08.03.1961

BRANDTWer ist Willy?

Die christdemokratischen Propagandisten, die zum Bundestagswahlkampf rüsten, werden in diesen Tagen mit einer Wunderwaffe versorgt, die den Feind Nummer eins schlagen soll: eine "Sonderausgabe" ("nur als Manuskript gedruckt") des parteiamtlichen Rednerdienstes mit dem Titel: "Wer ist Willy Brandt?"
Diese Frage ist das CDU-Generalthema für den Wahlkampf, wobei des Kanzlers Trabanten vor keiner Hintertreppe zurückschrecken wollen.
Aus drei biographischen Eigenheiten des SPD-Kanzler-Kandidaten drehen die christdemokratischen Wahlkämpfer ihre Granaten: Brandt
- emigrierte nach Hitlers Machtergreifung,
- wechselte den Namen und
- brachte bis vor 15 Jahren politischideologische Bekenntnisse zu Papier, die seinem eigenen Urteil über politische Realitäten heute kaum noch standzuhalten vermögen.
Das Feldgeschrei gegen Brandt haben bereits prominente Rhetoren der Christdemokratischen und der Christsozialen Union offen angestimmt. Der politisierende CSU-Viehhändler Franz Xaver Unertl tölpelte beim politischen Aschermittwoch in Vilshofen: Falls Brandt in Berlin eine Waschanstalt betriebe, könnte es gleichgültig sein, ob er einstmals eine norwegische Uniform getragen habe oder nicht. Da er aber drei Jahre gebraucht habe, um sich auf seine deutsche Staatsangehörigkeit zu besinnen, habe er kein Recht mehr, sich um das Kanzleramt zu bewerben.
Der schleswig-holsteinische CDU -Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel wußte unterdes im holsteinischen Heide, in große Worte zu kleiden, was er von einem erklärten Antifaschisten und vorgemerkten Anwärter auf Gestapo-Haft und Konzentrationslager hält, der - wie Brandt - Deutschland 1933 verlassen hat: "Ich verleugne nicht meine Volks- und Staatsangehörigkeit persönlicher oder sonstiger Vorteile wegen. Ich kann diese Schicksalsgemeinschaft nicht verlassen, wenn es mir persönlich gefährlich erscheint, und ihr wieder beitreten, wenn, das Risiko vorüber ist."
Der CSU-Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger, Herold der Todesstrafe für Mord und Landesverrat, brachte in der Münchner "Abendzeitung" den Tausch des Geburtsnamens Herbert Ernst Karl Frahm gegen den "Kriegsnamen" Willy Brandt in Zusammenhang mit dem massenmordenden Führer Hitler alias Schicklgruber: "Wenn es ihn (Brandt) wie weiland Adolf Hitler, dessen Familienname eigentlich Schicklgruber war, danach gelüstet, unter einem fremden Namen in die Weltgeschichte einzugehen, so ist dies das Geringste, was uns an seinem Vorhaben stören könnte."
Warnte die solid-bürgerliche "Stuttgarter Zeitung": "Wer einem Mann wie Brandt ... die nationale Zuverlässigkeit abspricht, der bekennt sich zur Abdankung des Gewissens vor dem Befehl, zur Unterwerfung unter das Unrecht ... zur Devotion gegenüber jeglicher Art von Obrigkeit, die wir längst überwunden glaubten."
Schlimmer noch: In skandinavischen Ländern fiel es unangenehm auf, daß
sich bundesdeutsche Militärattachés nachhaltig für das einstige Wirken des Emigranten in den nordischen Ländern interessierten. Währenddessen beackerte die CDU ein andersgeartetes Ermittlungsfeld in Bonn, wo sich Brandt um eine Dame bemüht hatte, der auch Brandts Rivale Franz-Josef Strauß gewogen war.
Sogar die Verleihung des norwegischen Olav-Ordens an Brandt - im Jahre 1960 - wird heute gegen den Ordensritter ausgespielt: Da Brandt für Kriegsverdienste um die Freiheit Norwegens dekoriert worden sei, müsse er für Norwegen gekämpft haben.
Solche Deutungen kolportierte schon 1957 das Westberliner "Montags-Echo", das mit Hilfe des damaligen Berliner FVP-Abgeordneten Fischer die politische Position Brandts - er war Präsident des Abgeordnetenhauses - zu unterminieren suchte.
Das Landgericht Berlin verbot dem Blättchen und seinem Informanten Fischer zu behaupten, Brandt habe in Norwegen zu einer "Widerstandsgruppe Augustin" gehört, habe als norwegischer Soldat gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft und sei mit der Waffe in der Hand von deutschen Soldaten gefangen worden. Überdies konstatierte das Gericht, daß Brandt nicht als Rot-Front -Kämpfer und Soldat der "Roten Brigade" im spanischen Bürgerkrieg mitgewirkt habe.
Schon in diesem Prozeß spielte eben jenes Brandt-Buch eine Rolle, das die kanzlerbesessene "Deutsche Zeitung" zu Köln ihrem kleinen Leserkreis in der vorletzten Woche wiederum als schlimme Entdeckung anbot: "Verbrecher und andere Deutsche", ein Titel, den das Kölner Blatt kommentierte, er klinge ein wenig wie "Vitalienbrüder und andere Freibeuter". Brandt hingegen will selber den Namen seines Buches heute sinngemäß als "Verbrecher und das andere Deutschland" verstanden wissen.
Die "Deutsche Zeitung" kleidete die Wiedergabe von Zitaten aus diesem Buch in den "Bericht" eines ungenannten "Skandinaviers". Argwöhnte ein SPD-Pressedienst: "Sie (die 'Deutsche Zeitung') ... muß sich die Vermutung gefallenlassen, daß der Bericht in Wirklichkeit an ganz anderer Stelle entstanden ist."
Immerhin mochten die Ausschnitte aus dem Brandt-Buch, wie sie von der "Deutschen Zeitung" herausgespießt und übersetzt wurden, unbefangene Zeitungsleser schockieren.
Laut "Deutsche Zeitung" hatte Brandt 1946 geschrieben: "Vielleicht hat sogar die deutsche Kultur noch eine Aufgabe zu erfüllen. Ich bin mir dessen bewußt, daß diese Hoffnung kühn ist ... " anstelle der drei Pünktchen stand in Brandts Manuskript freilich: "So kurz nach Maidanek, Belsen und Auschwitz."
Nach den Kölner Zitaten hatte Brandt in "nahezu 40 Prozent der deutschen Bevölkerung (1946) in den kommenden Jahren eine latente Gefahr" gesehen. Auf Seite 152 des Originaltextes ist allerdings zunächst nur von zehn Prozent der NS-Parteigenossen die Rede, 20 bis 30 Prozent der "NS-Angehörigen" könnten zudem "in den kommenden Jahren eine latente Gefahr repräsentieren".
Eine derart entstellende Zitat-Technik bestimmte das Landgericht Berlin am Mittwoch der vergangenen Woche, weitere Veröffentlichungen der "Deutschen Zeitung" durch Einstweilige Verfügung zu unterbinden. Die gutbürgerliche "Frankfurter Allgemeine" rügte die Kölner Konkurrenz: "Es läßt sich wohl begreifen, daß (Brandt) ... bei Kriegsende zunächst einige Verbitterung in sich trug. Ihm das heute anzukreiden, das ist pharisäisch."
Jedoch, so dehnte die FAZ ihren Tadel auf die SPD aus, dürften sich die Sozialdemokraten nicht wundern, daß ihnen nun die Gegenrechnung für ihre jahrelange Kampagne gegen den Kanzler-Staatssekretär Globke präsentiert werde.
In der Tat, die CDU rechnet unermüdlich auf. Ihr "Deutschland - Union -Dienst" durchforschte einen 1937 veröffentlichten Brandt-Bericht "Ein Jahr Krieg und Revolution in Spanien". Er stieß auf Sätze wie: "Ein reinigender Sturm hat die Kirchen und Klöster gesäubert."
Und: "Im Zeichen der kulturellen oder besser antikulturellen Macht der Kirche bestand die Hälfte der Bevölkerung aus hundertprozentigen Analphabeten. Fünfzig Prozent der Kinder besuchten keine Schule. Von den anderen ging wiederum die Hälfte in die Pfaffenschule."
Auch die ersten Nachkriegskommentare des sozialdemokratischen Kanzler -Kandidaten wurden von der CDU durchleuchtet. Brandt 1946 zu den Bestrebungen der Sowjets, SPD und KPD zu verbrüdern: "Die Annahme, daß sich die Sozialdemokraten in Berlin und in der Ostzone ohne weiteres kommandieren ließen, Aufrufe zu unterzeichnen, war wohl ... nicht richtig. Das zeigte die freimütige Rede, die Otto Grotewohl am 20. Dezember hielt."
Und Brandt im gleichen Jahr über den damaligen SPD-Chef Kurt Schumacher: "Seine Auslandsorientierung schien etwas einseitig zu sein. Seine Haltung zur Einheitsfrage wirkte wenig positiv."
Kommentierte der "Deutschland -Union-Dienst": "Diese Zitate werfen eine Anzahl Fragen auf, die Bürgermeister Brandt und die SPD zu beantworten haben."
Brandt replizierte: "Wollen wir das anfangen, daß wir die Manuskripte aus den Archiven herausnehmen?" Wenn das tatsächlich geschehen müsse, dann werde auch er dazu bereit sein und fragen, wer was vor 1945 und in den ersten Jahren danach geschrieben habe.
Zum Beispiel Konrad Adenauer 1947: "Wir sind einverstanden damit, daß wir völlig abgerüstet werden, daß unsere reine Kriegsindustrie zerstört wird, daß wir nach beiden Richtungen einer langen Kontrolle unterworfen werden. Ja, ich will noch weiter gehen, ich glaube, daß die Mehrheit des deutschen Volkes einverstanden wäre, wenn wir wie die Schweiz völkerrechtlich neutralisiert würden."
Heinrich von Brentano hatte bald nach dem Kriege bedauert: "In Deutschland sieht man sich leider zu sehr genötigt, alles, was den Osten angeht, in Schwarz-Weiß-Malerei zu sehen. Der unselige Versuch der Amerikaner, den antikommunistischen Feldzug zu führen, hat die Verwirrung der Leute nur vertieft."
Zum Thema Berlin hatte Adenauer 1946 zu sagen gewußt: "Trotzdem die Berliner manche wertvollen Eigenschaften aufweisen, habe ich damals nach 1933 schon immer das Gefühl gehabt, in einer heidnischen Stadt zu sein." Und: "Sobald aber Berlin wieder Hauptstadt wird, wird das Mißtrauen im Ausland unauslöschbar werden. Wer Berlin zur neuen Hauptstadt macht, schafft geistig ein neues Preußen."
CDU-Bundestagsvizepräsident Jaeger 1945: "Bayern muß ... alle Kraft daran setzen, daß ... ein Reich mit Berlin als Hauptstadt nie wiederkehren kann."
Gleichwohl, SPD-Brandt, dem die Christdemokraten emsig Ergüsse aus der Jugendzeit ankreiden, plädiert unverdrossen für Fairneß, so zuletzt bei einer SPD-Wahlversammlung in Fellbach bei Stuttgart: "Wir brauchen im deutschen Volke Aussöhnung, nicht aber Zerklüftung. Wir brauchen in der deutschen Politik einen neuen Stil der Verträglichkeit, der sachlichen Zusammenarbeit und des gerechten Ausgleichs."
Norwegen-Offizier Brandt
Erkundungen ...
Spanien-Kämpfer Brandt
... durchs Schlüsselloch

DER SPIEGEL 11/1961
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