25.01.1961

NORD-KONTAKTEAm Friedens-Meer

Ganze vier Druckzeilen widmete "Neues Deutschland", das Ostberliner Zentralblatt der Sozialistischen Einheitspartei, am Dreikönigstag dem Hinweis, daß an dem tags zuvor im Stockholmer "Folkets Hus" eröffneten Parteitag der Schwedischen Kommunistischen Partei (SKP) auch eine Delegation des Zentralkomitees der SED teilnehme. Die Abordnung aus der DDR, so notierte "Neues Deutschland" beiläufig, stehe unter der Leitung "des Kandidaten des Politbüros des ZK und 1. Sekretärs der (SED-)Bezirksleitung Rostock, Karl Mewis".
Kürze und lieblose Placierung der Nachricht auf der vorletzten Seite der Parteizeitung waren jedoch keineswegs Zeichen SED-amtlicher Geringschätzung; sie sollten lediglich den Partei-Ausflug nach Norden vor allzu öffentlichem Interesse schützen. Der stets auf Einhaltung der konspirativen Spielregeln bedachten SED-Führung liegt nämlich nichts daran, die Stockholm-Reise ihres Rostocker Statthalters als das erkennbar werden zu lassen, was sie in Wirklichkeit ist: wichtiges Glied in der Auslandsarbeit der Einheitspartei, die im Auftrag ihrer Moskauer Seniorpartner die Betreuung speziell der skandinavischen, Genossen übernommen hat.
Seit Jahren schon bemühen sich Walter Ulbrichts Funktionäre, dieser Aufgabe gerecht zu werden und vor allem die dänischen und schwedischen Freunde der Weltrevolution zu nützlichen Aktionen zu ermuntern. Ihr Ziel wird von der Partei-Parole "Die Ostsee, ein Meer des Friedens" umschrieben, worunter zuvörderst die Beseitigung der Nato-Wirksamkeit an den für die Sowjets strategisch ungünstig engen Ostsee-Ausgängen zu verstehen ist.
Als Promoter der ideologischen Aufrüstung unter den seit je etwas laschen Skandinavien-Kommunisten bot sich der Ostberliner Parteiführung ein Mann an, der von 1938 bis zum Kriegsende als Emigrant in Schweden gelebt hatte und dort 1942 wegen seiner Dienste für die Sowjetmacht vorübergehend interniert worden war: Karl Mewis, der heute 53jährige Altkommunist und gelernte Schlosser aus Kassel. Er brachte aus dem schwedischen Exil nicht nur einschlägige Sprachkenntnisse und konspirative Erfahrungen mit, sondern verfügte auch über die notwendigen Kontakte zu skandinavischen Parteikreisen.
Mewis, ehrgeizig und intelligent, avancierte alsbald zum Parteichef am DDR-Friedensmeer und begann unverzüglich, die seichten Wasser der Ostsee seiner neuen Aufgabe nutzbar zur machen: Er setzte sich nicht nur für die Verstärkung der Fährverbindungen von Warnemünder nach dem dänischen Gedser und von Saßnitz nach dem schwedischen Trelleborg ein, sondern sorgte auch dafür, daß die Fährschiffe fortan der innigen Kontaktpflege von Bruderpartei zu Bruderpartei dienten.
Seither reisen die Partei-Delegationen unermüdlich hin und her, und sogar für den Rest der Bevölkerung fiel dabei etwas ab: DDR-Büros in Skandinavien preisen dort die Vorzüge des Mewisbetreuten deutschen Ostsee-Badestrandes an, während das Ostberliner staatliche Reisebüro zugleich DDR-Bürgern Schweden-Rundreisen offeriert. 1958 schließlich erfand Karl Mewis in Konkurrenz zur Kieler Woche die Rostokker "Ostseewoche" als folkloristischen Treff aller Friedensmeer-Anhänger.
So beflissen sich die Einheitspartei aber mit Rat und Geldspenden der schwedischen und dänischen Gesinnungsfreunde auch annahm - der rechte Erfolg blieb ihr bislang versagt. Machtlos mußten die Mewis-Genossen zusehen, wie sich der kurz zuvor noch bei einem Ostberlin-Besuch brüderlich gefeierte Chef der dänischen KP, Aksel Larsen, selbständig machte, den von der orthodoxen SED verpönten "dritten Weg"
Titos einschlug und damit auch noch einen bemerkenswerten Wahlerfolg hatte: Im vergangenen Jahr errangen die Larsen-Sozialisten im Kopenhagener Parlament elf Sitze, die geschrumpfte KP hingegen kam nicht mehr ins Parlament.
Auch aus Schweden vernahm die SED nichts Erfreuliches. Dort hatte es schon 1956 eine Parteispaltung gegeben, und KP-Vorsitzender Hilding Hagberg sah sich von seinen ohnehin stets in der Defensive kämpfenden Genossen immer mehr nach rechts in die Nähe der Sozialdemokraten und damit fort vom Pfad kommunistischer Tugend gedrängt.
Doch Karl Mewis eilte dem Freund aus Exilantentagen gerade noch rechtzeitig zu Hilfe. Er machte der schwedischen Partei ein großzügiges, außerhalb der Parteiführung bis heute streng geheimgehaltenes Angebot. Die Einheitspartei, so ließ er Hagberg wissen, sei bereit, schwedische Genossen gruppenweise und kostenlos in der SED-Kreisparteischule Bad Doberan bei Rostock ideologisch zu immunisieren.
Hagberg akzeptierte: Im Februar vorigen Jahres trafen die ersten 15 Kursanten aus Schweden zu einem Vier-Monate-Lehrgang in Bad Doberan ein, nachdem dort zuvor schon einige Zwei-Wochen-Kurse unter Assistenz des schwedischen KP-Ideologen Gunnar Öhman stattgefunden hatten. Das Programm der Lehrgänge, die seither mit wechselnder Teilnehmerzahl fortgeführt werden, umfaßt neben dem Studium der Theorie des Marxismus-Leninismus vor allem Fragen der Taktik und des Organisationswesens.
Zum Dank für die tätige Hilfe in Bad Doberan konnte Hilding Hagberg seinem Ostsee-Genossen Mewis im letzten Herbst mitteilen, daß die schwedische KP bei den Wahlen für die Zweite Kammer des Parlaments runde 60 000 Stimmen mehr errungen habe als bei den Wahlen von 1958. Freilich brachte der Stimmenzuwachs nichts ein: Für ein zusätzliches Mandat reichte er nicht aus. Die SKP muß weiterhin mit sechs Abgeordneten vorliebnehmen.
Immerhin aber beflügelte der Stimmengewinn die Schweden zu neuer Tatkraft: Auf dem Stockholmer Parteitag in der ersten Januarwoche hielt Hilding Hagberg eine donnernde Rede wider den westdeutschen Militarismus und für die "Verwandlung der Ostsee in ein Meer des Friedens". Alsdann verkündete er, zur SED-Delegation und zu seinem Freund Mewis gewandt, die SKP habe "in den letzten Monaten" 1000 neue Mitglieder (Vorjahresstand: 30 000) gewonnen.
Hagberg
ZK-Funktionär Mewis
Geheimofferte an Schwedens KP

DER SPIEGEL 5/1961
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