11.01.1961

ISRAEL / SITTE-PROZESSSpion im Weltraum

Seit Wochen rollt vor dem Haifaer Bezirksgericht ein geheimer Prozeß ab, über den Israels Militärzensur auch nicht das bescheidenste Detail in die Weltöffentlichkeit gelangen läßt. Wann immer Journalisten vor den verschlossenen Türen des Gerichtssaals um Einlaß bitten, läßt ihnen Bezirksrichter Bahalul ausrichten: "Dies ist keine gewöhnliche Gerichtsverhandlung. Die Anklage ist schwer, es geht um die Staatssicherheit."
Das von lästigem Publikum befreite Verfahren ist so geheim, daß bis zur Stunde noch nicht einmal die sieben Punkte der Anklageschrift bekannt sind. Die israelische Öffentlichkeit kennt nur den pauschalen Vorwurf, der sich gegen den einzigen Angeklagten des Prozesses richtet: Bruch des Staatssicherheits-Gesetzes von 1957.
In der Tat sitzt mit dem 50jährigen Kernphysiker Professor Dr. Kurt Sitte ein Mann auf der Anklagebank, der für sich in Anspruch nehmen kann, erster Weltraum-Spion der Weltgeschichte und Angeklagter des ersten Spionageprozesses in der Geschichte Israels zu sein.
Kurt Sitte, Abteilungsleiter der physikalischen Fakultät des Technikums zu Haifa und damit prominentester Weltraumforscher des Landes, gilt bei den Agenten des israelischen Geheimdienstes als einer der ungewöhnlichsten Spione, dessen Fall sich höchstens mit dem des kommunistischen Idealisten Klaus Fuchs vergleichen läßt.
Sitte hatte nämlich den Kontakt zu östlichen Spionagediensten aus ähnlichen Motiven gesucht, mit denen auch Fuchs seine Tat begründete: Im Ringen der Großmächte um die Eroberung des Weltraums sei es die Pflicht des Wissenschaftlers, zur Wahrung des Gleichgewichts der Kräfte und damit des Friedens jeweils diejenige Macht mit Informationen zu versorgen, die ins Hintertreffen zu geraten drohe.
"Vielleicht hatte er das Gefühl", erläuterte ein alter Freund Sittes, "daß sich in diesem Krieg der Kontinente das Gleichgewicht zugunsten einer Seite verschiebt. Der Vorteil der einen Seite aber kann den Krieg und den Untergang der Menschheit herbeiführen. Mancher Wissenschaftler wählt daher die Spionage als Ausweg zur Herstellung des Weltgleichgewichts."
Der deutsche Staatsbürger Kurt Sitte, 1910 als Sohn eines Oberlehrers im sudetenländischen Reichenberg geboren, hatte sich in Israel zielstrebig eine Position erobert, von der aus er auf seine Weise dem Frieden eine Chance geben wollte: Als Abteilungsleiter des weltrenommierten Instituts für Technologie in Haifa bearbeitete er seit Jahren wichtige Auslandsaufträge, darunter auch Weltraumprojekte der amerikanischen Luftwaffe.
Dem Technikum in Haifa fließen hauptsächlich Aufträge aus den angelsächsischen Ländern zu, wie denn auch Amerikaner, Briten und Kanadier den Aufsichtsrat des Forschungsinstituts beherrschen, das dem Technikum angeschlossen ist. Die Angelsachsen setzten großes Vertrauen in Kurt Sitte; 1959 ernannten ihn die angelsächsischen Vertreter im Aufsichtsrat zum stellvertretenden Leiter jenes Forschungsinstituts, das vor allem die Grundlagenforschung für die Weltraumeroberung praktisch auswerten sollte.
Angesichts dieser exponierten Stellung Sittes gehörte es zu den Routineaufgaben des israelischen Geheimdienstes, den Professor diskret zu beobachten. Verriet das Abendblatt "Ma'ariv" in Tel Aviv später: "Schon seit Jahren wurde Sitte beschattet."
Die israelischen Geheimdienstler wurden jäh aus ihrem Beobachtungstrott herausgerissen, als sich Kurt Sitte Anfang 1960 mit einem Mann traf, den zu beargwöhnen die jüdischen Staatsschützer allen Anlaß hatten: mit einem tschechischen Diplomaten, der auf der schwarzen Liste des israelischen Geheimdienstes stand, seit es ihm und anderen gelungen war, sechs Israelis für die östliche Spionage anzuheuern.
Geheimnisträger Sitte traf sich wiederholt mit diesem Ostblock-Agenten und machte sich noch verdächtiger durch die kriminalromanreife Unauffälligkeit, mit der er seine Treffen in stets wechselnden Cafés arrangierte.
Während der Geheimdienst die mit Sitte zusammenarbeitenden Wissenschaftler vertraulich ersuchte, dem verdächtigen Professor keine Geheiminformationen mehr zugänglich zu machen, durchleuchteten die jüdischen Staatssicherer die Vergangenheit Kurt Sittes nach roten Schönheitsfehlern. Es bedurfte freilich keiner sonderlichen Recherchen, um Sittes Kontakte zur kommunistischen Tschechoslowakei aufzudecken.
Der einstige Physik -Student an der deutschen Karls-Universität in Prag und sudetendeutsche Antifaschist hatte nie geleugnet, daß er trotz des Kalten Krieges rege Beziehungen zur alten Heimat und zu anderen Ländern des Ostblocks unterhielt. Er war in den
letzten Jahren sechsmal in die Tschechoslowakei gereist, zweimal in die Sowjet -Union.
Auch konnten sich seine Kollegen am Haifaer Technikum erinnern, daß Sitte stets mit naiver Freude die sowjetischen Erfolge im Kampf um den Weltraum gefeiert hatte. Begeisterte sich der fortschrittshungrige Professor: "Die Amerikaner hinken hinterher, nicht etwa, weil sie weniger wissen, sondern weil sie nervöser sind."
Weniger bekannt als solche politisch unschuldigen Äußerungen war jedoch die Tatsache, daß Emigrant Sitte aus der Zeit seiner Inhaftierung im Konzentrationslager Buchenwald - die Gestapo hatte den Antifaschisten dort 1939 eingewiesen - mit einigen CSSR -Kommunisten befreundet ist, die er bei seinen Ostblock-Reisen regelmäßig aufsuchte.
So geartete KP-Kontakte hatten auch den amerikanischen Geheimdienst bewogen, den 1948 nach den USA emigrierten Physik-Professor an der Syracuse-Universität im Staate Massachusetts argwöhnisch zu beobachten. Das Veto der US-Geheimdienstler, die sich schließlich 1953 gegen die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung aussprachen, vertrieb Kurt Sitte aus Amerika. Die US-Luftwaffe freilich gewährte dem israelischen Professor später, was der US-Geheimdienst dem amerikanischen Dozenten verweigert hatte.
Kurt Sittes Geheimkontakte zu dem tschechischen Diplomaten wären noch lange Zeit ungestört geblieben, hätte nicht der Professor einen Schritt getan, der den israelischen Geheimdienst zum sofortigen Zuschlagen zwang: Anfang Juni vergangenen Jahres ordnete Sitte an, die Mitarbeiter aller Abteilungen des Technikums müßten genaue Berichte über ihre speziellen Forschungen zusammenstellen. Die Berichte sollten bereits auf der nächsten Sitzung des Forschungsinstituts vorgelegt werden.
Am Abend des 15. Juni packte der Geheimdienst zu. Zwei Sicherheitspolizisten durchsuchten Sittes Wohnung im Villenviertel von Haifa und verhafteten den Professor unter dem Verdacht, Staatsgeheimnisse verraten zu haben. Die Beziehungen zu dem Tschechen gab Sitte sogleich zu: "Ich wollte den Kontakt zu dem Diplomaten nicht abbrechen, da ich sonst meine Schwester in Prag nicht mehr hätte besuchen können."
Schien solches Geständnis zunächst dem Fall Sitte die Konturen einer simplen Spionageaffäre von der Art des westdeutschen Frenzel-Falles zu geben, so dämmerte Israels Spionenjägern jedoch allmählich die Erkenntnis, daß der Fall Sitte auf einem weit höheren Niveau angesiedelt ist:
Als entscheidendes Motiv für die Ostkontakte Sittes gilt den Geheimdienstlern die Befürchtung des Professors, daß seine Forschungen auf dem Gebiet der kosmischen Strahlen - Sittes Spezialgebiet - zur Auswertung jener gewaltigen Energiequelle führen könnten, die Sitte in der kosmischen Strahlung des Weltalls entdeckt zu haben glaubt. Die Gefahr, daß jene Energiequelle zum Zankapfel der beiden
Weltraum-Rivalen werden könnte, habe Sitte veranlaßt, die Sowjets über seine Forschungen laufend zu informieren.
Kurt Sitte sieht freilich in seinen geheimen Diskussionen mit dem tschechischen Diplomaten keinerlei
Spionagetätigkeit, sondern lediglich Informationsgespräche, wie sie nach seiner Meinung zwischen Wissenschaftlern üblich sind. Das Haifaer Bezirksgericht, vor dem seit November der streng geheime Sitte-Prozeß läuft, und der harte Wortlaut
des israelischen Staatssicherheits -Gesetzes werden es jedoch dem Wissenschaftler schwermachen, seine Unschuld zu beweisen.
Der Professor muß nämlich nicht nur - im Gegensatz zu den üblichen Verfahren, in denen der Staatsanwalt die Schuld eines Angeklagten belegen muß
- beweisen, daß er nicht Spionage getrieben
hat, sondern sich auch noch vor den Fallstricken des Artikels 24a des Staatssicherheitsgesetzes retten:
"Wenn ein Bürger zu einem ausländischen Agenten Kontakt unterhält und dafür keine zufriedenstellende Erklärung beibringt, muß man daraus entnehmen, daß er geheime Informationen weitergeleitet hat, ohne dazu berechtigt zu sein."
Da aber Sitte bereits seine "Informationsgespräche" mit dem CSSR -Agenten gestanden hat, muß er mit der im Artikel 24a vorgesehenen Strafe rechnen: 15 Jahre Haft.
Fuchs
Angeklagter Sitte (l.) Wissenschaftler müssen spionieren

DER SPIEGEL 3/1961
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