite in eigener Währung zu begleichen und sich somit besonders billig Auslands-Kredite zu verschaffen. Diese Position nutzten die USA weidlich aus. Durch Auslandsinvestitionen, Militär- und Entwicklungshilfe, Kriegskosten und Touristenausgaben pumpten sie ständig mehr Dollar-Milliarden ins Ausland, als sie durch Ausfuhr-Überschüsse einnehmen konnten.
Die Handelspartner und Verbündeten der Amerikaner, die nach dem Zweiten Weltkrieg nur über kümmerliche Gold- und Dollarreserven verfügten, lenkten den Dollarstrom willig in ihre Kassen. Denn mit den Fehlbeträgen in der US-Zahlungsbilanz stieg die internationale Kaufkraft der meisten US-Partner so stark, daß deren Industrieproduktion und Außenhandel einen starken Aufschwung nahmen. Von den Dollar-Zuflüssen stimuliert, wuchsen vor allem die Wirtschaften Japans, Westdeutschlands, Italiens und Dutzender kleiner Länder in raschem Tempo.
Das System funktionierte, solange die Länder rasches Wachstum und steigende Wettbewerbsfähigkeit höher einschätzten als den Nachteil, mit ihren Export-Überschüssen lediglich das Defizit der US-Zahlungsbilanz zu finanzieren. So kaufte die Bank von Japan selbst eine Woche nach Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems noch immer Millionen überbewerteter Dollar an, um durch Aufrechterhaltung der alten Dollarparität des Yen ein Absinken seines Export- und Binnenwachstums zu vermeiden.
Die Bundesrepublik zog es dagegen vor, ihre eigene Wettbewerbsposition zunächst durch Aufwertungen und dann durch Freigabe des Wechselkurses der Mark zu schwächen. Um den inflationären Druck einer übermäßigen Auslandsnachfrage zu drosseln.
Auf der anderen Seite griff das Leitwährungsland USA bei nachlassender Wettbewerbskraft zu immer stärkeren geld- und finanzpolitischen Stimulantien, um genügend Binnenkaufkraft zu schaffen und das eigene Wirtschaftswachstum zu sichern. Die Expansionsmaßnahmen aber rissen ein immer größeres Loch in die US-Zahlungsbilanz und trieben die Auslandsschulden auf ein Vielfaches der Währungsreserven.
Damit das Währungssystem in Zukunft nicht mehr an mangelnder Zahlungsbilanz-Moral der Amerikaner scheitern kann. empfehlen Währungsexperten. den Dollar als Leit- und Reservewährung durch ein internationales Kunstgeld abzulösen. Die Zentralbanken sollen -- so der Plan der Währungsstrategen -- die in ihren Bilanzen ausgewiesenen Dollar gegen Sonderziehungsrechte (SZR) des Währungsfonds umtauschen.
Dieses Papiergold wurde bereits 1969 von den Mitgliedsstaaten des IWF geschaffen und dient seit Anfang 1970 neben Dollar und Gold als internationales Zahlungsmittel. Nach dem Willen seiner Schöpfer sollten die SZR die Versorgung des Welthandels mit internationaler Liquidität von den Zufälligkeiten neuer Goldfunde und der Willkür der US-Zahlungsbilanzpolitik unabhängig machen.
Nach den Vorschlägen der Experten müßte nun der bisherige Gold-Dollar-Standard durch ein System ersetzt werden, das möglichst nur auf Gold und SZR basiert: Der Wert sämtlicher westlicher Währungen -- einschließlich des Dollar -- würde in SZR-Einheiten festgesetzt. Die SZR selbst aber wären nur an das Gold gebunden.
Um einen Schwund des Vertrauens in dieses internationale Papiergold zu verhindern, dessen Funktion als allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel nicht wie bei einer nationalen Währung letztlich durch staatliche Autorität gewährleistet wird, empfiehlt der britische Star-Ökonom Nicholas Kaldor eine Warendeckung des Kunstgeldes. Die IWF-Währung solle jederzeit in Rohstoffe wie Weizen, Zucker, tropische Produkte und Metalle umtauschbar sein. Die Versorgung mit internationaler Liquidität würde somit vom Angebot an Nahrungsmitteln und Grundstoffen abhängig sein. Doch Kaldor selbst rückt dieses Währungs-Utopia in eine fernere Zukunft -- "vielleicht in die Zeit nach zehn oder zwanzig Jahren".
Die Gegenwart dagegen wird trotz Floatens immer noch vom Export-Nationalismus der einzelnen Regierungen bestimmt. Denn da die Amerikaner ihren Binnenmarkt durch eine Importsteuer gegen ausländische Konkurrenz abschirmen, entlasten Europäer und Japaner ihre Exportindustrien, indem sie durch Devisenkontrollen, gespaltene Devisenmärkte (siehe Seite 117) und Notenbank-Interventionen eine stärkere Abwärtsbewegung der Dollarparität ihrer Währungen verhindern.
Die Vereinigten Staaten wiederum haben versprochen, ihre Importsteuer aufzuheben, wenn die Handelspartner den Preis des Dollar auf ihren Devisenmärkten so stark herabdrucken, daß die US-Außenhändler wieder einen ausreichenden Export-Überschuß erzielen.
Dieser Export-Fetischismus der großen Handelsnationen verhinderte auch bislang die von IWF-Generaldirektor Pierre-Paul Schweitzer und den meisten Währungspolitikern angestrebte Rückkehr zu einem System fester Wechselkurse, bei dem lediglich die Bandbreiten. innerhalb derer die Kurse um ihre offizielle Parität schwanken dürften, von zwei auf sechs Prozent erweitert würden.
Denn im internationalen Verhandlungs-Poker um Paritäten schreckt jede Regierung vor Kurs-Konzessionen zu Lasten der eigenen Ausfuhr zurück. So hasteten denn Minister, Staatssekretäre und Zentralbankiers bisher vergeblich zu persönlichen Konsultationen, technischen Konferenzen, Ratssitzungen und vorbereitenden Gesprächen. "Tagungen", so urteilte das US-Wirtschaftsmagazin "Business Week" über die Konferenzserie, "sind eine Sache, Ergebnisse eine andere."
Einigen sich die Politiker nicht, wird auf unabsehbare Zeit weiter gefloated. Freut sich der "Economist": "Floaten kann lustig sein."

DER SPIEGEL 38/1971
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