19.07.1971

Brüssel ist weit weg

In der Marsch, an Schleswig-Holsteins Westküste, betreibt Bauer Wolfgang Rohrmoser, 38, einen 40-Hektar-Hof mit 45 Kühen. Nach den Vorschlägen der EWGKommission hat er seinen Betrieb rationalisiert; die Rentabilität seines Hofes läßt sich jetzt nur noch durch Groß-Investitionen verbessern. Der SPIEGEL beschreibt den Rohrmoser-Hof -- als Beispiel für jene mittleren Betriebe, die sich um moderne Produktionsmethoden bemühen.

Der Hof erfüllt EWG-Norm. Er ist förderungswürdig auch nach den strengen Sanierungsvorstellungen des Brüsseler Agrarkommissars Sicco Mansholt.

Weit im Norden, an der Westküste Schleswig-Holsteins, sinniert Bauer Wolfgang Rohrmoser über seine Vermögenslage: "Wenn ich noch zehn Jahre über die Runden komme, bin ich gerettet. Vom Verkaufserlös des Hofes hätte ich dann wohl bis zum Lebensende ein gesichertes Einkommen."

38 Jahre alt ist Bauer Rohrmoser. In der Gemeinde Tetenbüll auf der Halbinsel Eiderstedt, dort, wo die saftigsten Wiesen Schleswig-Holsteins wachsen, hat er seinen Hof -- einen sogenannten Grünlandbetrieb mit 45 Kühen. Er und seine Familie leben ausschließlich von der Milchwirtschaft.

40 Hektar Weideland nennt Rohrmoser sein eigen. Die Vorschläge der EWG-Kommission vom Dezember 1968, den Betrieb zu spezialisieren, um größere und damit rationellere Produktionseinheiten zu erreichen, fanden bei ihm Anklang. Er ist ihnen gefolgt.

Aber Rohrmoser sagt: "Früher hat mir die Landwirtschaft noch Spaß gemacht. Da hatten wir nur acht Kühe, und ich konnte mir ein Reitpferd leisten."

Nichts entspricht im Hof des Eiderstedter Landwirtes landläufigen Vorstellungen bäuerlicher Lebensweise: Das Wohnhaus hat den Zuschnitt eines vorstädtischen Bungalows; Ulmen, Weiden und eine dichte Buschreihe trennen es von Stall und Weide. Kein Viehgeruch durchdringt die Wohnräume.

Bäuerin Marie-Louise ("Reh") Rohrmoser, 34, ist in der Stadt geboren. Sie ist Berlinerin, gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und spricht Dänisch und Englisch fließend. In der Landwirtschaft ihres Mannes braucht sie nicht mitzuarbeiten.

Von den drei Kindern gehen zwei -- Andreas, 11, und Simone, 9 -- zur höheren Schule im 25 Kilometer entfernten Husum. Dem Erstkläßler Christoph, 7, ist diese Ausbildung vorläufig noch suspekt, weit "dort nämlich das Knutschen auf den Parkbänken beginnt".

Wer die Rohrmosers besucht, findet kein Reet und keine Tenne, kein Zinn und kein altbäuerliches Mobiliar. Die Familie lebt bürgerlich; der Betrieb ist rationalisiert.

Und doch überlegt Wolfgang Rohrmoser, ob er nicht "vielleicht doch noch Lehrer werden" sollte. Er glaubt ... daß viele Höfe, die heute als förderungswürdig gelten, bereits aufgeben werden, wenn auf zahlreichen kleinen, unrentablen Betrieben noch immer weitergearbeitet wird". Denn er meint, daß "vielen Bauern egal ist, ob sie Substanz-verlustig produzieren oder nicht solange sie nur auf dem Lande bleiben können".

Der Hof des Eiderstedter Bauern ist über 500 000 Mark wert -- 10000 Mark werden zur Zeit auf der Halbinsel pro Hektar Land bezahlt. Stall und Wohnhaus werden in Rohrmosers Bilanz mit 81 000 Mark ausgewiesen, der gesamte Viehbestand (einschließlich Jungvieh und Kälber) wird mit 44 000 Mark bewertet, der Maschinenpark (Anschaffungspreis: 45000 Mark) mit 17000 Mark.

Rohrmoser übernahm den Betrieb 1960 von seinen Schwiegereltern Christian und Hilde-Lotte Jessen gegen einen Kaufpreis von 300000 Mark. Die Jessens aus Berlin hatten den Hof seit 1944 bewirtschaftet.

Auch Rohrmosers Eltern waren durch die Kriegsjahre nach Schleswig-Holstein verschlagen worden: Von ihrem ostpreußischen 140-Hektar-Gut vertrieben, siedelten sie sich 1951 in der Eiderstedter Gemeinde Tating an. Als ihr Ältester heiratete, gaben sie ihren gepachteten Hof wieder auf.

Beide Großeltern leben noch, die alten Rohrmosers als Lastenausgleichs-Rentner in St. Peter, die Jessens als sogenannte Altenteiler auf dem Rohrmoser-Hof. Denn der Jungbauer hat für seinen damaligen Hofkauf von der Kieler Landesbank einen zinsbilligen Kredit erhalten: Anstelle einer kontinuierlichen Rentenzahlung an die Schwiegereitern leistet er somit jährliche Darlehnstilgung an die Bank*.

Zur Zeit ist der Hof mit 270 000 Mark Hypotheken und kurzfristigen Verbindlichkeiten belastet. Er beschäftigt keine Arbeitskräfte. ernährt somit die fünfköpfige Familie und -- indirekt -- die beiden Jessens.

Mit welchen Schulden Bauer Rohrmoser den Betrieb übernahm, darüber war er sich von Anbeginn im klaren. "Aber", so stöhnt er heute, "keiner konnte doch wissen, daß die Landwirtschaft solch eine Entwicklung nimmt. Die CDU hat uns doch jahrelang belogen. Und die SPD hat sich überhaupt nicht um uns gekümmert."

Als er Hofeigner wurde, "war der Hektar hier noch 16 000 Mark wert". 240 000 Mark hat er also allein an Grundstückswerten verloren, da kleinere Betriebe, die die Produktion eingestellt haben, ihr Land zum Verkauf anbieten und damit die Bodenpreise drücken, In Eiderstedt gibt es keine Großstadt, somit keine Nachfrage für den Wohnungsbau.

Beim Bau seines neuen Viehstalls war Rohrmoser an Vorschriften der veterinär-medizinischen Behörden gebunden: Vorübergehend wurde die Tetenbüller Gemeinde zum Tbc-Gebiet erklärt; der Stall mußte deshalb in mehrere Räume -- unterteilt werden, er läßt sich jetzt nicht mehr optimal nutzen. Rohrmoser hat sich Kostenvoranschläge für einen Umbau machen lassen, "aber dafür könnte ich mir schon wieder einen neuen Stall bauen".

* Bei der Obergabe eines Hofes von den Eltern auf die Kinder werden im norddeutschen Raum normalerweise Hofüberlassungsverträge abgeschlossen, die den Eltern ein Wohnrecht sowie jährliche Unterhaltszahlungen sichern. Diese Verträge unterliegen den Vorschriften der sogenannten Höfe-Ordnung.

Der Landwirt mit Gardemaß (1,91 Meter) betreibt seinen Hof so kalkulatorisch wie jeder städtische Kleinunternehmer. Vor zwei Jahren hat er einen Investitionskredit über 44 000 Mark aufgenommen. um Maschinen zu kaufen und einen Silo zu bauen. Er hat sich unter anderem einen zweiten Trecker zugelegt, einen automatischen Ladewagen angeschafft und eine elektrische Melkmaschine installieren lassen. Aber er meint: "Ich kann nur so viel investieren, wie es die Rendite erlaubt." Und: "Die Familie darf darunter nicht leiden."

Für ihn lohnt der Aufwand an Arbeit und Kapital bereits nicht mehr, wenn seine Frau ständig mitarbeiten müßte. Marie-Louise Rohrmoser sorgt deshalb auf dem Hof für eine ländliche Privatsphäre. Eine schöne Bäuerin -- aber fern von Kälbern, Kannen und Kühen.

Naturverbunden fühlt sich die ganze Familie. In einer Stadt möchten sie alle nicht leben. "Da krieg ich keine Luft", so Reh Rohrmoser, "und mein Mann erst recht nicht."

Gewinn von 30000 Mark erwirtschaftet.

Der elfjährige Andreas möchte zwar später einmal "irgend etwas Technisches machen". aber er beobachtet am liebsten Hasen und Wildenten. "Wenn die Hasen rammeln", hat er festgestellt, "vergessen sie sämtliche Gefahren ringsum. Da lassen sie sich sogar von einem Trecker überfahren." Seine Schwester Simone meinte allerdings: "Das ist bei den Männern genauso.

Rohrmosers Hof erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von 100 000 Mark. 80000 Mark hat er in diesem Bilanzjahr, das am 30. Juni endete. an Einnahmen für seine Milch erhalten. 20000 Mark hat er für den Verkauf von zehn Bullen und einigen milcharmen Kühen bekommen.

Im vergangenen Jahr unterhielt er noch Mastvieh. Aber seine Rentabilitätsrechnungen, die er sieh von der Kieler Landwirtschaftskammer anfertigen ließ, wiesen für die Milchkühe einen Rohertrag pro Hektar von 863 Mark aus, für das Mastvieh nur 442 Mark, Die Mansholtsche Forderung nach Konzentration zur optimalen Nutzung der Produktionsfaktoren traf sich auf seinem Hof mit der Erkenntnis. daß Milch mehr einbringt als Fleisch.

Rohrmoser verkaufte das Mastvieh und legte das Geld in weiteren Milchkühen an. Als Produktionsreserven unterhält er nunmehr noch 28 Kälber und 16 Jungtiere.

Durch den Zukauf jüngerer Kühe im vergangenen Jahr erreicht er in seinem Betrieb noch nicht wieder jene Milchleistung pro Vier, die er 1968 hatte. Denn, so der Bauer: "Mein Know-how liegt in den Kenntnissen über die Zuchtmöglichkeiten und den richtigen Einsatz der Futtermittel.

Rohrmoser weiß, was in der gesamten Welt gezüchtet wird. Was die Bullen in Eiderstedt nicht schaffen, besorgt er sich über den Sperma-Handel. Viele seiner Berufskollegen bemühen sieh zwar sowohl um milchträchtige als auch fleischstarke Kühe doch Rohrmoser hat sich auch hier festgelegt: "Ich setze betont auf Milch."

Als Planziffern für die Züchtung nennt er "hier in der Marsch täglich 20 Liter pro Kuh" allerdings nur von Mai bis Oktober. wenn das Vieh auf der Weide bleibt. Etwa zwei Monate vor dem Kalben "steht die Kuh trocken". Optimal gezüchtete Kühe könnten also auf den Eiderstedter Wiesen jährlich etwa 6000 Liter Milch abgeben.

Da die Tiere aber ein halbes Jahr im Stall ernährt werden müssen. "kriegt die Futtermittel-Beschaffung". so Rohrmoser. "eine ganz immense Bedeutung".

Der Tetenbüller Landwirt baut keine Rüben an' keinen Hafer und keinen Mais. "Bei mir wächst nur Gras." Seine Futtermittel für den Winter beschränken sich also auf die eingesäuerte Silage und auf das trockene Heu -- alle übrigen notwendigen Nährstoffe muß er kaufen.

Stadtbesuchern verein facht Rohrmoser seine Kostenrechnung durch eine Faustregel: "Für ein Kilo Kraftfutter bekomme ich zwei Kilo zusätzliche Milch." Da eine unterschiedliche Mischung des Kraftfutters nach Eiweißgehalt und Stärke aber nicht nur die Milchleistung erhöhen kann. sondern auch die Kosten' weiß der Bauer, daß "dies der Posten ist. bei dem viele Kollegen Pleite machen, weil sie die Relationen nicht berechnen

37 000 Mark hat er im vergangenen Jahr allein für Futtermittel ausgegeben. In Leistungsziffern ("Stärkeeinheiten") pro Kuh errechnet, hat er festgestellt, daß die Ernährung durch Kraftfutter dreimal teurer ist als das Weiden.

Der Hofeigner setzt somit seine Wiesen als Produktionsfaktor ein: Nur jene Kühe, die sich mindestens 20 Liter täglich abmelken lassen, erhalten zur weiteren Leistungssteigerung auch im Sommer zusätzliche Nährstoffe. "Erreichen sie diese Leistung nicht, liegt es an den Erbvoraussetzungen. Kraftfutter einzusetzen ist da rausgeworfenes Geld."

Die Futterrechnung legte ihm auch offen, daß jene Abschlachtprämien. die die EWG im vergangenen Jahr bei Milchkühen anbot, für seine Kalkulation uninteressant waren. Denn im Gegensatz zu den schleswig-holsteinischen Bauern an der Ostküste, die diese Prämien auch zumeist in Anspruch nahmen, verfügt Rohrmoser über einen für die Milchwirtschaft besonders ergiebigen Buden.

Zusätzlich zu den 37 000 Mark Futterkosten hat Landwirt Rohrmoser im vergangenen Jahr weitere 5000 Mark für Düngemittel ausgegeben. 9000 Mark für Grundstücksaufwendungen und Pacht (zwölf Hektar gehören noch seinen Schwiegereltern), fast 6000 Mark für Kreditrückzahlungen, 9500 Mark für Abschreibungen sowie annähernd 3000 Mark für die Vieherhaltung (Entlausung. Veterinärkosten) -- Gesamtaufwand: rund 70 000 Mark.

Bei einem etwas höheren Umsatz als in diesem Jahr (durch den Verkauf des Mastviehs) hat der Rohrmoser-Hof im Bilanzjahr 1969 somit einen Gewinn von etwa 30 000 Mark erwirtschaftet. Für die Rechnungsperiode 1970 werden die Relationen ähnlich sein.

Als Familieneinkommen entsprächen 30000 Mark den Gehältern gehobener Angestellter in Handel und Industrie. Der Netto-Erlös, den der Eiderstedter Landwirt erwirtschaftet, schließt aber

abzüglich des jährlichen Kapitaldienstes (Zinsen und Tilgungsraten an die Banken) -- sowohl die Rendite seines Hofes ein als auch den Lohn seiner Arbeit.

Angst vor der

"kapitalistischen Demokratie".

Zwar lassen sich des Bauern Ausgaben für den Haushalt und für den Hof in der Buchführung oft schlecht voneinander trennen (so beispielsweise bei den Strom- und Wasserkosten), aber abzüglich der Einstellungen in die Rücklagen weist seine Betriebsbilanz lediglich einen Gewinn von 19 837 Mark aus.

Im Betriebsplan setzt Rohrmoser seinen Stundenlohn mit 4,50 Mark ein. Er hat im vergangenen Jahr 4400 Stunden gearbeitet, mehr als doppelt soviel wie ein Industriearbeiter, noch immer ein Drittel mehr als normalerweise eine Führungskraft in der Wirtschaft.

Tag für Tag, auch am Wochenende. arbeitet er zwölf Stunden: Von vier bis sieben Uhr morgens werden die Kühe gemolken. Rohrmoser hat zwar eine elektrische Melkmaschine, aber dennoch muß er die vier Saugapparate reihum ansetzen und vorher die Zitzen mit Fett einreiben. Wenn er das Melkgeschirr wieder gesäubert und den Stall notdürftig ausgemistet hat, ist es acht Uhr.

Im Sommer arbeitet er vormittags und nachmittags auf der Weide -- düngen. mähen, ernten. Im Winter holt er nach, was er im Sommer vernachlässigen muß Instandhaltung des Stalles und der Maschinen. Nur in der Erntezeit hilft ihm ab und zu seine Frau.

Gegen 18.00 Uhr abends werden die Kühe zum zweitenmal gemolken. Auf seine Arbeitszeit angesprochen. wird Rohrmoser sarkastisch: "Ich arbeite acht bis neun Stunden täglich -- das Melken mach' ich als Hobby.

Drei Wochen im Jahr nimmt sich der Landwirt Urlaub: Zusammen mit 17 weiteren Höfen in der Nachbarschaft hat er sich seit drei Jahren einen Betriebshelfer engagiert. der jeweils die Ferienvertretung übernimmt, wenn einer der Bauern ausspannen will. Rohrmoser zahlt dafür 760 Mark.

Bei einem kalkulatorischen Stundenlohn von 4,50 Mark erreicht Bauer Rohrmoser trotz 4400 Arbeitsstunden nicht mehr als 19 800 Mark Jahreslohn

exakt den Bilanzgewinn seines Hofes (abzüglich Rücklagen).

Trotz der Milch- und Mistarbeit in der Frühe erreicht der Hofherr abends das Bett selten vor zehn Uhr. Mittags schläft er ein bis zwei Stunden.

Die abendliche Entspannung suchen Bauer und Bäuerin gemeinsam im Lesen. Rohrmoser liest Lenz' "Deutschstunde". seine Frau Dänikens "Erinnerungen an die Zukunft". In ihren Regalen stehen zahlreiche Reiseberichte: "Daran können wir uns echt begeistern. Wenn man von hier nicht wegkommt, verschlingt man das geradezu."

Die Familie besitzt keinen Fernseher, nicht weil sie sich ihn nicht leisten könnte, sondern "weil wir dafür doch keine Zeit haben". Die Kinder sehen ab und zu bei den Großeltern fern. Ins Kino sind die Rohrmosers seit Jahren nicht gegangen; "Theater kennen wir nicht".

"Wenn wir nicht lesen würden", so Reh Rohrmoser, "würden wir total verblöden." Die Tagesnachrichten holen sie sich aus der "Frankfurter Allgemeinen" -- sie kommt einen Tag später als in der Stadt.

Wolfgang Rohrmoser ist ein nachdenklicher Bauer. Seine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse zur Leitung seines Hofes hat er sich allein erarbeitet ("alles angelesen"); mit 17 Jahren hatte er bereits die Realschule verlassen. Nie hat er auch nur an einem Kursus über Buchführung teilgenommen.

In seinen Mußestunden denkt er über den Leistungsdruck nach, unter dem er steht: "Was die Hippies da machen, ist gar nicht so schlecht." Er glaubt. daß "der Sozialismus den Gefühlen der Bauern entgegenläuft. Der Kollektivgedanke der Arbeiterbewegung wird auf dem Lande keinen Fuß fassen".

Dennoch hat Rohrmoser die SPD "schon ein paar Mal gewählt". Er ist aber auch Mitglied des Bauernverbandes; für seine 40 Hektar zahlt er dem Verband jährlich 120 Mark.

Daß in der Landwirtschaft trotz schlechter Verdienstmöglichkeiten noch immer neun Prozent aller westdeutschen Erwerbstätigen arbeiten, führt er auf die Angst vieler Bauern vor der Stadt zurück, vor "dieser kapitalistischen Demokratie, wo derjenige Macht besitzt, der Geld hat". Restposten einer Sehnsucht nach Idylle.

Er weiß, daß die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe für die Versorgung der bundesdeutschen Bevölkerung genügen würde. "Die kleinen Quetschen bringen die rentablen Betriebe natürlich auch in Schwierigkeiten, weil sie nach wie vor zum Überangebot beitragen:'

Von den agrarpolitischen Diskussionen über die Landwirtschaft in der EWG fühlt sich Rohrmoser in seinem Alltag kaum berührt: Marktordnungen und Subventionen trägt er nicht im Bewußtsein seiner bäuerlichen Arbeit und seiner Kalkulationen; er schiebt jene Unterstützungen von sich, die jährlich der Landwirtschaft und damit auch seinem Hof direkt oder indirekt zufließen. Rohrmoser sagt: "Ich bekomme keine Subventionen." Und er sagt: "Von Richtpreisen merke ich auch nichts. Für seinen 300 000-Mark-Kredit aus dem Jahre 1960 zahlt er allerdings einen Zins von zwei Prozent. Auch für das Investitionsdarlehen über 44 000 Mark, das er vor zwei Jahren aufgenommen hat, erhielt er eine Zinsverbilligung um vier Prozent.

Jeder Liter Milch mit fünf Pfennig subventioniert.

Die Interventionspreise -- zu denen die Bonner Regierung landwirtschaftliche Produkte aufkauft, wenn sie auf dem Markt nicht abgesetzt werden können -- haben auf Rohrmosers Erlöse zwar nur indirekte Auswirkungen: Im Besitz der EWG-Abnahmegarantien sind nicht die Bauern, sondern die Meiereien.

Aber würden den Molkereien nicht feste Preise garantiert werden, würde auch Rohrmoser seine Milch nicht absetzen können. Jährlich werden für die gesamte bundesdeutsche Milchwirtschaft eine Milliarde Mark Subventionen ausgezahlt; 18 Milliarden Liter Milch werden an die Molkereien ausgeliefert. Mithin wurde jeder Liter Milch mit etwa fünf Pfennig subventioniert -- bei einer Jahresproduktion von 200 000 Litern wären dies für den Rohrmoser-Hof 10000 Mark.

Als der Ladenpreis für Trinkmilch im Februar dieses Jahres freigegeben wurde und die Molkereien allenthalben Preiserhöhungen durchsetzen konnten, erzielte Rohrmoser keine Mehreinnahmen. Auf seinen Abrechnungen kann er nachweisen, daß ihm konstant seit einem Jahr für einen Liter Milch (Fettgehalt: 3,7 Prozent) 35 Pfennig ausgezahlt werden. Allerdings: Rohrmoser ist Mitglied der Meierei-Genossenschaft; in seiner Einkommensrechnung verdrängt er die Gewinne und den Wertanstieg seiner Beteiligung.

Allein sechs Pfennig erhält der Bauer an Subventionen für jeden Liter Magermilch, den er von der Molkerei als Futtermittel für seine Kalber zurückkauft. Und fast 3000 Mark wurden ihm im vergangenen Jahr als Ausgleich für die Aufwertung der Mark im Herbst 1969 ausgezahlt.

In seinen Bilanzzahlen unberücksichtigt sind zudem jene Wohnungskosten' die ein Städter aufzubringen hat: Rohrmoser wohnt mietfrei' für seinen Bungalow mit sechs Zimmern würden in jedem städtischen Vorort mindestens 500 Mark gezahlt werden müssen. Darüber hinaus erwächst ihm mit laufender Abzahlung seiner Hypothek ein Vermögensbestand von mehreren hunderttausend Mark.

Sein Betrieb läßt sich nicht mehr weiter rationalisieren. Wenn er seine Rentabilität noch erhöhen will, so resümiert der Bauer, "muß ich bauen. Doch dafür habe ich zuwenig Gewinn". In der Zuchtverbesserung' im ständigen Austausch der jeweils leistungsschwachen Kühe gegen noch milchträchtigere Tiere, sieht er deshalb seine einzige Möglichkeit zur Ertragsverbesserung.

Woran ihm aber liegt, was ihm bereits "seiner Familie wegen" vordringlich erscheint, ist eine Verkürzung seiner Arbeitszeit. Er überlegt sich zur Zeit, ob er nicht das Heu-Ernten einstellen kann und den Kühen von seiner Weide lediglich Silagefutter einfährt.

Denn ihm kräht kein Hahn, wenn er sich morgens um halb vier Uhr aus dem Bett quält. Und sein Hof ist frei von jener Schulbuchromantik' in der Tiergeräusche wichtiger sind als Betriebszahlen.

"Brüssel ist weit weg", so Wolfgang Rohrmoser. "2300 Arbeitsstunden im Jahr -- wie von der Kommission angestrebt -- erreiche ich sowieso nie.


DER SPIEGEL 30/1971
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