25.01.1961

KUBA / INVASIONNo comment

Mit romanischer Leidenschaft sprang
der kubanische Außenminister Raúl
Roa von seinem Platz im Sicherheitsrat der Uno auf und wetterte: "Durch Intrigen, Bestechungen und Erpressungen will die imperialistische und reaktionäre Regierung der USA die kubanische Revolution beseitigen: Die US-Imperialisten planen bereits eine Landung auf Kuba, die kurz bevorsteht." Es war am 4. Januar dieses Jahres, einen Tag nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Havana und Washington.
Roas Behauptungen wurden sofort von Washington als "falsche und hysterische Beschuldigungen" dementiert. Amerikas Uno-Delegierter Wadsworth: "Seit sechs Monaten schreien nun die kubanischen Führer Zeter und Mordio und machen sich damit vor der ganzen Welt lächerlich."
Die Presse der westlichen Welt war in der Tat geneigt, die kubanischen Unkenrufe über eine bevorstehende US-Invasion für einen Theatercoup des in politische Bedrängnis geratenen Castro-Regimes zu halten. "Es ist unvorstellbar", höhnte die "New York Times", "daß die Kubaner glauben, wir würden auf ihrer Insel landen. Die Amerikaner können kaum verstehen, wie andere allen Ernstes Dinge glauben können, von denen wir wissen, daß sie nicht wahr sind."
Zwei Wochen danach wurde jedoch die selbstbewußte "New York Times" recht kleinlaut: Dasselbe Weltblatt, dem Roas Beschuldigungen als Gipfel politischen Unsinns erschienen waren, veröffentlichte einen Bericht, wonach amerikanische Militärs und Geheimdienstier eine Castro-feindliche Invasion auf Kuba vorbereiten.
Zwar stützt der "Times"-Bericht nicht die These der kubanischen Langbärte, daß die US-Wehrmacht Kuba besetzen wolle; aber er beweist zumindest die Behauptung Castros und seiner Propagandisten, der zufolge amerikanische Dienststellen die Invasionstruppe kubanischer Castro-Gegner ausbilden.
Die Redakteure der "New York Times" erfuhren damit, was Diktator Fidel Castro spätestens seit Ende Dezember durch einen Überläufer aus dem Lager der regimefeindlichen Emigranten weiß. Dieser Überläufer - ein ehemaliger Gangster namens Guillermo Hernández Vega - hatte Castros Geheimdienstlern zu Protokoll gegeben, wie und wo sich die invasionsdurstigen Emigranten auf den Tag X vorbereiten:
Gangster Hernández hatte wie viele seiner Landsleute vor den revolutionären Langbärten Castros das Weite gesucht und war dabei nach Miami gekommen, dem Sammelplatz der 30 000 Kubaner, die in den letzten zwei Jahren nach den Vereinigten Staaten emigriert sind. In Miami erfuhr Hernández, daß der dollarkräftige Expremier des gestürzten Kuba-Diktators Batista, Manuel Antohio de Varona, eine für die Landung auf der Insel bestimmte Freiwilligen -Legion aufstelle.
Hernández ließ sich von Invasionsplaner Varona, der auf einem Landsitz Floridas residiert und sich nützlicher Kontakte zu Dienststellen der US-Regierung rühmen darf, anheuern und fand sich bald darauf in einem der drei Sammellager, die Varonas Organisation am Stadtrand von Miami unterhält. Die Nähe der Stadt und der Agenten Castros
- mehr als 2000 Agenten sind dem US -Geheimdienst bekannt - verbot jedoch militärische Übungen.
Varonas neuester Legionär und dessen Kameraden verließen eines Tages die Vereinigten Staaten in kleinen Gruppen; ein unbeleuchtetes Flugzeug ohne Kennzeichen brachte die Hernández -Gruppe von dem verlassenen US-Flugplatz nahe dem Florida-Nest Lewiston nach Mittelamerika. Erst auf dem Flug erfuhren die Legionäre ihren Bestimmungsort: die Plantage "Helvetia" des guatemaltekischen Kaffeekönigs Roberto Alejo Arzú.
Die Plantage liegt nahe der Westküste Guatemalas (siehe Karte) unweit des pazifischen Hafens Champerico am Fuße der Kordilleren. Das 1200 Hektar große Gebiet umfaßt ein Truppenübungsgelände und einen Flugplatz, der notfalls auch Düsenmaschinen aufnehmen kann. Den Befehl über diesen Übungsplatz des Partisanenkrieges führen amerikanische Offiziere, die schon 1954 bewiesen, daß sie ihr Metier verstehen - als antikommunistische Rebellen das linksradikale Arbenz-Regime in Guatemala beseitigten.
Bereits damals hatte der Flugplatz des Kaffeekönigs Arzú seine strategische Bedeutung erwiesen: Auf ihm starteten die von US-Piloten gesteuerten Maschinen, deren Bomben die linksradikale Regierung Guatemalas zermürbten und einer US-freundlichen Regierung den Weg freisprengten.
Seit dem Machtantritt des linksradikalen Kuba-Diktators Castro wird Arzús Flug- und Truppenübungsplatz wieder ausgebaut. Gangster Hernández mußte denn auch bald erfahren, daß es seine US-Instrukteure mit der Schulung für den Partisanenkrieg auf Kuba ernst meinen. Ihr Drill wurde dem alten Glücksritter derart zuwider, daß er Weihnachten 1960 die geheime Festung der Castro-Gegner fluchtartig verließ. Aus Furcht vor seinen Verfolgern, die einen- Verrat des "Helvetia" -Geheimnisses befürchteten und den Flüchtling wieder fangen wollten, bat Hernández in der mexikanischen Botschaft von Guatemala City um Asyl.
Doch die Mexikaner wollten einen derart gefährlichen Gast nicht beherbergen und wiesen ihn zurück. Gleichwohl gelang es Hernández, aus Guatemala zu fliehen und das rettende Kuba zu erreichen. Bereitwillig nahmen Castros Geheimdienstler ihn auf und seine Geschichte zu Protokoll.
Während indes das amtliche Washington jede Hilfeleistung für die Anti-Castro-Emigranten abstritt, erfuhr auch der Mittelamerika-Korrespondent der "New York Times", Paul P. Kennedy, von dem Abenteuer des Guillermo Hernández Vega. Er verfolgte dessen Spuren und durchbrach sogar die ersten Postenketten des schwerbewachten Partisanenlagers.
"Am Eingang der Helvetia-Plantage", kabelte Kennedy seiner Heimatredaktion, "wird der Besucher durch eine bewaffnete Wache angehalten. Nach acht Kilometern stoppen ihn weitere Wachen, und hier sammeln sich schon Truppen und stapelt sich Munition in beträchtlicher Menge. Es gelang mir, nahezu drei Kilometer tief in die Berge vorzudringen, bis ich angehalten und zurückgeschickt wurde."
Korrespondent Kennedy konnte sich dennoch davon überzeugen, daß die USA praktisch die Vorbereitungen einer Kuba-Invasion durch kubanische Emigranten leiten. Sein Verdikt: "Die Vereinigten Staaten unterstützen diese Anstrengungen nicht nur mit Personal, sondern auch mit Material und durch den Bau von Erd- und Fluganlagen."
Der "Times"-Bericht alarmierte Amerika und vor allem die Uno. Die US -Diplomatie mußte den guatemaltekischen Präsidenten Ydigoras mit der Erklärung vorschicken, die Partisanenspiele auf der Plantage "Helvetia" dienten nur der Abwehr einer kubanischen Invasion.
Doch selbst das Washingtoner State Department wagte nicht, sich zu einer solch unglaubwürdigen Deutung zu bekennen. Seine einzige Reaktion: "No comment."
Kubanische Anti-Castro-Partisanen: Von US-Offizieren gedrillt

DER SPIEGEL 5/1961
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