09.08.1971

AFFÄRENAuf Sparflamme

Therapie durch Revolution hatte das Sozialistische Patienten-Kollektiv (SPK) in Heidelberg verkündet. Jetzt droht SPK-Mitgliedern, welche die „krankmachende Gesellschaft“ heilen wollten, der Prozeß.
Was Karlsruher Staatsanwälte noch beweisen müssen, ist für Stuttgarts Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger (CDU) bereits "erwiesen": Ein innerer Kern des Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektivs (SPK) ist, ginge es nach einer Verlautbarung seines Staatsministeriums vom Dienstag vergangener Woche, eine "gemeingefährliche Verbrecherbande".
Mit diesem Schuldspruch aus unberufenem Ministermund widerfuhr dem SPK nichts Neues: Auf Unverständnis und Widerstand waren die zunächst 52 Patienten der Psychiatrischen Heidelberger Poliklinik und der fristlos entlassene Assistenz-Arzt Dr. Wolfgang Huber, 35, gestoßen, seit sie im Frühjahr 1970 ihr Kollektiv gegründet hatten.
Ihre Erkenntnis, daß nicht der Patient, sondern die Gesellschaft krank sei, und ihre Schlußfolgerung, daß erst die Abschaffung des Kapitalismus wahrhaft Genesung ermögliche, provozierte Psycho-Professoren, Provinz-Politiker und Publizisten. Der Ulmer Ordinarius Hans Thomae sprach von einer "Utopie wahnähnlichen Charakters", CDU-Kultusminister Wilhelm Hahn sah im SPK einen "Wildwuchs" der nicht länger geduldet werden kann", und Springers "Welt" fragte: "Wann sind Verschrobene gemeingefährlich?"
Die Antwort gab das Landeskriminalamt -- mit einer Großaktion gegen den revolutionären Infektionsherd. 310 Polizisten durchsuchten am 21. Juli Häuser und Wohnungen, beschlagnahmten Protokolle und Krankenblätter, Munition, Gewehre und gefälschte Ausweise, verhörten Zeugen und nahmen Beschuldigte fest. Begründung für die Jagd auf Verschrobene, so der Stuttgarter Kriminaldirektor Erwin Stimpfig: "Eine Anzahl von Mitgliedern des SPK Heidelberg steht in dem dringenden Verdacht, sich zu einer kriminellen Vereinigung zusammengeschlossen zu haben." Darauf (Paragraph 129 des Strafgesetzbuches) stützen sich auch die Haftbefehle.
Damit war das Kollektiv, das bis zu seiner Selbstliquidierung im vergangenen Monat auf 500 Patienten aus allen Kreisen der Bevölkerung angewachsen war, endgültig da gelandet, wo seine Gegner es von Anfang an hatten ansiedeln wollen: in der Illegalität. Und die Begründung der Haftbefehle scheint dafür zu sprechen, daß einige der so lange Kriminalisierten nun wirklich kriminell geworden waren.
Elf SPK-Mitglieder des "Inneren Kreises" -- darunter Dr. Huber, seine Frau, ebenfalls Medizinerin, ein dritter Arzt und zwei Minderjährige -- sind in Haft, verteilt über Strafanstalten in ganz Baden-Württemberg: in Rastatt (Dr. Huber unter verschärfter Isolierung), in Bühl, Karlsruhe-Durlach, Pforzheim, Leonberg, Gotteszell, Mosbach, Heidelberg und Mannheim.
Da sich die U-Häftlinge weigern, zur Sache auszusagen, sind die Strafverfolger bislang auf ein Mosaik von Indizien angewiesen:
* Am 24. Juni, morgens um 3.15 Uhr, wurde bei einer Pkw-Kontrolle in Wiesenbach bei Heidelberg der Polizeihauptmeister Brand angeschossen. Der Tat dringend verdächtig sind die drei Münchner Extremisten Alfred Mährländer (verhaftet), Ralf Reinders und Bernhard Braun (flüchtig). Einer der mutmaßlichen Täter rannte in das 100 Meter entfernte Haus von Huber und entkam in dessen Pkw. Bei Huber fand die Polizei eine Aluminiumfolie, die zur Fälschung des von Reinders am Tatort zurückgelassenen Führerscheins gedient hatte. Mährländer war im Besitz einer druckfrischen 100-Schilling-Note; Geldscheine derselben Serie, die vermutlich aus einem Münchner Bankraub stammen, wurden bei einem führenden SPK-Mitglied beschlagnahmt.
* In einem Heidelberger Keller, den Hubers Frau im März 1971 unter ihrem Mädchennamen Dr. Schäfer gemietet hatte, wurden -- so die Staatsanwaltschaft -- "Sprengmittel. Sprengkapseln und größere Mengen von Pistolen- und Revolvermunition" sowie "eine komplette Fälscherwerkstatt zur Herstellung von Führer- und Kraftfahrzeugscheinen" sichergestellt.
* Bei einem SPK-Mitglied wurden ebenso wie bei Mährländer gefälschte Personalausweise gefunden, die aus einem vermuteten Behördeneinbruch der Baader-Meinhof-Gruppe stammen, bei einem anderen entdeckten die Fahnder eine "Firebird"-Pistole, die nach Feststellungen des Bundeskriminalamtes Wiesbaden beim Banküberfall der Baader-Meinhof-Gruppe am 15. 1. 1971 in Kassel benutzt wurde.
* Für die Staatsanwaltschaft "besteht der hinreichende Verdacht, daß der versuchte Brandanschlag in der Nacht zum 1. 1. 1971 auf das psychiatrische Landeskrankenhaus Wiesloch und versuchte Sprengstoffanschlag auf das Finanzamt in Heidelberg am 10. 3. 1971 von Mitgliedern des "inneren Kreises" um Dr. Huber ausgeführt wurden". > Als weiteres Beweismaterial wurde bei Huber "ein Wecker sichergestellt, der als Zeitzündervorrichtung bereits laboriert war" -- nach Anleitung eines Handbuchs "Der totale Widerstand", das vom Schweizer Unteroffiziersverband herausgegeben und -- mit Randnotizen versehen -- bei Huber gefunden wurde. Zudem seien "Versorgungseinrichtungen und andere lebenswichtige Anlagen im Raum Heidelberg bereits erkundet und zum Teil photographiert" worden.
Solche Kripo-Funde und Kausalitäten deuten sicher nicht auf einen normalen Praxis-Betrieb Hubers und seiner Genossen hin. Ob sie indessen für eine Anklage und Verurteilung ausreichen, weiß bislang nur Hans Karl Filbinger. Und selbst ein Prozeß, in dem es zu Verurteilungen käme, würde kaum klären können, was Ursache und was Wirkung war: ob die sozialistischen Patienten von Anfang an auf gewaltsame Aktionen aus waren oder ob sie in eine Desperado-Rolle gedrängt wurden.
Denn die Poliklinik- Patienten fühlten sich, bevor sie zum SPK fanden, bedroht und hatten Grund dazu. Die fristlose Entlassung ihres aufopfernden Betreuers Huber, der sich bei einem neuen Vorgesetzten mißliebig gemacht hatte, erzeugte Hoffnungslosigkeit und Angst vor der Bewahranstalt. So waren eine Patienten-Vollversammlung (die erste in Deutschland), Hungerstreik und Rektoratsbesetzung quasi nur Notwehr, mit der sie sich freilich unversöhnliche Feinde schafften.
Zeit seines Bestehens war das Patienten-Kollektiv, das bis zur Zwangsräumung im Juli in einer zunächst von der Uni angemieteten 3-Zimmer-Wohnung residierte und seine Therapie in Arbeitskreisen betrieb, in seiner Existenz bedroht. Und Huber, vorher als Arzt akzeptiert, wurde, wie er empfand, "als gefährlicher Dilettant, als Versager, als Kurpfuscher" abgestempelt.
Zwar machen apodiktische Beteuerungen, wonach die SPK-Arbeit "ein für allemal und unwiderruflich bestätigt" sei (so das "Informationszentrum Rote Volksuniversität" beim Asta Heidelberg), das Psycho-Experiment noch nicht zum Erfolg -- zumal, wenn SPK-Ideologen Sprüche machen wie: "Wer an Krebs eingeht. tut es deshalb, weil schon lange vor seiner Geburt bzw. Zeugung die Weichen so gestellt waren, daß sein Leben auf Sparflamme stand, damit die Dynastien der Krupps. Abs usw. das Werk ihrer Zerstörung fortsetzen können."
Aber außer Unvergorenem produzierte das Kollektiv auch hörenswerte Erkenntnis über die "krankmachende Gesellschaft". Angesichts "der bescheidenen Dauererfolge der Schulpsychiatrie" fragte immerhin das -- linker Tendenzen unverdächtigte -- evangelische "Sonntagsblatt"" ob es im Interesse der wissenschaftlichen Forschung nicht vernünftiger gewesen wäre, "nach Überwindung einer angemessenen Schrecksekunde" zu fragen. "was dieses ausgefallene Konzept bei der Betreuung psychisch Kranker wohl tatsächlich zu leisten vermag" --
Tatsächlich hatten es sich die professoralen Gegner mit der Disqualifizierung sehr einfach gemacht -- und die Gutachten renommierter Kollegen einfach ignoriert: etwa die Meinung des Gießener Ordinarius für Psychosomatische Medizin, Horst-Eberhard Richter, der Parallelen zwischen dem Experiment des SPK und ähnlichen Versuchen in den USA, England. Italien und Frankreich aufgezeigt hatte.
Richter empfand zwar Hubers politisch-psychiatrische Radikalkur als "absurd"" beurteilte jedoch die Arbeitsweise des Kollektivs wohlwollend.
Noch im Mai 1971 warnte der Berliner Psychologe Professor Klaus Holzkamp vor einer "gewaltsamen Unterbrechung" des Experiments. Denn: "Das SPK braucht jetzt eine lange Phase ruhiger Tätigkeit ohne Existenzbedrohung und permanenten Zwang zur Selbstverteidigung." Aus diesem Zwang heraus geriet die Reaktion des SPK zum Frontalangriff gegen alles Bestehende: die Schulmedizin, die Bürokraten, die Herrschenden, den Kapitalismus und auch linke Genossen: "Das System hat uns "krank" gemacht, geben wir dem kranken System den Todesstoß!"
Sie nannten sich "Hak-Teufel" ("Hak Haß- und Aggressions-Kollektiv")" erließen bei Vollversammlungen "Saalverbot" gegen den Uni-Rektor, die "Pfaffendrecksau Rendtorff", und Senatsmitglieder, "die Mordsenatoren". Und sie fragten, ob der "Kultusminister zum Minister für Euthanasie" avanciert sei. Parolen wie "Nieder mit dem Klassenfeind! Es lebe der Sieg im Volkskrieg!" und "Mahler, Meinhof, Baader -- das sind unsere Kader" nährten ebenso wie die Verwendung des Symbols "RAF" ("Rote-Armee-Fraktion") den Verdacht verfassungsfeindlicher Umtriebe.
In dieser aufgeheizten Situation fanden Interpretationsversuche wie die Professor Richters kein Gehör. Er hatte vor der Annahme gewarnt, "es handele sich hier nur um eine der vielen ferngesteuerten strategischen Attacken linksradikaler Kräfte". Seine Diagnose: Gruppen wie das SPK würden "nachweislich erst sekundär mit politischen Inhalten gefüllt" und vornehmlich durch "die Widerstände sich bedroht fühlender konservativer Kräfte ... auf eine verstärkte ideologische Absicherung hingedrängt".
Die Richter-Analyse läßt freilich außer acht. daß schon der theoretische Ansatz der SPK-Therapie -- unabhängig von der Reaktion einer konservativen Umwelt -- den Umschlag in die revolutionäre Aktion in sich birgt. Denn die These von den krankmachenden Verhältnissen führt geradewegs zur Forderung nach der Beseitigung dieser Verhältnisse. Konsequent postulierten die SPKler: "Es darf keine therapeutische Tat geben, die nicht zuvor klar und eindeutig als revolutionäre Tat ausgewiesen worden ist."

DER SPIEGEL 33/1971
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