19.07.1971

JAZZSchublade klemmt

Die deutsche Jazz-Combo „Dave Pike Set“, die soeben in Amerika mit ihren „swingenden Wonnen“ Erfolg hatte, musiziert nicht mehr für sektiererische Jazzkränzchen, sondern für nein Publikum, das sich gut unterhalten will“.
Seit Jahren klagen deutsche Jazzmusiker über niedrige Gagen und geringes Echo.
Nur ein Ensemble, das Frankfurter "Dave Pike Set, kennt diese Sorgen nicht. Seit sich der amerikanische Vibraphonist Dave Pike, 33. im November 1968 mit dem Gitarristen Volker Kriegel, dem Kontrabassisten Hans Rettenbacher und dem Schlagzeuger Peter Baumeister zusammentat, hatte die Gruppe stets ausreichend zu tun.
Das liegt am heiteren Charakter ihrer Musik. Denn während die meisten Jazzer langatmige und schwerverständliche Geräusch-Soli improvisieren' musiziert das "Pike Set" unter Titeln wie "Ein Nasenöffner". "Angriff der grünen Geizhälse" und "Professor Pornos Romanze" eine Mischung aus Blues, Bossa Nova' Beduinenklängen und Beat.
Mit diesem virtuosen Pop-Jazz verbreiten die Musiker "swingende Wonnen" ("Die Welt'). Deshalb wird die Combo' die bislang vier gut verkaufte Langspielplatten herausgebracht hat, auch gern für Show-Sendungen im Fernsehen und für internationale Festivals engagiert.
Als die Gruppe im April und Mai dieses Jahres im Auftrag des Goethe-Instituts Südamerika bereiste und dort 40 Konzerte gab. kabelte ein deutscher Kulturfunktionär aus dem brasilianischen Belo Horizonte den "einhelligen Wunsch des Publikums" in die Heimat: "Pike-Kriegel-Quartett wieder schicken." Denn: "Allein in Deutschland". so die chilenische Wochenzeitschrift "Pec", "gedeiht noch die wahre Jazzkultur."
Selbst in den USA. wo das "Dave Pike Set" Anfang Juli das Newport-Jazz-Festival eröffnete, wünschten Kritiker und Manager den Musikanten "ein baldiges Comeback". Zumindest auf der Platte können die Amerikaner das Ensemble bald wieder hören: Der Mitschnitt des Newport-Gastspiels kommt in Kürze auf den US-Markt.
Es ist nicht die erste amerikanische Plattenveröffentlichung von Dave Pike. Bevor er 1966 nach Deutschland kam, hatte der Vibraphonist aus Detroit mehrere Combos geleitet und bei zahlreichen Studioaufnahmen mitgespielt. Großen Erfolg hatte er freilich erst, als er in Frankfurt mit dem Gitarristen Volker Kriegel, 28, seinen "Set" gründete.
Vom ersten Tag an galt die Devise: "Mit rückwärts gerichteter Jazz-Romantik und weinerlicher Attitüde ist keinem geholfen. Denn das Gerede der Ideologen, Jazz sei automatisch mehr wert als Unterhaltung, hat uns bloß alle in die Ecke gedrängt" (Kriegel).
Deshalb musiziert die Combo nicht mehr für die "Jazzkränzchen mit ihrem sektiererischen Gemeindecharakter", sondern für ein "Publikum, das sich gut unterhalten will". Auch den Begriff Jazz möchten die vier, die sich von ihrer nächsten Deutschlandtournee im Herbst an nur noch "The Set" nennen wollen, am liebsten gar nicht mehr verwenden.
Kriegel: "Er engt unsere Musik viel zu sehr ein. Die Jazz-Apologeten werden sich an den Gedanken gewöhnen müssen, daß ihre Schublade klemmt."

DER SPIEGEL 30/1971
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