05.07.1971

Solschenizyns Schlachtbeschreibung

„Vielfältig wie nie zuvor ist unser literarisches Schaffen“ -- so tönte es letzte Woche auf dem sowjetischen Schriftstellerkongreß in Moskau. Aber vom derzeit bedeutendsten Literaturschaffenden des Landes war nicht die Rede: Nobelpreis-Autor Alexander Solschenizyn, 52, bleibt offiziell verfemt, sein neuer Roman „August 14“, kurz vor dem Moskauer Kongreß im Westen erschienen, wird in der Sowjet-Union nicht gedruckt. Westliche Kritiker vergleichen das Weltkrieg-I-Epos mit Tolstois „Krieg und Frieden“. Gewiß ist es kein nur historischer Roman.
Jede Revolution verjüngt das Land zunächst nicht, sondern verwüstet es für lange Zeit ... Und je blutiger die Revolution, je länger sie dauert, desto mehr muß das Land dafür bezahlen und desto näher ist diese Revolution der Bezeichnung "große", -- eine Figur in Alexander Solschenizyns neuem Roman sagt es. Ist "August 14" ein antirevolutionäres Buch?
Die Frage ist noch nicht zu beantworten: "August 14", vor drei Wochen im Pariser Verlag "YMCA Press" erschienen -- in russischer Sprache, 573 Seiten stark, in 20 000-Auflage, mit Billigung des Autors (SPIEGEL 26/ 1971) -, ist nur der erste Band einer geplanten Trilogie, die möglicherweise als eine Vorgeschichte der russischen, der "großen" Oktoberrevolution konzipiert ist.
Der Verfasser selbst sieht in ihr "das Hauptvorhaben meines Lebens", aber er selbst ist auch unsicher, ob "er es je vollenden kann. Er schreibt in einem eigens für die Pariser Edition verfaßten Nachwort: "Meine Lebenszeit und meine schöpferische Imagination werden wahrscheinlich nicht ausreichen."
Band 1 der Trilogie -- Solschenizyn gebraucht statt Band die sonderbare Bezeichnung "Knoten" -- ist ein Roman um die Schlacht von Tannenberg, in der die leichtfertig nach Ostpreußen vorgestoßene Armee des Generals Alexander Samsonow von den deutschen Truppen unter Hindenburg und Ludendorff vernichtend geschlagen wurde.
Das Thema hatte den Autor seit langem beschäftigt: Schon 1937, als Student, schrieb er einen Aufsatz über die "Samsonow-Katastrophe". Solschenizyns Vater kämpfte als Artillerie-Offizier bei Tannenberg -- in "August 14" kommt er unter dem Namen "Isaakij Laschenizyn" vor, ein jüdischer Intellektueller, der zum russisch-orthodoxen Glauben übertritt, um im Zarenreich zur Universität zugelassen zu werden. Alexander Issajewitsch Solschenizyn selbst lernte Ostpreußen als Artillerie-Offizier im Zweiten Weltkrieg kennen.
Im Desaster von Tannenberg sieht Solschenizyn den entscheidenden Wendepunkt der neueren russischen Geschichte: "Man kann sagen, daß die erste Niederlage für Rußland den ganzen Krieg bestimmt hat: Wie man die erste Schlacht begonnen hatte, ohne vorher Kräfte zu sammeln, so hat man diese auch später nicht mehr sammeln können" -- Tannenberg als Anfang vom Ende des Zarenreichs (und erste Vorentscheidung für die Revolution)?
Die Handlung des Romans ist auf elf Tage begrenzt: 10. bis 21. August 1914 (nach alter russischer Zeitrechnung). Romanheld ist ein 38jähriger Oberst im Generalstab namens Worotynzew aus Rostow am Don -- ein sehr positiver Held: Soldat mit Leib und Seele, tapfer, gebildet, kameradschaftlich, glühender Patriot, aber Verächter des Zaren und des korrupten Hochadels am Zarenhof.
Worotynzew scheitert, seine taktischen Ratschläge werden nicht befolgt; die Armee wird eingekesselt, feige Generäle fliehen, tapfere Generäle fallen, Armee-Chef Samsonow begeht Selbstmord. Worotynzew bricht mit einem Häuflein Soldaten aus dem Kessel aus und bekommt Gelegenheit, dem Oberstkommandierenden, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch (der erstmals in einem Buch eines UdSSR-Autors gar nicht so unsympathisch erscheint), sowie der versammelten unfähigen Generalität im Hauptquartier die Meinung zu sagen. Der Großfürst weist ihn aus dem Raum -- Ende von "Knoten 1".
Die Deutschen, so ist aus Solschenizyns Roman abzulesen, haben den Sieg von Tannenberg verdient: "August 14" betont ihre überlegene Strategie und Taktik und auch ihr höheres Zivilisationsniveau. Ein russischer Ingenieur: "Wenn wir einen Handelsvertrag mit Deutschland hätten, das wäre wunderbar."
Worotynzew gibt die Schuld an der Niederlage von Tannenberg dem russisch-französischen Pakt, der die Zarenarmee zum verfehlten Vorstoß nach Ostpreußen gezwungen habe. Vor dem Bismarck-Denkmal in Neidenburg meditiert der Oberst: "Ein halbes Jahrhundert konnte Osteuropa ruhig leben, der russisch-deutsche Friede war nützlicher als diese Manifestation mit den Pariser Zirkuskünstlern."
Solschenizyn vermittelt die Historie, die Schlachtbeschreibung, durch zahlreiche realistische Episoden. Der Zustand Rußlands wird in vielen Zwiegesprächen erörtert. In einer Heimat-Szene erpressen mehrere Männer per Morddrohung von einem Großgrundbesitzer einige tausend Rubel "für die Revolution"; der Autor: "Ob es Revolutionäre waren oder einfach Räuber, die das Geld mit den Huren von Baku verpraßten, hat man nie erfahren."
In einem kommentierenden Kapitel widerspricht Solschenizyn Tolstois "Krieg und Frieden"-These" daß die Verhältnisse den Menschen machen: Die Menschen, argumentiert Solschenizyn, machen die Geschichte und tun sich all das Schreckliche an, das in seinem Kriegsepos beschrieben wird.
Der Autor hat in die Romanhandlung auch Zeitungsausschnitte" andere zeitgenössische Dokumente und Zeitraffer-Passagen einmontiert, die er "Filmleinwand" nennt -- sein Buch erinnert damit ein wenig an die Romane von John Dos Passos ("U.S.A.") -- allerdings eben nur ein wenig: In der Substanz ist "August 14" literarisch so traditionell wie Solschenizyns frühere Werke.
Solschenizyn, formuliert die deutsche Expertin für russische Literatur Helen von Ssachno, "schreibt mit dem Rücken zur Welt, zum Westen. Der Westen druckt ihn, aber geschrieben ist dieses Buch für Rußland". (Die deutsche Ausgabe erscheint 1972 beim Luchterhand-Verlag, der die Weitrechte an "August 14" wahrnimmt.)
Die Botschaft, die Solschenizyns neues Buch für Rußland bereithält, kann, so meint der amerikanische Rußland-Experte Anatole Shub, als eine Botschaft vom "tragischen Aspekt des Lebens und der Geschichte" gedeutet werden; sie könne, meint Helen von Ssachno, sich als religiöse Botschaft erweisen, "christlich nicht im kirchlichen, sondern im existentiellen Sinne": eine "Wiederentdeckung der spezifischen russischen Gläubigkeit, als eines Bindegliedes zwischen der Zeit vor und nach der Oktoberrevolution".
Tatsächlich erklingen die religiösen Obertöne, die schon im früheren Solschenizyn-Oeuvre zu vernehmen sind, in diesem neuen Werk häufiger und stärker. "Es sah aus", heißt es einmal, "als ob Christus und die Muttergottes sich von Rußland abgewendet hätten."
Im Nachwort zu seinem Roman teilt Alexander Solschenizyn mit, die Sowjet-Zensur habe von ihm verlangt, "das Wort Gott klein zu schreiben".
Alle seine aus der YMCA-Press-Veröffentlichung von "August 14" resultierenden Honorare, so hat er dem Pariser Verlag aufgetragen, seien für den Bau einer russisch-orthodoxen Kirche irgendwo im Westen zu verwenden.

DER SPIEGEL 28/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 28/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Solschenizyns Schlachtbeschreibung

  • Vor 20 Jahren in Berlin: Der Niedergang des Wedding
  • Webvideos der Woche: Festhalten bitte, wir starten durch!
  • Nasa-Sonde zeichnet Geräusche auf: So klingt der Mars
  • Faszinierende Bilder: Das Geheimnis der leuchtenden Delfine