22.02.1961

LUMUMBA

Erschlagen im Busch

KONGO

Dreihundertvierundachtzig Tage lang

hielt Patrice Lumumba die Welt in Atem. Davon durfte er nur ganze 68 Tage mit den Instrumenten politischer Macht hantieren. Die Zerstückelung des begabten, unberechenbaren Demagogen beraubt den Kongo seines politischen Kopfes, besiegelt den Bankrott der von Dag Hammarskjöld repräsentierten Kongo-Politik des Westens und installierte die erste weltbekannte Märtyrer -Figur für Afrika.

Die grausame Ermordung beginnt an den Rockschößen jener zu hängen, die sie gewollt, und jener anderen, die ihr, wie Dag Hammarskjöld, untätig zugesehen haben. Weiße und Farbige erlebten auch den Mord an Lumumba mit zweierlei Maß; bei den Farbigen rief er jene Gefühlsstürme hervor, die im Westen der Hinrichtung des Ungarn Imre Nagy gefolgt waren. Damals wie heute wird das vergossene Blut nicht gewogen, das an den Handlungen des ermordeten Heros klebt. Freilich haben weder

Nagy noch Lumumba ihre politischen Widersacher umgebracht.

In das namenlose Grab des zerprügelten Märtyrers, dem der belgische Militärarzt Dr. Peeters, zur Zeit in Diensten Katangas, am 12. Februar den offiziellen Totenschein ausstellte (Todesursache: "Erschlagen im Busch"), drohen nicht nur die ehemaligen Herren des Kongo zu stürzen, sondern, von den Sowjets gedrängt und gestoßen, auch die gegenwärtige Organisation der Vereinten Nationen und ihr Generalsekretär Dag Hammarskjöld: weil Lumumba starb, muß Hammarskjöld fallen, fällt Hammarskjöld, soll ein Neutraler Generalsekretär werden.

Lumumbas politische Karriere begann und endete im Gefängnis der Katanga -Stadt Jadotville. Von dort aus verfrachteten die Belgier am 25. Januar 1960 den Aufrührer gegen ihr Kolonialregime im Flugzeug an den Brüsseler Konferenztisch, damit er bei den Verhandlungen über die Kongo-Unabhängigkeit den eigensinnigen Kasavubu ausmanövrieren konnte, der von einem Separat-Königreich träumte.

Nach Jadotville ließ Kongo-Präsident Kasavubu ein Jahr später seinen gefangenen Gegenspieler transportieren und damit seinem ärgsten Feind, dem Katanga-Separatisten Tshombé, ans Messer liefern, als Uno-Generalsekretär Hammarskjöld und die Kennedy-Regierung neues Interesse an dem gestürzten Lumumba bekundeten, weil die Macht seiner Anhänger bedrohlich wuchs.

Den Lufttransport des Gefangenen besorgte ein amerikanischer Pilot in Kasavubus Diensten. Seine Ankunft auf dem Flughafen der Katanga-Hauptstadt Elisabethville überwachten zwei belgische Beamte der katangesischen Geheimpolizei. Und schwedische Uno-Soldaten sahen zu, wie Lumumba und seine Mitgefangenen vor den Augen des katangesischen Innenministers Godefroid Munongo, von schwarzen und weißen Polizisten grausam mißhandelt wurden.

Munongo, vom Gerichtsschreiber zum Minister avancierter Funktionär der mit belgischen Geldern finanzierten Conakat-Partei, hatte sechs Monate zuvor dem Premier die Landung auf demselben Flugplatz verweigert, auf dem Lumumba am 18. Januar fast zu Tode geprügelt wurde.

Lumumba saß damals mit Präsident

Kasavubu in einler Kanzel. Per Funk sprach Munongo selbst den Präsidenten an: "Sie persönlich sind uns jederzeit willkommen, solange Sie aber dies Individuum Lumumba bei sich haben, dürfen Sie nicht landen." Die Sezession Katangas war der Sündenfall, den die Uno nicht hätte hinnehmen dürfen, wenn sie überhaupt Wert darauf legte, in Zentral -Afrika irgendeine Ordnung aufrechtzuerhalten oder neu zu begründen.

Am Montag vergangener Woche bestätigte Munongo auf einer Pressekonferenz in Elisabethville jene Gerüchte, die bereits mehrere Tage zuvor an der Brüsseler Börse kolportiert wurden: Patrice Lumumba war tot. Und Uno -Beauftragter Dajal kondolierte in Leopoldville der klagenden Witwe.

Jene Bürger Katangas (die Lumumba töteten)", referierte Minister Munongo, "haben vielleicht etwas voreilig gehandelt, aber ihr Vorgehen ist entschuldbar ..." Und: "Lumumba ist ein gemeiner Verbrecher, der für den Tod von Tausenden von Menschen verantwortlich ist."

In Brüssel bestätigten danach Katanga-Diplomaten in vertraulichem Gespräch, daß Munongos belgischer Sekretär Jean Tignée die Geschichte von der abenteuerlichen Flucht Lumumbas erfand, während Tshombés belgischer Chefberater Georges Thyssen jene Erklärung formulierte, die der katangesische Innenminister den Auslandsjournalisten vorlas.

In Thyssens Text war von den Atomspionen Rosenberg über König Feisal von Irak bis zu Ungarns Revolutionspremier Imre Nagy vorsorglich auf jeden Fall politischer Justiz oder politischen Mordes Bezug genommen, der die Welt erregt, und den die Uno ungesühnt gelassen hatte.

"Was haben die Vereinten Nationen in all diesen Fällen getan?" echauffierte sich Munongo, der im voraus der Uno das Recht absprach, den Mord an Lumumba zu untersuchen, wie es Uno -Generalsekretär Hammarskjöld inzwischen gefordert hat. "Was ich gesagt habe", tönte Chefberater Thyssen durch den Mund des schwarzen Ministers, "soll die Schande der Vereinten Nationen zeigen, die klug schweigen, sobald es sich um eine Großmacht handelt, und die ihre Autorität hervorkehren, wenn es um ein schwaches Land geht."

Der 1958 nach einem Geheimprozeß hingerichtete Kommunist Imre Nagy hatte den Beifall der westlichen Welt gefunden, weil er 1956 während des Ungarn-Aufstandes den sowjetischen Divisionen trotzte. Damals hatte die Uno vergebens gegen die harte Machtpolitik der Sowjet-Herren opponiert.

Der 1961 erschlagene Kongo-Premier wird nun von Kommunisten und Farbigen als Märtyrer gefeiert, doch auch seine schwarzen Peiniger fühlen sich von einer großen Macht gedeckt: der von belgischem, britischem und amerikanischem Kapital gespeisten Bergbau-Gesellschaft "Union Miniere" in Katanga. "Für wie wünschenswert man die Beseitigung Lumumbas auch halten mag", kommentierte das Brüsseler Finanzblatt "L'Echo de la Bourse" offenherzig, "sie kommt in einem sehr schlechten Augenblick."

In der Tat bietet dieser Mord den Sowjets nicht nur die Chance, dem von der Kennedy-Regierung offerierten Kongo-Kompromiß auszuweichen, ohne Chruschtschows Entspannungsthesen unglaubwürdig zu machen; er gestattet auch, dem in Stanleyville regierenden Gizenga als legitimen Lumumba-Nachfolger zu hofieren.

Und schließlich: Der im vergangenen Herbst von Chruschtschow in aussichtsloser Position begonnenen Attacke gegen Uno-Generalsekretär Hammarskjöld winkt jetzt unerwarteter Erfolg.

Auch bei stärkster westlicher Rückendeckung vermag Dag Hammarskjöld nur so lange einem kommunistischen Boykott zu trotzen, wie ihn die afrikanischen und asiatischen Staaten - insgesamt 47 unter 99 Uno-Mitgliedern

- stützen. Afrika aber hat jetzt seinen

verratenen und geschundenen Heiland.

Munongo

Witwe Pauline Lumumba: Tränen für Afrika


DER SPIEGEL 9/1961
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