08.02.1961

BERLINER ILLUSTRIRTEDie Fahne hoch

Der auflagenstärkste Verleger des europäischen Kontinents, Axel Cäsar Springer aus Altona, hat in englischer Sprache ein illustriertes Berlin-Sonderheft herausgebracht, dessen 200 000 Exemplare unentgeltlich an "einflußreiche Amerikaner" verteilt wurden, um die US-Elite von der Notwendigkeit zu überzeugen, gegebenenfalls für Berlin zu sterben.*
Allerdings: In steifer Fraktur klingt im Kopf der hochherzigen Gratis-Gabe an, daß auch diese missionarische Tat nicht frei von nüchternen Verlagsüberlegungen ist: "Berliner Illustrirte" steht dort zu lesen.
Damit ist erstmalig der legendäre Titel eines Blattes wieder erschienen, das 1890 vom Berliner Verlagshaus Ullstein gegründet wurde und eine Auflage von fast drei Millionen erreichte, ehe es zusammen mit dem Dritten Reich unterging.
Zwar wurden im Nachkriegs-Hauptquartier der heimgekehrten Ullsteins immer wieder illustrierte Auferstehungspläne geschmiedet, aber ernsthafte Chancen, so teure Träume zu verwirklichen, bestehen erst, seit Westdeutschlands Zeitungs-Zar Springer 1960 die Majorität der Ullsteinschen Aktiengesellschaft übernahm.
Um diese Möglichkeit auf absehbare Zeit rechtlich offenzuhalten, war es nötig, irgendwann einmal den Titel "Berliner Illustrirte" zu benutzen, und sei es als Beschriftung für ein Muster ohne Wert. Denn der Bundesgerichtshof hat in einer Entscheidung von 1958 festgelegt, daß "ein Zeitschriftentitel in der Regel dann keinen Schutz mehr genießen (kann), wenn der Berechtigte seine Benutzung endgültig eingestellt hat".
Kokett knüpft daher das Springersche Berlin-Sonderheft an alle lose herumhängenden Fäden der ausgefransten "Berliner Illustrirte"-Tradition an: Abgesehen vom Titel ohne "e", trägt es den Vermerk "70. Jahrgang" und beginnt mit Seite 137, weil die letzte Ausgabe vor Hitlers Machtergreifung mit Seite 136 abschloß.
Ist also die Benutzung des für "einflußreiche Amerikaner" zungenbrecherischen Titels "Berliner Illustrirte" zumindest teilweise durch das legitime Streben der Verlagsjuristen erklärt, ein kostbares Titelrecht zu zementieren, so wäre es doch ein Irrtum anzunehmen, so geartete geschäftliche Motive hätten den Verleger Springer selbst bei der Herausgabe des 108 Seiten starken, anzeigenlosen Heftes bestimmt.
Als neudeutscher Glencheck-Barbarossa ist er wieder einmal aus dem Kyffhäuser seines Hamburger Pressehochhauses, wo er die Wiedererstehung des Reiches erträumt, hervorgekommen und zur Aktion geschritten.
Seit er beim Anblick des Brandenburger Tores im Mondlicht der Silvesternacht 1957 garantiert echte Tränen über das deutsche Teilungsschicksal geweint hat, ist offenbar, daß er - vielleicht später als andere, aber um so intensiver - unter der Spaltung der Nation leidet.
Das Tor an der Sektorengrenze hat für ihn symbolträchtige Bedeutung gewonnen: Er trägt es am Rockaufschlag. Und auch das Titelblatt seines Berliner Sonderheftes zeigt die Silhouette des Bauwerks; davor allerdings keinen weinenden Verleger, sondern den jungen Staatschef der Vereinigten Staaten, John F. Kennedy. Kanzler Adenauer und Bürgermeister Brandt müssen sich die Rückseite teilen, im Verhältnis 12:1.
Amerikas neuer Präsident, der sich letzte Woche in seiner ersten Ansprache an den Kongreß hütete, das Wort "Berlin" in den Mund zu nehmen, versichert den Lesern der "Berliner Illustrirten" in einer Sieben-Zeilen-Grußadresse, was sie schon seit einem Dutzend Jahren von manchem US-Präsidenten gehört haben: "Eine feste Haltung in Berlin und eine feste amerikanische Politik gegenüber Moskau sind zwei unumgängliche Voraussetzungen für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands."
Als die beiden derzeit "wichtigsten Leute Berlins" stellt das Sonderheft zwei amerikanische Soldaten der "Honor Guard" vor. Denn, so wird der Volksmund zitiert: "Der eine zieht das Sternenbanner morgens hoch, und der andere zieht es am Abend wieder herunter."
Das Bild, das auf den dann folgenden Seiten von Berlin entworfen wird, entspricht äußerlich bester-Springer-Qualität: appetitlich und leicht bekömmlich.
Keine Reportage über das Flüchtlingsdurchgangslager Marienfelde, aber ein Bildbericht über durchreisende Stars, von Rita Hayworth bis Martine Carol; kein Wort darüber, daß Berlin die Bundesrepublik im Jahr soviel kostet wie Frankreich der Algerienkrieg, aber dreißig Seiten über Film Mode, Theater und die schönen Künste:
- Ein freiheitsdurstiger Sachse aus
Chemnitz berichtet den Übersee -Lesern der, "Berliner Illustrirten" über seine Wochenendausflüge nach Berlin; "sechs Stunden hin und sechs Stunden zurück", um den "herrlichen Wahnsinn" des Sechstagerennens mitzuerleben.
- Eine verträumte Schönheit, die einem
Constanze-Modeheft entsprungen zu sein scheint (Pulli und Hose gelb Ton in Ton), hockt barfüßig im Herbstwald und versinnbildlicht die "wehmütige Erinnerung" an die nicht mehr zugängliche herrliche Umgebung".
- Ein Leierkastenmann ersetzt "Hör zu!"-Mecki und "Bild"-Lilli: Er schiebt seine fahrbare Musicbox durch sechs Farbphotos von einer Berliner Sehenswürdigkeit zur anderen, von denen jede einzelne heiter bedichtet ist. Etwa so:
Charlottens Schloß
mit seinem Engel oben sieht heute wieder o wie früher aus; in einem Punkt nur hat sich
was verschoben: Es dient nicht mehr als Einfamilienhaus!
Wo immer aber das Berlin-Sonderheft politisch wird, ist der gepflegte "Seid nett zueinander"-Geist des Verlags verflogen. Amerikas Exkommandant General Frank L. Howley gibt statt dessen die Jungvolk-Losung aus: "Hart sein!"
"Welt"-Kolumnist Sebastian Haffner verkündet: "Wer Berlin hat, hat Deutschland." Und wem Berlin gehört, darüber stellt der Schweizer Otto Frei ("Neue Zürcher Zeitung") eine verblüffende These auf: "Ostberlin gehört nicht den Russen."
Selbst bei der Beschreibung Berlins als "Geistiges Zentrum der Deutschen" werden die Springer-Autoren vom Kreuzzugsgeist hingerissen:
"Wer in Berlin den Chorsatz der Neunten Symphonie von Beethoven hört, hört ihn anders, als er anderswo gehört wird; er meint ihn wörtlich, als sei er geschrieben, um die übermächtige Sehnsucht der Deutschen nach Würde und Frieden auszudrücken. Er ist der Freiheitsschrei schlechthin."
Verantwortlich für das so gelungene Sonderheft, das in Amerika wohlwollenden Beifall fand, zeichnet der dreiunddreißigjährige Chefredakteur aus der Führerersatzreserve des Hauses Springer, Peter Boenisch.
Genau wie der in seiner neunköpfigen Redaktion mitarbeitende Exchefredakteur der amerikanischen "Neuen Zeitung" in Deutschland, Hans Wallenberg, stand Peter Boenisch der transatlantischen Mission verfügbar, weil er als Herausgeber einer in der Planung steckengebliebenen Zeitschrift in den z.b.V.-Status übergewechselt ist.
Wallenberg war ausersehen gewesen, für den Kölner Verlag DuMont Schauberg das nie erschienene Blatt "Horizont" herauszubringen; Peter Boenisch für Axel Springer das gleichfalls über Probedrucke nicht hinausgediehene "Capitol".
"Capitol", das in Zusammenarbeit mit je einem englischen, französischen und italienischen Verlag als mehrsprachige "europäische Illustrierte" erscheinen sollte, war bestimmt gewesen, auf dem Zeitschriftenmarkt - so die seinerzeit bereits angelaufene Inseraten-Werbung Axel Cäsar Springers - "den seit der Götterdämmerung der Cäsaren" geträumten Traum eines geeinigten Europas zu verwirklichen.
Für diese Aufgabe hatte sich Peter Boenisch durch eine journalistische Pionierleistung qualifiziert: Einst Referent beim NWDR-Generaldirektor Adolf Grimme und 1954 mit dem Bundesverdienstkreuz für Verdienste um die Jugend ("Kinderluftbrücke nach Berlin") ausgezeichnet war es ihm ab 1956 gelungen, dem Münchner Kindler-Verlag nicht minder geringe Verdienste an der Jugend zu bescheren. Boenisch mobilisierte als erster mittels einer von ihm konzipierten Illustrierten für Frühreife im Kleinformat - "Bravo" - eine Käuferschicht, die sich zuvor kaum für Gedrucktes interessiert hatte: Teenager und Halbstarke.
Mit solchen Meriten versehen, zog "Bravo"-Boenisch - nach einem Intermezzo als Chefredakteur der Kindler -Illustrierten "Revue" - 1959 als designierter "Capitol"-Chef in den Prominenten-Turm des Springerschen Verlags-Hochhauses zu Hamburg ein. Er galt als eine Art Zarewitsch des Zeitungs-Zaren Springer.
Vorübergehend schwächten zwar der
Zusammenbruch vom "Capitol", recht fruchtlose Vorbereitungen zur regelmäßigen Wiederherausgabe der "Berliner Illustrirten" und allerlei Intrigen neidischer Junker am Zarenhof die Stellung von Jung-Boenisch.
Mit dem niedlich-kämpferischen Berlin-Sonderheft der "Berliner Illustrirten" aber hat er die Gunst seines Verlegers zurückgewonnen; der "Sonderstab Boenisch" von Berlin wurde für neue Aufgaben verstärkt. Denn wenn auch Chefredakteur Boenisch am Ende der verwegenen Berlin-Thesen seiner Amerika-Postille redlich bescheiden bekennt, sie enthalte "die Meinung der 'Berliner Illustrirten', geschrieben für Menschen, die genauso denken" - Axel Springer ist einer von diesen Menschen.
Darüber hinaus hat Boenisch seinem Verleger Springer mit dem Berlin-Sonderheft zum rechten Termin einen persönlichen Dienst erwiesen.
Seit Axel Springer erkannte, daß sein politisches Sendungsbewußtsein zum Besten der Nation nur fruchtbar werden kann, wenn er Gelegenheit findet, den mächtigsten Männern der Welt auch auf den rechten Weg zu helfen, hat er sich um persönliche Audienzen im Kreml und im Weißen Haus bemüht.
Im Kreml mit Erfolg. Nach mehrwöchigem Antichambrieren in Moskau wurde er 1958 gemeinsam mit seinem Haus-Philosophen und "Welt"-Chef Hans ("im Bild") Zehrer von Nikita Chruschtschow empfangen.
Heimgekehrt, berichtete Springer seinen zahlreichen Freunden freudevoll: "Die russische Politik wird sich ändern." Das tat sie dann auch.
Dem amerikanischen Präsidenten Eisenhower dagegen war es in seiner achtjährigen Amtszeit nicht möglich, einen Termin mit dem deutschen Großverleger einzuplanen.
Das Versäumte will nun der Eisenhower-Nachfolger und Cover-boy der "Berliner Illustrirten" John F. Kennedy zum Teil noch in diesem Monat wiedergutmachen.
Während einer deutsch-amerikanischen Konferenz, auf der etwa 80 deutsche und amerikanische Mitglieder der Privat-Organisationen "Atlantik -Brücke" und "American Council on Germany" drei Tage lang die transatlantische Völkerverständigung vorantreiben wollen, ist am 17. Februar ein Massenempfang im Weißen Haus vorgesehen.
Einer der 42 deutschen Teilnehmer - darunter Carlo Schmid, Kurt Georg Kiesinger, Vizeadmiral Ruge und Otto Wolff v. Amerongen - ist Axel Springer, der auf seiner Reise diesmal von seinem politischen Leibgardisten Adam Vollhardt und dem Zehrer-Stellvertreter Ernst J. Cramer begleitet wird.
Hat sich auch der Cäsaren-Traum von einer Privataudienz beim US-Staatschef damit noch nicht erfüllt, so wird sich Axel Cäsar Springer doch aus der langen Reihe der Deutschen abheben, die Schlange stehen müssen, um Amerikas Präsidenten die Hand zu schütteln: durch das "Berlin-Sonderheft" der "Berliner Illustrirten". Bravo, Boenisch!
* In kleinerer Auflage erschien für bundesrepublikanische Prominenz eine deutsche Übersetzung des englischen Sonderhefts.
"Berliner Illustrirte" 1932, 1961
Geistiges Zentrum der Deutschen
Zeitungs-Cäsarewitsch Boenisch
Bravo

DER SPIEGEL 7/1961
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