22.02.1961

FERNSEHEN / TelemannFINSTER

Das Hübsche an einer totalen Sonnenverfinsterung ist: Der Fachmann kann sie auf die Minute prophezeien, und der Laie, solcherweise gewitzt, kann Vorkehrungen treffen.
Telemann vermochte dem 15. Februar 1961 besonders wohlpräpariert entgegenzufiebern, weil er alte Schriften studiert und sämtliche darin enthaltenen Winke befolgt hatte. Zunächst einmal hatte er zwei Tage lang gefastet und sich darauf eingerichtet, auch am Tage der Düsternis weder zu essen noch zu trinken noch Kräuterwerk aus dem Garten zu holen, "damit der Leib keine Alteration erfahre". Denn eben dies heischte ein Dekret der fürstbischöflichen Regierung zu Eichstätt vom 12. Juli 1654.
Sodann machte er, auch hierin alten Fordernissen entsprechend, eine fromme Stiftung, sprach seine Schuldner aller Verpflichtungen ledig und schwärzte eine Glasscheibe mit Kerzenruß an. Als das geschehen war, nahm Telemann seinen Adalbert Stifter zur Hand und las vorfreudig nach, was dieser am 8. Juli 1842 notiert hatte:
"Alles wußte ich voraus, und zwar so gut, daß ich eine totale Sonnenfinsternis ... so treu beschreiben zu können vermeinte, als hätte ich sie bereits gesehen. Aber da sie nun wirklich eintraf, da geschahen freilich ganz andere Dinge ... Nie und nie in meinem ganzen Leben war ich ... von Schauer und Erhabenheit so erschüttert wie in diesen zwei Minuten."
Armer Adalbert Stifter! dachte Telemann am Aschermittwochmorgen, du korintest dich nur ein einziges Mal erschüttern lassen. Wir Enkel dagegen schauen das Wunder, dank "Eurovision", in der Haute Provence, in Florenz, auf dem jugoslawischen Berge Jastrebac und vom Flugzeug aus. Morgens als Live -Übertragung, abends als Konserven -Souvenir.
Und richtig, von 8.20 Uhr an begannen die astronomischen Ereignisse sich zu überstürzen.
Zuerst gab Dr. Rudolf Kühn den aufgezeichneten Rat: "Versäumen Sie nicht, vor lauter Fernsehsendung auch selbst an den Himmel zu sehen" - was Telemann flinkfüßig getan hätte, wenn sein Küchenbalkon nicht nach Norden läge.
Gleich darauf sahen er und 90 Millionen andere Europäer auf dunkler Bildscheibe: eine Sichel. Einmal war sie 15 Zentimeter lang, einmal bloß zehn Zentimeter; einmal stand sie am unteren Bildrand, das andere Mal mehr in der Mitte. Dazu der Kommentar des Astronomen Dr. Petri aus der Provence: "Man kann mit dem Auge direkt verfolgen, wie der Mond sich immer weiter vor den Rest der Sonnenscheibe schiebt."
Oder, als aus der Sichel ein Ring geworden war: Jetzt sehen Sie die wirklich total verfinsterte Sonne. Es ist ein wunderbares Bild, wie es nur ganz wenigen Menschen in dieser Schönheit geboten wurde, und wir dürfen der Technik sehr dankbar sein." Und: "Ich darf Sie alle, meine lieben Zuschauer, beglückwünschen, daß Sie das Ereignis hier erleben können. Es ist ein außerordentlich packender Anblick."
Wer weiß, mutmaßte Telemann, den nicht Schauer und Erhabenheit noch gar Dankbarkeit durchbeben wollten, vielleicht ist es das Geschehen am Rande, was eine Sonnenfinsternis so unvergeßlich macht. Etwa das Verhalten der Tiere oder jenes unheimliche Zwielicht, das nach dem Glauben der Alten den Zorn der Götter verkündet.
Indes, auch diese Fernseh-Hoffnung trog. Wohl gab es während der Übertragung Ochsen, Esel, Schafe und Hühner zu sehen. Wohl versicherte Dr. Kühn vom Jastrebac herab: "Sie sehen die Ochsen, die jetzt schon anfangen, sich hinzulegen. Ganz schläfrig sind auch die Hühner, die können es nicht verstehen, daß es plötzlich dunkel wird hier." Oder, nach der Finsternis: "Die Ochsen und der Esel, die werden wieder lebendig. Man sieht es richtig."
Doch ungeachtet solcher Expertise konnte, wer seinen Augen zu trauen gewohnt ist, keine auch nur ähnlich geartete Wahrnehmung machen. Ochs und Esel überdauerten das Himmelsvorkommnis stehend, mit unbeteiligten Mienen; die jugoslawischen Hennen froren unbeirrt vor sich hin - nur aus der Provence hörte man einmal, als es dämmrig wurde, einen Hahn krähen. Und was das Zwielicht anbelangt, so konnte es schon deshalb kein Ereignis bilden, weil der Zuschauer diese Beleuchtungsart aus allzu vielen Fernsehspiel-Aufzeichnungen kennt.
"Wenn man als Astronom weiß, um was es sich handelt, ist man trotzdem immer wieder direkt erschüttert über diesen Anblick", meinte Rudolf Kühn am Ende, von Stifterschen Schauern ergriffen. Und: "Wenn die Sonne nur zwei Minuten nicht mehr an ihrem gewohnten Platz steht, dann drohen auch Menschen, die durchaus gebildet sind, psychisch umzufallen."
Nun, Telemann, dessen Psyche während der TV-Finsternis bedauerlich lotrecht blieb, möchte die halbe Morgenstunde des 15. Februar dennoch nicht missen. Hat sie ihm doch zu einem bedeutsamen Entschluß verholfen.
Wenn "Eurovision" die nächste totale Sonnenfinsternis überträgt, wird er mit rußgeschwärzter Scherbe ins Freie eilen. Nichts mehr wird ihn an diesem Tag im Sorgenstuhl halten, und wenn die Protuberanzen in buntesten Farben vom Breit-Schirm flammen. Denn: Wozu auch das Fernsehen gut und nützlich sein mag - was es uns an Erhabenem vermittelt, wird immer ein wenig lächerlich wirken. Auch im Jahre 1999.
Merke: "Was Sie jetzt sehen, ist einfach Dunkelheit" (Finsternis -Kommentator Dr. Winfried Petri).
Von Telemann

DER SPIEGEL 9/1961
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