08.02.1961

HAUS HESSENGroßherzog inkognito

Als der russische Gardeoberst. Lar Larski im Jahre 1916 seinem Freund, dem Flügeladjutanten des Zaren, Oberst Mordwinow, am Saimaa -See in Finnland begegnete, bemerkte er an Mordwinows Seite eine vermummte Gestalt, die als "durchreisende ausländische Hoheit" annonciert war, in der Lar aber sogleich den Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, einen Bruder der Zarin Alexandra Feodorowna, erkannte.
Wie die Begegnung am Saimaa-See dann weiter verlief, vertraute Oberst Lar im Jahre 1949 schriftlich dem Prinzen Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg an. Lar: "Als Mordwinow sah, daß ich den Großherzog erkannt hatte, bat er mich, es nicht merken zu lassen und darüber zu schweigen. Er teilte mir mit, daß der Bruder der Kaiserin, inkognito reise, und zwar unter dem Namen eines Prinzen Thurn und Taxis."
Ob der Großherzog von Hessen, ein regierender Bundesfürst des Deutschen Reiches, wirklich mitten im Weltkrieg das feindliche Rußland bereiste, anstatt es - als deutscher General der Infanterie - zu bekriegen, ist eine Frage, die nicht nur die Familien-Historiker des Hauses Hessen interessiert.
Ihre Beantwortung ist vielmehr für den Ausgang jenes Rechtsstreits relevant, der seit nunmehr vier Jahren als Alpdruck auf den drei Richtern der 24. Zivilkammer des Landgerichts Hamburg lastet und die Spalten diverser deutscher Familienpostillen füttert: der Monstreprozeß der Frau Anna Anderson, die gerichtlich bestätigt wissen möchte, daß sie die Großfürstin Anastasia von Rußland sei, die jüngste Tochter des Zaren Nikolaus II. und seiner Zarin Alexandra Feodorowna, einer geborenen Prinzessin Alix von Hessen und bei Rhein.
Das ältliche Zarenkind, das mehrere Jahre in deutschen Heilanstalten verbrachte und heute im Schwarzwald seiner erlauchten Vergangenheit nachdämmert, repetiert unverdrossen, es sei den Kugeln und Bajonetten der Rotarmisten entgangen, die den letzten Zaren samt Familie 1918 in Jekaterinburg exekutierten.
Der bettlägerigen Anderson war bereits 1925 die Bemerkung entschlüpft, sie habe ihren Onkel, den Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, 1916 am kaiserlichen Hof von Zarskoje Selo gesehen, eine Information, die Frau Andersons Glaubwürdigkeit schwer erschütterte: Wie sollte ein deutscher Fürst und General 1916 ins Hoflager eines feindlichen Landes gekommen sein?
Über diesen historischen Anachronismus entspann sich unlängst ein publizistisches Separatgefecht zwischen dem Anastasia-Anwalt Dr. Kurt Vermehren und dem Hamburger Ordinarius für Geschichte, Dr. Egmont Zechlin.
Der agile Geschichtsprofessor fand es unziemlich, daß zu Hamburg, seinem Domizil, über die großherzogliche Rußland-Reise ohne sein Zutun befunden werden sollte. Zechlin füllte eine Sonderseite in der Hamburger Wochenschrift "Die Zeit" mit tiefgründigen Anastasia-Weisheiten und bemühte sich, den Rußland-Trip des Darmstädter Landesvaters als Hirngespinst zu entlarven.
Da der Großherzog - er starb 1937 - die Reise stets abgeleugnet hatte, waren die Freunde der Frau Anderson auf den plausiblen Kommentar verfallen, der Großherzog habe leugnen müssen, um nicht in den Verdacht landesverräterischer Umtriebe zu kommen. Denn: War dieser Fürst, der als Gegner Kaiser Wilhelms galt, der nur selten Uniform anlegte und der sich mehrfach um einen vorzeitigen Friedensschluß mit Rußland bemühte, im Jahre 1916 tatsächlich am Zarenhof, konnte seine Mission nur einer Übereinkunft mit Rußland, wenn nicht gar einem Separatfrieden gegolten haben, der das heimatliche Hessen-Darmstadt vor den Widrigkeiten einer deutschen Niederlage bewahren sollte.
Diese These glaubte Zechlin mit dem Einwand zu entkräften, "daß erstens seine (des Großherzogs) Bemühungen um den Frieden gar nicht abzustreiten sind und daß vor allem... damals fast jedermann, der etwas in der Außenpolitik zu sagen hatte, um einen Sonderfrieden mit den Russen bemüht war".
Indes - der Professor hatte den vifen Anastasia-Anwalt Vermehren, der seit einem Vierteljahrhundert für seine Mandantin streitet, unterschätzt. Vermehren füllte gleichfalls eine Sonderseite in der "Zeit", in der er seine - inzwischen freilich verstorbenen - Zeugen für die Rußland-Reise paradieren ließ: außer dem Oberst Lar Larski -Zechlin: "Ein Schwindler" - vor allem den Kronprinzen Rupprecht von Bayern, der einmal beiläufig erwähnte, er wisse, daß ein deutscher Fürst im Krieg inkognito beim Zaren gewesen sei, um einen Frieden zu sondieren. Den Namen wollte Rupprecht nicht nennen. Dazu Vermehren: "Für eine Friedensmission nach Rußland kam von den deutschen Bundesfürsten nur der Bruder der Zarin, der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, in Frage."
Selbst die alte Kronprinzessin Cecilie von Preußen ließ sich über die Rußland -Reise des Hessen eidesstattlich vernehmen: Sie wisse von der Extratour. Als Quelle ihrer Kenntnis gab sie ihren Schwiegervater, den Kaiser Wilhelm II., an. Frohlockte Reise-Rechercheur Vermehren: "Deutsche Fürstlichkeiten von Rang waren also davon überzeugt, daß der Großherzog während des Kriegs nach Rußland gefahren ist." Und: "Diese Argumente für die Reise können nicht mit den Argumenten Professor Zechlins entkräftet werden."
Der professionelle Historiker Zechlin freilich mochte in dem publizistischen Rencontre gegen einen Amateur-Historiker nicht unterliegen: Er faßte den schreibgewandten Anastasia-Anwalt an der empfindlichsten Stelle seiner Reisestory, der Frage, zu welchem Datum der Großherzog im feindlichen Rußland geweilt haben soll.
In den Spalten der "Zeit" - zwischen drei Bildern trauernder Anastasias - hatte Vermehren sich unter anderem auf die Wochen zwischen dem 17. Februar und dem 9. April 1916 kapriziert, die der Fürst nach den Aufzeichnungen seines Flügeladjutanten, des Freiherrn von Massenbach, "im Felde bei Verdun" verbracht hat.
Vermehren: "Eine solange Frontfahrt des allem Soldatischen abgeneigten Großherzogs erschien auf den ersten Blick unwahrscheinlich." Argwöhnte der Anwalt: "Die Zeitspanne dieser 'Frontfahrt' ist so lang, daß währenddessen auch eine eilige Reise nach Rußland stattfinden konnte."
Mit dieser Deduktion jedoch hatte sich Vermehren eine von seinem Widersacher Zechlin sogleich erspähte Blöße gegeben. In einer weiteren Zuschrift an die "Zeit" zitierte der Professor Zeugnisse aus der fortlaufenden Korrespondenz - "zum Teil intimen Inhalts" - des Großherzogs als Indizien dafür, daß der friedfertige Landesvater seine Frontreise gleichwohl absolviert habe.
Daß Vermehren diese Beweise seinerseits als "Tarnung" abtat, veranlaßte Zechlin, die hochgestellten Zeugen des Anwalts von der Warte des Historikers aus summarisch zu disqualifizieren, obschon der Advokat über drei laufende Meter - Anastasia-Akten verfügt. Vermehrens Zeugengilde, triumphierte Zechlin, halte "einer kritischen Analyse mit den Methoden der historischen Forschung nicht stand". Konterte Vermehren: "Eine akademische, den Umständen geschichtlichen Lebens nicht entsprechende Dogmatik!"
Bei diesem Stand des Reise-Disputs erwuchs dem Anwalt unverhoffte Schützenhilfe von seiten eines Herrn von Groll. Dieser Zeuge wußte - gleichfalls in der "Zeit" - zu berichten, daß die 1921 erschienene Geschichte des 1. Großherzoglichen Leibgarde-Infanterieregiments Nr. 115 von einem Frontbesuch des Großherzogs keinerlei Notiz nehme.
Resümierte Groll: "Die Nichterwähnung großherzoglicher Besuche bei seinem Leibgarde-Regiment im Jahre 1916 dürfte doch als Beweis dafür angesehen werden, daß der Großherzog... nicht im Felde bei Verdun war." .
Angesichts solcher Beweise erbitterte die professorale Überheblichkeit Zechlins den Anastasia-Juristen schließlich derart, daß er seinen Kontrahenten mit dessen eigenen Waffen mattzusetzen suchte. Zechlin hatte in einer seiner "Zeit"-Geschichten die Vermutung geäußert, daß ein Amerikaner vom Christlichen Verein Junger Männer (CVJM), den die Zarin 1916 empfing, irrtümlich für den Großherzog gehalten worden sei.
Diese Spekulation dünkte den Anwalt mit den Grundsätzen der historischen Forschung, auf die ihn der Professor massiv verwiesen hatte, gleichfalls unvereinbar. Gereizt gab er zurück: "Daß der Großherzog von Hessen ein CVJM -Mann gewesen sein soll, zeugt von unhistorischem Einfallsreichtum."
Jurist Vermehren*
Ein deutscher Fürst ...
Hessischer Landesherr Ernst Ludwig
Nach Verdun oder nach Zarskoje Selo?
Historiker Zechlin
... reist nicht zum Feind
* Mit dem Zeugen Prinz von Sachsen-Altenburg (l.)

DER SPIEGEL 7/1961
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