18.01.1961

ISRAEL / LAVON-AFFÄREDie Panne

Bebend ließ sich der Lehrer Samuel Azzar, als Anführer einer israelischen Sabotage - Gruppe von einem ägyptischen Militärtribunal zum Tode verurteilt, unter den Galgen führen. Es war Punkt 8.30 Uhr, man schrieb den 31. Januar 1955. Nicht einmal das dämmerige Licht in der Hinrichtungszelle des Kairoer Zentralgefängnisses konnte die Spuren lähmender Angst im Gesicht des Verurteilten verbergen. Fünf Minuten später war alles vorbei.
Kaum hatte Radio Kairo den Tod des jüdischen Diversanten-Chefs Azzar gemeldet, da vereinte sich ganz Israel
zu nationaler Trauer und Empörung. Mit gebotenem Pathos kabelte Israels Staatspräsident Ben-Zvi an die Schwester Samuel Azzars, ihr Bruder sei "für die Heiligung des göttlichen Namens und für Israel gestorben. Mögen er und all die Märtyrer (seiner Gruppe) unvergessen bleiben, die das Leben für ihr Volk und ihre Heimat opferten".
Seit einigen Wochen wissen jedoch eingeweihte Israelis, daß der Spionage -Lehrer Azzar und die zehn Mann seiner Sabotage - Gruppe keineswegs "für die Heiligung des göttlichen Namens" litten, sondern von einer einflußreichen Gruppe israelischer Militärs geopfert wurden, die nach dem Ende der Azzar -Bande Israels kriegsunwilligen Verteidigungsminister Pinhas Lavon aus seinem Amt vertrieb.
Samuel Azzars Schicksal unter dem Kairoer Galgen ist nämlich mit jener "Sicherheitspanne" identisch, über die sich Israels Presse seit geraumer Zeit nur, in dunklen Andeutungen äußert. Die weißen Flächen und die verstümmelten Namen hoher Militärs in den Spalten jüdischer Zeitungen verraten, mit welcher Akribie die israelischen
Zensoren jeden Hinweis auf die Hintergründe einer schweren innenpolitischen Krise eliminieren.
Am weitesten durfte sich noch Publizist Livneh vorwagen, der ir der Zeitung "Ha'aretz" kombinierte: "Im Jahre 1954 geschahen Dinge, die das Sicherheitswesen sabotierten ... eine Sache, die ein Premier unbedingt hätte wissen müssen." Da aber damals das israelische Sicherheitswesen dem Verteidigungsminister Lavon unterstand, fiel die Schlußfolgerung nicht schwer, jene "Sicherheitspanne" müsse mit Lavon, möglicherweise sogar mit seinem seltsam überstürzten Rücktritt im Februar 1955 zusammenhängen.
Tatsächlich hatte die Affäre, die jetzt
- sieben Jahre danach - zu einer heftigen Regierungskrise führte, bereits im Januar 1954 begonnen, als mit dem ehemaligen Gewerkschaftsboß Pinhas Lavon ein Mann das Verteidigungsministerium übernahm, der jedem zu verstehen gab, er billige nicht die fast schon obligate Verehrung der israelischen Militärs für ihren früheren Chef - den damals just zurückgetretenen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Mit "B G", wie der Premier von Israelis kurz genannt wird, ist Lavon seit Jahren verfeindet.
Die führenden Funktionäre des Ministeriums - unter ihnen der einäugige Generalstabschef Mosche Dajan, damals 40 Jahre alt - waren jedoch nicht bereit, Lavons gallige Kommentare über ihren verehrten Meister anzuhören. Bald sah sich der Verteidigungsminister von seinen militärischen Beratern isoliert.
Dajan und seine Kameraden zeigten sich besonders deswegen rebellisch, weil Lavon die kriegsfreudigen Pläne des Generalstabs ablehnte. Dajans Vorstellungen liefen auf die These hinaus, Israel müsse die Westmächte gegen den Kairoer Staatschef Nasser aufhetzen und im Bündnis mit diesen Staaten den ägyptischen Erzfeind militärisch liquidieren - anders sei die Sicherheit Israels nicht mehr zu gewährleisten.
Um die Westmächte gegen Nasser mobil zu machen, hatten die israelischen Generalstäbler noch unter Verteidigungsminister Ben-Gurion einen Plan ausgetüftelt, mit dem man die Amerikaner zwingen wollte, ihre Beziehungen zu Kairo abzubrechen: Zwei Gruppen israelischer Saboteure, als ägyptische Nationalisten getarnt, sollten Bombenanschläge gegen amerikanische Kulturinstitute und Firmen in Ägypten unternehmen.
Bereits 1951 reiste der israelische Geheimdienst-Oberst Abraham Dar unter dem Decknamen "John Darling" nach Kairo, um Agenten für die projektierte Sabotage-Gruppe zu werben. Unterstützt von dem Agenten Paul Frank, baute Darje
eine Gruppe in Kairo und Alexandria auf; die Leitung in Alexandria übernahm der damals 25jährige Lehrer Azzar.
Als nun im Sommer 1954 Oberst Dar und sein Gehilfe Frank meldeten, der Aufbau der Sabotage-Gruppen in Ägypten sei abgeschlossen, bedrängte Generalstabschef Dajan seinen Verteidigungsminister, den Befehl zum Losschlagen zu geben. Je länger Lavon zögerte, desto häufiger fuhren die Kameraden Dajans zum Privatgut Ben -Gurions in Sdeh Boker und konsultierten ihren ehemaligen Chef.
Im August erging schließlich der Befehl zum Losschlagen: Azzars Leute und die Agenten in Kairo legten Bomben in die amerikanischen Bibliotheken der beiden Städte. Ihre Aktionen gediehen jedoch nicht weit. Bereits Ende August wurde ein Agent in Alexandria vom ägyptischen Geheimdienst verhaftet; Anfang September flogen beide Sabotage-Gruppen auf. Nur Werber Dar und Gehilfe Frank konnten fliehen.
Den Fehlschlag des Unternehmens wußten nun Dajan und seine Kameraden sofort gegen ihren lästigen Minister auszubeuten. Als Ministerpräsident Scharrett, durch die "Sicherheitspanne" völlig schockiert, den Verteidigungsminister zur Rede stellte und - da Lavon jede Verantwortung abstritt - eine Untersuchung anordnete, produzierten die Militärs den angeblichen Einsatzbefehl, der die entscheidenden Worte enthielt: "Im Auftrag von Verteidigungsminister Lavon."
Als auch Geheimdienstier Paul Frank bezeugte, Lavon selber habe den Befehl zum Losschlagen gegeben, wurde die Stellung des Verteidigungsministers unhaltbar. Im Februar 1955 trat Pinhas Lavon ab. Sein Erzfeind Ben-Gurion kehrte wenige Wochen später an die Macht zurück.
Die "Sicherheitspanne" und die Demütigung des zäh um seine Rehabilitierung kämpfenden Lavon wären in Vergessenheit geraten, hätte sich nicht unter israelischen Geheimdienstlern allmählich der Verdacht eingenistet, die Aktion von 1954 sei verraten worden. Ihr Argwohn richtete sich gegen den aus Ägypten geflohenen Frank, der sich inzwischen nach Wien abgesetzt hafte. Recherchen des israelischen Geheimdienstes ließen keinen Zweifel daran, daß Frank den Sabotagering seines Wohltäters Dar für 40 000 Mark an die ägyptische Spionageabwehr verraten hatte. Erst 1957 gelang es den Israelis, den Verräter zu verhaften.
Premier Ben-Gurion und sein Schützling Dajan sollten jedoch bald die Verhaftung Franks bedauern; denn während seines Geheimprozesses im Sommer 1960 gestand Frank den Militärrichtern, er habe im Februar 1955 wissentlich gelogen, als er behauptete, Lavon habe die ägyptische Aktion befohlen. Außerdem sei der damals von den Militärs vorgelegte Einsatzbefehl eine Fälschung gewesen.
Diese Geständnisse ermutigten Pinhas Lavon im August 1960 zu der Forderung, er müsse öffentlich rehabilitiert werden. Als Ben-Gurion die Rehabilitierung seines Gegners zu verhindern suchte, mobilisierte der ehemalige Verteidigungsminister die eigene Partei Ben -Gurions gegen den Premier. Der Ministerpräsident sah sich von seinen Parteifreunden derartig bedrängt, daß er der
Bildung einer ministeriellen Untersuchungskommission zustimmen mußte, die denn auch Ende vergangenen Jahres Lavon von aller Schuld freisprach.
Gleichwohl weigerte sich "B-G" eigensinnig, das auch von der Mehrheit seines Kabinetts gebilligte Urteil der Kommission zu akzeptieren, und beschwor damit eine Regierungskrise herauf. Offenbar fürchtet Ben-Gurion nicht nur einen Prestigeverlust für den Landwirtschaftsminister Dajan, den der 74jährige Premier als seinen Nachfolger betrachtet, sondern noch gravierendere Konsequenzen, die jüngst in einer Sitzung des Parlaments offenbar wurden.
Die Lavon-Untersuchung, mäkelte der linkssozialistische Abgeordnete Dr. Sneh, habe bewiesen, daß die wahren Schuldigen Offiziere waren, die bei der Vorbereitung des ägyptischen Unternehmens "eine Person, konsultierten, die weder durch das Gesetz noch durch das Parlament dazu ermächtigt war, von den Offizieren aber für kompetent gehalten wurde".
Ärgerlich fuhr der Alte den "Verleumder und Feigling" Sneh an, er solle auf seine parlamentarische Immunität verzichten und den Namen jener Person nennen. Konterte der Linkssozialist: "Sie sind ja so wütend, als wüßten Sie, wer dar Mann war."
Premier-Kandidat Dajan: Befehle gefälscht
Rehabilitierter Lavon
Die Sicherheitspanne war geplant

DER SPIEGEL 4/1961
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