21.06.1971

Volkmar Sigusch über die evangelische Sex-„Denkschrift“Liebe kann doch nichts dafür

Dr. Volkmar Sigusch, 30, ehemals Mitarbeiter von Professor Hans Giese, gehört dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung an, arbeitet als Arzt am Hamburger Institut für Sexualforschung und hält sexualwissenschaftliche Vorlesungen an der Universität Hamburg. Er veröffentlichte unter anderem: „Exzitation und Orgasmus bei der Frau“. -- Die „Denkschrift zu Fragen der Sexualethik“ wurde von einer Kommission der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erarbeitet. Von der Broschüre wurden bereits 45 000 Stück verkauft.
Am Anfang ist Verwirrung: Eine Mixtur aus respektablen Einsichten und irrationalen Werturteilen. aus klaren und delphischen Äußerungen. aus wissenschaftlich Richtigem und Falschem erzeugt beim Rezensenten der "Denkschrift" eine Stimmung zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Sätze, die zu unterschreiben sind, werden immer wieder durch nachfolgende aufgehoben. Innere Widersprüche kommen unvermittelt aus dem Kompromiß.
Zu den respektablen Einsichten. die sich aus der Mixtur filtern lassen, gehört vor allem, daß das Syndrom Antisexualität zumindest teilweise christlich eingeordnet wird. Der uralte Unfug der Diskriminierung des Eros soll überwunden werden. Als Hauptfunktion des Sexuellen wird daher nicht mehr Fortpflanzung begriffen. Partnerschaft hat Fortpflanzung endgültig vom ersten Rang verdrängt. Weil durchgesickert ist, daß Sexualität "immer auch geschichtlich und gesellschaftlich bedingt und damit wandelbar" ist, können Ahnen nicht mehr unbesehen beerbt werden; vielleicht auch, weil man bemerkt hat. wie zahlreich "ekklesiogene Neurosen sind.
Im Zentrum der sexualethischen Überlegungen steht ohne Frage die Ehe. die mit dem Willen "zu lebenslanger Dauer und Ausschließlichkeit der Geschlechtsgemeinschaft" verbunden sein soll. Außerehelicher Koitus wird daher grundsätzlich abgelehnt. Allerdings muß er "nicht in jedem Fall zur Zerstörung der Ehe führen" -- eine mild-einsichtsvolle Äußerung, die ebenso bescheiden festzuhalten ist wie das Bekenntnis der Denkschrift-Autoren: "Es gibt keine von Gott geschaffene Herrschaftsstruktur im Verhältnis der Geschlechter zueinander."
Niemand kann heute von der Kirche ernsthaft ein ln-Frage-Stellen der Ehe erwarten. Imponierend ist aber die Unfähigkeit, dieses Institut Ehe kritisch zu reflektieren. Ein Hauch von Reflexion ist lediglich an jener Stelle der Denkschrift zu spüren, wo "Großfamilien" als förderungswürdig eingestuft werden, sofern "die Integrität und Intimität der einzelnen Ehe gewahrt bleibt".
Prinzipiell bemüht man aber nach wie vor Mysterien, die die Realität nicht maskieren können: verwaltete Persönlichkeiten, soziales Gefälle, emotionale Isolation, sexuelle Deprivation u.s.f. Wo sind denn die "ganzheitlichen" Beziehungen? Wann ist die "leib-seelische Einheit" verwirklicht"? Wie viele Partnerschaften können heute überhaupt "wirklich gelingen,"? Ist nicht Liebe geradezu auf das angewiesen, was monogame Beziehungen weitgehend ausschließen: auf ungebrochene Antriebe und eigensinnige Spontaneität?
Statt immer gleich ins All zu tauchen, sollten banal-ethische Forderungen, wie Rücksichtnahme, emotionales Engagement und Gegenseitigkeit, betont werden. Mysterien taugen nicht als Anweisung zum Handeln. Liebe kann doch nichts dafür, und sie muß ja belassen werden.
Wer das Bürgerliche verinnerlicht und die gegenwärtigen Zwänge überdacht hat, wird zeitweilige Monogamie mit mutueller -- gegenseitiger -- Treue und selbst dezerebralisierende Liebe sowieso nicht einfach abtun oder gar am Individuum diffamieren. Es wäre einfach töricht. Und schließlich sind doch auch sogenannte Sexualrevolutionäre für Verstehen, Sensibilität, Zärtlichkeit, Mutualität, Befriedung und gegen Entmotionalisierung, Kommunikationslosigkeit. Segregation, rücksichtslosen Partnerwechsel, pure Sexualität -- nur: sie sind es mit einer gegenläufigen Radikalität.
Auffällig ratlos steht die EKD-Kommission den sogenannten vorehelichen Beziehungen gegenüber. Die Mystizismen, die sie auf die Ehe richtet, machen ihr eine realitätsgerechte oder überhaupt klare Bewertung der vorehelichen Beziehungen unmöglich. Man erfährt lediglich, daß "Geschlechtsverkehr verlobter oder fest befreundeter Paare in einer ganzheitlich-personalen Beziehung. die mit der Absicht auf Dauer verbunden ist, grundsätzlich anders gesehen (wird) als das .Ausprobieren" mit wechselnden Partnern.
Damit disqualifiziert die protestantische Ethik jedoch die meisten Koitusbeziehungen. die Unverheiratete heute haben. Qualifiziert werden hier eigentlich nur Exerzitien für das Avisierte. für die Monogamie.
Die Bewertung der Abtreibung an hand der bekannten Indikationen ist nur in zwei Fällen eindeutig: Vorsichtig an erkannt wird die medizinische Indika tion. unbedacht abgelehnt die soziale. ein grundsätzliches Befürworten der ethischen und eugenischen Indikation wird vermieden beziehungsweise als unzulässig bezeichnet. Man hält sich aber offen für positive Entscheidungen im Einzelfall.
Mit der Beurteilung der sozialen Indikation hat es sich die Kommission, behutsam gesagt, allzu leicht gemacht. Die Begründung umfaßt zwei Sätze und ist eine glatte Fiktion: Von der Gesellschaft, besonders von der christlichen Gemeinde, wird Hilfe erwartet.
Wissen denn die evangelischen Kornmissionsmitglieder nicht, daß in diesem Land Jahr für Jahr Hunderttausende von illegalen Abtreibungen vorgenommen werden? Kennen sie nicht die extremen Situationen -- und um die geht es doch zunächst -. mit denen viele Frauen vor und nach der Abtreibung gar nicht fertig werden können"? Darf sich eine christliche Ethik erlauben, die Realität derartig illusionär zu verkennen?
Liest man dagegen die Stellungnahme zur "Geschlechtererziehung". so meint man liberale Sexualpädagogen vor sich zu haben:
Frühe sexuelle Äußerungen sollen nicht überbewertet und nicht unterdrückt werden. Sachgerechte Information, auch über Koitus und Empfängnisverhütung, gilt als selbstverständlich. Erwachsene sollen "den Jüngeren die früheren Vorbehalte gegenüber der Sexualität und ihren Formen" keinesfalls aufzwingen. Auch Eltern sind gründlich sexualpädagogisch auszubilden. Das Ziel dieser Erziehung heißt: positive Grundhaltung zum Sexuellen, Liebesfähigkeit, soziales Verhalten, Kritikfähigkeit und mündiger Umgang mit Sexualität.
Weitgehend liberal sind schließlich auch die Einstellungen der EKD-Denkschrift zur Masturbation, zur Empfängnisverhütung, zu den verschiedenen sexuellen Praktiken und zur Alterssexualität. Gerade evangelische Christen könnten dadurch entlastet werden. Sexuell abweichende Verhaltensweisen genießen Toleranz, die allerdings ein wenig erquält wirkt. Immerhin wird einem hier aber aus dem Verstand gesprochen, wenn die Kommission nicht moralische Entrüstung, sondern wissenschaftliche Institute will, in denen betreut und behandelt werden kann.
Eindeutiger Ablehnung unterliegen Gruppensexualität und Pornographie -- und die sind heute tatsächlich so miserabel, daß an ihnen irgendwie Positives kaum zu entdecken ist.
Mit einer angemessenen Erwartungshaltung im Genick gibt es also gar nicht so selten ein d'accord zu dieser "Denkschrift zu Fragen der Sexualethik". Wie gesagt, wenn der Sprung über den Schatten, wenn das Riskieren der Kernstücke überkommener Sexualmoral überhaupt nicht zu diskutieren war. Am Ende ist Gelassenheit.

DER SPIEGEL 26/1971
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