22.02.1961

RESERVISTENSpiel nach Feierabend

Reserve hat Ruh' - so heißt nicht nur der immergrüne Gassenhauer freigelassener Friedenskrieger, so schreibt es auch das Wehrpflichtgesetz vor, nach dem einjährig gediente Pflichtsoldaten der Bundeswehr erst nach zwei Jahren Ruhe zur ersten Reserveübung in die Kaserne zurückgeholt werden dürfen.
Aber eine Handvoll Bundeswehr -Reservisten - vornehmlich Offizierschargen aus Hitlers Zeit und Jungakademiker mit Leutnants-Ehrgeiz-mochte nicht rasten. Diese Reserve-Aktivisten drängte es, "das Gemeinschaftsgefühl zu erhalten" und zu verhüten, "daß die großen Opfer, die das deutsche Volk für die Wehrpflicht bringt, sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden".
Mit derlei Motiven wünscht heute jedenfalls der Hamelner Bürgermeister Dr. Ganser, Hauptmann der Reserve und Repräsentant der aktiven Reservisten, den Umstand zu erklären, daß rund zwei Dutzend Bundessoldaten im Beurlaubtenstand vor Jahr und Tag das Bedürfnis verspürten, einen neuen Verein zu gründen: den "Verband der Reservisten der deutschen Bundeswehr e. V.".
Bundesverteidigungsminister Strauß - sagt Ganser - sei durch diese "spontane Entwicklung" überrascht worden. Aber die Anschriftenliste, anhand derer der Reserve-Oberfeldwebel Lobitz, Angestellter des Bundeswehrdepots in Hangelar bei Bonn, die Einladungen zum Gründungszeremoniell am 22. Januar des vergangenen Jahres verschickte, stammte aus dem Verteidigungsministerium.
Der Generalstabsmajor Friedrich, Referent für "Wehraufklärung" im Bundeswehr-Führungsstab, verhieß den Verbandsgründern sogar eine "angemessene Starthilfe". Und Bundeswehr -Oberbefehlshaber Strauß verfügte alsbald per Erlaß an die Befehlshaber und Kommandeure:
- "Gründung, Arbeit und Ziele des Verbandes werden positiv beurteilt. Sein Wirken kann zur Stärkung der Wehrbereitschaft in der Öffentlichkeit erheblich beitragen. Eine Unterstützung liegt daher im Interesse der Bundeswehr."
Dieses amtliche Wohlwollen hat unterschiedliche Gründe; einer von ihnen wird in Straußens Erlaß mit dem Satz umschrieben: "Er (der Verband) setzt sich ... für die Weiterbildung und Förderung der Reservisten in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr ein."
Tatsächlich wollen sich die Verbandsplaner bei ihrer "vornehmsten Aufgabe, den Wehrgedanken und die Wehrbereitschaft zu pflegen und zu fördern", keineswegs damit bescheiden, das Verbandsvolk unabhängig von der Schonfrist, die das Wehrpflichtgesetz garantiert, zu freiwilligen Wehrübungen anzuhalten. Vielmehr soll die Kriegstüchtigkeit der organisierten Reservisten auch in zivilen Zeiten außerhalb der Kasernenmauern durch Verbandsausbilder frisch erhalten werden, an berufsfreien Abenden und übers Wochenende nach vertrautem Wehrertüchtigungs-Schema von SA und Jungstahlhelm - Ostern, Pfingsten, Weihnachten und Bußtag bleiben dienstfrei.
Die Ausbildungspläne sind schon perfekt, differenziert nach Dienstgraden und Wehrmachtsteilen.
Reserve-Mannschaften und -Unteroffiziere aller Wehrmachtsteile lernen zum Beispiel, was "der Reservist an seinem Arbeitsplatz zur Stärkung der Wehrbereitschaft im Volke tun" kann und wie die "Familienangehörigen im Hinblick auf den zivilen Bevölkerungsschutz schon jetzt mitarbeiten" können; die Schießausbildung dieser niederen Rangklassen regeln die lokalen Stäbe der Territorialen Verteidigung (Miliz).
Die Reserve-Offiziere des Heeres spielen derweil auf der Plankarte "Angriff aus der Bewegung", "Angriff aus der Bereitstellung" und "Verteidigung", wohingegen die Reserve-Offiziere der Territorialen Verteidigung lediglich "Verteidigung", "Verzögerung" und "Hinhaltenden Kampf" planexerzieren.
Bei weitem interessanter aber noch als diese taktische Nachhilfe durch den Reservistenverband scheint für Verteidigungsminister Strauß die propagandistische Schützenhilfe zu sein, die der Verband der Bonner Militärpolitik ohne jederlei Vorbehalt angedeihen läßt.
Schon beim Deutschen Bundeswehr -Verband - der Interessenvertretung aktiver Soldaten - hatte sich die alte Erfahrung bestätigt, daß gewerkschaftspolitische Programmatik durch staatliche Subsidien noch immer gemildert wird. Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Reserve-Hauptmann Berkhan: "Die sind doch heute nur eine Hausmacht ton Strauß." Auch die Hoffnung mancher Mitglieder des Aktivsoldaten -Verbandes, ihr Vorsitzender Molinari werde, sobald, er zum Obristen befördert sei, eine härtere Verbandspolitik betreiben, blieb unerfüllt.
Für den neuen Reservistenverband stellte Wehrparlamentarier Berkhan die gleiche Prognose: "Noch eine Hausmacht für Franz-Josef."
In der Tat, eine Kreditspritze, die der Aktivistenverband den Kameraden von der Reserve bereitwillig verabfolgte, unterstrich die Gleichartigkeit der beiden amtlich begünstigten Kriegervereine. Außerdem versäumt das Verbandsblättchen "Die Reserve" keine Gelegenheit, des Bundesmarschalls dankbar zu gedenken. Von der Auflage dieses Blattes: 40 900 - hat Franz-Josef Strauß 90 Prozent abonniert.
Und überdies fühlen sich der Verteidigungsminister und die Majorität des geschäftsführenden Reservistenvorstandes nicht nur in der Hingabe an das ewige Soldatentum, sondern auch parteipolitisch verbunden: Zwei Vorsitzer -Stellvertreter sowie ein Gesellschafter und der Drucker des Verbandsorgans sind eingeschriebene Christdemokraten.
FDP-Bundestagsabgeordneter und Reserve-Major Döring zog das Fazit der bisherigen Verbandsarbeit: "Von der ganzen Pläneschmiederei ist vorerst nur eins realisiert: die Versorgung der Reservisten im Wahljahr mit Propagandabroschüren."
Die Reservistenführer wollen sich mit solchen Teilerfolgen - seien sie in diesem Jahr staatspolitisch auch noch so wertvoll - allerdings nicht begnügen. Die parlamentarisch ungeübten Verbandssoldaten entschlossen sich, von Schirmherr Strauß sanft gedrängt, bis zum Sommer 1961 erstmals die Generalversammlung einzuberufen, damit der Vorstand - mehr als ein Jahr nach der Gründung des Verbandes - satzungsgemäß gewählt werden kann.
Der provisorische Verbandspräsident, FAZ-Militär Adelbert ("Little") Weinstein, soll durch den regulären Wahlakt bestätigt werden. Dies, obgleich ihn seine journalistische Schlachtenbummlerei über die Kriegsschauplätze der Welt bisher von jedweder Verbandsarbeit ferngehalten hat: Strauß wünscht Weinstein auf dem ersten Verbandsplatz. Die übrigen Vorstandssitze aber sind zur Wahl freigegeben worden.
Von dieser demokratischen Anstrengung versprechen sich die Verbandsmanager und ihre Förderer in der Bonner Ermekeilkaserne endlich jenen Mitgliederzulauf, der die Kosten lohnen soll.
Die Zahl der Bundeswehr-Reservisten heute: 158 000. Die Ist-Stärke des Reservistenverbandes: "beinahe 3000" schätzen die Verbandsführer, denen die Vorgänge ganz unten natürlich nicht bis ins letzte Glied bekannt sind".
Reservisten-Präsident Weinstein
Noch eine Hausmacht für Franz-Josef

DER SPIEGEL 9/1961
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