15.02.1961

VILLONKrummes Holz

Einem prominenten Unruhestifter aus der Zeit der Kunst- und Literatur-Revolution nach dem Ersten Weltkrieg, dem "Dadaisten" und surrealistischen Poeten Tristan Tzara, heute 64, gelang eine Entdeckung' die Literarhistoriker bereits diskutieren, obschon das von Tzara in Aussicht gestellte Werk 'noch nicht gedruckt ist. Es handelt sich um eine zweibändige kritische Studie über den mittelalterlichen Balladen-Dichter, Scholaren und Ganoven Francois Villon. Der erste Band soll unter dein Titel "Das Geheimnis des Francois Villon" nächstens bei dem Pariser Verleger Fasquelle erscheinen.
Francois Villon, der "arme Villon", wie er sich seines gehetzten Lebens und seiner ständigen Geldnöte wegen ironisch nannte, Ur- und Vorbild aller vagabundierenden Poeten von Rabelais bis Rimbaud und Genet, wurde nach den Angaben Tzaras 1429 - und nicht, wir bisher vermutet, 1431 - in Paris geboren. Er verschwand 35jährig aus Paris, nachdem er zum Tode durch den Strang verurteilt, aber zu zehnjähriger Verbannung begnadigt worden war. Was aus ihm wurde und wann er starb, ist unbekannt.
In Deutschland wurden die Balladen Villons einem breiteren Publikum durch Bertolt Brechts und Kurt Weills "Dreigroschenoper" vertraut - vor allem durch - den Skandal, den der Kritiker Alfred Kerr im Sommer 1929, ein Jahr nach der Berliner Uraufführung, auslöste. Der Autor Bert Brecht, so verriet Kerr damals, habe seine zum Teil nach dem Text der Balladen Villons formulierten Songs dieser Oper nicht alle selbst verfaßt, sondern sich einer seit zwanzig Jahren vergriffenen deutschen Übersetzung Villons bedient.
Brecht gab die Anleihe zu und entschuldigte sie mit seiner "grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums". In dem einer Villon-Neuausgabe vorangestellten Sonett wandte sich Brecht an die Leser:
Wo habt ihr Saures für drei Mark bekommen?
Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht.
Ich selber hab mir was herausgenommen.
Tristan Tzara entnahm den Balladen Villons, was weder Brecht noch andere Villon-Leser, Kenner und Biographen, darin vermutet hatten: einen geheimen Sinn nämlich, den der Dichter nach einem Schlüssel-System in seine Verse hineingelegt hatte. Tzara entdeckte in den beiden Hauptwerken Villons, dem "Kleinen Testament" und dem "Großen Testament", aber auch in den übrigen Gelegenheitsgedichten Villons mehr als 1600. Anagramme: Buchstabenkombinationen, die sich nach einem jeweils wechselnden, aber stets symmetrischen Schlüssel aus einzelnen Versen und Versteilen ergeben.
Aus den Schlüsselbuchstaben lassen sich Worte bilden, die ihrerseits den - bisher unvermuteten - Sinn oder Hintersinn einer Strophe oder Verszeile enthüllen. Diese verschlüsselten Worte sind zumeist Namen, die einen biographischen Zusammenhang erklären; aber auch Witze und - dem realistischen Temperament des Autors entsprechend - obszöne Anspielungen, die von den Eingeweihten, Klerikern, Studenten und Literaturkundigen, zu Lebzeiten Villons entschlüsselt und verstanden wurden.
Tzara: "Ich habe herausgefunden, daß viele Dichter solche Schlüssel-Systeme schon vor Villon angewendet haben, aber keiner von ihnen in dieser Fülle, mit dieser Leichtigkeit und Genialität wie Villon."
So findet sich zum Beispiel im ersten Teil des "Kleinen Testaments", wo Villon erklärt, daß er Abschied nehmen wolle, weil ihn seine Liebste verschmähte, ein verschlüsselter Hinweis auf die wahre Ursache: Sein Nebenbuhler Noel Jolis, so sagt Villon mit einem drastischen Wort des zeitgenössischen Bordell-Jargons, erfreue sich bei der Dame einer Gunst, die ihm selber versagt worden war.
Einige Strophen zuvor gibt Villon den Familiennamen der Geliebten und in einer anderen Zeile ihren Vornamen bekannt: Catherine (de) Vauselle.
Bei seinen Buchstaben-Verschlüsselungen wählte der Dichter in der Verszeile ein Zentrum, von dem aus die Verschlüsselung in beiden Richtungen galt. So ist zum Beispiel in der Zeile "Voyant Celle devant mes yeulx" ("Da ich sie vor Augen sah") das zweite "t" das Zentrum; die Verschlüsselung reicht von "t" nach links und rechts bis zum siebenten Buchstaben:
In der Zeile "Qui si durement m'a chassié" ("Die mich so hart von dannen trieb") ist das Zentrum der erste Buchstabe "a" und reicht von dort nach links und rechts wiederum bis zum siebenten Buchstaben:
Über die zufällige Entdeckung eben dieser Buchstaben - Catherine Vauselle - in anderen Versen war Tristan Tzara überhaupt darauf gekommen, Villons Verse nach Anagrammen abzusuchen.
Tzara: "Das von mir zuerst gefundene Anagramm befand sich in einer Strophe, die mir stets besonders interessant schien. Dort ist von einer gewissen Denise die Rede, die den Dichter Vilon wegen übler Nachrede verklagt haben soll":
Ihnen, Magister Jean Cotart,
Anwalt beim geistlichen Gericht,
schuld' Ich noch einen Heller bar -
so leicht entfällt mir sowas nicht -
von dem Prozeß mit der Denise,
die ich beleidigt haben sollte...
"In der Zeile", erläutert Tzara, "'von dem Prozeß mit der Denise' fand ich den Namen ,Catherine':
Denise war also Catherine. Und die Zeile, 'die ich beleidigt haben sollte', enthält die Ergänzung des Namens Catherine, nämlich ,Vauselle'."
Tzara über seine Entdeckungen: "Ich verstand dieses System jetzt, wandte seinen Schlüssel an und fand zwanzig weitere Anagramme. Ich war begeistert, und als ich dreißig Anagramme gefunden hatte, sagte ich mir: 'Das wird ein wunderbares kleines Buch ergeben'. Unglücklicherweise entdeckte ich, je tiefer ich in die Materie eindrang und je mehr ich die inneren Gesetze der Verschlüsselung begriff, daß die Zahl der Anagramme nicht nur beträchtlich groß, sondern uferlos war. Außerdem gab es ja nicht nur das System der Verschlüsselung, sondern das System der Beziehungen des Textes zu den Schlüsselworten."
Tzara: "Es scheint mir außerdem sicher zu sein, daß Villon seine Anagramm-Poesie verkaufte, und ich weiß jetzt sogar, wieviel er dafür bekam. Er verschlüsselte den Namen der Person, der sein Gedicht gewidmet war, zum Beispiel den Namen des Herzogs von Orleans oder Bourbon - und ich konnte außerdem ableiten, daß er für eine Ballade mit Anagramm sechs Goldtaler erhielt."
Solche Kryptogramme, Vexierspiele mit Buchstabenmagie, waren durchaus im Geschmack der Zeit, in der Villon lebte - einem blutigen Jahrhundert der Alchymie, der Hexen-Prozesse und Inquisition. Zumal in Frankreich herrschten chaotische Zustände. 1431 wurde in Rouen die Jungfrau von Orleans verbrannt; erst 1453 - ein Jahr, nachdem der 24jährige Student Villon an der Universität Paris den Grad eines Magisters der Künste erworben hatte - ging nach der Kapitulation von Bordeaux der Hundertjährige Krieg zwischen Engländern und Franzosen zu Ende.
Das Land war ausgeplündert und verarmt; in einem einzigen Jahr, 1438, starben ungefähr 50 000 Menschen an Seuchen. In der Umgebung von Paris zeigten sich Wölfe; Verbrecherbanden mit eigenen Sitten und eigener Gaunersprache zogen durchs Land; die königlichen Scharfrichter folterten die Missetäter, wenn sie ihrer habhaft werden konnten, grausam zu Tode.
In den Pariser Schenken, Bordellen und Badestuben drängten sich Studenten, Bürger, Adlige, Priester und Bettelmönche. Raufereien, Überfälle und Zusammenstöße mit der Polizei gehörten zum Alltag der Stadt. Das Lateinische Viertel, ein von lärmendem Betrieb erfülltes Gassengewirr, wo Papierhändler und Kopisten hausten und wo die Studenten der Sorbonne, auf Strohschütten hockend, den Vorlesungen der Professoren folgten, war schon damals ein eigenes, extravagantes Gemeinwesen innerhalb der Stadt, in dem der Profos, der oberste Polizei- und Kriminalrichter von Paris, nur begrenzte Macht besaß.
Tzara erklärt die kriminellen Neigungen Villons aus der Verwahrlosung der Sitten, die nach dem Ende des Hundertjährigen Kriegs zwischen Engländern und Franzosen alle Gesellschaftsklassen ergriffen hatte: "Man muß sich den jungen Villon, der eben die Universität verlassen hat, in unserer Epoche vorstellen; als einen jungen Mann, der in einem Milieu der Jugend verkehrt, wie wir es nach dem Ersten und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg kannten. Sogar die Söhne aus guten Familien sind in Diebstahls-Affären verwickelt gewesen, weil man viel, Geld ausgab und weil das Leben so hektisch schön war."
Für den bisher von den Biographen ausgesprochenen Verdacht, daß Villon Mitglied einer berüchtigten Verbrecher-Organisation, der "Coquillarts", gewesen sei, will Tzara bei seinen Forschungen keinen Beweis gefunden haben.
Als erwiesen gilt immerhin, daß ein Kumpan und Freund Villons aus dem Pariser klerikalen Studenten-Milieu, Regnier de Montigny, Mitglied dieser Verbrecherzunft gewesen ist; auch ein gewisser Colinde Cayeux, der zusammen mit Villon die Kasse der Theologischen Fakultät in Paris raubte und in der Unterwelt unter dem Spitznamen "Die Treppe" bekannt war, muß ein "Coquillart" gewesen sein. In seinen zum Teil bis heute nur schwer verständlichen Argot-Balladen, in denen sich Villon des zeitgenössischen Verbrecherjargons der "Coquillarts" bedient, spricht der Dichter Warnungen an die Zunftgenossen aus; er berichtet von dem Ende des Colinde Cayeux, der gehenkt, und des Regnier de Montigny, der wegen Kirchendiebstahls und Herstellung von Falschgeld in siedendes Wasser getaucht wurde.
Villon, der aus einfachen Verhältnissen stammte und ursprünglich Montcorbier ("Rabenberg") oder Des Loges ("Von den Lauben") geheißen haben soll - wobei nicht ausgeschlossen ist, daß es sich um Spott- oder Tarnnamen handelte -, wohnte um diese Zeit, nach dem Tode seines Vaters, bei Maître Guillaume de Villon, dem Kaplan der Kirche St. Benoît-le-Bétourné, einem Verwandten, der sich um seine Erziehung kümmerte und dessen Namen Villon angenommen hatte.
Die Kirche, die ihren Namen "Bétourné" - das heißt "falsch gerichtet" - dem Umstand verdankte, daß der Chor nicht nach Osten, sondern nach Westen gebaut war, befand sich in der Rue St. Jacques, nicht weit von der Sorbonne entfernt. Sie galt in einem Streit den der Pariser Klerus und die Sorbonne seit dem 14. Jahrhundert gegen die theologischen Ansprüche der Orden, insbesondere der Bettelmönche, führten, als eigenwilliges Zentrum des Widerstands gegen Rom und insofern als die national-klerikale Hochburg des neuerwachten königstreuen Patriotismus.
Villon teilte die Ansichten seines Pflegevaters und der Kleriker von St. Benoît-le-Bétourné; er hatte Zugang zu hohen Justiz- und Staatsbeamten, die in theologischen Angelegenheiten auf der Seite des Klerus und der Universität standen. Entsprechend sind überwiegend Mönche, Ordensgeistliche und päpstliche Würdenträger das Ziel der Villonschen Satiren gewesen; aber auch Parvenus der mächtig gewordenen Bourgeoisie, Geizkragen, Trunkenbolde und Heuchler - also gesellschaftliche Typen seiner Zeit, über die er sich nicht offen pamphletistisch, sondern mit Hilfe der "Antiphrase", der ironischen Behauptung des Gegenteils, lustig machte.
Diese Art von subtilem Spott, dessen hintergründige Pointen es zudem noch aufzuschlüsseln galt, verschaffte dem jungen Poeten Villon zwar Feinde, aber auch viele einflußreiche Beschützer, so zum Beispiel den Profos von Paris, Robert d'Estouteville, in dessen Haus Villon verkehrte und für den er ein Hochzeitsgedicht anfertigte.
Nach eigener Angabe hat Villon sein "Kleines Testament", das erste seiner überlieferten Werke, "gegen Weihnachten" 1456 geschrieben. Er wolle nach Angers, so gibt er an - "gezäumt zwischen den Zähnen, aber frei am Kragen"; womit offenbar gemeint ist, daß er sich zwar frei bewegen konnte, aber unter polizeilicher Aufsicht stand: Er hatte in Notwehr einen Priester umgebracht und sich, um sicherzugehen, auf zwei verschiedene Namen durch seine Gönner bei Hof und beim Gerichtshof, dem Parlement de Paris, Freibriefe verschafft.
Ebenfalls Weihnachten 1456 wurde in Paris die Kasse der Theologischen Fakultät der Sorbonne ausgeraubt - und zwar auf Anstiften Villons, der den Plan mit einigen Spießgesellen in der Taverne "La Mule" ausgeheckt hatte; bei dem Raub spielte er den Aufpasser.
Daraus schlossen die Biographen, daß Villon sich mit seiner Dichtung, dem "Kleinen Testament", nur ein Alibi habe verschaffen wollen. Sein im "Kleinen Testament" beklagter Liebeskummer, so hieß es, habe motivieren sollen, warum er Paris so plötzlich verließ. Das "Kleine Testament" - 320 Verse - wurde nach dieser Lesart in der Nacht nach dem Einbruch in einem Zuge zu Papier gebracht - "ein Meisterwerk der Schnelligkeit" (Tzara).
Die von Tzara entdeckten Verschlüsselungen, die den Dichter trotz seiner Kunstfertigkeit sehr viel Zeit und Mühe gekostet haben müssen, machen diese ohnehin fragwürdige These unhaltbar. Zudem wurde der Raub erst im März 1457 entdeckt, und einer der Komplicen Villons gab die Namen der Täter erst im April 1457 auf der Folterbank bekannt.
Die für eine List gehaltene Liebesklage Villons, so ergibt die Aufschlüsselung der Anagramme durch Tzara, ist offenbar echt, sie galt Catherine de Vauselle. Ihr Name ist überall im Text als Chiffre der wirklichen Gefühle des Dichters eingezeichnet.
Catherine de Vauselle war eine kokette Person aus vornehmer Familie, die gegenüber der heutigen Pariser "Ecole Polytechniquue" wohnte, Villon war ihr Nachbar. Er muß ihr sehr gram gewesen sein, weil, sie zwar mit ihm flirtete, ihn aber immer wieder zurückstieß: Der Dichter war kein Beuau, vielmehr - nach eigenen Angaben - dürr, häßlich und schwindsüchtig, offenbar auch von der Syphilis entstellt.
Villon revanchierte sich für die Launen der Catherine mit einem bösartigen Spott-Poem, das auch die Ursache des Streifs mit dem Priester - einem gewissen Philippe Sarmoye - war, wie der Villon-Entzifferer Tzara zum erstenmal klären könnte. Villon sollte einen Denkzettel erhalten, zu dem Catherine ihre Liebhaber, den Priester Sarmoye Noel Jolis und Ythier Marchant - einen politischen Abenteurer, der später einen Mordanschlag auf König Ludwig, XI. versucht haben soll - angestiftet hatte. Sie selbst - und nicht eine vom Dichter erwähnte "Dame Isabeau" - schäkerte mit Villon scheinheilig, auf einer Bank, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Der überfallene Villon warf dem Priester einen Stein mit solcher Wucht ins Gesicht, daß Sarmoye einige Tage später starb.
Die Namen aller Beteiligten 'wurden von Villon durch Decknamen ersetzt, so daß die wirklichen Zusammenhänge unbekannt blieben; sogar in seinen Gnadengesuchen hat Villon nach echter Ganoven-Moral die Decknamen - mit Ausnahme des Priesters Sarmoye, dessen Identität nicht zweifelhaft war - für echt ausgegeben.
Dem Villon-Forscher Tzara gelang es sogar, auch das Läster-Poem ausfindig zu machen, für das sich Catherine mit dem Überfall hatte revanchieren wollen. Es war deshalb schwer zu finden, weil Villon seine Autorschaft ebenfalls unter einem Decknamen - nämlich "Vaillant" - verbarg; seine Pointen und auch die Namen der Verulkten hatte Villon in den Text hineinchiffriert.
Dieses unter dem Titel "L'Embusché Vaillant" (etwa: "Der wachsame Drückeberger" - ein Wortspiel auf den Namen Vaillant) bekannte Gedicht war zwar überliefert, wurde aber von den Literarhistorikern bisher einem Vaillant zugeschrieben, der seit 1450 Balladen, Ringel- und. Schäfergedichte verfaßt haben und zum Dichterzirkel des Herzogs Charles von Orleans gehört haben soll.
Vaillant ist jedoch Villon, der sich 1457, als er bereits wegen des Kassenraubs gesucht wurde, in der Gegend von Orléans und auch am Hofe des, Herzogs in Blois aufhielt. Der Herzog, in adretter Reimeschmied, kannte das Pseudonym Vaillant und auch - nach Tzara - die Plackereien Villons mit der Pariser Justiz; aber er deckte ihn und gab ihm sogar in einem Ringelgedicht den Rat, sich vor dem "schlechten Blick" (der Denunzianten) zu hüten.
Der Herzog, der nach der Schlacht von Azincourt - damals wurde das gesamte Gebiet nördlich der Loire durch Sie Engländer besetzt - 25 Jahre in England gefangengehalten worden war, malt nach seiner Rückkehr als ein besonders toleranter, der Kunst und der Literatur ergebener Mann, der sich für
die Reputation seiner Musiker, Sänger und Poeten wenig interessierte: Gefängnisstrafen und Mesaventüren auf, der Folterbank hatten keinen entehrenden Charakter. Auch- andere, Fürsten, wie zum Beispiel der Herzog Jean von Bourbon, nahmen den vagabundierenden Poeten und Gelegenheits-Ganoven Villon ohne Umstände an ihrem Hofe auf.
Von seinen fürstlichen Gönnern, erhielt Villon Geld; er verkaufte seine Balladen, indem er sie mit einer verschlüsselten Widmung versah - das Widmungs-Anagramm Namen des Herzogs brachte ihm, wie Tzara herausfand, sechs Goldtaler ein, eine Summe, die etwa 300 bis 400 heutigen Neuen Franken entspricht.
Während seiner Wanderjahre nach der vorsorglichen Flucht aus Paris geriet Villon in die Hände des Bischofs von Orléans,, der den Dichter drei Monate im Gefängnis festhielt, dann aber wieder laufen ließ. Villon kehrte heimlich nach Paris zurück, in sein altes Milieu und zu seinen alten Vergnügungen. Als er - diesmal nur als Statist - in eine Schlägerei vor dem Hause des päpstlichen Notars Magister Ferrebouc verwickelt wurde, erkannte ihn Ferrebouc und ließ ihn festnehmen.
Des Dichters einstiger Beschützer, der Pariser Polizeichef Robert d'Estouteville, war inzwischen von Ludwig XI. abgesetzt worden; daher erreichte Magister Ferrebouc leicht, daß Villon gefoltert und zum Tode durch den Strang verurteilt wurde. Villon legte Berufung ein, die wider Erwarten Erfolg hatte. Drei Tage nach seiner Begnadigung durch den Gerichtshof von Paris verschwand Villon 1463 endgültig aus der "Gerichtsbarkeit der Vicomteschaft Paris" - mit der Auflage, sich dort zehn Jahre nicht blicken zu lassen, bei Gefahr, andernfalls sofort vom Leben zum Tode befördert zu werden. Seitdem fehlt von Villon jede Spur.
Die Literarhistoriker waren sich meist darüber einig, daß mit Villon die konventionelle höfische Poesie des Mittelalters recht brüsk zu Ende ging, wenn auch die Themen des Dichters, Liebe, Wollust, Armut und Tod, noch durchaus dem Geschmack der Zeit entsprechen. Villon gilt wegen der Sicherheit des Ausdrucks und wegen der realistischen Drastik eher als der erste moderne französische Dichter. Boileau, der Gesetzgeber der französischen Poesie im Zeitalter Ludwig XIV., ließ sogar die französische Literatur überhaupt mit Villon beginnen.
Indes klagte noch Ende des vorigen Jahrhunderts ein verdienter Villon-Forscher, der Kritiker Marcel Schwob, daß er nach jahrzehntelangem Studium in den Bibliotheken und Archiven von Villon nicht viel mehr kenne "als den kleinen Finger seiner Hand". Das biographische Dunkel um den "verruchten Poeten" Villon reizte die Einbildungskraft flotter Legendenwirker, die aus dem Dichter eine mitleiderregende Sündergestalt oder einen genialisch-verworfenen Zuhälter machten, je nach der gossenromantischen oder moralisierenden Optik des Betrachters.
Den Villon der Legende, so rühmt, sich sein Entzifferer Tristan Tzara, habe er endgültig sterben lassen, heimlich und ohne Skandal - denn "seit ,Dada' ist die Straße des Skandals für den Verkehr gesperrt". Villon sei zwar ein "ziemlich krummes Holz" gewesen, räumt Tzara ein. Dennoch solle er den Studenten der Romanistik, nach der Empfehlung Tzaras, in Zukunft eher als "ein empfindsamer, verschlossener Mensch" vorgestellt werden, "dessen Leben eine Folge von Niederlagen war, die er in seinem Inneren in Siege zu verwandeln wußte".
Poet Villon (Zeichnung von Rulmann, 1533)
In drastischen Versen...
Villon-Illustration (Erstausgabe, 1489)
... ein verschlüsselter Sinn
Villon-Mäzen Charles d'Orléans
Die Straße der Skandale...
Villon-Entzifferer Tzara
... für den Verkehr gesperrt

DER SPIEGEL 8/1961
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