13.09.1971

Theater

Warum verkroch sich Hölderlin im Turm?

SPIEGEL-Interview mit dem Dramatiker Peter Weiss

SPIEGEL: Herr Weiss, nach vier politisch-dokumentarischen Lehrstücken präsentieren Sie uns einen deutschen Dichter, der seit 130 Jahren tot ist. Was soll "Hölderlin" uns lehren?

WEISS: "Hölderlin" ist ein politisches Stück wie die anderen Stücke auch, nur ist das Politische nicht so eindeutig, so plakativ gezeichnet. Ich habe hier die politische Wirklichkeit, in der Hölderlin lebte, vermengt mit der Problematik eines Individuums, in dem sich die ganze Epoche spiegelt. Das Hauptthema ist: Wie verhält sich ein Mensch, der sehr stark an seiner eigenen Zeit teilnimmt, gegenüber den gesellschaftlichen Veränderungen? Wie wird er fertig mit den Problemen, löst er sie oder zerbricht er daran?

SPIEGEL: Sie kehren mit Ihrem "Hölderlin" in die Zeit Ihres "Marat" zurück. Bestehen auch noch andere Affinitäten zwischen "Marat" und "Hölderlin"?

WEISS: Im vielschichtigen Charakter des Hölderlin wird ein Teil der Problematik des "Marat"-Stücks aufgenommen. Die Pole Sade und Marat, der poetische Visionär und der tätige Politiker, sind hier in einer Person erkennbar. Natürlich ist "Hölderlin" keine Fortsetzung von "Marat". Hier geht es um ganz andere Konflikte.

SPIEGEL: Sie zeigen uns einen Hölderlin, der vergebens auf die Revolution wartet und schließlich im Wahnsinn endet ...

WEISS: Also zunächst einmal: Ich finde nicht, daß Hölderlin im Wahnsinn geendet ist. Für mich ist er der Gesündeste im ganzen Stück, viel gesünder als Hegel, zum Beispiel. Hölderlin ist der Mensch, der von allen Instanzen der Wirklichkeit so zusammengehauen worden ist, daß ihm nichts anderes übrigblieb, als sich in seinem Turm zu verkriechen.

SPIEGEL: Gut, sagen wir: Er geht in die Isolation, er resigniert. Gibt es da Parallelen zum enttäuschten revolutionären Autor Peter Weiss?

WEISS: Ich verstehe: Sie glauben, daß ich nach dem Mißerfolg des "Trotzki"-Stückes und nach den Angriffen, die der Sozialismus auf mich erlassen hat, nun resignieren müßte. Keineswegs, im Gegenteil. Hölderlin ist für mich keine resignierte Figur, sondern ein Mensch. der in einer ganz bestimmten historischen Epoche seinen Weg nicht verwirklichen kann, aber deshalb seine Grundhaltung nicht aufgibt. Es gibt auch heute genügend Personen, die in derselben Lage sind. Denken Sie an Sartre, an Garaudy, an Goldstücker, an Rossana Rossanda, die trotz der gegenwärtigen politischen Schwierigkeiten weiterhin überzeugte Marxisten sind.

SPIEGEL: Ihr "Hölderlin" ist eine Parabel der Gegenwart?

WEISS: Ich habe versucht, eine Figur zu schaffen, die mir, meiner eigenen Zeit entspricht. Gleichzeitig jedoch habe ich mich auch an die historischen Fakten gehalten. Dabei ist Hölderlin die Zentralgestalt, an der sich alles spiegelt und bricht, während die Figuren, die ihn umgeben -- also der Hegel, der Schelling, der Goethe, Schiller und Fichte gelegentlich fast karikiert werden, um bestimmte Aspekte zu verschärfen.

SPIEGEL: Eine Methode, die bisweilen fragwürdig scheint. Ihr Hegel zum Beispiel, der Großvater des Marxismus, macht gar keine gute Figur.

WEISS: Da haben Sie recht. Der Hegel kommt schlecht weg. Daß er von seiner evolutionären Grundhaltung zum reinen Konservatismus gelangt und als Knecht der Monarchie endet, das ist sehr stark zusammengezogen. Aber es ist doch auch lehrreich zu sehen, wie all diese großen Leute um Hölderlin früher oder später umgefallen sind. Deshalb muß ja zum Schluß des Stücks auch der Marx kommen und den Hegel wieder auf die Füße stellen.

SPIEGEL: Marx kommt und sagt: "Zur Vorbereitung grundlegender Veränderungen sind zwei Wege gangbar: die Analyse der konkreten historischen Situation und die visionäre Formung persönlicher Erfahrung." So hat Marx zweifellos auch gedacht. Dennoch, es klingt sehr nach einem persönlichen Bekenntnis des Peter Weiss.

WEISS: Je mehr sich mein politisches Bewußtsein entwickelt, desto mehr erkenne ich auch die Notwendigkeit, die künstlerischen Ausdrucksformen zu verändern. Poesie und Revolution gehören zusammen. Ohne totale Veränderung des Menschen, des Geistes, des poetischen Empfindens kann es nie zu einer wirklichen Revolution kommen.

SPIEGEL: Sie stellen Hölderlin als Revolutionär, als Jakobiner dar. Das wird die Deutschen befremden. Glauben Sie, daß das Publikum Ihren "Hölderlin" ohne Kommentar verstehen wird?

WEISS: Das hängt ganz davon ab, wie das auf der Bühne gemacht wird. Aber selbst für den, der von Hölderlin nie etwas gelesen hat. müßte er als Bühnenfigur interessant sein.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, daß Ihr "Hölderlin", wie Sie es einmal für alle Ihre Stücke gewünscht haben, in Arbeitervorstädten, Fabriken oder Schulen gespielt wird?

WEISS: Natürlich ist das denkbar. Aber man muß nicht mit allen Stücken in die Fabriken gehen. Die besten Voraussetzungen, ein Stück zu zeigen, hat immer noch das Theater. Daß die bürgerlichen Theater alle Scheiße wären, ist ein Argument. dem ich mich keineswegs anschließen will. Es geht vielmehr darum, diese Apparate, die ja äußerst brauchbar sind, von ihrer Struktur her zu verändern.

SPIEGEL: Ihr neues Drama beginnt mit dem Reim: "Ein Stück um Friedrich Hölderlin kann sich den düsteren Aspecten nicht entziehn." Ist "Hölderlin" ein pessimistisches Stück?

WEISS: Gar nicht. Hölderlin mußte wohl teuer bezahlen, aber er glaubte an die Veränderung, wie wir das auch tun. Wir sehen immer neue Perspektiven vor uns. Gäbe es die nicht, könnten wir doch sofort einpacken.

SPIEGEL: Kommt der einzige Sendbote einer schöneren Zukunft, Karl Marx, in Ihrem Stück nicht sehr knapp weg?

WEISS: Er taucht immerhin auf.


DER SPIEGEL 38/1971
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