01.03.1961

DÜRRENMATT

Justiz-Krise

FILM

Der Wegweiser, der auf der Leinwand erscheint, zeigt nach Oxford und nach Moskau. Zwei Männer drücken sich die Hand und gehen auseinander - der eine trägt die Bibel unterm Arm, der andere Marxens "Kapital". Ein Sprecher erläutert: "Zwei Freunde beschlossen, die Welt zu verändern. Der eine durch das Gesetz Mosis, der andere durch die Weltrevolution."

Mit dieser durchaus verständlichen Szene soll ein schweizerisches Lichtspiel beginnen, das im weiteren Verlauf erheblich größere Anforderungen an das Schaltvermögen des Publikums stellt und den Westberliner "Abend" zu der Frage drängte: "Wie sollen Kinogänger begreifen, was nicht mal allen Theaterkritikern aufging?"

Denn der Film, der gegenwärtig in Berlin und Zürich gedreht wird, basiert auf einem "bewußt und lustvoll konfusen Stück" (so der Kritiker Friedrich Luft): auf dem Bühnenspiel "Die Ehe des Herrn Mississippi" von Friedrich Dürrenmatt (SPIEGEL 28/1959).

Zum ersten Male unternimmt ein Filmhersteller, der Zürcher Praesens-Produzent Lazar Wechsler, den Versuch, ein Theaterstück des eidgenössischen Dramatikers zu verfilmen. Zwar sind schon einige Dürrenmatt-Spiele ("Der Besuch der alten Dame", "Abendstunde im Spätherbst", "Die Panne") für das Fernsehen hergerichtet worden, doch in den Kinos war bislang nur ein eigens verfertigtes Originalwerk zu sehen, der Kriminalreißer "Es geschah am hellichten Tag".

Obwohl dieser Film (Hauptrolle: Heinz Rühmann) von den Kritikern ausgiebig mit Lob bedacht worden war, empfand Dürrenmatt später keine rechte Genugtuung. Für das endgültige Drehbuch fühle ich mich nicht so verantwortlich. In meinem Roman - "er schrieb ihn, als der Film längst in den Kinos lief - "kam ich zu einem ganz anderen Resultat."

Film-Story und Roman (Titel: "Das Versprechen") unterscheiden sich gründlich. Während Dürrenmatt die Filmhandlung so ausgelegt hat, daß der Held ein Sexualmörder - in die Falle des Kriminalisten stolpert, läßt er den Sittenstrolch im Roman einfach sterben. Der Kriminalist des Romans müht sich vergebens, den (längst toten) Unhold zu fangen, und verfällt dem Stumpfsinn. Immerhin offenbarte das Sexualmörder-Opus einen Grundzug Dürrenmattschen Schaffens: Der Schriftsteller betrachtet seine Arbeit an einem Thema praktisch niemals als beendet. Unter dem Zwang neuer Einfälle werkelt er unentwegt an seinen Stücken herum. Allein "Die Ehe des Herrn Mississippi" schrieb er so oft um, daß heute sechs Arbeits- und drei Bühnenfassungen des Stückes existieren.

Schon die erste Bühnenfassung, die 1952 in den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Hans Schweikart uraufgeführt wurde, gab dem Publikum Rätsel auf. Einer der Rezensenten gestand damals: "In der Pause hoffte man" in der zweiten Hälfte des Stückes zu erfahren, worauf der Dichter hinaus will. In der zweiten Hälfte versuchte

man vergeblich, den roten Faden zu erhaschen. Glaubte man ihn zu haben, war er schon wieder verloren."

Das von Dürrenmatt selbst als "stilisierte Komödie mit mehreren Leichen" klassifizierte Stück beginnt (in der Urfassung) mit der Liquidierung des kommunistischen Agenten Saint-Claude, der allerdings nicht bühnentot umfällt, sondern sich dem Publikum zuwendet und plaudernd seine Hinrichtung kommentiert: "Aus dem untrüglichen Instinkt, daß sie nur jene zu fürchten hat, die den Kommunismus ernst nehmen, wird die Partei ... mich töten."

Saint-Claude führt sodann die übrigen Personen der Handlung ein. Es sind Figuren, die sich einer Idee oder einem Prinzip verschrieben haben:

- der Staatsanwalt Mississippi, ein Sittlichkeitsfanatiker, der - wie der Weltrevolutionär Saint-Claude - einst im Bordellbetrieb arbeitete und nun: sogar alttestamentliche Gesetze wiedereinführen möchte ("Auge um Auge, Zahn um Zahn"); - der Realpolitiker Diego ("Ideale sind schön und gut, aber ich habe ohne sie auszukommen, wenn ich nicht gerade eine Rede halte");

- der blaublütige Mediziner Bodo von Übelohe-Zabernsee, der von einer allumfassenden Liebe besessen ist ("Mein Auftritt ist lächerlich, unzeitgemäß");

- die Gattenmörderin Anastasia, ein prinzipiell amoralisches Weib, von dem Saint-Claude sagt: "Diese Hure Babylons".

Nach einer Prozedur, die Dürrenmatt als "Dialektik mit Personen" umschreibt, setzte der Dichter diese Figuren als "Motive" ein: Er entwickelte eine Person Jeweils aus der anderen. Dürrenmatt gesteht, er habe das Stück "ins Blaue hinein" verfaßt: "Ich wußte nicht, wohin ich zielte. Ich schrieb mich immer wieder in Gegenden hinein, die immer neue Pläne notwendig machten."

Das Resultat dieser Bemühungen bot sich dem Zuschauer als kunstvolles Bühnen-Chaos dar, in dem die Helden Revolution machten, einander betrogen und schließlich vergifteten. Die Kritiker sahen in dem Werk ein mit außerordentlich dramatischem Geschick inszeniertes groteskes Welttheater.

Für die filmische Aufbereitung schien die "dämonische Revue" ("Neue Zeitung") kaum geeignet. Daß sich die Praesens-Gesellschaft dennoch daranmachte, das Stück zu verfilmen, geht auf eine Zwangssituation zurück, in die der Zürcher Filmhersteller Lazar Wechsler ("Heidi") unversehens geraten war.

Nachdem der Dürrenmatt-Film "Es geschah am hellichten Tag" sich (1958) als ein Erfolgswerk entpuppt hatte, gelüstete es den Produzenten Wechsler nach weiterer Zusammenarbeit mit dem Dramatiker. In der Zuversicht, von

Dürrenmatt ein zugkräftiges Film-Skript zu erhalten, verpflichtete er den deutschen Lustspielregisseur Kurt Hoffmann ("Das Spukschloß im Spessart") und heuerte zu Beginn vergangenen Jahres auch ein respektables Ensemble an: O. E. Hasse, Johanna von Koczian, Martin Held, Charles Regnier, Hansjörg Felmy.

Dürrenmatt schlug dem Produzenten zunächst zwei Filmstoffe vor, erklärte sich aber sogleich außerstande, sie weiter auszuspinnen. Für ein drittes Sujet mit dem Titel "Justiz" sah der Dichter keine Schwierigkeiten voraus, so daß Produzent Wechsler bereits den Münchner Regisseur und Dürrenmatt-Freund Hans Schweikart als Drehbuch-Autor engagierte.

"Ich war überzeugt, daß ich die Justiz-Novelle ganz schnell schreiben würde", erzählt Dürrenmatt. Indes: "Die Novelle wurde länger und länger, sie wurde viel zu lang, eignete sich gar nicht mehr für eine Verfilmung, und ich mußte ganz einfach auch wieder einmal unterbrechen."

Diese schöpferische Pause des "literarischen Raketenfabrikanten" (wie sich

Dürrenmatt selbst nennt), drohte den Filmproduzenten Wechsler einem finanziellen Dilemma zuzutreiben: Die unter Vertrag genommenen deutschen Stars beriefen sich auf die Vereinbarung, daß der Film im Januar 1961 gedreht werden sollte, und drohten, die Gagen notfalls auch für unverrichtete Arbeit zu fordern.

Da gebar Dürrenmatt - es war schon im Oktober, und der Drehtermin rückte bedrohlich näher- eine Idee, auf die alle Beteiligten eingingen: "Machen wir den ,Mississippi', schreiben wir ihn für den Film um. Die Besetzung ist ideal."

Offensichtlich war, daß die Bühnenfassung des Stückes geändert werden mußte - einmal, um den Formgesetzen

des Films zu entsprechen, zum anderen, um die komplexe Handlung, die zu verstehen schon Theaterbesuchern Mühe machte, für die Kinogeher zu vereinfachen. Bei der Bearbeitung verfiel Dürrenmatt in eine charakteristische Gewohnheit: "Ich vergaß das Stück und schrieb es zu neunzig Prozent um."

Der Autor verlegte den Schauplatz der Handlung aus einem Zimmer in eine synthetische "Europa-City", ersetzte die in das Theaterstück eingebaute Rückblende durch chronologischen Ablauf, kappte die Monologe, verstärkte "ganz besonders alle politischen und komödiantischen Elemente" und verminderte die Zahl der Leichen.

Dürrenmatt: "Gerade die gemeinsame Vergifterei wirkt im Theater besonders komisch. Doch im Film, glaube ich, sind Leichen weit weniger lustig."

Dürrenmatt-Film "Die Ehe des Herrn Mississippi"*: Dämonische Revue

Film-Autor Dürrenmatt

Sind Leichen lustig?

*Johanna von Koczian, Martin Held.


DER SPIEGEL 10/1961
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