05.07.1971

„Lassen Sie die Maske endlich fallen!“

Fünfzehn Monate lang saß Hans-Peter Rullmann, Belgrader Korrespondent des SPIEGEL und anderer deutscher Zeitungen, in einem Belgrader Militärgefängnis unter der Anklage, er habe für eine fremde Macht spioniert. Im Januar 1971 verurteilte ihn das Militärgericht zu sechs Jahren Kerker, im April 1971 hob Jugoslawiens Oberster Militärgerichtshof das Urteil auf mit der Begründung, der Spionage-Vorwurf sei nicht hinreichend nachgewiesen worden. Am 14. Juni ließ Marschall Tito das Verfahren niederschlagen, am selben Tag wurde Rullmann entlassen. Über seine Erlebnisse im Gefängnis und vor den Militärgerichten berichtet er in drei Folgen.
Am Abend des 10. März 1970 kletterten vor dem Belgrader Restaurant "Sunce" ("Zur Sonne") aus einem verbotswidrig geparkten Auto mit unverdächtiger Zivilnummer mehrere in Trenchcoats und Konfektions-Wintermäntel gehüllte Gestalten.
In einer Schaufensterscheibe, die alle Vorgänge auf der Straße spiegelte, versuchte ich zu beobachten, was offenbar unmittelbar bevorstand: Jugoslawiens Geheimpolizei SDB trat in Aktion. Zu meiner Überraschung war ich selbst das Objekt -- die Herren umzingelten mich und sagten einfach: "Staatssicherheit."
Nach dieser formlosen Vorstellung drängten sie mich ein paar Straßen weiter zu meiner Dreizimmerwohnung in der Ulica Majke Jevrosime 2a. Dort stürzten sich die Agenten der SDB, der Nachfolgeorganisation der berüchtigten und wegen zahlloser Ungesetzlichkeiten aufgelösten "Udba", auf mein Archiv. Hunderte Mappen mit Zeitungsausschnitten, die bis dahin drei jugoslawische Gehilfen geordnet hielten, wurden durchwühlt. Zigarettenkippen, nach alter Balkansitte auf den Fußboden geworfen, sengten stinkende schwarze Löcher in meine Piroter Teppiche.
Immer mehr Geheimpolizisten; die Hand am Revolver in der Rocktasche, trafen ein, als hätte sich das ganze Belgrader Innenministerium bei mir zu einer Parteiversammlung mit buntem Teil eingeladen. Einige begleiteten mich wie aufgeregte Fledermäuse mit weit ausgestreckten Armen sogar bis zum WC -- die Wände zu berühren war streng verboten.
Zwei von der Straße aufgelesene "bürgerliche Zeugen" sollten -- wie von der jugoslawischen Strafprozeßordnung gefordert -- dem Polizeiüberfall auf das Korrespondentenbüro des SPIEGEL, mehrerer deutscher, österreichischer, schweizerischer und italienischer Blätter sowie einiger Rundfunksender einen legalen Akzent verleihen. Die beiden dämmerten zu fortgeschrittener Abendstunde verärgert in einer Ecke vor sich hin.
Ein offensichtlich aus dem Schlaf gerissener ziviler Untersuchungsrichter namens Dusan Komnenic der einen entsprechend uneingeweihten Eindruck machte, eröffnete mir im Auftrag des Belgrader Kreisgerichts den Haussuchungsbefehl und ordnete dann meine vorläufige Festnahme an. Grund: "Dringender Verdacht einer strafbaren Handlung gemäß Artikel 105 des jugoslawischen Strafgesetzbuchs." Das hieß:
* Links: "Rullmann. von 1953 bis 1970: 1. Neujahr -- wo waren Sie -- Orte (für jedes Jahr 4 Personen, mindestens mit Adressen). 2. Alles über Brell. Korrespondent upi/dpa, aus Hamburg. 3. Svetozar Dragicevic?! 4. Tereza -- wieviel Geld hat sie ihm gegeben." Rechts: "Zimmerer Ludwig, Belgrad 1966 bis 67. zeitw. Korresp. (R)adio H(amburg). "Crawford' Tom, Korr. upi 6748 abgereist (doppelt). Thaci. Ströhm, Legel Lindemann.
Spionage, und darauf stand als Höchststrafe Tod durch Erschießen.
Während ein Rollkommando fieberhaft bemüht war, Beweismaterial aufzustöbern, befaßte sich ein anderer Trupp ebenso intensiv damit, möglichst unauffällig all jenes Material für immer aus meinem Büro verschwinden zu lassen, das einer derartigen Anschuldigung im Wege stand.
Von Koordination konnte jedoch nicht einmal in diesem frühesten Stadium der "Spionageaffäre von Weltrang" (so die jugoslawische Presse, die mit einer heftigen Kampagne einfiel) die Rede sein: Ein gleich mitgebrachter Polizeijüngling filmte mit japanischer TV-Kamera in Bild und Ton alles, das Gute wie das Schlechte, das Nützliche wie das Störende -- und das sollte später vor Gericht noch erhebliche Verwirrung auslösen.
Lediglich rund 2000 Neue Dinar, die ich während meiner Verhaftung bei mir getragen hatte, wurden so geschickt und für alle Zeiten beiseite geschafft, daß nicht einmal die magnetoskopische Aufnahme davon Notiz nehmen konnte: Wieder einmal, wie in Jugoslawien schon so oft, hatte eine geglückte Privatinitiative eine von vornherein mißglückte Staatsaktion komplettiert.
Beschlagnahmt wurden von den "Udbaschen", die sich übrigens in meiner Wohnung schon gut auskannten, zunächst zwölf, später noch zwei weitere maschinengeschriebene Texte: Berichte von Pressekonferenzen, zu denen in Belgrad an jedem Dienstag jugoslawische, nicht aber ausländische Korrespondenten eingeladen werden. Dazu wurde jener Teil meines Zeitungsarchivs konfisziert, der sich auf die "Jugoslawische Volksarmee" (JNA) bezog. In diesen Aktendeckeln lagen Tausende von ausgeschnittenen Zeitungsartikeln, einige handschriftliche Notizen, die bei der Vorbereitung von Artikeln über Titos Soldaten entstanden waren, und drei Zettel mit der Handschrift eines gewissen "Jovan".
Beseitigt wurde von der Polizei ein gerade in meine Schreibmaschine eingespannter Kommentar für den Südwestfunk in Baden-Baden, aus dem ich sofort dem Untersuchungsrichter -- vor laufender Kamera -- vorlas. Denn aus diesem Manuskript ging zweifelsfrei hervor, daß ich die beschlagnahmten Berichte von den Pressekonferenzen als Unterlage für meine eigenen journalistischen Arbeiten und demnach nicht zu "Spionagezwecken" benutzte.
"Organ des BND."
Nicht beschlagnahmt wurden einige andere Berichte von den Pressekonferenzen. Die jugoslawische Geheimpolizei hatte sie entweder übersehen oder es nicht der Mühe wert gehalten, da ihr ohnehin klar war, daß man auf solchem "Beweismaterial" keine Anklage wegen Spionage aufbauen konnte.
Einige dieser Berichte wurden später (während der Haft) zusammen mit den Resten meines Archivs auf meinen Wunsch von den Militärbehörden zur Weiterleitung nach Hamburg der Deutschen Botschaft in Belgrad übergeben. Damit war, wenn man so will, der Tatbestand der Spionage, den man mir über ein Jahr lang vergeblich nachzuweisen suchte, erstmals erfüllt: Man hatte "vertrauliches, streng vertrauliches und geheimes Material" einer "fremden Macht" übergeben, die freilich davon keinen Gebrauch machte.
Nach einer Nacht in einer verdreckten, nach Urin stinkenden und dunklen Zelle im Beigrader Zentralgefängnis vom 10. zum 11. März 1970 wurde ich von freundlichen, aber schweigenden Gefängniswärtern auf die Entlassung vorbereitet, was mich einige Minuten in der Hoffnung bestärkte, die Sache habe sich schon aufgeklärt.
Doch vor dem zivilen Untersuchungsgefängnis wartete ein Militärfahrzeug. Die Soldaten brachten mich in das Zentrale Untersuchungsgefängnis der Jugoslawischen Volksarmee an der Belgrader Radnicka Ulica in eine Zelle, die außer einem Feldbett, einem Kindertisch, zwei niedrigen Hockern, fließend Wasser und einem balkanischen Hock-WC nur noch einige Kakerlaken und Mäuse enthielt.
Dort blieb ich über 15 Monate. Nach einer halbjährigen Voruntersuchung, während der keine meiner Haftbeschwerden Erfolg hatte, begann im September 1970 ein Marathonprozeß von über drei Monaten Dauer mit 45 Verhandlungstagen, in denen 240 Seiten Protokoll angefertigt wurden. Der Spionage-Vorwurf konnte nie bewiesen werden -- und monatelang erfuhr ich überhaupt nicht, worauf er sich stützte.
Noch am ersten Abend meiner Militärhaft besuchte mich der Untersuchungsrichter, Oberstleutnant Bozo Milanovic, der aber nicht etwa nach Spionage fragte, sondern etwas ganz anderes wissen wollte: "Uns interessiert nur, von wem die Putschmeldung im SPIEGEL stammt."
Am 2. Februar 1970, fünf Wochen vor meiner Verhaftung, hatte im SPIEGEL eine Nachricht gestanden, die so begann: "In Belgrad kursieren Gerüchte über einen bevorstehenden Militärputsch. In der Tat haben führende jugoslawische Generale, die alle auf sowjetischen Militär-Akademien ausgebildet wurden, von ihrem Staatschef Tito mehr politische und militärische Macht verlangt ..."
Später hat sich vor allem die jugoslawische Presse viel Mühe gegeben, jeden Zusammenhang zwischen meiner Verhaftung und dieser Meldung zu dementieren, doch das letzte Wort, das ich von einem Vertreter der Anklage hörte, war -- vor dem Obersten Militärgerichtshof -: "Rullmann ist der Vertreter eines fremden Staates oder einer fremden Organisation schon deshalb, weil er Korrespondent des SPIEGEL ist, von dem man nicht weiß, wer dahintersteckt."
Während der Voruntersuchung wurde der SPIEGEL ständig als "Organ des BND" bezeichnet, das durch diesen sogar finanziert werde -- alle Veröffentlichungen über die finanziellen Verhältnisse beim SPIEGEL seien lediglich "Maske" (ein Lieblingswort der Vertreter der Anklage). Herausgeber Augstein sei ein britischer Spion, Verlagsdirektor Becker ein alter Agent und die Rullmann-Verhaftung der erste Schlag gegen diese "Agentur", "über die eine bestimmte Aktion gegen Jugoslawien und seine Armee lanciert" worden sei.
Ende Januar 1970 hatte ich aus vertraulicher Quelle erfahren, daß führende jugoslawische Generale von ihrem Staatschef Tito mehr politische und militärische Macht, mehr Einfluß verlangt hätten. Verärgert über die nationalen Streitigkeiten im Vielvölkerstaat und die mächtig um sich greifende Liberalisierung des gesellschaftlichen Lebens hätten sie die Forderungen aufgestellt:
* Der Befehl über die Territorial-Verteidigungseinheiten (damals 1,2 Millionen Mann) solle den jugoslawischen Bundesländern wieder genommen werden und an den Generalstab übergehen;
* Jugoslawien solle mehr Waffen von der Sowjet-Union kaufen, und
* verschiedene Generale sollten rehabilitiert werden, die im Zusammenhang mit den tschechoslowakischen Ereignissen gemaßregelt und zwangspensioniert worden waren, weil sie Jugoslawien für den falschen Verteidigungsfall gerüstet hatten -- an den Grenzen zu Italien und Griechenland statt gegen die Sowjet-Union.
Das "Gerücht" war als offenes Geheimnis, das mir unter anderem von politischen Redakteuren des Verlagshauses "Politika" bestätigt wurde, fast gleichzeitig auch anderen Auslandskorrespondenten in Belgrad zu Ohren gekommen, die teilweise schon vor mir ihre Redaktionen verständigt hatten. Ende Januar 1970, einige Tage nach der amerikanischen Agentur upi, übermittelte auch ich diese Nachricht nach Hamburg, und zwar per Telephon, von dem ich wußte, daß es abgehört wird.
Fast genau zur selben Zeit, nämlich am 31 . Januar, erfolgte der erste Schritt, der zu meiner Verhaftung führen sollte, und zwar von seiten der "Gradjevinska uprava", also der "Bauverwaltung" im Staatssekretariat für Nationale Verteidigung, die einen Bericht unter der Signatur "Streng vertraulich 8" verfaßte. Ich erfuhr das in der Voruntersuchung.
Am 12. Februar 1970 wurden die drei Berichte, die ich 1968 von "Jovan" bekommen hatte, in Photokopien der Ersten Verwaltung beim Generalstab der JNA vorgelegt, wo Generaloberst Vujadin Popovic allerdings zu der Erkenntnis kam, daß sie "nichts Konkretes" enthielten -- die Gutachter, die aus derselben Abteilung stammten, widersprachen später ihrem Chef, weil es die Staatsanwaltschaft so wollte.
Trotz dieses Befundes, der einem Strafverfahren wegen "Spionage" im Wege stand, setzte Mitte Februar ein internes Parteizirkular die Sprachregelung in die Welt, der SPIEGEL sei eine "Spionageküche", eine Formulierung, die alsbald von der linientreuen "Barba" übernommen wurde. Damit begann eine nicht enden wollende Kampagne gegen den SPIEGEL und seinen Korrespondenten, aber auch gegen andere ausländische Presseorgane, an der sich die höchsten Führer von Partei und Staat beteiligten. Sie erreichte ihren Höhepunkt mit meiner Verhaftung am 10. März.
Obwohl ich den Ministerpräsidenten Ribicic anläßlich eines Essens mit der Auslandspresse darauf aufmerksam gemacht hatte, das Wort "Putsch" in der SPIEGEL-Notiz stamme nicht von mir, hörte ich aus zwei verschiedenen und voneinander unabhängigen Quellen. "daß die Armee deine Verhaftung verlangt, während das Innenministerium dagegen ist, weil man gegen dich keinerlei Beweise hat.
Das Innenministerium setzte einen Konfidenten auf mich an, der mich jedoch informierte: "Die wollen wissen, ob du irgend etwas Geheimes machst, Sie haben mir gesagt, alle anderen, die auf dich angesetzt worden sind, seien zu dumm für diese Aufgabe."
Dieser Bekannte beschrieb mir die Person, die ihm den Auftrag gegeben hatte, und gab mir sogar deren Telephonnummer. Ich bin immer davon ausgegangen, daß jede Abwehrbehörde in der ganzen Welt die Wahrheit am besten von dem Betroffenen selbst hören könne. Deshalb rief ich unter der angegebenen Telephonnummer an. Doch der Beamte war nicht zu erreichen, und ich vergaß die Angelegenheit.
Die Aktendeckel des Untersuchungsrichters waren leer.
An Hand dieses Telephonats bewies die Verteidigung später, daß ich sehr wohl über die gegen mich gerichteten Pläne orientiert gewesen sei, und sie stellte die Frage, weshalb der "Spion" Rullmann dann nicht alle jene Materialien vernichtet habe, die ihn belasten könnten.
Insgesamt erhielt ich von nicht weniger als sechs Seiten Hinweise auf meine bevorstehende Verhaftung, sogar durch das ungeschickte Verhalten der Oberwachungsorgane selbst: Sie ließen sich bei einem versuchten Einbruch in meine Wohnung ertappen -- sie kamen in Begleitung meiner Putzfrau, die ihnen das Archiv zugänglich gemacht hatte.
Trotzdem reiste ich gerade in diesem Zeitraum noch arglos in die Türkei, ohne die Gelegenheit zur Flucht wahrzunehmen, wie es ein Spion in dieser Situation sicher getan hätte. Mein Angestellter Dragal als Zeuge vor Gericht: "Mein Chef hat gesagt, daß bei uns ruhig die "Ubda' im Büro sitzen kann. Sie soll nur für ihre eigene Verpflegung sorgen, denn mehr könne man von Rullmann nicht verlangen."
Die erste Frage im Militärgefängnis -- die nach der Putsch-Meldung -- wies also darauf hin, daß es sich bei der Festnahme um die Fortsetzung der gegen den SPIEGEL gerichteten Kampagne handeln mußte, zumal die Untersuchungsorgane zu diesem Zeitpunkt nicht einmal meinem Pflichtverteidiger, Oberstleutnant Jordan Andrejevic, Einsicht in die Akten gewährten (die vollkommen leer waren).
In derselben Nacht wurde ich zu meinem ersten Verhör geholt, dem neben dem Untersuchungsrichter Milanovic auch der Pflichtverteidiger, ein Südserbe aus Pirot an der bulgarischen Grenze, beiwohnte, dazu der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Oberstleutnant Drakulovic, ein Montenegriner, der gleichzeitig Vorsitzender des jugoslawischen Boxverbandes war,
Ich mußte mich nun und in den nächsten sechs Monaten gegen eine Flut von Erfindungen und gewagten Verdächtigungen wehren, ohne konkret damit bekannt gemacht zu werden, für welches Land, welchen Geheimdienst oder welche ausländische Organisation ich nun eigentlich -- ohne daß bei mir Spionagematerial gefunden worden war -- gearbeitet haben sollte.
Die erste Vernehmung bestand im wesentlichen aus Flüchen des Staatsanwalts gegen die Deutsche Botschaft, die sich wie alle anderen mit Spionage befasse. Dazu kamen mehrfach Versicherungen des lautstarken Anklagevertreters, daß die Russen "unsere Freunde" seien. Später erklärte derselbe Staatsanwalt, "so habe ich es doch nicht gemeint", aber "schließlich kann man doch auch nicht sagen, daß die Bundesrepublik Deutschland unser Freund ist". Mehrfach wurde ich in der ersten Nacht im Militärgericht angebrüllt, ich solle doch endlich "die Maske" fallen lassen. Physisch mißhandelt wurde ich nie.
Nie aber ist mir auch die jugoslawische Wirklichkeit bewußter geworden als während dieser Untersuchungshaft: auf der einen Seite unzählige Ungesetzlichkeiten, auf der anderen Seite peinliche Beachtung von gesetzlichen Vorschriften; eine lange Verhandlung, in der wir Angeklagten alles sagen konnten, aber keine Zeugen laden durften; jeden Tag eine Frage nach etwaigen Beschwerden, aber niemals eine Begründung, warum ich überhaupt in Haft gehalten wurde; ein Gericht, das sich über alle Argumente hinwegsetzte und ein Willkür-Urteil fällte, ein Oberster Gerichtshof, der das Urteil verriß und in seiner Urteilsschelte alle Bedingungen für einen vollen Freispruch in einem zweiten Prozeß setzte; Drohungen gegen die Anwälte, die sich trotzdem schlugen, als gelte es, einen jugoslawischen Rechtsstaat zu retten.
Licht mischte sich mit Schatten, stalinistische Vergangenheit mit europäischem Niveau, Erbärmlichkeit mit Mut zur unwillkommenen Wahrheit -- so lebt Jugoslawien eingespannt zwischen zwei Welten, zwischen Diktatur und Demokratie, zwischen Orient und Okzident, noch immer ein unglücklicher Zwitter, in dem aber bereits alle Möglichkeiten für neue Qualitäten angelegt sind.
Teure Zigaretten sind ein Verdachtsmoment.
So wurde mir wochenlang jeder Kontakt mit der Deutschen Botschaft verweigert, ein Bruch sogar internationalen Rechts. Aber jede halbe Stunde erschien an meiner Zellentür ein freundlicher Soldat, der Feuer für die Zigarette anbot.
Gegen jedes Gesetz wurde meine Mutter bei einem Besuch im Gefängnis, ohne auf ihre Rechte aufmerksam gemacht worden zu sein, einem scharfen Verhör unterworfen, verbunden mit der Forderung, über einen meiner deutschen Kollegen Informationen einzuholen. Sie lehnte das ab -- aber man servierte ihr und mir bei den überwachten Gesprächen türkischen Kaffee.
Insgesamt gab es mehr Schatten als Licht, denn Jugoslawiens Militär ist an einer Öffnung des Landes, an guten Kontakten mit dem Westen und demokratischen Spielregeln nur wenig interessiert. Mein Hinweis, die angedrohte Verhaftung weiterer Deutscher werde böse Einflüsse auf den Tourismus haben, von dem Hunderttausende jugoslawischer Bürger leben, wurde mit der zynischen Bemerkung beiseite gefegt: "Dann geht der Tourismus eben zum Teufel", als sei dieser Gewerbezweig ein überflüssiges Vergnügen der zivilen Behörden, mit dem das Militär ohnehin nichts zu tun habe.
Auf eine Bemerkung, durch diesen Prozeß werde Rechtsunsicherheit für alle in Belgrad akkreditierten Journalisten geschaffen, hieß es: "Es wäre besser, wenn es hier überhaupt keine ausländischen Korrespondenten gäbe; sie haben unsere Gastfreundschaft genug mißbraucht."
Als ich darauf hinwies, ich hätte meine Artikel vor allem anhand jugoslawischer Zeitungen geschrieben, wurde mir entgegnet, eine Kommission bei der Jugoslawischen Volksarmee habe das jugoslawische Pressewesen bereits untersucht und sei zum Schluß gekommen, daß auch die jugoslawischen Zeitungen mit ihrer häufig "zersetzenden Kritik" und negativen Berichterstattung über einzelne Landesprobleme Feindpropaganda betrieben. Auf meinen Einwurf, andere jugoslawische Kommunisten seien anderer Meinung, beschied man mir, daß "die besten Kommunisten sowieso nur in der Jugoslawischen Volksarmee" zu finden seien. Mit anderen Worten: Den Militärs paßt die ganze Richtung nicht.
Einen Tag später erhielt ich in meiner Zelle einen handgeschriebenen Zettel von Oberstleutnant Milanovic mit seltsamen Fragen, unter anderem: "Wer ist Dragicevic?"
Die Beantwortung machte mir tagelang Beschwerden, da dieser Name in Jugoslawien nicht selten ist und von mir nicht mit einer konkreten Person in Verbindung gebracht werden konnte.
Während die Untersuchungsbehörden erklärten, Dragicevic behaupte, mich schon sechs Jahre zu kennen, stellte sich später heraus, daß dieser "Verdacht" auf nichts anderem beruhte als einer mit dem deutschen Bundesadler geprägten Tischkarte, die mir ein gewisser Herr Dragicevic anläßlich des Besuchs von Minister Schiller in Belgrad anstelle einer Visitenkarte überreicht hatte.
Ferner wurde gefragt: "Wer ist Teheresa, die dir auf der Straße Geld gegeben hat?"
Als sich herausstellte, daß ich weder eine Teheresa noch eine Therese kannte, noch überhaupt von irgendeiner Frau Geld angenommen hatte, wurde die geheimnisvolle Dame ohne Nachnamen in Elsa umgetauft, bis ich erfuhr, daß alles auf einem anonymen Brief beruhte, der erst nach meiner Verhaftung bei den Behörden eingegangen war.
Man hatte nichts, rein gar nichts in Händen. Mein Verteidiger Andrejevic am Schluß des Verfahrens: "Und heute stehen wir immer noch da, wo wir angefangen haben." Weil sie auch am Anfang nichts hatten, konnte ich nur rätseln, weshalb ich in meiner Zelle saß -- und ich fand die Lösung nicht.
Um Anklage erheben zu können, mußte man mich auf jeden Fall mit irgendeinem fremden Land, einer ausländischen Organisation oder möglichst sogar mit einem Agenten in Verbindung bringen. Dazu wurden zahlreiche Journalisten in Betracht gezogen, vor allem solche, die Belgrad schon längst verlassen hatten, so der amerikanische Korrespondent Tom Crawford (upi) und ein deutscher Rundfunkreporter, der heute in einer anderen osteuropäischen Hauptstadt lebt.
Nachdem ein Zeuge namens Ratibor Jonovic aufgetreten war, der zu berichten wußte, ich hätte "schon vor zehn Jahren in Ljubljana teure Zigaretten geraucht", übernahm das Gericht von den Untersuchungsbehörden sogar die These, ich sei von einer anonymen Macht in Jugoslawien eingeschleust worden und von Anfang an ein Agent gewesen.
Fluchthilfe für die Kinder von Titos Stellvertreter?
Ein Zeuge aus Ljubljana, der als einziger die volle Wahrheit sagte, erwähnte, ich könne in Ljubljana bestenfalls den sogenannten "Roten Tanjug-Service", der "nur für den internen Gebrauch" jugoslawischer Redaktionen gedacht ist, eingesehen haben.
Sofort unternahm der Staatsanwalt den Versuch, daraus einen neuen Punkt der Anklage zu konstruieren -- doch dieser Rote Service, abgefaßt in serbokroatischer Sprache, die ich erst in Belgrad erlernt habe, enthält nichts anderes als ausländische Pressestimmen über Jugoslawien -- sollte sich ein ausländischer Geheimdienst dafür interessieren? Dennoch übernahm das Gericht, weil es ihm so paßte, diese These ins Urteil, was später der Oberste Militärgerichtshof besonders kritisierte.
Da die Aussage dieses slowenischen Zeugen nicht ins Konzept paßte, wurde er, kaum hatte er den Rücken gedreht, sogar mit Verhaftung bedroht; Staatsanwalt Milanovic wollte jeden verhaf-
* Bei Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen 1968 wird das Botsachafts-Emblem erneut angebracht.
ten lassen, der mit mir in Kontakt gestanden hatte. Vor Gericht bezeichnete ich solche Methoden -- gegen den Protest des Vorsitzenden -- als "stalinistisch". Der Beigrader Anwalt Radmilo Milovanovic, der sich anbot, meine Verteidigung zu übernehmen, wurde getrennt von meinem Verfahren wegen "feindlicher Propaganda" angeklagt.
Aus der Untersuchungshaft wurde ein Zeuge namens Aleksandar-Misa Milivojevic~ vorgeführt. Er hatte zeitweise als Emigrant in Lörrach (Baden) gelebt und war beim Versuch, sich wieder in Jugoslawien anzusiedeln, unter Spionage-Verdacht verhaftet worden. Er sollte für die serbische Emigranten-Zeitung "Beli orao" ("Weißer Adler"), die in München herausgegeben wird, spioniert haben. Unmittelbar vor seiner Verhaftung war Milivojevic mit mir in Kontakt getreten, um mir seine verworrene Story zu erzählen.
Jetzt trat dieser Wanderer zwischen Ost und West als gut präparierter Kronzeuge der Anklagebehörde auf: Er erklärte, er habe mich bereits 1965 in der SPIEGEL-Redaktion beim Redakteur Fritz Rumler kennengelernt, der wiederum Kontakte mit einem gewissen Dr. Peter Sacher vom Schweizerischen Ost-Institut in Bern unterhalten hätte. Im damaligen "Klub" (also der Kantine) des SPIEGEL habe er mit mir Gespräche geführt, aus denen hervorgegangen sei, ich reiste nach Belgrad, um dort den antikommunistischen Terror zu aktivieren. Ich hätte als CIA-Agent sogar einen amerikanischen Paß gehabt.
Im Sommer desselben Jahres -- in dem ich mich in Wahrheit ununterbrochen in Belgrad aufhielt -- sei er, Milivojevic, mir im amerikanischen Spionage-Camp "King" wiederbegegnet, und dort habe er mich sechs- oder gar siebenmal in Begleitung der amerikani-
* Getarnte Mig-Jäger und Hubschrauber in Zagreb.
schen Agenten Scholz, Wagner und Brell gesehen.
Der Belastungszeuge behauptete ferner, ich hätte den jugoslawischen Oppositionellen Mihajlov finanziell unterstützt, und auch mit Djilas brachte er mich in Verbindung; später entdeckten die Untersuchungsorgane, ich hätte versucht, die Söhne von Rankovic, Titos ehemaligem Stellvertreter, in den Westen zu bringen. Schließlich brachte Milivojevic mich auch mit der russischen Emigrantenorganisation NTS in Verbindung.
Diese Geschichten des in jahrelanger Untersuchungshaft zermürbten und umgedrehten Milivojevic gefielen dem Staatsanwalt so gut, daß er schon das Ende der Voruntersuchung prophezeite. Der Untersuchungsrichter: "Rullmann ist fertig, wir können die Akten schließen ." Und mein Verteidiger (der sich erst im zweiten Teil des Verfahrens zu voller Größe entwickelte): "Als ich den hörte, dachte ich mir, daß an Rullmann nicht mehr viel zu verteidigen ist."
Doch plötzlich versiegelte die Staatsanwaltschaft diese Aussage -- die Milivojevic-Behauptungen waren ihr wohl selbst zu unheimlich geworden.
Heute sitzt Milivojevic nach russischem Muster in einer jugoslawischen Nervenheilanstalt, nicht verurteilt, kaum zu überführen, aber offenbar gelegentlich ganz nützlich.
Ein großes Archiv soll typisch für einen Spion sein.
"Belastende" Informationen erhielt das Gericht auch aus dem Ausland. Linksradikale Jugoslawien-Freunde aus Hamburg wußten zu berichten, ich hätte die Redaktion des "Studentenkurier" wegen ihrer Beziehungen zur DDR an die deutsche Polizei verraten.
Nach meiner Heimkehr mußte ich mich erst im SPIEGEL-Archiv umtun, ob es ein solches Blatt je gegeben hat.
Zuträger der jugoslawischen Vertretungen in Deutschland behaupteten, ich hätte vor der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese Vorträge gehalten. Thema: "Die politische Erziehung der Jugend in den Armeen Osteuropas."
Dazu erklärte ich dem Militärgericht: "Das Thema ist interessant, aber ich habe es nie bearbeitet."
Der Staatsanwalt: "Das können Sie vielleicht Ihren Generalen erzählen ..."
Meine Antwort: "Ich kenne keinen einzigen General, und, um ehrlich zu sein, ich mag auch keinen."
Hatte der Staatsanwalt mich womöglich mit dem Hamburger CDU-Abgeordneten Dietrich ("Didi") Rollmann verwechselt, der vielleicht vor der Bundeswehr-Akademie Referate hielt? Eine diplomatische Vertretung, vermutlich das jugoslawische Generalkonsulat in Hamburg, gab dem Gericht die Auskunft: Nein, es handele sich um Rullmann.
Besonders aber wurde mir während des Prozesses angekreidet, daß ich überhaupt ein Archiv, das größte aller Auslandskorrespondenten in Belgrad, gehabt hatte, was "typisch für einen Spion" sei, so Staatsanwalt Drakulovic. Zudem beherrsche ich die slowenische und die serbische Sprache, könne mich also mit jedem Jugoslawen unterhalten,
Untersuchungsrichter Milanovits, der "den Prozeß des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts" (so Belgrader Zeitungen) für sich entscheiden wollte und daher trotz fehlender Beweise in fiebrige Spionage-Phantasien verfiel, behauptete gleich bei Beginn der Vernehmungen, ich hätte Berichte an den BND und "an die deutsche Polizei" geschickt; "eine Frau" mit entsprechenden Informationen sei schon "auf dem Wege nach Belgrad und befände sich jetzt in Ljubljana".
Bis heute ist sie nicht in Belgrad eingetroffen -- Methoden, die Ungutes für den Fall der Verhaftung eines wirklichen Spions vermuten lassen.
Ein anderer wichtiger Belastungszeuge hatte sich geirrt: Ivan Streger, ein ehemaliger Ustasch, der viele Jahre in jugoslawischen Zuchthäusern verbracht hatte und heute als Abfall der sozialistischen Gesellschaft in einem Obdachlosenasyl gleich neben dem Militärgerichtsgebäude vegetiert, stellte die Behauptung auf, ich hätte ihn zu Spionagezwecken anwerben wollen. Doch bei der Gegenüberstellung war es plötzlich ein anderer gewesen -- ein deutscher Korrespondent, der noch heute in Belgrad lebt und niemals Verkehr mit solchen Typen gehabt hat, derer sich das Militärgericht mit Vorliebe bedient. Die Anklage ließ im Prozeß 36 Belastungszeugen dieser Qualität aufmarschieren -- von den Zeugen, die mein Verteidiger benannt hatte, wurde keiner gehört.
Und so erschienen vor Gericht die Eheleute Petrovic aus Apatin, die sich nicht mochten -- Frau Petrovic hatte in der Tasche ihre Mannes eine Visitenkarte von mir gefunden. Bei einem Maler, bei dem ich nach einer Photographie meiner Eltern ein Gemälde bestellt hatte, wurde eine Haussuchung veranstaltet. Ein Zeuge Mihailovic wollte mich in einer Taxe vor dem Belgrader Hauptbahnhof gesehen haben, als in dem Gebäude eine Bombe hoch. ging.
"Er macht jeden Tag ein weiteres Fenster auf."
Ein Belastungszeuge sagte aus, ich hätte im Gespräch die Politik von Willy Brandt gelobt. Der Staatsanwalt unterstellte mir, einen libanesischen Paß zu besitzen (das Beweismittel konnte er nicht vorlegen, weil es nicht existierte), mein Stiefvater sei Albaner (er heißt Ismer, was für den Ankläger fast wie "Ismael" klang). Mehrfach wurde ich gefragt, ob ich Jude sei.
Jeder Brief, den mir meine Mutter in die Haft schickte, schien Beweise dafür zu enthalten, daß ich meine "Spionage. Tätigkeit" von der Zelle aus fortsetzte: "Er macht jeden Tag ein weiteres Fenster auf", hieß es da höchst konspirativ, und dem Gericht war schwer zu erklären, was in Hamburg ein Adventskalender ist, den meine Mutter einem Kind geschenkt hatte. "Wer ist Hansi?" fragte einmal der Untersuchungsrichter aufgeregt -- einem Brief meiner Mutter hatte er entnommen, daß Hansi, ihr Kanarienvogel, sich wohlbefinde.
Schließlich, nachdem 13 ausländische Staaten und etliche "feindliche Organisationen" aus dem Rennen ausgeschieden waren, wurde auch noch der Rel". grader Satiriker Milovan Vitezovic Autor des Buches "Freier als frei", vor den Untersuchungsrichter zitiert. Man hoffte, über ihn eine Beziehung zwischen mir und den faschistischen Ljoticev-Emigranten im Westen herstellen zu können.
Der Schriftsteller fand die Situation gar nicht komisch, brach zitternd zusammen und belastete mich mit Ereignissen in der istrischen Küstenstadt Pula -- die ich freilich nie besucht hatte. Außerdem schwärzte Vitezovic etliche andere Kulturarbeiter an, so daß schließlich sogar der Bestseller-Autor Miodrag Bulatovic, über den ich geschrieben hatte, und der um deutsch. jugoslawische Verständigung kämpfende Schriftsteller und Übersetzer Peter Urban durch die Protokolle geisterten. Urban hatte laut Vitezovic "mit Agentengeldern" die Sonderausgabe einer Beigrader Kulturzeitschrift finanziert.
Die DDR, die in der irritierten Presse häufig in Zusammenhang mit diesem Prozeß genannt worden ist, spielte in diesem Verfahren lediglich die Rolle eines Einpeitschers. Der ostdeutsche Militärattaché Rathmann denunzierte bei einem jugoslawischen Verbindungsoffizier nicht nur mich, sondern auch noch den österreichischen Militärattaché -- den ich nie gesprochen hatte: Sein österreichischer Kollege, mit dem er sonst freundliche Kontakte pflegt, sei sowieso "ein schmutziger Kerl" (das Gedächtnisprotokoll dieser Unterhalturig liegt mit Unterschrift und Dienstsiegel der JNA bei den Gerichtsakten>, und Rullmann sei dessen Zuträger.
Ein PR-Mann des ostdeutschen Staatssicherheitsdienstes namens Julius Mader bot dem Gericht umfangreiches Material an. aus dem hervorgehen sollte, daß der SPIEGEL doch mit dem BND zu tun habe, und schließlich offerierte Ost-Berlin die Unterlagen über ein Urteil, das 1954 gegen mich in Rostock ergangen war. Allerdings: Wäre festgestellt worden, ich sei ein russischer oder ostdeutscher Agent, so wäre dies dem Gericht sehr peinlich gewesen.
Die Eselsbrücke, über die das Gericht mit den verbundenen Augen der Justiz ging, lautete schließlich wie folgt (Zitate der aus dem Gefängnis geschmuggelten Urteilsbegründung): daß Rullmann Angehöriger der Organisation des "Instituts für politische Erziehung" gewesen ist, "deren Leiterin einer fremden Macht nahestand", und daß
eine Person, die illegal nach Jugoslawien gekommen war und der Rullmann geholfen hat, Jugoslawien illegal zu verlassen, in einem von mehreren Briefen an Rullmann, in denen sie mit einem anderen Namen unterschrieb, gerade diese Person erwähnt, Ober die Rullmann schon 1959 geschrieben hat und die er in anderem Zusammenhang im Laufe des Strafverfahrens genannt hat. Mehr noch, diese Person erwähnt jene Person in einem der Briefe als ihr gemeinsames Vorbild.
In Klarschrift heißt das,
* daß ich als Oberschüler vor mehr als 20 Jahren zwei oder drei Wochen auf einem "Institut für politische Erziehung" in Jagsthausen (Württemberg) gewesen war, was mir schon 1954 die DDR-Gerichtsorgane zum Vorwurf gemacht hatten, > daß dieses Institut teilweise von der damaligen Hochkommission für Deutschland ("von der amerikanischen Militärregierung", die es schon nicht mehr gab), finanziert wurde, woraus sich ergibt, daß mich militärische Geheimnisse schon immer interessiert haben,
* daß an der Spitze dieses Instituts die ehemalige Kommunistin -- heute aber nach rechts gewanderte -- Margarethe Buber-Neumann stand, die demzufolge amerikanische Agentin gewesen ist, und
* daß der DDR-Flüchtling Wolfgang Bach mir 1970 unter anderem Namen einige Briefe ins Gefängnis geschickt hat, in denen dummerweise der Satz stand: "Laß Dich nicht unterkriegen. Auch Frau Margarethe Buber-Neumann hat alles gut hinter sich gebracht."
Das war der Beweis für die Kontinuität meiner angeblichen illegalen Nachrichtentätigkeit in Jugoslawien! Im Auftrage dieser schriftlich nie bei Na-
* Die Zagreber Illustrierte "Vjesnik u srijedu" vom 11. März 1970 mit der Schlagzeile: "Die Wahrheit Ober einen angeblichen Putsch".
men genannten Macht, die vom Staatsanwalt in seinem Schlußwort vor dem Obersten Militärgerichtshof noch mit besonderem Akzent auf "amerikanische Militärregierung" angesprochen wurde, sollte ich, wie aus Seite 33 der Urteilsbegründung hervorgeht, den erwähnten Vertretern "zweier anderer Länder" Teile geheimen Materials vorgelesen haben, was nicht zu beweisen war, so daß der Oberste Militärgerichtshof meine sich auf 60 Fehler beziehende Urteilsbeschwerde auch in diesem Punkt voll und ganz übernahm und das erstinstanzliche Urteil schließlich aufhob.
Doch zuvor sollte es noch zu zwei Höhepunkten kommen. Der Gipfel der Voruntersuchung war es, als eindeutig und mehrfach, sogar in Anwesenheit" meines verlegen schweigenden Anwalts, erklärt wurde, einzig und allein Ministerpräsident Mitja Ribicic trage Schuld an meiner Verhaftung. "Wenn er stürzt", so Oberstleutnant Milanovic, "dann kommst du frei."
"Aber ich kann doch nicht bis zu einem Regierungswechsel warten!" Milanovic: "Man muß ihn stürzen." So kam es zu einer ganzen Serie von phantastischen Kombinationen über Ribicic, den slowenischen Partei-Spitzenfunktionär Stane Dolanc und andere Politiker aus diesem nördlichen Bundesland Jugoslawiens, das sich schon immer durch Modernität und Liberalismus von anderen jugoslawischen Republiken abgehoben hatte.
Erst später merkte ich, daß man Ribicic mit meinem Fall zu kompromittieren versuchte:
In den frühen sechziger Jahren hatte sich der heutige Premier Jugoslawiens, der vorige Woche Rücktrittsabsichten äußerte, einmal für mich eingesetzt, und da ich nach der Version des Gerichts zu dieser Zeit schon ein Agent war, ließ sich eine ganz unwahrscheinliche Beweiskette flechten, an der nicht nur Rullmann, sondern letztlich auch Ribicic und dessen Freunde hängen sollten.
Der Oberste Militärgerichtshof tat sehr erstaunt, als ich bedauerte, in der Rolle des Angeschuldigten als Rädchen in einer Intrige gegen den Premier gedient zu haben. Der Staatsanwalt erklärte sofort, daß es sich hier um eine ganze Serie von strafbaren Handlungen seitens des Untersuchungsrichters handele, die" man protokollieren müsse. Ich bot einen ausführlichen Bericht an.
Im nächsten Heft
Ein Mitangeklagter, der "Richard Sorge des Balkan", verdient sich fünfzig Mark -- Tonbänder des Abhördienstes werden vorgespielt -- Rullmann erfährt vom Gericht Staatsgeheimnisse
Von Hans-Peter Rullmann

DER SPIEGEL 28/1971
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