01.02.1961

SAUERBRUCHDes Toten Tatenruhm

Im Kulm-Hotel von St. Moritz wurde dem Erholungsurlauber Jürgen Thorwald am Montagabend vergangener Woche ein Telegramm ausgehändigt. Die Droemersche Verlagsanstalt in München ließ ihren Autor wissen, was die Zeitungen anderntags in Schlagzeilen verkündeten: "Kein Stopp für Sauerbruch-Buch."
Die 16. Zivilkammer des Westberliner Landgerichts hatte wenige Stunden zuvor eine Klage abgewiesen, die auf ein Verbot des von Thorwald verfaßten und von der Droemerschen Verlagsanstalt veröffentlichten Buchs "Die Entlassung - Das Ende des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch" (SPIEGEL 47/1960) abzielte.
Urheber der Klage war die Familie Sauerbruch I - die geschiedene erste Frau des Chirurgen, Ada, und deren Kinder Friedrich: Sauerbruch (Arzt), Peter Sauerbruch (ehemals Generalstabsoffizier), Hans Sauerbruch (Maler) und Marilen Georgi. Die Angehörigen sahen in Thorwalds Bericht eine "entwürdigende Herabsetzung der Persönlichkeit des großen Chirurgen".
Freilich hat Thorwalds Buch nichts mit jenen Erbauungs-Kolportagen gemein, zu denen Biographien prominenter Zeitgenossen oftmals ausarten. Es enthüllt vielmehr, daß der gefeierte Operateur in den letzten Jahren vor seinem Tode (2. Juli 1951) an einer unheilbaren Gehirnsklerose litt, die ihn allmählich zu einer Gefahr für seine Patienten werden ließ. Der zunehmend der Selbstkontrolle beraubte Arzt verabsäumte beispielsweise, Magen und Darm eines operierten Kindes wieder zusammenzunähen, arbeitete zuweilen mit unsterilen Händen am Operationstisch und schnitt - kurz vor seinem Tode - einer Patientin, ohne sie zu narkotisieren, eine Krebsgeschwulst aus dem Hals.
Thorwald begnügte sich indes nicht damit, diese Begebenheiten, die nur einem kleinen Kreis von Ärzten und Angehörigen bekannt gewesen waren, getreulich 1/4abzuschildern. Er nahm den Fall Sauerbruch zum Anlaß, das "Problem des alternden Arztes" auszuleuchten und kritische Betrachtungen über die fragwürdige Standessolidarität der Ärzte anzustellen, die dazu führe, Kunstfehler - in den eigenen Reihen zu verharmlosen und "versagende Kollegen zu decken". Der Autor wollte sein Werk letztlich als Ansporn verstanden wissen - "zur Suche nach wirkungsvollen Methoden, wie eine Wiederholung solcher Vorgänge zu verhindern ist".
Die Kritiker honorierten die Bemühungen Thorwalds, doch die Sauerbruch-Angehörigen wähnten, Thorwalds Schilderung sei dem Ruf des "Titanen der Medizin" (so Thorwald selbst) abträglich. Thorwald hatte in ihren Augen ein "Zerrbild" des Chirurgie-Professors entworfen.
Wie sehr die Familie darauf bedacht war, der Nachwelt ein vollendet makelloses Bild vom Geheimrat Sauerbruch zu überliefern, hatte sich bereits vor der Veröffentlichung der Sauerbruch-Memoiren "Das war mein Leben" gezeigt, die 1952 im Münchner Kindler-Verlag erschienen.
Was damals geschah, beschrieb Thorwald ausführlich in seinem Buch: Im Auftrage des Kindler-Verlags war Autor Rudolf Berndorff damit beschäftigt, Erzählungen und Reminiszenzen des kranken Sauerbruch in Ich-Form als "Ghostwriter" (deutscher Fachjargon: "Neger") zu Papier zu bringen. Bei seinen Gesprächen mit Sauerbruch erfuhr Berndorff nicht selten von Vorkommnissen, die höchst unglaublich anmuten mußten.
Schon früher hatte Sauerbruch erzählt, er habe 1926 den General Ludendorff an der Schilddrüse operiert - und zwar auf ausdrücklichen Wunsch des Feldherrn ohne Narkose. Der General (so
verbreitete sich Sauerbruch nach überlieferten Berichten) habe nämlich durch Schmerzen dafür büßen wollen, daß ihn möglicherweise die Schilddrüsenkrankheit - zum Nachteil Deutschlands
während des Ersten Weltkriegs seiner vollen Leistungsfähigkeit beraubt habe. Nach seiner Gesundung sei der General dann in der Klinik erschienen, habe mit gezogenem Säbel die Herausgabe des Krankenblatts erzwungen und das ehrenwörtliche Versprechen erheischt, daß bis zu seinem Tode nichts über das Leiden verlautbart werde.
Thorwald berichtete, daß "an der Geschichte... kein wahres Wort ist und daß Sauerbruchs rege Phantasie aus der tatsächlichen, aber ganz und gar unkomplizierten Schilddrüsen-Operation an Ludendorff ... hochdramatische Ereignisse gemacht hat".
Der Kindler-Verlag gedachte damals ohnehin nicht, die Erzählungen des Geheimrats ungeprüft zu akzeptieren. Er ersuchte Sauerbruchs erste Frau, Ada, zuverlässiges biographisches Material beizusteuern. Reaktion: "heftigste Abwehr". Frau Ada ließ Autor Berndorff wissen, Sauerbruch erzähle vornehmlich Anekdoten, in denen er die Wirklichkeit bis zur Entstellung ausschmücke; das Unternehmen, ein Buch aus den Berichten Sauerbruchs zu erarbeiten, müsse
zwangsläufig auf eine Entwürdigung hinauslaufen. Die gesamte Familie und "alle wahren Freunde Sauerbruchs müßten und würden alles unternehmen, die geplante Veröffentlichung der Memoiren zu unterbinden" (Thorwald).
Dennoch schien sich eine Art Zusammenarbeit anzubahnen, nachdem der Frau Ada auf Anweisung Sauerbruchs 50 Prozent aller Vertrags-Einnahmen zugesichert worden waren, die des Arztes Memoiren erbringen würden. Doch Berndorff mußte später erleben, daß Frau Sauerbruch I gegen jede Manuskript-Passage protestierte, die ihrer erhabenen Vorstellung von der Figur eines großen Arztes zuwiderlief.
Beispielsweise bezeichnete sie als erfunden, daß Sauerbruch am 6. April 1904 nach seinem epochemachenden Vortrag auf dem Deutschen Chirurgen-Kongreß - er berichtete über die neue Unterdruckkammer für Lungen-Operationen - im Berliner Hotel "Bristol" vor Freude über seinen Erfolg aufs. Musiker-Podium geeilt sei und ein Potpourri aus Rossinis Oper "Wilhelm Teil" geblasen habe. Desgleichen bestritten die Angehörigen, daß Sauerbruch im Jahre 1909 vor seiner Berufung in die Schweiz im Züricher Hotel "Baur au Lac" sämtliche Champagner-Marken durchprobiert habe.
Erst als es Berndorff gelang, Zeugen der fröhlichen Sauerbruch-Taten aufzustöbern, wagte er, die Schilderung der beiden Begebenheiten in die Memoiren aufzunehmen. Später erhoben sowohl Sauerbruch-Sohn Peter als auch Schwiegersohn Dr. Georgi Einspruch gegen die Memoiren, so daß Verleger Kindler damit rechnete, "der richtige Krach" werde erst nach der Veröffentlichung einsetzen.
Wider Erwarten blieben dem Münchner Verleger jedoch weitere Schwierigkeiten erspart. Sauerbruchs Memoiren erwiesen sich als Bestseller. Das Buch brachte den Angehörigen des mittlerweile verstorbenen Arztes sechsstellige Tantiemen ein. Allein vom Garantiehonorar einer Ausgabe, die nach der regulären Kindler-Ausgabe im Bertelsmann-Lesering erschien, bekam Ada Sauerbruch 56 700 Mark.
Als im vergangenen Jahr Thorwalds Unterfangen ruchbar wurde, ebenfalls ein Buch über Sauerbruch zu schreiben, ließ die Familie Sauerbruch wiederum wissen, daß der Autor seitens der Familie und angesehener Persönlichkeiten der deutschen Chirurgie mit keinerlei. Unterstützung, sondern mit Abwehr rechnen müsse.
Daß Thorwald dann eine nach Illustrierten-Art hergerichtete Fassung seines Buches vorab in dem Münchner Bilderblatt "Quick" veröffentlichte, quittierten die Angehörigen mit indigniertern Schweigen. Erst als die Droemersche Verlagsanstalt in München
die Herausgabe der Buchfassung ankündigte, bemühten sie die Anwälte.
Sowohl die Familie Sauerbruch I als auch Sauerbruchs zweite Frau, Dr. Margot Sauerbruch, erhoben gegen das Erscheinen des Werkes Einspruch. In der Klageschrift argumentierten die
Anwälte, das Buch beeinträchtige die Persönlichkeitsrechte des verstorbenen Chirurgen wie auch seiner Angehörigen.
Diesen Ausführungen mochte die 16. Zivilkammer des Westberliner Landgerichts indes nicht folgen. Als durchschlagskräftiger erwiesen sich die Argumente des Droemer-Anwalts, der unter anderem darlegte, daß
- Sauerbruch eine Person der Zeitgeschichte und mithin eine Berichterstattung über sein Leben zulässig sei,
- Autor Thorwald keineswegs din
"Zerrbild" des Chirurgen gezeichnet, sondern dessen Pionierleistungen in der Medizin - eingehend gewürdigt habe,
- Thorwalds Buch nicht eine einzige Unrichtigkeit enthalte.
Daß zumindest der Dr. Margot Sauerbruch nach Lektüre des Buches Zweifel darüber gekommen waren, ob ein Prozeß noch sinnvoll sei, hatte sich bereits im Dezember herausgestellt: Die Witwe zog ihre Klage zurück. Den übrigen Klägern - der Familie Sauerbruch I ließ der Droemer-Verlag vorhalten, sie wollten den Rechtsstreit nur noch durchführen, "um ihr Gesicht nicht zu verlieren".
Kommentierte Schriftsteller Thorwald den Gerichtsentscheid in der vergangenen Woche: "Der Spruch zeugt von Weitblick." Der Entscheid habe verhindert, daß "noch weitere Schleier zerrissen worden wären".
Chirurg Sauerbruch, Gattin Margot
Zog Ludendorff den Säbel?
Ada Sauerbruch

DER SPIEGEL 6/1961
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