06.09.1971

Filme wie Schallplatten

will der Hamburger Klaus Wyborny, 26, für das kommende Kassetten-Fernsehen als "neue Form" entwickeln. Weil die herkömmlichen "Flucht-Vorstellungen der Traumfabrik" (Wyborny) wegen ihrer verbrauchten Erzählstruktur angeblich nicht zu mehrmaligem Betrachten im Heimkino reizen, experimentiert der ausgebildete Physiker schon seit Jahren mit vielschichtigen Lichtspielen, bei denen sich soziologische Elemente zum "poetischen Kompressum" verbinden sollen. Das bislang aufwendigste Wyborny-Komprimat (Kosten 60 000 Mark) zeigt jetzt das ZDF in Farbe: Im 50-Minuten-Film "Rot war das Abenteuer -- blau war die Reue" (Sendung Dienstag, 7. September, 22.35 Uhr) erzählt der Filmemacher die Geschichte einer Jugendgruppe. die nach einer Zeit gemeinsamer Lebens- und Liebesfreude zu den Repressionen des Alltags zurückkehren muß. Wyborny, mit den Techniken des Cinéma vérité vertraut, filmte zwei Mädchen und drei Knaben in der Badewanne, beim Gammeln auf dem Gemeinschafts-Bett, in der freien Natur und schließlich im bürgerlichen Mietshaus -- beim Treppenputzen. Doch dieses Dokumentarmaterial erscheint im Film gebrochen und verfremdet: Kontrastierende Zwischenschnitte, ein irritierender Kommentar ("Das Abendland stand in Flammen") erlauben es tatsächlich, die Bilder wahlweise als bittersüße Jugend-Romanze, als politische Allegorie ("Vergangenheit beschwören heißt Gegenwart verleugnen") oder -- was die Blues-gesättigte Begleitmusik nahelegt als Ersatz für einen Haschisch-Trip zu deuten. Eine Wiederholung des kryptischen Werks zum besseren Verständnis auf dem Bildschirm oder per Kassette erscheint gerechtfertigt -- und wohl auch nötig.

DER SPIEGEL 37/1971
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