06.09.1971

DIPLOMATENNeuer Stil

Pjotr Andrejewitsch Abrassimow, 59, ist Moskaus dienstältester Botschafter im Ostblock. Der hochdekorierte Weltkrieg-II-Partisan handelte gegen Ulbrichts Widerstand den Viermächte-Kompromiß in Berlin aus.
Freundschaftlich und herzlich' verlaufen stets die Gespräche zwischen Sowjetbotschafter Pjotr Andrejewitsch Abrassimow, 59, und der neuen SED-Führung. Das meldet "Neues Deutschland" immer dann, wenn Abrassimow bei Erich Honecker war.
"Freundschaftlich und herzlich" war die Atmosphäre jahrelang auch, wenn Abrassimow den Ex-SED-Chef Walter Ulbricht traf. Anfang 1971 jedoch verweigerte die Presse den Ulbricht-Gesprächen mit Abrassimow jenes Prädikat. Die Gesprächsatmosphäre war nur noch "herzlich und auf richtig", was nach dem zeremoniellen Stil der Parteischreiber Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden bedeutet.
An Meinungsverschiedenheiten mit Abrassimow' dem "Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter" der UdSSR in der DDR, scheiterte womöglich der am 3. Mai zurückgetretene ehemalige SED-Chef. Denn Ulbricht war das Haupthindernis für eine Kompromißregelung in Berlin -- für Abrassimow stand der Verlauf seiner Karriere bei den Viermächte-Verhandlungen auf dem Spiel. So haben vermutlich Kreise um Ulbricht Ende April das Gerücht lanciert, Abrassimow werde abberufen. Der Botschafter blieb und unterschrieb vorigen Freitag die Berlin-Vereinbarung.
Abrassimow ist Moskaus dienstältester diplomatischer Repräsentant im Ostblock. Seit Ende 1962 residiert er in dem stattlichen 334-Raum-Gebäude in Berlin W 8. Unter den Linden 63-65.
Dem soignierten Herrn mit dem weißen gewellten Haar und dem energischen Kinn werden große schauspielerische Talente nachgesagt. Er kann sich distanziert und aufbrausend' eisig und charmant geben. Den Westdeutschen ist er fast bekannter als seine sowjetischen Kollegen in Bonn: durch Protestbriefe gegen die Präsenz des Bundes in West-Berlin wie gegen NPD-Veranstaltungen in der Stadt, durch Attacken gegen drei Bundesregierungen und deren Ostpolitik und abgehackte Sätze wie "Heute keine kommentarii". "Keine Rose ohne Dornen" " "Haben wir Fortschritte gemacht" und "Ende gut, alles gut" nach den Berliner Viermächte-Sitzungen.
In der DDR entfaltet Abrassimow eine für einen sowjetischen Botschafter ungewöhnliche Aktivität: Er tritt im Fernsehen auf, gibt Empfänge und Essen, veranstaltet in seiner Botschaft Konzerte und Freundschaftsabende. verleiht Orden und ehrt Veteranen, besichtigt Ausstellungen und besucht Fabriken und Verbände. In keinem sozialistischen Land druckt die Presse soviel Reden des sowjetischen Botschafters nach wie die DDR-Presse Abrassimow-Worte. Er war es. der nach Stalins Tod einen neuen Stil für die Sowjet-Diplomatie in Osteuropa kreierte: Public Relations zu pflegen. Er übte ihn als Botschafter in Warschau (1957 bis 1961), er perfektionierte ihn Unter den Linden. Dabei ist Abrassimow kein Karrierediplomat.
Er stammt aus Boguschewskoje in Belorußland. Sein Vater war Bauer. Der Sohn lernte erst Elektromechaniker und wurde dann Geschichtslehrer. Erst 1940 -- nach Stalins Großer Säuberung -- trat Abrassimow in die Partei ein.
Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Abrassimow als Politruk zuerst in der Roten Armee, dann bei den belorussischen Partisanenverbänden, die zeitweise mit 35 000 Mann hinter den deutschen Linien operierten. Noch heute gehört Abrassimow' der zweimal verwundet wurde und hohe Kriegsorden erhielt, zur konservativen belorussischen Partisanenlobby im Zentralkomitee.
Nach dem Krieg vertrat Abrassimow Belorußland bei der Moskauer Zentralregierung, war Erster Vize-Premier in Minsk und ZK-Sekretär der belorussischen KP. Erst 1956 begann er seine diplomatische Karriere: als Botschaftsrat in Peking. Abrassimow bewies dort diplomatisches Geschick. denn als 1957 der Botschafter Pantelejmon Ponomarenko, als Partisanen-Stabschef und belorussischer Ex-Premier ehemals Abrassimow-Boss, aus Polen abberufen wurde, ging der Jung-Diplomat an die Weichsel, um die Fehler seines grobschlächtigen Vorgängers wiedergutzumachen und die Polen die Stalinzeit sowie die sowjetische Haltung im polnischen Oktober 1956 vergessen zu lassen.
Ende 1962 brauchte man ihn wieder für einen schwierigen Außenposten. In Ost-Berlin mußte er Michail Perwuchin ablösen, der an der Spree nur eine Nebenrolle gespielt und nie einen Überblick über die innere Entwicklung der SED und der DDR gewonnen hatte. was dem damaligen SED-Chef Ulbricht nur recht sein konnte.
Anders als Perwuchin hatte Abrassimow die Order, regelmäßig an den Ost-Berliner Kabinettssitzungen teilzunehmen. Anders als sein Vorgänger pflegte Abrassimow regelmäßige Kontakte zu den Militärmissionen und Konsulaten in West-Berlin. Treffen zwischen ihm und den alliierten Botschaftern wurden zur Gewohnheit. Für Abrassimow wurde die Ost-Berliner Mission zur eigentlichen Bewährungsprobe.
Er mußte nicht nur die Vertreter der Westmächte von den Absichten der Sowjet-Union überzeugen, er mußte vor allem den eigenwilligen Ulbricht auf die geltende sowjetische Linie verpflichten. Seit Abrassimow in Ost-Berlin saß, hatte Ulbricht weniger direkten Kontakt nach Moskau als zu Zeiten Perwuchins.
Als Ulbricht 1963/64 den Berliner Luftverkehr zu kontrollieren wünschte. war es angeblich Abrassimow, der dies verhinderte. Er wehrte auch das DDR-Drängen nach einem Separat-Friedensvertrag ab. Er knüpfte 1966 -- ohne Wissen der SED-Führung -- Fäden zum damaligen Regierenden Bürgermeister Brandt. Er mußte die DDR-Führung zu den Passierscheinregelungen überreden.
Abrassimow ist einer der einflußreichsten Diplomaten des Kreml. Auf dem 24. Parteitag der KPdSU im April 1971 wurde er zum dritten Mal in das ZK gewählt. Als am 12. Mai in Ost-Berlin der Kriegsrat der Warschauer-Pakt-Staaten tagte -- nach dieser Sitzung wurde die Serie der großen Sommermanöver im Ostblock eröffnet nahm als einziger Zivilist Abrassimow daran teil.
Seit sich ein positiver Ausgang der Berlin-Gespräche abzeichnet und die DDR sich wieder enger an die Moskauer Anweisungen hält, kursieren erneut Versetzungsgerüchte. Auf Abrassimow wartet womöglich ein neuer schwieriger Posten: Paris.
Denn Muskau möchte neuerdings einen Freundschaftsvertrag mit den Franzosen abschließen. Paris jedoch will sich nicht so stark verpflichten und seine guten Verbindungen zum Moskauer Intimfeind Peking nicht belasten. Bester Vermittler: der erfolgreiche Taktiker Abrassimow.

DER SPIEGEL 37/1971
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