25.01.1961

DIECKMANN-BESUCHBravo, Marburg

Altdeutschem Aberglauben zum
Trotz ist dem Dr. jur. h. c. Johannes Dieckmann ein Freitag, der dreizehnte, zum Glückstag ausgeschlagen: Seit Freitag, dem 13. Januar, nämlich darf sich der Volkskammer-Präsident der Deutschen Demokratischen Republik nicht nur als Märtyrer der deutschen Teilung fühlen, sondern auch mit Genugtuung die Überfülle ihm gewidmeter Balkenüberschriften und spaltenlanger Kommentare ostelbischer Publikationen zur Kenntnis nehmen.
Ursache der seitenfüllenden Anteilnahme für den gemeinhin wenig beachteten Parlamentspräsidenten und Spitzenfunktionär der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) sind die Fährnisse, denen sich Dieckmann am 13. Januar im Kurhaus Marbach bei Marburg ausgesetzt sah und die "Neues Deutschland", das Zentralblatt der SED, genüßlich als "faschistische Mordhetze" Bonner Provokateure gegen "den Prediger des deutschen humanistischen Verständigungswillens" brandmarkte.
Den glücklichen Umstand für diese Behauptung dienliche Belege zur Hand zu haben, verdankten die frei nach Brecht über "Furcht und Elend des - Bonner Systems" meditierenden Partei-Kommentatoren jenem Aktionskomitee "Protestmarsch Dieckmann", das unter der Leitung des in der Turnerschaft "Schaumburgia" korporierten Studenten Karl Petry an die 3000 Jungakademiker der Marburger "Philipps-Universität gegen den Besuch des DDR-Menschen auf die Beine gebracht hatte.
Die Petry-Jünger sollten - angeführt- von den Korporationen und dem allzeit freiheitsbewußten Ring Chistlich-Demokratischer Studenten - dem Gast aus Ostberlin deutlich machen, daß sie ihn nicht zu sehen wünschten.
Nun war Johannes Dieckmann freilich keineswegs angereist, um vor der couleurtragenden Elite der westdeutschen Jungmannschaft aufzutreten; er kam vielmehr auf Einladung des Marburger Liberalen Studentenbunds, dessen 24jähriger Vorsitzender Klaus Horn den Volkskammer-Präsidenten zu einem Vortrag über "Reale Möglichkeiten zur Wiedervereinigung" ins Kurhaus Marbach gebeten hatte.
Um sich für diese Aktion Rückendeckung zu verschaffen, versicherte sich Horn der Zustimmung des hessischen Kultusministers Professor Ernst Schütte (SPD), der - nach Rücksprache mit dem Bonner gesamtdeutschen Ministerium - dem Horn schrieb: "Ihre Frage, ob Sie an der Einladung des Volkskammerpräsidenten Dr. Johannes Dieckmann ... festhalten sollten, beantworte ich mit Ja."
Der dreistündige Auftritt des praktizierenden Christen und Pfarrersohns Dieckmann im Kurhaus Marbach verlief dann freilich für den -unterdes wegen seiner Ost-Kontaktfreudigkeit aus der FDP eliminierten Klaus Horn und seine Freunde enttäuschend: Der Volkskammer-Präsident, dessen Kompetenz seine Gastgeber offensichtlich überschätzt hatten, vertrat statt neuer Auffassungen lediglich die alte Pankower These, daß ein Vertrag zwischen beiden deutschen Staaten in jedem Fall Vorbedingung der Wiedervereinigung sei.
Die Diskussion mit dem Gast aus Ostberlin, bar jedes nüchternen politischen Aspekts, verlor sich schließlich im propagandistischen Unterholz, zumal - die Aufmerksamkeit aller Anwesenden mehr und mehr von dem in Anspruch genommen wurde, was Marburgs akademische Demonstranten vor den Türen des Versammlungssaals vollführten.
Während Dieckmann noch vom preußisch-deutschen Militarismus als der eigentlichen Barriere zwischen den beiden deutschen Staaten sprach, brach der vor dem Kurhaus Marbach aufmarschierte und von der Polizei nur mühsam gebremste Stoßtrupp der Freiheit in hysterisches Geschrei aus. "Mörder!", "Sowjetknecht!", "Dieckmann raus!, - Hängt ihn auf!" johlte es aus den bierbefeuchteten Kehlen der studentischen Jugend.
Unter dem Hagel von Steinen und Bierflaschen gingen die Fenster des Kurhauses zu Bruch. Erst Stunden später, als der Volkskammer-Präsident in einem Polizeiauto das Schlachtfeld geräumt hatte, zog sich der Rest der Demonstranten in die Marburger Kneiplokale zurück, um dort den Sieg der Meinungsfreiheit zu begießen.
Daß sich die akademischen Freiheitskämpfer alsbald auch noch für politisch aufgeweckte Zeitgenossen zu halten begannen, ist allerdings alleiniges Verdienst jener staatserhaltenden Presse-Kommentatoren, die enthusiasmiert und unverzüglich landauf, landab den vaterländischen Ruhm der tobsüchtigen Randalierer zu verkünden begannen: "Bravo, Marburg! ... Die kleine Stadt hat ihre Bewährungsprobe bestanden. Glänzend sogar ...", jubilierte die Westberliner "BZ", und selbst die "Frankfurter Allgemeine", die sich gern als Dachgebälk der Demokratie fühlt, spendete gemessen Beifall und fand die Marburger "Vorgänge ... nach Lage der Dinge verzeihlich".
Das Massenblatt "Bild" indes, stets bereit, seine Groschen-Weisheiten für politischen Scharfsinn zu halten, ließ es bei schlichten Lobsprüchen nicht bewenden-. "Was haben die Herren des kommunistischen Regimes eigentlich erwartet?" fragte Zehrers "Hans im Bild" hochbefriedigt und bundesweit, um dann mit erprobter Sicherheit haarscharf am Marburger Tatbestand vorbei fortzufahren: "Haben sie erwartet, man könnte hier in Freiheit über den Marxismus-Leninismus diskutieren, während drüben jede freie Meinung unterdrückt ... wird?"
Sodann verschaffte "Bild" seinen Lesern eine Vision des Tags der Rache: "Wenn der Mann, der dort drüben an führender Stelle das alles mitzuverantworten hat, eine Lehre mit nach Hause nehmen sollte, dann wäre es die: Das Schicksal, das den 17 Millionen unserer Landsleute dort drüben bereitet wird, geht nicht spurlos an den 55 Millionen vorüber, die in Freiheit leben. Und diejenigen, die es tun, werden sich einmal vor dem ganzen Volk zu verantworten haben."
Anders als "Bild", das von der Abwehrschlacht an der Lahn animiert der erhofften endgültigen Abrechnung entgegenzeterte, vermochte die "Süddeutsche Zeitung" in der Marburger Couleur-Kohorte jedoch nur "Raufbolde" zu erkennen, die in einem Anfall kollektiver Raserei "die Bundesrepublik schmählich blamiert" hätten. Die "Frankfurter Rundschau" schließlich bescheinigte der akademischen Bierflaschen-Brigade, sie habe "ein Vorspiel des deutschen Bürgerkrieges" geliefert.
Kriegsmäßig war denn auch der Abzug, Dieckmanns aus der Universitäts-Stadt. Noch in der Nacht räumte er sein Hotelzimmer, bestieg seinen Mercedes 220 und ließ sich mit abgeblendetem Licht zur Zonengrenze fahren. Nachdem er sich noch mit Whisky und Zigaretten versorgt hatte, kehrte er - von den Zonen-Blättern als Opfer der "faschistischen Horden" Bonns gefeiert - in die DDR zurück.
Gastgeber Horn, DDR-Gast Dieckmann: Vorspiel zum Bürgerkrieg

DER SPIEGEL 5/1961
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