04.01.1961

USA / MACARTHURSibirien bombardieren

Die Fernsehkameras fuhren auf ein Wink Irv Kupcinets, des Kolumnisten der "Chicago Sun-Times", näher an das angriffslustige Gesicht des amerikanischen Expräsidenten Harry S. Truman heran. Interviewer Kupcinet war sprechbereit: Sein prominenter Gast, streitbarster und eigenwilligster unter allen amerikanischen Politikern, hatte dem Kolumnisten wenige Tage vor Weihnachten einen derben Knüller versprochen.
Der ehemalige Präsident brachte schnell das Gespräch auf den Koreakrieg und jenen Mann, mit dem ihn eine Art Haßliebe verbindet: den General Douglas MacArthur, wegen politischen Ungehorsams auf dem Höhepunkt des Koreakrieges von Truman entlassen.
Fragte Interviewer Kupcinet: "Hat man Sie eigentlich gedrängt, im Koreakonflikt eine Atombombe einzusetzen?"
Polterte Truman zurück: "Gewiß, MacArthur wollte Atombomben abwerfen."
Kupcinet: "MacArthur wollte es?"
Truman: "Ja, er wollte China und das östliche Rußland und alles andere mit Atombomben belegen."
Vergewisserte sich Kupcinet abermals: "Er wollte die Atombomben einsetzen?"
Truman: "Aber natürlich, das war doch die einzige Waffe, die wir damals besaßen und die sie (die östlichen Gegner) anerkannten."
Prominenten-Interviewer Irv Kupcinet war von den Enthüllungen des Expräsidenten derart irritiert, daß er Truman nach dem Interview noch einmal fragte, ob er seine Vorwürfe gegen den einstigen Prokonsul MacArthur ernst gemeint habe. Bekräftigte Truman: "Well, das ist die volle Wahrheit."
Kupcinets mißtrauische Reaktion war nicht unbegründet, denn noch nie hatte ein US-Politiker gewagt, Amerikas renommiertesten Feldherrn der Gegenwart als atomaren Kriegsbrandstifter zu denunzieren. Selbst seine schärfsten Kritiker hatten sich auf die Formel geeinigt, MacArthur sei im April 1951 als Oberbefehlshaber der amerikanischen und Uno-Truppen in Korea abgelöst worden, weil er seiner Regierung den politischen Gehorsam aufgekündigt habe.
Während die Militärs vom Verteidigungsminister Marshall bis zum Generalstabschef Bradley munkelten, der Feldherr habe aus Gründen militärischer Disziplin abberufen werden müssen, führte bisher der Memoirenschreiber Truman den Sturz des Generals auf dessen politische Erklärungen zurück, die mit den offiziellen Kriegszielen Amerikas nicht zu vereinbaren waren: MacArthur habe mit der republikanischen Oppositionspartei paktiert und Anfang 1951 die Weiterführung des Feldzugs bis an die mandschurische Grenze ohne Rücksicht auf die bereits seit Monaten beobachtete rotchinesische Intervention gefordert.
Truman kritisierte allenfalls im Konjunktiv, die Forderungen des Generals hätten zu einem Weltkonflikt führen können, in dem auch der Einsatz von Atomwaffen nicht mehr vermeidbar gewesen wäre. Von Mac-Arthurschen Atombomben gegen China und vor allem gegen Sibirien war noch mit keinem Wort die Rede gewesen.
Um so heftiger reagierte die amerikanische Öffentlichkeit, als Truman nun MacArthur beschuldigte, er habe Amerika in einen dritten Weltkrieg stürzen wollen. Der pensionierte Fünf-Sterne-General schlug denn auch sofort zurück und machte klar, ein Mann, der die ersten Atombomben der Weltgeschichte habe abwerfen lassen, sei nicht berechtigt, "falsche und ebenso phantastische" Geschichten über andere Leute zu erzählen.
Fauchte MacArthur: "Wir benötigten die Atombomben in Korea nicht mehr als im Kriege gegen Japan. Diese völlige Verdrehung der Geschichte ist nur dazu ausersehen, Trumans vergangene Fehler zu vertuschen."
Niemals habe er - behauptete Mac-Arthur - den Einsatz von Atomwaffen gefordert, weil "die konventionellen Waffen ausgereicht hätten, die Brücken über den Yalu-Fluß und die kommunistischen Versorgungsbasen (im nördlichsten Korea) zu zerstören". Ihm sei auch nicht im Traum eingefallen, Ziele außerhalb des koreanischen Kriegsschauplatzes anzugreifen: "Mein Plan war, den Krieg zu beenden, nicht ihn auszuweiten."
Die zweite Runde in dem neuen Streit zwischen den alten Matadoren verwies die Reporter darauf wieder an den Expräsidenten, den die Journalisten - einen Tag vor Heiligabend - bei einem seiner legendären Morgenspaziergänge durch New York in einer seltsam weichen Stimmung antrafen. Brummend gestand Truman: "Ich habe keinen dokumentarischen Beweis für meine Behauptungen."
Erläuterte er den mitlaufenden Reportern: "Ich habe nur meine Meinung über jenes Programm (MacArthurs) gesagt, das ich in meinen Memoiren nicht behandelte. Ich habe gesprochen und er hat gesprochen. Sie können glauben, wem Sie wollen."
Und an der Ecke der 76. Straße sprach Harry S. Truman sein bisher allerletztes Wort: "Nun aber keinen weiteren Kommentar zu der ganzen Kontroverse. Die Historie wird selber urteilen."
Atom-Streiter MacArthur, Truman
Dritten Weltkrieg riskiert?

DER SPIEGEL 2/1961
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