08.03.1961

Moritz PfeilUNBEWÄLTIGTE GEGENWART

Die Bundesrepublik kann sich darauf gefaßt machen, bald wieder in aller Welt als nazi-verdächtig zu gelten; Der sorgsam gegen den SPD -Kanzler-Kandidaten Brandt inszenierte Feldzug in die Vergangenheit zielt auf etliche in den Winkeln der deutschen Seele versteckte Misthaufen.
Brandt, der 1938 ausgebürgert wurde, hat die "deutsche Schicksalsgemeinschaft" verlassen, als es ihm "persönlich gefährlich erschien", er ist ihr (1947) wieder beigetreten, als "das Risiko vorüber" war; so der Ministerpräsident und stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU von Hassel, der um ein Haar Bundespräsident geworden wäre.
Weiter: Brandt hat "noch nach 1945 mehrere Jahre fremde Uniform getragen und im Gegensatz zu Ollenhauer erst lange überlegen müssen, ehe er den Weg in die deutsche Politik zurückfand"; so Kanzler-Prätendent Dufhues, der Synagogen-Heros von 1960.
Brandt ist - übrigens zusammen mit Clement Attlee, dem britischen Ministerpräsidenten von 1945 bis 1951 - "im spanischen Bürgerkrieg auf seiten derjenigen gewesen, die für den Sieg des Weltbolschewismus gekämpft haben"; so der Todesstrafen -Verfechter und Vizepräsident des Bundestags, Dr. Jaeger von der CSU.
Brandt ist "undankbar und unanständig", er hat nicht "an der Front oder im inneren Kampf gegen die Nazi-Machthaber Gesundheit und Leben aufs Spiel gesetzt"; so der Fraktionsführer der CSU im Bundestag (und im Dritten Reich Staatsanwalt) Hermann Höcherl. Man müsse Brandt fragen dürfen, was er zwölf Jahre lang draußen gemacht habe, "denn wir wissen, was wir drinnen gemacht haben", so der künftige CSU-Vorsitzende und Kanzler-Prätendent, der NSKK-Mann Franz-Josef Strauß.
Nun wissen wir tatsächlich, was wir zwischen 1933 und 1945 drinnen gemacht haben. Viel Rühmenswertes war auf seiten der Brandt-Kritiker nicht dabei. Wie immer man Brandts Aktivitäten beurteilen mag: Er, im Gegensatz zu allen seinen Kritikern, hat gegen die Unrechtsherrschaft Stellung bezogen, ohne doch jemals Kommunist gewesen zu sein. Bei jenen Leuten hingegen, die im inneren Kampf gegen die Machthaber Leben und Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, muß man unwillkürlich an Globke denken oder an den Kanzler-Aspiranten Pg. Schröder.
Der Herr Bundeskanzler hat in dieser Zeit eine Pension verzehrt, von der seit neuestem zweifelhaft ist, ob sie ihm nach den Grundsätzen des preußischen Beamtenrechts noch zugestanden hat. Franz-Josef Strauß ist als Unteroffizier nach Rußland hineinmarschiert und hat es zum Oberleutnant gebracht, von Hassel zum Leutnant, Jaeger wurde Wachtmeister. Es war gewiß keine Schande, weil normal, zu Hitlers Fahnen einberufen zu werden, aber es war ja wohl auch kein
Verdienst. Wenn doch, so wäre der Bundesaußenminister von Brentano ehrlos, dem es als "Steckenheiner" laut eigenem Eingeständnis gelungen ist, sich um das Soldatsein zu drücken.
Kanzler-Kandidat Brandt hat zwischen 1936 - da war er 23 Jahre alt - und 1947 Dinge geschrieben und gesagt, die ihn als einen Freund der spanischen Republik und als einen linken Sozialdemokraten ausweisen. Es war wenig Gedankentiefe in seinen
Äußerungen. Aber sind denn die formelhaften Nazi-Bekundungen in Doktor-Arbeiten und Artikeln unserer Bundesminister schätzenswerter?
Müssen in diesem Wahlkampf nicht auch jene Äußerungen unberücksichtigt bleiben, mit denen die heutigen Bundespolitiker Adenauer und Jaeger 1946 der schwer ringenden Stadt Berlin und dem zerfetzten Preußen in den Rücken gefallen sind? Wenn man bis ins Jahr 1936 zurückgehen will, warum dann nicht auch ins Jahr 1932, um die klassische Mißwirtschaft in der Spitze der Kölner Stadtverwaltung einmal zu untersuchen?
Als die amerikanischen Protestanten höchst unsachlich gegen den katholischen Kandidaten Kennedy agitierten, rückte der protestantische Kandidat Nixon entschieden von den Angriffen ab. Warum duldet Kanzler Adenauer, daß die deutsche Demokratie von seinen Paladinen als nazi-verseucht eingeschätzt wird? Warum fördert er's? Ist ihm wie immer jedes Mittel recht, den Gegner zu erledigen? Wo bleibt die Stimme des überparteilichen und christlichen Bundestagspräsidenten Gerstenmaier, der 1944 aus von Hassels "deutscher Schicksalsgemeinschaft" ausgetreten ist, indem er sich zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilen ließ? Nicht eine Stimme
des Protests hat sich unter den christlichen Demokraten erhoben, wenn man die "Zeit" des Bundestagsabgeordneten Bucerius rühmlich ausnimmt.
Die schwedische Zeitung "Stockholms-Tidningen" nennt die Mentalität dieser "Verleumdungs-Kampagne" gegen Brandt "unheimlich und erschreckend". Das Blatt stellt die Frage, ob sich ein Teil des deutschen Volks noch immer mit dem Nazismus solidarisch erklärt, "samt allem, was er an Konzentrationslagern, Massenmorden und Aggressionen gegen andere Völker beinhaltet".
Man stellt die Frage auch in den USA. Der neue Präsident Kennedy und Willy Brandt, was haben sie miteinander gemein? MdB Peter Horn und sein Assistent Kühn haben es in einem Karnevals - Sketch bekanntgegeben: Kennedy war im Krieg Marineoffizier "und der Brandt war auch außer Landes". Einem wie großen Prozentsatz der Wähler wird hier wohl aus dem Herzen gesprochen?
Der SPD-Kanzler-Kandidat und sein Promoter Wehner sollten spätestens jetzt aus dem schönen Traum aufwachen, Brandt könne kampflos und überparteilich, als eine Mischung zwischen Eisenhower und Hindenburg, ins Palais Schaumburg einziehen. Dazu eignet sich sein Lebenslauf nicht. Ja, wenn er mit der Legion Condor für den Caudillo gekämpft hätte! Willy Brandt möge auch nicht allzulange nach braunen Flecken auf den Westen von CDU-Leuten fahnden. Dem Kriegsdienst-Simulanten Heinrich von Brentano könnte in den Augen der Strauß-Wähler nichts Besseres passieren, als daß man zu seinen Gunsten wenigstens noch ein nazistisches Lippenbekenntnis auftäte.
Die SPD ist mit Willy Brandt ein personelles Handikap eingegangen, das ihr jeder Kenner der deutschen Bühne voraussagen konnte. Die Bevölkerung, und das muß der Kandidat gegen sich gelten lassen, hat nicht nur Nazi-Vorbehalte. Sie will auch einen Kanzler, der unter dem Namen seines Geburtsscheins ins Amt einzieht. Das Dämmerlicht um den Prätendenten hätte nicht so schamlos ausgenutzt werden können, wenn er selbst sich in der seit seiner Nominierung verstrichenen Zeit als ausstrahlungskräftiger politischer Charakter in Szene gesetzt hätte. Er ist kein General, und er ist nicht 80. Er ist ein "Roter" mit "Vergangenheit". Wenn er sich für die Sicherheit auf den Straßen ins Zeug legt, so ist das nicht dasselbe, wie wenn der 85jährige Herr Bundeskanzler den Hausfrauen praktischere Haushaltsgeräte verspricht.
Brandt lasse die frei nach Allensbach und Emnid aus der Retorte destillierte Leisetreterei fahren und klammere sich nicht länger an die Vorstellung, aufgrund seiner 47 Jahre zum legitimen Erben des alten Herrn berufen zu sein. Er zeige dem deutschen Volk eine Alternative, oder die SPD wird die nächste Wahl verdienter verlieren als irgendeine zuvor.
Von Moritz Pfeil

DER SPIEGEL 11/1961
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