15.02.1961

SANTA MARIASchiff-Bruch

Die Zeitungsseite war in blutiges Rot getaucht. Um das Bild eines Luxusdampfers waren die Schlagzeilen deutscher Boulevardblätter gruppiert. "Brandaktuell!" verhieß die Annonce im Kinobesitzer-Fachorgan "Film-Echo". "Schon in wenigen Wochen erlebt Ihr Publikum diese Weltsensation Nr. 1 auf der Leinwand."
Mit derartigen propagandistischen Fanfarenstößen verkündete 48 Stunden vor Galvvos Kapitulation im Hafen von Recife der Münchner Constantin Filmverleih den deutschen Lichtburgherren, daß er noch in diesem Monat die Dreharbeiten an einem Spielfilm
über "das verwegenste Abenteuer unserer Tage" zu starten gedenkt. Was bereits heute niemanden mehr interessiert, hält Constantin für "ein sicheres Geschäft". Titel: "Piraten auf der Santa Maria".
Eine ebenfalls in München ansässige Konkurrenzfirma, der Neue Filmverleih (NF), war offenbar der gleichen Ansicht. Obwohl das Piratenstück des Hauptmanns Galvao von namhaften Filmleuten als Kinostoff verworfen wurde (Regisseur Helmut Käutner: "Unwahrscheinlicher als jeder Film; daher kann man diese Geschichte auf realistische Weise dem Publikum nicht zumuten"), hatte sich der NF-Verleih den Titel "Santa Maria" bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden sperren lassen.
Er verkündete, daß er die Dampfer-Geschichte "noch Ende dieses Jahres" verfilmen wolle - was ihm prompt eine Rüge der biederen "Berliner Morgenpost" eintrug: "Das Unglück kann manchen Geschäftemachern nicht schnell genug gehen..."
Daß die NF-Leute freilich nicht schnell genug waren, bewies Constantin-Chef Waldfried Barthel. Mit seinem Produktionsbefehl "Noch Ende dieses Monats" schlug er die Konkurrenten.
Barthel heuerte ein eingespieltes Team an: den Produzenten Franz Seitz ("Die grünen Teufel von Monte Cassino"), den Regisseur Harald Reinl ("Der Herrgottsschnitzer von Ammergau"), den Drehbuchautor Joachim Bartsch ("Die Wahrheit über Rosemarie"). Bartsch: "Alles sportliche Leute."
Bartsch und Reinl hatten sich schon 1958 mit ihrem primitiven Helden-Opus "U 47 - Kapitänleutnant Prien" als Film-Schiffer versucht, waren jedoch bei der Kritik aufgelaufen und hatten auch beim Publikum keinen übermäßigen Anklang gefunden.
Seit Beginn dieses Monats pflügt Bartsch nun in Münchner Klausur die Wogen seiner Phantasie. Aus dem "ungeheuren Mischmasch" hofft er "das Charakterbild eines noblen Vasallen" destillieren zu können, "der schreitend am Rande der Hysterie, den Umsturz vorzubereiten hatte".
Bartsch: "Mich interessiert nicht die einfältige Sensation, sondern die vielfältige Natur dieses Mannes Galvao, der sicher mal geschworen hat: 'Ich halte zu dir!' und der nun benutzt wurde." Daneben will Bartsch "selbstverständlich das Durcheinander unter den Passagieren sichtbar machen, Negatives, aber auch Positives".
Als Typenkollektion offerierte ihm der Constantin Verleih die Darsteller Wolfgang Preiss, Mario Adorf, Joachim Fuchsberger, Horst Frank sowie die Damen Dawn Addams, Dany Robin und Agnes Laurent. Die Rolle des Piraten Galvao soll Klausjürgen Wussow ("Agatha, laß das Morden sein") spielen. Auf die Frage, ob die Firma denn schon einen Dampfer habe, verlautbarte der Verleih: "Wird noch besorgt!"
Tatsächlich ist vor wenigen Tagen ein Voraustrupp ans Mittelmeer gereist, um einen Dampfer von der Größe der "Santa Maria" für ein paar Drehtage zu chartern. Versicherte Constantin-Sprecher Weidner in der vergangenen Woche: "Der Drehbeginn 20. Februar wird eingehalten."
Golvao-Darsteller Wussow
Für Kinogänger zu phantastisch

DER SPIEGEL 8/1961
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